Fall doch endlich! Warum „Borgen“ das bessere „House of Cards“ ist (DK 2010)

Special: Dänische TV-Serien für den Sommer (Teil 3)

Leichen, Terror, schmutzige Deals. Die Netflix-Erfolgsserie House of Cards zeichnet ein morbides Bild vom politischen Leben in Washington. Mittendrin: das machthungrige Paar Frank und Claire Underwood (Kevin Spacey, Robin Wright). Karte für Karte errichten sie, nicht selten mittels Erpressung oder Gewalt, ihr majestätisches Kartenhaus. Die mit drei Golden Globes gekrönte Serie ist mitreißend, aufregend – und auf Dauer unglaublich berechenbar. Denn das Kartenschloss fällt nie. Auch wenn der Zuschauer angesichts von Claire und Franks Missetaten nach Vergeltung dürstet: der große Krach, die Bestrafung, bleibt aus. Das macht die beiden Protagonisten zu Göttern – und Göttern zuzusehen wird mit der Zeit unglaublich langweilig – nur ein Punkt, den das dänische Erfolgsdrama Borgen der Netflix-Serie voraushat.

Der Überraschungserfolg aus den Federn von Adam Price, Jeppe Gjervig Gram und Tobias Lindholm spielt sich in der Borgen, der Christiansborg, Sitz des Parlamentes von Dänemark, ab. Die Serie begleitet die Protagonistin Birgitte Nyborg (Sidse Babett Knudsen), die mit ihrer neu geschaffenen Partei Die Moderaten unverhofft einen enormem Wahlerfolg landet und Premierministerin wird. Oft müssen sie und ihre Mitstreiter Mehrheiten finden, sich dem Alltagsgeschehen oder unvorhergesehenen Ereignissen stellen und Allianzen schmieden. Der Posten fordert seinen Tribut und bringt Nyborg nach und nach um ihre Ehe.

Wer latenten Psychosen á la Frank Underwood auflauert, wartet hier wohl vergeblich darauf. Im Unterschied zu House of Cards zieht Borgen seine Anziehungskraft nicht aus einer Anreihung von heroischen Machtposen. Vielmehr besteht der Reiz der Serie in ihrer überzeugenden Unvorhersagbarkeit. Die Wirrungen und Wendungen der Handlung nimmt man ihr um ein Leichtes ab. Zähneknirschend müssen Kompromisse geschlossen werden, persönliche Standpunkte ändern sich, Menschen zeigen Schwächen, sie fallen und stehen wieder auf. Der dargestellte politische Kampf ist komplex, eigenwillig und selbst von den Protagonisten nicht einfach zu bezwingen. Die Verzweiflung, persönlichen Schicksale und menschlichen Fehler, die er mit sich bringt, machen den Plot fesselnd und glaubwürdig. An Stellen, in den sich House of Cards in seinen Handlungssträngen verheddert, gelingt es Adam Price, die Zuschauer mit einer Mischung aus Politik, Spannung, Emotion und Sexappeal anzuziehen.

Zahlreiche europäische Medienhäuser, darunter auch Die ZEIT und The Guardian sind der dänischen Serie verfallen. Ihre Kritiken fielen überwiegend positiv aus. Neben seinem Muttersender DR1 wurde Borgen auch von anderen Rundfunkanstalten in über 70 Ländern ausgestrahlt. Nicht selten wurde die Serie als Flaggschiff eines neuen europäischen Fernsehens gesehen. Und tatsächlich setzt sie Maßstäbe, die man in europäischen Produktionen selten angetroffen hat. Zum Einen bezaubert der Politthriller  mit einer glänzenden schauspielerischen Leistung seiner Besetzung. Zum Anderen überzeugen sowohl Drehbuch als auch Kamera und Schnitt von handwerklichen Fähigkeiten der höchsten Klasse.

Dänemark landete mit Borgen einen Überraschungserfolg, der dem US-Politepos House of Cards inhaltlich in nichts nachsteht. Überzeugende Drehbücher und eine hervorragende schauspielerische Leistung begeistern auch Nicht-Dänen für die Intrigen in der Christiansborg. Und vielleicht ziehen sie auch in diesem Sommer – 5 Jahre nach Erstausstrahlung der dritten und letzten Staffel, die Zuschauerinnen und Zuschauer in ihren Bann.

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Marcel

Hat einen Narren am östlichen Ostseeraum gefressen und träumt ständig vom Reisen. Beschäftigt sich in der Universität in erster Linie mit dem Deutschen und dem Russischen, unterhält aber nebenher eine intensive Liebesbeziehung zum Baltikum, insbesondere Estland. Brennt für fremde Sprachen und gesellschaftliche Themen, Funken sprühen aber auch in Sachen Kultur und Literatur.