Wo Trolle ihr Unwesen treiben – Weihnachten auf Island

Euer Balitic Cultures Adventskalender – Türchen 16

Island, die Heimat der Sagas, beeindruckt mit Polarlichtern, Geysiren und mystischer Landschaft. Weit entfernt vom Rest Europas sind unter den einstigen Wikingern am Polarkreis Geschichten entstanden, die von Trollen, Zwergen und Hexen handeln und der Mystik der nordischen Natur einen Sinn zu verleihen versuchen. So verwundert es nicht, dass sich gerade um die dunkle Jahreszeit, in der Schnee und Eis das Leben der Menschen auf Island bestimmen, zahlreiche Mythen ranken. Zur Zeit der Wikinger wurde die Wintersonnenwende am 21. Dezember mit einem großen Fest gefeiert. Das sogennante Jólfest, bei dem man feierte, dass die Tage wieder länger wurden, wurde schließlich im Zuge der Christianisierung durch Weihnachten ersetzt. Einige Traditionen und Mythen konnten sich jedoch bis heute halten und wurden ins isländische Weihnachtsbrauchtum integriert.

So gibt es zu Weihnachten auf Island 13 Weihnachtsmänner, die jedoch mit dem amerikanischen Santa Claus überhaupt nichts gemein haben. Die Jólasveinar (z. Dt. Weihnachtsgesellen) sind vielmehr als Trolle oder Kobolde zu bezeichnen, 13 grobe, flegelhafte Kerle, die in der Adventszeit ihr Unwesen treiben. Sie sind die Söhne der Trollfrau Grýla und ihrem Mann Leppalúði. Grýla ist launisch, nörgelt an ihren Söhnen herum, Leppalúði ist faul und schnarcht die meiste Zeit. Die 13 Söhne der beiden werden zudem kaum aus der Trollhöhle gelassen und fristen somit ein ziemlich tristes Dasein, mit einer Ausnahme. Jedes Jahr in der Adventszeit dürfen sie ab dem 12. Dezember nach und nach ihre Höhle in den Bergen verlassen und hinab zu den Menschen gehen, um sie mit ihrer Anwesenheit zu beehren. Bis zum Aðfangadagskvöld (z. Dt. Anfangsabend, Heiligabend) kommt jeden Tag einer hinzu. Danach geht täglich wieder einer zurück, bis am þrettándinn (z. Dt. dem 13. Weihnachtstag, Heilige Drei Könige, 6. Januar) alle wieder zurück in ihrer Höhle und bis zum nächsten Jahr verschwunden sind.

Foto: Oushan Chen Chen via Wikimedia Commons

Die Kinder auf Island legen an jedem der 13 Abende ihre Schuhe auf den Fenstersims und hoffen, dass ihnen der jeweilige Weihnachtsgeselle, der an diesem Tag in die Stadt darf, etwas mitbringt. Wer jedoch nicht artig war, findet mitunter nur eine alte Kartoffel in seinem Schuh. Um die Jólasveinar in so einem Fall gnädig zu stimmen, kann es helfen, eine Kleinigkeit zum Knabbern neben seinem Schuh zu platzieren, schließlich hatten sie ja einen weiten Weg. Ursprünglich brachten die 13 Kerle jedoch gar keine Geschenke, sondern stahlen hier und dort etwas vom Essen, ärgerten die Menschen und hielten sie mit ihren Streichen auf Trab.

Die 13 Jólasveinar und ihre Eigenschaften.

Außerdem gibt es noch Jólakötturinn (z. Dt. die Weihnachtskatze). Sie frisst faule Leute, die nicht alle Wolle vom Herbst verarbeitet haben, mit Haut und Haaren und Kinder, die unartig waren. Doch keine Angst, dazu muss sie einen ja erst einmal fangen.

Die schleichende Amerikanisierung hat auch auf Island, das von den europäischen Ländern geographisch am nächsten an den USA liegt, Einzug erhalten. So verlieren die Jólasveinar langsam ihre einstige Bedeutung und werden vermehrt mit roten Mänteln und weißen Bärten dargestellt. Eine Tatsache, die viele Isländer zum Kopfschütteln bringt. Denn gerade die alten Traditionen sind es ja, die die Weihnachtszeit auf Island zu etwas Unvergleichlichem machen.

 

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David

David

Begeistert sich von A wie Astrid Lindgren bis Z wie Zlatan Ibrahimovic für alles, was sich in der schwedischen Gesellschaft abspielt. Mag die nordische Peripherie, genauso wie das kosmopolitische Stockholm und hat ansonsten ein Faible für skandinavische Kinderliteratur, Esskultur und für’s Fotografieren.
Studiert im Master Kultur-Interkulturalität-Literatur und träumt vom Leben in Schweden.