Venus – Nackte Wahrheiten: ein etwas anderer Erotikfilm

„Mich interessiert, was in den Menschen vorgeht, wenn sie alles haben, was man für ein gutes Leben braucht. Mich interessiert, was das aus den Menschen macht. Was fangen sie mit all dieser Freiheit an?“ – Mette Carla Albrechtsen

Eigentlich hatten die zwei dänischen Filmemacherinnen Lea Glob und Mette Carla Albrechtsen ein ganz anderes Ziel, als sie zu einem offenen Casting in Kopenhagen aufriefen. Doch das Leben verläuft längst nicht so, wie man es sich vorstellt und in diesem Fall war das vielleicht auch ganz gut so, denn sonst hätten sie uns nicht auf die intime Reise in die Gedankenwelt junger Frauen mitnehmen können.

Ursprünglich wollten die beiden durch die Interviews nur erkunden, wie „sexy“ aus der Sicht von Frauen aussähe und aus diesem weiblichen Blickwinkel dann erotische Szenen aufbauen. „Das Casting-Material war aber am Ende so interessant, dass wir uns gänzlich für diese radikale Form entschieden haben: Einfach die beeindruckenden Geschichten und Gedanken der jungen Frauen zusammen zu schneiden“, erzählt Mette Carla Albrechtsen in einem Interview.

Aufgenommen wurden die Gespräche in Albrechtsens Wohnzimmer in Østerbro in Kopenhagen, wo die beiden Regisseurinnen Frauen im Alter von 17 bis 35 Fragen über ihre sexuellen Erfahrungen, ihren Körper, Schönheit und die Wahrnehmung ihrer selbst stellten. „Wir stellen Fragen ohne Tabus“, hatten die beiden vorher festgelegt und daran hielten sie sich auch.

Wir lernen ehrliche, starke und selbstbewusste Frauen kennen, die zugleich aber auch sehr sensibel und verletzlich sind. Frauen, die über ihre Gefühle oder auch keine-Gefühle beim Sex erzählen. Frauen, die versuchen zu sich selbst und zu ihrer Schüchternheit zu stehen, aber auch Frauen, die ein schlechtes Gewissen haben, weil sie kein schlechtes Gewissen haben, dass sie so offen sind. Wir erfahren über die Gradwanderung zwischen Scham und Selbstbewusstsein und, dass es vielen schwerfällt, Lust mit Liebe zu verbinden – eine Sache, die Albrechtsen und Glob schon bemerkt haben: „Wir haben uns ein paar Begriffe vom Porno-Genre geklaut und wenn man diese mit echten Gefühlen verbindet, verwirrt man die Leute. Wir wollen Lust und Gefühl wieder miteinander verbinden. Im Porno ist das getrennt und die Intimität geht verloren.“

Die Regisseurinnen: Lea Glob (l.) und Mette Carla Albrechtsen (r.). Quelle: ARTE

„Ich denke, sie hätten uns nicht so vertraut, wenn wir nicht das Gleiche durchgemacht hätten“, sagt Albrechtsen. „Alles, was man im Film sieht: Wie wir sie in Szene setzen, die Fragen, die wir stellen, haben wir zuvor an uns selber ausprobiert.“ Als sie anfingen, sich mit dem Thema zu beschäftigen, stellten die beiden sich die Frage: Gibt es einen Unterschied zwischen den persönlichen und den gesellschaftlichen Erwartungen; einen Unterschied zwischen unserem Innenleben und der Wahrnehmung von außen und sind wir die Einzigen, die diesen Unterschied wahrnehmen?

Albrechtsen und Glob haben auf ihrer „Reise“ auch etwas anderes festgestellt: „…dass uns dafür die Worte fehlen. Immer, wenn wir versucht haben, über unsere erotische Lust zu sprechen, hatten wir das Gefühl, dass es keine Worte dafür gibt. Wir haben Begriffe, wenn es mit Technik, Wissenschaft oder Medizin zu tun hat, aber wir haben keine Worte, wenn es um Emotionen geht. Ich weiß nicht, vielleicht ist das auch eine typisch dänische Sache.“ Also bitten die beiden Regisseurinnen in den Interviews unter anderem auch darum, Sexfantasien zu beschreiben oder ein Wort für „das da unten“ zu nennen – und bekommen ein ganz buntes Spektrum an Anworten zu hören.

Zugegeben, die Dokumentation ist etwas ungewöhnlich. Auf den ersten Blick scheinen die Interviews nur Interviews zu sein, doch macht man sich mit der Philosophie, den Gedanken und den Fragen dahinter vertraut, kommt einem das Thema auf einmal viel tiefsinniger vor und regt zum Nachdenken an. Bewundernswert sind die Ehrlichkeit und der Mut der Frauen, die vor laufender Kamera die Fragen offen beantworten, Schwächen zugeben und Emotionen zeigen.

Es fällt auf, dass es sich bei den Befragten größtenteils um Singles handelt, die oft wechselnde Partner oder One-Night-Stands haben/hatten. So fehlt zum Beispiel der Einblick in ein Beziehungsliebesleben oder Eheleben – das kann allerdings auch von Glob und Albrechtsen bewusst so gewollt sein. Auch kommen Männer in den Interviews nicht gut weg: Die Frauen erzählen von „chauvinistischen Arschlöchern“, von One-Night-Stands, die auf ihre eigenen Kosten kommen wollen und von Männern, die nur an der Größe der Brüste und des Pos interessiert sind.

Insgesamt ist Venus – Nackte Wahrheiten ein sehr interessanter und ungewöhnlicher Dokumentarfilm, der mehr Fragen aufwirft als er Antworten gibt. Ein Film, der nicht nur für Frauen spannend ist.

Bei all den vielfältigen und individuellen Erfahrungen zeigt der Film allerdings durch den mehr oder weniger gleichen Befragungstyp – welcher vielleicht auch so gewollt ist – ein doch eher lückenhaftes Bild. Doch Lücke hin oder her: Den Regisseurinnen ging es darum, den Frauen die Möglichkeit zu geben, ihre individuellen Geschichten zu erzählen und zu teilen. Und das schaffen sie auf großartige Art und Weise.

Am besten lasst Ihr Euch einfach von den Geschichten mitnehmen und die Eindrücke auf Euch wirken.

Ihr könnt Euch die Dokumentation in dänischer Sprache mit deutschem Untertitel bis zum 12. November 2019 noch in der Mediathek von ARTE anschauen. Aus den Interviews ist mittlerweile auch ein Buch entstanden.

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Julia

Julia

Fühlt sich in den finnischen Wäldern am wohlsten und träumt von einer eigenen Sauna im Garten. Hier in Greifswald, wo sie sich mit Skandinavistik und Fennistik beschäftigt, kann sie ihr Fernweh mit anderen teilen und ihre Liebe für Regen entdecken. Sonst immer auf der Suche nach nordischer Inspiration und abenteuerlichen Geschichten.