Thomas Thorild (1759-1808) – Bahnbrechender Literaturkritiker und radikaler Freidenker

Thoams Thorild im Svenska Familj-Journal

Euer Balitic Cultures Adventskalender – Türchen 17

Als im Mai 1618 der Dreißigjährige Krieg, ein Religionskrieg, in dem Katholiken und Protestanten um die Vorherrschaft ihres Glaubens gegeneinander kämpften, in Prag entbrannte, sollte es nicht mehr lange dauern bis sich dieser auf viele Kriegsherde in ganz Europa ausweitete und der Krieg zum Kräftemessen der europäischen Großmächte ausartete. Besonders Vorpommern blieb damals nicht verschont und wurde zum Schauplatz von Kämpfen, Brandschatzungen und strengen Lebensmittelrationierungen, die schätzungsweise ungefähr zwei Drittel der Bevölkerung dahinrafften. Dreißig Jahre nach Ausbruch des Krieges einigte man sich schließlich im Jahr 1648 darauf, die Waffen niederzulegen und man erklärte den Krieg für beendet. In Folge dessen wurde dem Schwedischen Reich unter anderem die Region Vorpommern mit Stettin, Stralsund und Rügen zugesprochen, welche fortan in weiten Teilen bis 1815 unter dem Namen Svenska Pommern unter schwedischer Herrschaft stehen sollte. In dieser Zeit von mehr als 150 Jahren haben in Svenska Pommern einige wichtige und für die schwedische Geschichte einflussreiche Persönlichkeiten gelebt und gewirkt, von denen wir im Adventskalender nun drei vorstellen wollen. Der letzte Teil unserer Reihe gibt Einblick in das Leben des schwedischen Philosophen, Schriftstellers und Literaturkritikers Thomas Thorild, der seine letzten Lebensjahre im Exil in Greifswald verbrachte und an der Universität als Bibliothekar und Professor tätig war.

„Att förklara hela naturen och att vilja anskapa hela världen” – „Die Natur in ihrer Gänze zu erklären und die ganze Welt zu reformieren“, nicht mehr und nicht weniger hatte Thorild sich vorgenommen. Thorild gilt als einer der bedeutendsten Philosophen und Freidenker in der schwedischen Literatur und Philosophie. Doch wer war dieser Mann, bei dem sich schon Zeitgenossen unsicher waren, ob sie es mit einem Größenwahnsinnigen oder einem Genie zu tun hatten? Wer war dieser „halbverrückte Thorild“?

Geboren als Thomas Thorén auf dem Hof Blåsupp in Bohuslän – seinen Namen änderte er erst 1785 in Thorild, „Thors Flamme“ – wuchs Thorild bei Verwandten auf. Nach seinem Schulabschluss in Göteborg schrieb er sich in Lund als Jura-Student ein. In Lund präsentierte er auch erstmals seine philosophischen Ideen, die zwar noch in den Kinderschuhen steckten, doch für die damalige Zeit außergewöhnlich fortschrittlich waren. Er war überzeugt von der Lehre des sogenannten Wahrheitsrelativismus, die besagt, dass es keine universale Wahrheit geben kann, sondern diese von Mensch zu Mensch verschieden ist – sie ist relativ. Diese Idee stammt zwar nicht von Thorild selbst, doch kam sie zu dieser Zeit gerade erst in Europa auf und diese Frage beschäftigt Philosophen des Postmodernismus bis heute.

Schon während der ersten Studienjahre zeigte sich in Ansätzen, wie radikal frei Thorilds Denken war und das Thema „Freiheit“ bzw. „Befreiung von allen Zwängen“ entwickelte sich immer mehr zu einem zentralen Anliegen, das sämtlichen Bereiche von Thorilds Schaffen zugrunde lag. In den 1780er und 90er Jahren legte er die Schwerpunkte dabei vor allem auf die Bereiche Literatur und Politik. 1782 zog es ihn nach Stockholm, um sich dort als Schriftsteller einen Namen zu machen. Dazu reichte ein Gedicht einem Wettbewerb ein, das den Titel Passionerna („Die Leidenschaften“) trug – ein passender Titel das Debüt des jungen Dichters, der alle Regeln der Dichtkunst ablehnte und stattdessen die freie Form bevorzugte. Das Gedicht über die Schönheit der Natur war ein klarer Bruch mit den Regeln, die der französische Formalismus vorgab, vor allem weil es sich nicht reimte. Das Gedicht gewann auch tatsächlich einen kleineren Preis, doch Thorild lehnte ihn ab, weil es nicht der erste war. Aus dieser Begebenheit erwuchs schnell ein erbitterter Streit zwischen Thorild und dem schwedischen Klassizisten Kellgren, der für „die Räson“ und „den guten Geschmack“ argumentierte, die seiner Meinung nach nur durch strenge Regelvorgaben eingehalten werden könnten. Thorild hielt dagegen und setzte sich für die freie Form der Literatur und Dichtkunst ein, die nicht durch Regeln eingeschränkt werden sollte. Im Zuge dieses Streits schrieb Thorild seine Schrift En Critic öfver Criticer („Eine Kritik über Kritiker“), die zu seinem einflussreichsten Beitrag zur Entwicklung der schwedischen Literatur und Literaturkritik wurde, da sie den Weg für die spätere Romantik bereiten sollte.

In den 1780ern und 90ern war Thorild auch politisch sehr aktiv und dachte auch hier in großen Dimensionen. Als Berater des Königs Gustav III. wolle er Einfluss auf die schwedische Regierung nehmen, wurde aber schnell enttäuscht, da dem König seine Pläne zu revolutionär waren. Er setzte sich u. a. für die Stärkung der Rechte des Volkes und außerdem für die Frauenrechte ein. Ernüchtert ging Thorild nach England, um dort eine große politische/literarische Karriere zu starten, doch als auch das in einem Fiasko endete, kehrte er schon nach wenigen Jahren nach Schweden zurück.

Nach dem Mord an Gustav III. im Jahr 1792 versuchte Thorild, sich bei Graf Reuterholm Gehör zu verschaffen, der als „graue Eminenz“ erheblichen Einfluss auf die neue Vormundschaftsregierung unter dem jungen König Gustav IV. hatte. Doch auch hier führte Thorilds Neigung, seine revolutionären Ideen zu jedem Preis durchsetzen zu wollen, nicht zum gewünschten Ergebnis, im Gegenteil. 1793 wurde Thorild in die Verbannung nach Greifswald in Schwedisch-Pommern geschickt, weil seine Ansichten mittlerweile als gefährlich für die Regierung eingestuft wurden; Thorild sympathisierte mit der Französischen Revolution, auch wenn er deren Gewaltexzesse strikt ablehnte.

Die Saalbibiothek der Greifswalder Universität 1750.

In Greifswald übernahm Thorild die Leitung der Universitätsbibliothek, die sich damals noch im Hauptgebäude in der Domstraße befand, in den Räumen der heutigen Aula. In seiner Greifswalder Zeit widmete Thorild sich neben seinen neuen Aufgaben als Bibliothekar und Professor für schwedische Sprache und Literatur der Philosophie. Auch in der Philosophie strebte er die Befreiung von allen Zwängen und eine Revolution des Denkens an, in dem er sich gegen die vorherrschenden Lehren Immanuel Kants stellte. In seiner Abhandlung Maximum seu Archimetria entwirft Thorild eines der größten zusammenhängenden Systeme der schwedischen Philosophie, doch obwohl es in Deutschland u. a. von Herder durchaus wohlwollend aufgenommen wurde, wurde der Text nie ins Schwedische übersetzt.

Thorilds Grabstein in Neuenkirchen.

Sein neues Interesse für die Philosophie dehnte Thorild auch auf seine anderen Aufgabengebiete aus und begründete beispielsweise sein ungewöhnliches Vorgehen als Bibliothekar, das schnell auf Kritik stieß, mit einem philosophischen Konzept zur Gelehrtheit und Wissenschaft. Auch seine Vorlesungen über die schwedische Sprache und Literatur, die die ersten ihrer Art im deutschsprachigen Raum gewesen sein dürften, bezogen oft Wissenschafts- und Geistesgeschichte mit ein.

Greifswald wurde zur letzten Lebensstation in Thorilds Leben. 1797 heiratete er im Dom St. Nikolai seine Geliebte Gustava Steglig von Kowsky, die ihm ins Exil gefolgt war und wurde Vater von zwei Kindern. 13 Jahre nachdem Thorild Schweden verlassen hatte, starb er schließlich in Greifswald und wurde im nahen Neuenkirchen beigesetzt.

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Katharina

Katharina

Hat Skandinavien und besonders die Insel Bornholm in ihr Herz geschlossen. Liebt Literatur, Kunst(-handwerk) und Design aus Skandinavien und ist immer offen für Neues. Kann das Forschen auch nach dem Masterstudium nicht lassen und promoviert jetzt zu skandinavischer Literatur.