Vi är kontantlös. – Wir nehmen kein Bargeld.

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Geld bedeutet geprägte Freiheit.“

Dieser Satz stammt von dem russischen Schriftsteller Fjodor Dostojewski aus dem 19. Jahrhundert – könnte aber auch aus dem Munde eines deutschen Staatsbürger stammen. In kaum einem anderen Land innerhalb Europas ist Bargeld nach wie vor so beliebt wie in Deutschland, womit es in einem krassen Gegensatz zu Schweden steht. Denn schon heute wird in Schweden nahezu jeder Betrag über den digitalen Weg gezahlt: sei es das Ticket für den öffentlichen Nahverkehr, die Kollekte in der Kirche oder der Kaffee beim Bäcker. Und es sieht nicht so aus, als würde sich in naher Zukunft etwas daran ändern.

Eher im Gegenteil. Im Dezember 2019 verkündete die Vize-Vorsitzende der Riksbank Cecilia Skingsley auf einer Konferenz in London, dass man inzwischen nicht mehr davon ausgehe, dass das Bargeld in Schweden wie bisher geplant bis 2030 abgeschafft werde, sondern dass bereits in den nächsten 3 bis 5 Jahren jede finanzielle Transaktion nur noch digital getätigt werde.

Für viele Deutsche vermutlich nur schwer vorstellbar. Denn auch wenn hier inzwischen vermehrt mit der Karte gezahlt wird, bleiben Scheine und Münzen in Deutschland nach wie vor das beliebtestes Zahlungsmittel. Ganz nach dem Motto: Nur Bares ist Wahres. Aber stimmt das wirklich? Oder sind wir schlicht ein bisschen rückständig und uns die Schweden einfach mal wieder ein wenig voraus? Immerhin waren es die Schweden, die 1661 als erstes Europäisches Land Geldscheine als offizielles Zahlungsmittel einführten. Und es nun als Erste wieder (weitgehend) abschaffen.

Fakt ist, dass die momentane Entwicklung nur noch schwer aufzuhalten sein dürfte. In vielen Geschäften und Restaurants Schwedens wird inzwischen überhaupt kein Bargeld mehr angenommen und auch die kleinste Summe wird elektronisch überwiesen. Vorangetrieben wird all dies im Übrigen von den Banken, die sich seit 2010 nach und nach vor allem aus Kostengründen vom Bargeld verabschiedet haben. In diesem Zuge ließen die Finanzinstitute auch gleich einen Großteil ihrer Bankautomaten abbauen, sodass Schweden inzwischen europaweit die zweitschlechteste Geldautomatenabdeckung hat. Dahinter steht unter anderem der Versuch Diebstähle und Banküberfälle, sowie Schwarzgeld einzudämmen. Gleichzeitig können, indem keine Bankautomaten mehr gewartet und befüllt und Kassenschalter betrieben werden müssen, Personalkosten gespart werden.

Und während man hierzulande bisweilen dem online-banking noch skeptisch gegenübersteht, sind die schwedischen Banken schon einen Schritt weiter. Gemeinsam haben sie eine App für das Smartphone entwickelt: Swish. Diese ermöglicht Überweisungen vom Handy in Echtzeit. Darüber hinaus spielt die Zentralbank bereits mit dem Gedanken eine neue Währung einzuführen: Die E-Krona. Eine Kryptowährung, die sich auf eine Bezahlkarte laden lässt. Anders als bei Bargeld gäbe es hier keine Gebühren beim Aufladen, aber dieselbe Anonymität.

Die Vor- und Nachteile der Bargeldlosigkeit

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Gründe für die Abschaffung des Bargelds gibt es neben Effizienz und Kostengründen nach Schwedischer Ansicht einige, der am häufigsten genannte ist jedoch der Wunsch nach Sicherheit. Denn ohne Bargeld, dass man mit sich herumträgt, ist die Gefahr Opfer eines Überfalls zu werden viel geringer und auch Bank- und Geldtransporter-Überfälle lohnen sich einfach nicht mehr. Das hat dazu geführt, dass Bargeld in Schweden inzwischen für Kriminalität steht. Denn heutzutage zahlt nur noch bar, wer etwas zu verbergen hat.

Dieser schlechte Ruf, den das Bargeld hat, gefällt vor allem vielen älteren Menschen und den Leuten auf dem Land nicht, die sich zunehmend abgehängt fühlen. Nicht überall sind die Netze so gut ausgebaut wie in den Ballungsgebieten im Süden. Darüber hinaus besitzen viele der älteren Generationen weder ein Smartphone, noch wollen sie online ihre Rechnungen begleichen. Neben der älteren Bevölkerung sind es vor allem Menschen mit Behinderung sowie Einwanderer oder Obdachlose, die vielleicht gar kein Bankkonto haben, die sich einer zunehmenden Ausgrenzung gegenübersehen und denen eine Teilnahme am gesellschaftlichen Leben erschwert wird. Doch obwohl die schwedische Krone nach wie vor ein gesetzlich gültiges Zahlungsmittel ist, wird es für alle, die sich dem Fortschritt verweigern, zunehmend schwerer.

Einer der schärfsten Kritiker der momentanen Entwicklung ist der ehemalige Polizeichef und Interpol-Präsident Björn Eriksson. Schon länger weist er darauf hin, dass Banküberfälle zwar abgenommen, die Cyberattacken aber zugenommen haben. Wie in kaum einem anderen Land innerhalb Europas florieren in den letzten Jahren Kartenbetrug und Identitätsdiebstähle. Seine größte Sorge gilt jedoch der Abhängigkeit, in die Schweden sich begibt. Ein Stromausfall, ein Fehler im System und schon würde nichts mehr funktionieren. Dessen ist man sich auch bei der Riksbank bewusst, weshalb man schlussendlich doch ein wenig Bargeld für den worst case im Tresor verwahren wird.

Ob die Schweden in fünf Jahren tatsächlich das erste Land ohne Bargeld sein werden, bleibt abzuwarten, auch wenn es momentan stark danach aussieht. Und es gibt gute Gründe dafür. Das digitale Bezahlen ist effizient, schnell, bequem und preiswert. Trotzdem bleibt zu hoffen, dass es den Banken gelingt einen Ausgleich zu schaffen, damit auch jene, die sich von der rasanten Entwicklung überfordert fühlen, nicht zurückgelassen werden.

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Johanna

Johanna

Hat ihr Herz schon als Kind an Schweden verloren. Bis heute begeistert sie sich für schwedische Literatur im Besonderen und skandinavische Lebensart im Allgemeinen. Hat eine unstillbare Sehnsucht nach den nahezu unberührten Landstrichen Skandinaviens und träumt von einem Häuschen auf den Schären.