„Pihalla“ – Screwed (FIN 2017)

Filmkritiken der 59. Nordischen Filmtage in Lübeck

von Friederike Schönherr

Dieser 96-minütige Jugendfilm brachte 2017 die Themen Coming-out, Sommerliebe und Erwachsenwerden einfühlsam und überzeugend in die finnischen Kinos.

Nach einer aus dem Ruder gelaufenen Party, muss der 17-jährige Miku den Sommer mit seinen Eltern in einem Ferienhäuschen auf dem Land verbringen. Die Ruhe in der finnischen Natur hat bald ein Ende, als der schüchterne Junge den extrovertierten Elias von nebenan kennenlernt. Beide Jungs sind so gegensätzlich wie irgend möglich. Miku, verschlossen und unschuldig versus Elias, der reifer wirkt und Nacktbilder von sich auf seinem Handy hat. Trotz dieser Unterschiede fühlen sie sich voneinander angezogen. Gemeinsam entfliehen sie dem Familiendasein fortan zum Rauchen, Bier trinken oder Baden gehen. Elias unangepasste und selbstbewusste Art bringt Miku dazu, sich seine Gefühle für ihn einzugestehen und seine unterdrückte Homosexualität zu akzeptieren.

Nils-Erik Ekblom präsentiert einen Film, der mit viel Gespür die unterschiedlichen Seiten des Erwachsenwerdens aufgreift.

Salzgeber & Co. Medien GmbH

Die Sommerliebe der beiden Jungen überzeugt einen vom ersten Augenblick an. Dabei tun neben der schauspielerischen Höchstleistung von Mikko Kauppila (Miku) und Valtteri Lehtinen (Elias), die den einen oder anderen Zuschauer dazu bewogen, den Regisseur nach der Sexualität der beiden Hauptdarsteller zu fragen, auch das überzeugende Drehbuch ihr Übriges. Die Story wirkt so authentisch, da sich nicht alles nur um das Coming-out des Protagonisten dreht. Auch die Beziehungskrise der Eltern, die ständig auf Drogen seiende Schwester und ein sitzengelassener Ex sind mit von der Partie. Nebenbei ließ Ekblom, der bisher einen Kurzfilm und einen Thriller drehte, Raum für improvisierte Szenen. Sie verleihen den Charakteren die bereits angesprochene Natürlichkeit und zeigen nebenbei das Können der Schauspieler.

Der Film beginnt mit Vorwegnahmen, die vorerst keinen Sinn ergeben. Später wirken sie dann wie die ersten Gedanken zum Thema „letzter Sommer“. Dabei tut die Natur ihr Übriges um dem Film ein stimmungsvolles Setting zu verleihen. Es erinnert an einen typischen „Schwedenfilm“ aus den 1920ern: Grüne Wälder und funkelnde Seen im gelben Licht einer sanften Sommersonne.

Gekonnt werden auch Musik, Geräusche und Stille eingesetzt. Am intensivsten ist das in der ersten Sexszene der Jungs zu erleben, wenn auf Ton vollständig verzichtet wird und dadurch das Bild für sich wirkt.

Doch so schön diese Sommerliebe ist, bleibt sie letztendlich das, was ihr Name sagt. Elias und Miku gehen am Ende getrennte Wege. Auch wenn Miku sich äußerlich nicht verändert hat, ist er doch reifer geworden. Elias hat ihm gezeigt, wie es ist, für sich einzustehen. Eine Haltung, die fortan sein Leben prägen wird. Und so passt auch der verwirrende Anfang genau zu dem was der Film sein will: Die durch sanfte Farben und Töne mitunter unwirklich schön wirkende Erinnerung an einen außergewöhnlichen Sommer.

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Karen

Leidet unter chronischem Fernweh. Ist daher immer in der Weltgeschichte unterwegs – sei es reisend, am Planen von Reisen oder durch das Lesen von Berichten über die Welt. Interessiert sich ansonsten für Kunst, Kultur und Kurioses. Studiert in Greifswald Skandinavistik und Kunstgeschichte im Bachelor und liebäugelt besonders mit den Färöern.