Der unterirdische Nil – Teil 2

Als wir unsere Held*innen Kristian, Riina, Marja und Pasi zuletzt verließen, taten sie gerade ihre ersten, zögerlichen Schritte in das dunkle Innere eines Tempels mit dem festen Vorsatz, eine echte Mumie zu sehen. Wie es mit ihnen weitergeht, erfährt ihr heute in der Fortsetzung der Kurzgeschichte von Marko Hautala.

Foto: Rubén Bagüés/Unsplash

Einer der Männer verschwand durch eine niedrige Türöffnung in einer stockdunklen Kammer.

Die anderen blieben zurück und betrachteten die Hieroglyphen und Gravierungen an den Wänden durch zusammengekniffene Lider. Anubis, Thoth, Osiris. Auf der Waage das Herz des Verstorbenen und die Feder der Göttin Maat. Kristian erkannte die vertrauten Bilder aus dem Totenbuch, die das letzte Gericht darstellten. Ohne die Krämer und die Armee der Sonnenhüte in seinem Blickfeld sahen sie gleich ganz anders aus.

Die glühende Zigarette des Wächters, der in die Kammer geschlüpft war, tauchte wieder in der Tür auf. Der Mann trug einen länglichen Gegenstand unter dem Arm. Er schob sich die Zigarette in den Mundwinkel und präsentierte ihnen mit beiden Händen etwas Leichtes und Steifes, wie eine Puppe aus Karton. Der zweite Wächter richtete die Taschenlampe darauf.

Riina holte tief Luft und trat einen Schritt zurück.

Im von unten kommenden Licht traten die furchtbaren Gesichtszüge deutlich hervor.

Die Nase fehlte und die Augenhöhlen waren leer. Die Haut war glatt, dunkelgrau und wölbte sich nach innen, als wäre sie kurz davor einzubrechen. Zwischen den verschrumpelten Lippen schaute schwarzes Zahnfleisch hervor, in dem noch einige klägliche Zahnstümpfe steckten. Dahinter ragte etwas nach oben, das die im Mund vertrocknete Zunge sein mochte. Unter dem Kinn hing ein kümmerliches Stück Stoff, vielleicht der Überrest eines Leichentuchs.

„Ach du Scheiße.“ Marja stieß ein nervöses Lachen aus und tastete nach Pasis Hand.

Die Taschenlampe des Wächters wanderte vom Gesicht nach unten und beleuchtete den Körper. Über den Rippenknochen spannte sich die Haut wie dunkles Pergament und war am Bauch auf der linken Seite eingerissen. Die Arme lagen dünn wie Stöckchen und unnatürlich gerade an den Seiten. Die Beine schienen nur noch Knochen zu sein, auch sie vollkommen gerade, abgesehen von den kugelförmigen Knien und den spitzen Füßen.

„Die kann nicht echt sein“, sagte Kristian, war sich aber nicht sicher, ob er seinen eigenen Worten glaubte.

Der Wächter deutete das als Wunsch, die Mumie zu berühren, und brachte sie näher heran. Kristian versuchte abzuwehren, doch der Mann gab nicht auf.

„Willst du sie wirklich anfassen?“, fragte Riina.

„Natürlich nicht“, antwortete Kristian.

Dennoch bewegte sich seine Hand auf die Mumie zu. Vielleicht war es das Bedürfnis, einen weiteren Betrugsversuch aufzudecken. Vielleicht fühlte es sich gut an, dass zum ersten Mal während des gesamten Urlaubs Riina diejenige war, die sich Sorgen um ihn machte. Auf jeden Fall streckte er die Hand aus und berührte die Mumie am Scheitel.

„Was machst du denn da?“, fragte Riina mit einem ungläubigen Lachen.

Pasi und Marja brachten kein Wort heraus.

Kristian strich mit den Fingern über die Haut der Mumie. Sie war unnatürlich glatt. Er konnte sich gut vorstellen, wie die Jahrtausende die Poren abgetragen hatten.

„Glückwunsch“, sagte Pasi. „Du bekommst jetzt irgendeinen altägyptischen Superdurchfall. Leidest den Rest der Reise am Fluch der Mumie.“

Marja stieß ein nervöses, zu lautes Lachen aus, als wollte sie sich für den Witz ihres Mannes entschuldigen.

Kristians Finger zuckten von der Haut der Mumie zurück wie von einem kleinen Stromschlag getroffen. Er wischte sich die Hand an den Baumwollshorts ab, bis er begriff, dass er die Bakterien damit nur an einen anderen Ort brachte, fummelte die Flasche AntiBac aus der Tasche und rieb sich die Finger mit Desinfektionsgel ein. Auf dieser Reise hatte er so viel davon benutzt, dass die anderen schon darüber gespottet hatten.

„Ist das ein echter Pharao?“, fragte Marja, als könnte er das mit den Fingerspitzen erfühlen.

„Ein Pharao, wie?“ Pasi lachte und stupste seine Frau mit dem Ellenbogen an. „Das ist eine Priesterin.“

„Pharaonen haben die Arme auf der Brust überkreuzt“, sagte Riina zerstreut und sah ihren Mann besorgt an.

Kristian beteiligte sich nicht am Gespräch. Er schüttelte die Finger, die noch kühl vom Gel waren, und wunderte sich über seinen plötzlichen Mut.

Der Wächter bot die Mumie auch den anderen zum Anfassen an, doch als sie hastig einige Schritte zurücktraten und die Köpfe schüttelten, ließ der Mann sie zu Boden gleiten. Er trat zur Seite und deutete gestikulierend an, dass sie Fotos machen konnten.

„Na komm, mach eins“, sagte Pasi zu Marja.

„Ich weiß nicht…“

„Leichenschändung war es ja schon, als der da sie getragen hat wie ein Bauarbeiter eine Holzplanke“, bemerkte Pasi. „Das müssen wir verewigen.“

Die Frauen machten ein paar Bilder ohne Blitz, nur im Licht der Taschenlampen. Über Riinas Schulter hinweg sah Kristian auf dem Display des Handys die erstarrte Mumie, die in der Luft zu schweben schien, im schaurig bleichen Licht. Die leeren Augenhöhlen, das schwarze Zahnfleisch, die vertrocknete Zunge.

Nach der hastigen Fotosession nickten sie den Wächtern dankend zu, in erster Linie, um von hier wegzukommen. Kristian war sich sicher, dass auch in den Köpfen der anderen Bilder von frischeren Leichen aus den Nachrichten herumspukten. Von denen, die sie sich angesehen hatten, als zur Diskussion stand, ob eine Reise nach Ägypten sicher wäre.

Der Wächter warf seine Zigarette auf den Boden, trat sie mit der Schuhspitze aus und klemmte sich dann die Mumie unter den Arm. Die achtlose Kehrtwendung in dem engen Raum ließ Kristian befürchten, dass der Mann seine Last gegen die Wand schlagen würde. Einen kurzen Moment lang stand ihm ein schreckliches Bild vor Augen, auf dem sie gemeinsam versuchten, den Kopf der Priesterin von Muti wieder anzukleben. Die Trageoperation glückte jedoch mit routinierter Sicherheit. Der Wächter und die Mumie verschwanden durch die niedrige Türöffnung im Dunkeln. Der zurückgebliebene Mann hob wieder den Zeigefinger an die Lippen und sah jedem von ihnen eindringlich in die Augen.

Nachdem die Stufen sie zurück ans Tageslicht geführt hatten, begann das Betteln um Geld. Sie bezahlten zwanzig Pfund, wie Hassan gesagt hatte, und gingen mit festen Schritten davon, auch wenn die Männer zu verstehen gaben, dass das Geld nicht reichte. Der Peugeot wartete dort, wo sie ihn zurückgelassen hatten. Der Motor heulte auf und sie quetschten sich wieder auf die löchrige Polsterung. Diesmal war Kristian an der Reihe, hinter die Sitze zu kriechen.

„Hat es euch gefallen?“

Hassans Lächeln war noch breiter geworden.

„Ja“, sagte Kristian und klang dabei begeisterter, als er gewollt hatte. „Es war richtig… aufregend.“

„Die Priesterin hat sich ihrer Stellung entsprechend verhalten?“

„Aber ja“, antwortete Pasi. „Sehr förmlich und steif.“

Hassan lachte und schlug die Hände zusammen.

„Ausgezeichnet! Dann fahren wir jetzt zum Laden meines Cousins. Er verkauft Krüge und Statuen aus echtem Alabaster und Basalt. Alles, was ihr euch vorstellen könnt! Keine billigen Kopien wie auf dem Basar.“

„Toll“, meinte Marja und sah die anderen vielsagend an.

Von Hassans eifrig redendem Cousin kauften sie drei Statuen der Göttin Isis, einige Anubisskulpturen und so viele verschiedene Krüge und Skarabäen, dass keiner von ihnen sich noch genau erinnerte, was sie gekauft hatten, nachdem alles in Zeitungspapier eingeschlagen war. Nach ein paar Bier auf der Terrasse eines Restaurants am Nilufer brachte Hassan sie zum Bootshafen, wo sie ihren Reiseführer bezahlten und über eine schwankende Planke an Bord einer kleinen Feluke gingen. Der Außenbootmotor spuckte schwarzen Rauch, als der höchstens zwölfjährige Fahrer Kurs auf das östliche Ufer nahm.

Hassan winkte ihnen vom Kai aus zu, ein dickes Bündel Scheine in der Hand, und fing dann ein Gespräch mit einem Mann in einer hellblauen Dschallabija an, der neben ihm aufgetaucht war. Kristian verspürte den unwiderstehlichen Drang, das Wasser zu berühren, das an der Bootsseite entlangrauschte, auch wenn im Reiseführer vor im Nil lebenden Parasiten gewarnt wurde, die sich durch die Haut fressen, Krämpfe und Wahnvorstellungen auslösen und sogar töten konnten.

Das schien jetzt nicht wichtig, denn nach dem Berühren der Mumie fühlte sich Kristian zum ersten Mal während des Urlaubs präsent, als erlebte er das alles wirklich.

Seine Fingerspitzen kitzelten angenehm, als sie beinahe das lauwarme Wasser des Nils streiften.

„Trinkt ihr noch eins?“, fragte Kristian.

Pasi spähte in den Schaum am Boden seiner Sakara-Flasche und warf dann Marja einen fragenden Blick zu.

„Warum nicht“, sagte er nach einer Art stummem Wortaustausch. Kristian wiederum bedachte Riina mit einem fragenden Blick, obwohl er genau wusste, dass sie kein Bier trinken würde. Das Glas seiner Frau enthielt tiefroten Karkadeh, den man leicht für Wein halten konnte. In seinem angetrunkenen Zustand dachte Kristian, dass es besser gewesen wäre, Pasi und Marja einfach von der Schwangerschaft zu erzählen.

Als die Bierflaschen geöffnet waren, saßen sie einen Moment lang da, ohne ein Wort zu sagen.

Die Landschaft vor dem flussseitigen Balkon des Hotels Isis Pyramisa war bezaubernd, vor allem jetzt, da die Sonne hinter den Berggipfeln versunken war. Jenseits der Berge ruhte das Tal der Könige mit seinen Gräbern.

Den ganzen Urlaub über hatten sie sich abends auf Kristians und Riinas Balkon versammelt, denn Pasi und Marja hatten ein Zimmer zur Straße bekommen, das keinen besonders tollen Ausblick bot. Von hier aus sah man zwischen den Palmen den Nil glitzern, auf dem Boote mit hohen Segeln vorbeiglitten, und hörte die letzten Gebetsrufe des Abends. Sie schallten von den Türmen der Moscheen, als antworteten sie einander.

Kristian hatte das deutliche Gefühl, dass ihn jemand aus dem Halbschlaf des Touristen geweckt hatte. Die Palmblätter zeichneten sich schärfer gegen den dunkler werdenden, türkisfarbenen Himmel ab. Er wollte sich keine Sorgen mehr machen. Nicht wegen der Terroristen, nicht wegen Riina, nicht wegen der Betrüger.

„Dorthin haben sie die Toten gebracht“, sagte Kristian, als hätte er es eben erst begriffen, nachdem er den Sand vom Westufer aus seinen Sandalen geschüttelt und sich in einem wackligen Korbstuhl ausgestreckt hatte wie alle Touristen in Luxor zu dieser Zeit am Abend. „Dort hinter die Berge. Der Westen war das Land der Toten, für wer weiß wie viele Jahrtausende. Stellt euch das mal vor. All diese Mühe. Das Einbalsamieren dauerte siebzig Tage, die Haare wurden abrasiert, die Eingeweide herausgenommen und die Körper in irgendeiner Flüssigkeit eingeweicht und in Tücher gewickelt. Dann wurden sie dorthin gebracht.“

„Ja“, erwiderte Riina, als klar wurde, dass niemand sonst antworten würde. „Jetzt gibt es dort nur noch hirntote Touristen und noch totere Mumien.“

Pasi lachte auf und trank einen Schluck Bier.

„War die wohl wirklich echt?“, fragte Marja. Sie klang ein bisschen betrunken. Wenn man richtig müde war, stieg einem selbst die dünne Sakara-Plörre heimtückisch zu Kopf.

„Ich glaube, ja“, antwortete Kristian.

Auf seine Worte folgte Stille. Dann brachen alle in heftiges Gelächter aus.

„Endlich fängt unser engstirniger Freund an aufzutauen“, rief Pasi. „Von jetzt an glaubt er alles, was die Betrüger auf dem Basar ihm erzählen.“

Kristian lachte mit den anderen mit. Er wusste, dass er die ganze Reise über den Spielverderber gegeben hatte. Wie sinnlos das doch gewesen war.

Als die Dunkelheit hereinbrach, lehnte Riina sich gegen Kristians Schulter. Sie lauschten Pasis betrunkenem Monolog über Erich von Däniken und darüber, dass die alten ägyptischen Götter eigentlich humanoide Aliens gewesen seien, und beobachteten die Fledermäuse bei ihren hektischen Flügen im Dämmerlicht zwischen den Kronen der Palmen.

Endlich war Kristian angekommen. Der warme Wind kitzelte die Härchen auf seiner Haut. Das war echt.

Kristian schlief fast sofort ein, nachdem er wie ein Stein neben Riina ins Bett gefallen war. Sein Schlaf blieb jedoch leicht und er schreckte bald aus einem Albtraum hoch, in dem sich Würmer in seinen Fingerspitzen wanden. Bevor ihn die Müdigkeit wieder über die Grenze zur Bewusstlosigkeit zog, trieb ein Gedanke an das ungeborene Kind durch seinen Kopf.

Er blieb zunächst vage und ohne festes Erscheinungsbild, plagte seinen träumenden Geist, bis er sich zu einem Bild verfestigte, zur Türöffnung in der Ausgrabung, aus deren Finsternis die Mumie aufgetaucht und in der sie wieder verschwunden war.

Kristian erwachte noch einmal, aber schaffte es kaum, die Augen zu öffnen. Der Schlaf umschlang ihn so schnell wieder, dass es sich wie ein Fallen anfühlte. In seiner letzten Vision stand er am nächtlichen Westufer des Nils, wo kein einziger Tourist zu sehen war. Er hob den Kopf. Die Mondsichel starrte aus einem wolkenlosen Himmel herunter, der Blick eines körperlosen Gottes.

Dann vollkommene Dunkelheit.

Fortsetzung in Teil 3

Finnland-Alumni – Teil 3: Ilse Winkler

Foto: privat

Fennistik – es klingt im Namen schon an – ist die Wissenschaft von der finnischen Sprache, Literatur und Kultur. Doch was erwartet die Studierenden, die sich für das Fach entscheiden? Wie findet man zu diesem doch eher ungewöhnlichen Studiengang, und welche Laufbahnen eröffnen sich nach dem Abschluss?

In der dritten Folge unserer Reihe berichtet Ilse Winkler von überraschenden Entdeckungen im Urlaub, finnischem Frakturdruck in Greifswald und ihren Erfahrungen auf dem Arbeitsmarkt.

Wie hast Du Finnland und die Fennistik für Dich entdeckt?

Im Urlaub habe ich mich in Land und Leute und vor allem in die finnische Sprache verliebt. Natürlich hatte ich gehört, dass es so gut wie unmöglich ist, Finnisch zu lernen, aber dann erzählte mir die Vermieterin unseres Mökkis Folgendes: Ein paar finnischsprachige Einträge in ihrem Gästebuch stammten von einer deutschen Frau, die seit vielen Jahren immer wieder dort Urlaub machte. – Da wusste ich, es ist zu schaffen. Nach dem Urlaub schrieb ich mich in Deutschland gleich in einen Finnischkurs an der Volkshochschule ein. Als mir im Lauf der Jahre die Kurse ausgingen, weil auf meinem Niveau nicht genug Kursteilnehmer zusammenkamen, merkte, ich, dass ich als studierte Germanistin reif war für ein Masterstudium der Fennistik.

Was hat Dich im Studium besonders interessiert?

Alles, was mit Finnland zusammenhing. Dass Schwedisch (Spracherwerb, Literatur, Phonetik etc.) durch mein Zweitfach Skandinavistik so viel Platz einnahm, war mir dagegen ehrlich gesagt eher lästig. Besonders interessant fand ich die Sprach- und Literaturgeschichte des Finnischen. Als Highlight habe ich die alten Zeitungen mit Frakturdruck empfunden, die Prof. Pantermöller mitbrachte und deren Artikel einen guten Einblick in die finnische Mentalität gaben.

Was hast Du nach dem Studium gemacht?

Ich habe Übersetzungsseminare besucht, mich mit dem deutschen Literaturbetrieb vernetzt, so gut ich konnte, und versucht, einen Fuß in die Tür des Übersetzungsbusiness zu bekommen.

Welchen Ratschlag würdest Du einem*r angehenden Student*in der Fennistik geben?

Das ist schwer zu beantworten. Wenn man vom Norden begeistert und bereit ist, sich einige Jahre lang ins Thema zu vertiefen, ist es auf jeden Fall sehr zu empfehlen. Es macht Spaß, und man ist Gesprächsthema auf jeder Party, denn wer kann schon Finnisch? Aber: Man sollte wissen, dass nach dem Studium nur wenige ausschließlich von der Fennistik leben werden. Es ist besser, wenn man sich noch ein zweites Standbein aufbaut.

„Der unterirdische Nil“ – eine Kurzgeschichte von Marko Hautala

© Veikko Somerpuro
© Veikko Somerpuro

Marko Hautala stammt aus dem westfinnischen Kauhava und hat sich mit seinen Horrorgeschichten bereits den Titel eines „finnischen Stephen King“ verdient. Nach einem Studium der englischen Sprache und Literatur arbeitete er unter anderem als Lehrer, Übersetzer für Filme und Pfleger in einem psychiatrischen Krankenhaus und lebt heute als freier Schriftsteller in Vaasa. 2010 erhielt er den wichtigen Kalevi Jäntti-Preis für seinen Roman „Käärinliinat“, der in Deutschland als „Leichentücher“ bei dtv erschienen ist.  

Die folgende Geschichte hat lange geschlummert und erhebt sich nun in erstmaliger deutscher Übersetzung, um auf Baltic Cultures ihr Unwesen zu treiben…

Der unterirdische Nil

„Wollt ihr mal eine Mumie anfassen?“

Kristian war sich nicht sicher, ob er die in gebrochenem Englisch geäußerte Frage richtig verstanden hatte, und beugte sich deshalb weiter zu Hassan hinüber. Dessen Kopf hüpfte zwischen den Vordersitzen des Autos im Takt der Unebenheiten im Straßenbelag auf und ab, aber das Lächeln schien sich nicht von der Stelle zu bewegen.

„Anfassen!“, rief er. „Eine Mumie!“

Kristian lachte und sah den Rest der Gruppe an, die sich in den hinteren Teil des Peugeot Kombi gezwängt hatte. Riina, Marja und er selbst durften annähernd bequem auf der Bank sitzen. Die Reihe war an Pasi, im Kofferraum zu hocken, zwischen den Rucksäcken und den Wasserflaschen. Sie alle lächelten bei Hassans Frage genauso unsicher wie er.

„Warum nicht? Darf man die denn anfassen?“, fragte Pasi fröhlich zwischen seinen Knien hindurch.

Hassan lachte sein heiseres Lachen und hob den Zeigefinger an die Lippen.

„Darf man natürlich nicht, aber Hassan hat Freunde.“

Er wandte sich um und gab dem mageren Fahrer Anweisungen, den er vor drei Stunden, zwei Tempeln und zu vielen drückend heißen königlichen Grabkammern als seinen ältesten Sohn vorgestellt hatte. Kristian warf einen fragenden Blick über die Schulter.

„Manchmal lassen die einen offenbar in für Touristen gesperrte Gräber“, sagte Pasi auf Finnisch, „aber ich habe noch nie gehört, dass man Mumien…“

„Das ist doch wieder so ein Betrug“, murmelte Kristian. „Wollen wir wetten?“

„Jetzt denk mal ein bisschen positiver“, sagte Riina und stupste ihn mit den Ellenbogen an.

„Ich ertrage es einfach nicht, ständig über den Tisch gezogen zu werden“, beharrte Kristian. „Gestern auch wieder, bei diesem–“

„Schauen wir uns das erst mal in Ruhe an“, sagte Marja beruhigend und streckte die Hand über die Rückenlehne, um Pasis verschwitzte Stirn zu streicheln. „Du kommst dann wenigstens raus und kannst dir die Beine vertreten.“

„Ich will jedenfalls in keine Grabkammer mehr, in der man keine Luft bekommt und die Hieroglyphen einem vor den Augen tanzen“, sagte Kristian und rieb sich die Lider, die vom Schweiß brannten.

„Du hältst es doch nicht aus zurückbleiben“, flüsterte Riina. Sie wusste, dass Kristian nervös und reizbar war, weil er sich Sorgen machte. Sorgen um sie. Auch auf den Basaren war er aufgeregt und sah sich ständig um, fürchtete Diebe, ungestüme Kutscher und Terroristen. Und Betrüger. Nachdem die ernsteren Bedrohungen ausgeblieben waren, hatte sich dieses Wort zur Mutter aller Schreckgespenster entwickelt.

Das Auto stoppte abrupt, als Hassan ihren Zielort erspähte. Mit ernster Miene drehte er sich zu seiner Reisegesellschaft um.

„Seht ihr diese Ausgrabungsstätte dort?“

Kristian kniff die Augen zusammen und schaute in die Richtung, in die Hassan deutete. Erst sah er nichts als den in der Sonne glühenden Sand.

„Da“, schrie Marja auf und zeigte auf einen Hügel, aus dem ein verfallenes Mauerstück von etwa einem halben Meter Länge hervorragte.

„Ja“, flüsterte Riina begeistert.

„Das ist das Grab der namenlosen Priesterin von Muti, das erst vor einigen Wochen entdeckt wurde“, sagte Hassan. „Geht da rüber und folgt den Wächtern. Nehmt genau zwanzig ägyptische Pfund mit. Sie werden mehr verlangen, nachdem sie euch die Mumie gezeigt haben, aber gebt ihnen nur so viel.“

Die ganze Reisegesellschaft nickte und lachte unsicher. Jeder einzelne von ihnen dachte im Stillen, dass sie gerade übel übers Ohr gehauen wurden. Dennoch kramten Kristian und Pasi die eingerissenen Zehn-Pfund-Noten aus ihren Portemonnaies und steckten sie in die Taschen ihrer Shorts.

„Okay, dann geht. Said und ich warten im Auto.“

„Kommt ihr nicht mit?“, fragte Pasi.

Hassan lachte und schüttelte den Kopf.

„Wenn es Probleme gibt, habt ihr von uns nicht ein Wörtchen über die Mumie gehört. Klar? Ihr wolltet euch nur die Beine vertreten und seid zufällig auf die Ausgrabung gestoßen.“

„Okay.“

„Und denkt dran, die Wächter verlieren ihre Arbeit, wenn die Behörden davon erfahren.“

Kristian warf den anderen einen finsteren Blick zu, der ihnen deutlich zeigte, dass er Hassan kein Wort glaubte.

„Los, checken wir mal, was Sache ist“, murmelte Pasi.

Sie stiegen aus dem Auto und streckten die tauben Glieder im Sonnenlicht, das aus allen Richtungen zugleich zu kommen schien. Marja und Riina machten gemeinsame Selfies. Pasi versuchte, ihren Standort auf einer kleinen Karte zu finden.

Kristian sah sich um. Sie hatten seit einer halben Stunde niemanden mehr gesehen, was am Westufer des Nils zu dieser Tageszeit und weniger als zwanzig Kilometer vom Tal der Könige entfernt ungewöhnlich war. Kristian beschwerte sich nicht. Die lauten Amerikaner entsprachen nicht eben seiner Vorstellung von idealer Gesellschaft. Ihr tollkühner Nationalstolz zog die wütenden Blicke der Einheimischen auf sich, was Kristian nervös machte. Außerdem durften sie die Touristen und die aufdringlichen Verkäufer noch den ganzen Abend ertragen, sobald Hassans Boot sie über den Nil zurück zur Stadt brachte.

Sie hatten Hassan in der Nähe des Luxor-Tempels gefunden, von wo die Feluken die Touristen in einem beständigen Strom ans Westufer brachten, zu den Gräbern der Pharaonen. Besser gesagt hatte der laute und breit lächelnde Mann sie gefunden. Zwei kinderlose Paare in den Dreißigern waren für ihn bestimmt das ideale Opfer. Er war ihnen unter den anderen aufdringlichen Verkäufern aufgefallen, die eine Fahrt mit der Feluke anboten, weil er gut Englisch sprach und ein kleines Heft besaß, in das frühere Kunden lobende Empfehlungen geschrieben hatten. Hassan made our day, we can sincerely recommend, und so weiter. Zwischen den Seiten fand sich auch die Visitenkarte eines finnischen Polizisten, der hier Urlaub gemacht hatte. Hassan ist ein ungewöhnlich ehrlicher und zuverlässiger Mann für einen Ägypter, hatte er auf der Rückseite vermerkt, in der Handschrift eines großen Weltenbummlers.

„Da ist jemand“, sagte Marja mit gedämpfter Stimme, als sie auf den Sandhügel zugingen. Kristian hob seine Sonnenbrille an und sah einen Mann mit einer hellblauen Dschallabija und einem weißen Kopftuch. Der Mann drehte sich um und sprach mit jemandem, der offenbar unter ihm stand, dort, wo die Ausgrabung sein musste. Dann kam ein zweiter verschleierter Mann hinter dem Sandhügel hervor. Keiner von beiden winkte oder zeigte, dass er sie auch nur bemerkt hätte.

Salam aleikum!“, rief Pasi. Außer diesem Gruß konnte er auf Arabisch nur „nein danke“ sagen. Keine Antwort. Nur ein paar nervöse Blicke.

Als sie auf die Anhöhe geklettert waren, nickten die Männer kaum merklich und gingen ihnen voran durch eine niedrige Türöffnung, hinter der eine Treppe nach unten führte. Kristian sah an der Wand ein kleines Schild, nach dessen Aufschrift die österreichische Regierung die Ausgrabung finanzierte.

„Sieht echt aus“, sagte Pasi. „Das reicht mir.“

Kristian sagte dazu nichts.

Als sie hinter den Wächtern die Treppe hinunterstiegen, gerieten ihre an das blendende Sonnenlicht gewöhnten Augen für einen Moment in völlige Dunkelheit. Sonnenbrillen wurden zusammengeklappt, und sie folgten dem Glühen vor ihnen, das die kleinen Taschenlampen der Männer und die brennenden Enden ihrer Zigaretten abgaben. Marjas Fuß rutschte auf einer abgerundeten Stufe aus, doch Pasi hielt sie fest. Sie kicherten wie ein Pärchen, das von einer Runde durch die Bars zurückkam.

Kristian war nicht zum Lachen zumute.

„Wir können draußen warten“, flüsterte er Riina zu.

„Beruhig dich“, erwiderte sie. „Ich will das sehen.“

Kristian gefiel diese Antwort nicht. Er machte sich Sorgen um das Baby. Oder eher um seine Frau, denn das Kind konnte man noch nicht wirklich als Mensch bezeichnen. Es war nur ein Schatten auf dem Ultraschallbild. Ein schwer zu deutender Tintenklecks, der ihre Zukunft vorhersagte.

Kristian lehnte sich gegen die Wand und spürte unter den Fingerspitzen symmetrische Einkerbungen. Bei näherem Hinsehen erkannte er im Licht der Taschenlampen verblasste Hieroglyphen. Ihre abgebrochenen Schnörkel fingen für einen Moment seine Gedanken ein. War das hier wirklich ein Grab? Die Ungewissheit machte ihn wütend. Sie hatte sich durch den gesamten Urlaub gezogen. Die großartige Geschichte, die sich allzu oft als Blendwerk aus Sandmischungen oder Papiermasse herausstellte.

Die Treppe endete und sie traten auf den unebenen Erdboden. Bald hielt der langgesichtige Mann inne und deutete mit der Taschenlampe in eine Ecke.

„Look, look.“

Pasi spähte in die Richtung, in die der Mann zeigte.

„Hier ist irgendein… ganz tiefer Brunnen“, sagte er mit heiserer Stimme.

„Closer, look“, drängte der Mann.

Pasi beugte sich weiter über die runde Öffnung.

„Ha… da liegt der Kadaver von einem Fahrrad ohne Reifen. Und Tuben mit Sonnencreme.“

„Oho. Welchen Lichtschutzfaktor haben sie denn im Neuen Reich verwendet?“, fragte Riina.

„Komm jetzt da weg“, sagte Marja zu Pasi, der immer noch in den Brunnen spähte.

Langsam gewöhnten sich ihre Augen an die Dunkelheit. Nach ein paar Minuten blieben die Männer vor ihnen stehen und wandten sich um. Das Licht der Taschenlampen ließ ihre Gesichter geisterhaft erscheinen. Sie gestikulierten in Richtung eines zweiten Brunnens, der keinen Meter von Marjas Sandalen entfernt war. Sie tat ein paar erschrockene Schritte zurück. Einer der Männer beleuchtete einen niedrigen, einbeinigen Steintisch, dessen Oberfläche mit Hieroglyphen verziert war.

„Ein Opfertisch“, sagte Riina. Der Mann nickte und wiederholte ein seltsames, arabisches Wort. Sie hatten ähnliche Tische vorher in den Tempeln von Luxor und Deir el-Medina gesehen.

Sie gingen weiter. Ihre finstere Wanderung dauerte noch mehrere Minuten, bevor man ihnen erneut bedeutete zu warten.

Fortsetzung in Teil 2

Finnland-Alumni – Folge 2: Miriam Amberg

Foto: privat

Fennistik – es klingt im Namen schon an – ist die Wissenschaft von der finnischen Sprache, Literatur und Kultur. Doch was erwartet die Studierenden, die sich für das Fach entscheiden? Wie findet man zu diesem doch eher ungewöhnlichen Studiengang, und welche Laufbahnen eröffnen sich nach dem Abschluss?

In Folge 2 unserer Reihe „Finnland-Alumni“ erzählt Miriam Amberg, wie sie zum Studium der finnischen Sprache und schließlich auch nach Finnland selbst gefunden hat.

Was verbindet Dich mit Finnland und wie hast Du zu Deinem Studienfach gefunden?

Als ich nach meinem Abitur das erste Mal nach Finnland flog, wusste ich kaum etwas über das Land. Mir hat nicht nur die Landschaft – die vielen Wälder und Seen – sondern auch die Sprache sofort gefallen, deshalb wollte ich unbedingt mein Auslandssemester in Finnland machen. Als ich schließlich mein Studienfach wechselte, wählte ich kurzentschlossen Finnisch als zweites Hauptfach.

Im Grunde war also viel Zufall und ein bisschen Liebe auf den ersten Blick dabei.

Welche Themen haben Dich im Studium besonders interessiert?

Ich war nur während der ersten beiden Semester in Greifswald, danach wechselte ich an die Universität Tampere.

Mich fasziniert(e) besonders die fennistische Sprachwissenschaft, weil ich das Gefühl hatte, hinter die Kulissen der Sprache zu blicken und zu verstehen, wie Finnisch funktioniert. Auf Inhalte aus diesem Modul greife ich noch immer zurück! Dementsprechend würde ich sagen, das Modul war für mein gesamtes Studium sehr wichtig –- und die Unterlagen bewahre ich immer noch sicher in einer Schublade auf.

Auch Geschichte und Landeskunde waren ein spannender Teil des Studiums, wobei ich von dem Input bzw. der Fülle der vermittelten Informationen fast überfordert war. Außerdem kann das Modul einen Aufenthalt in Finnland nicht ersetzen, sondern nur darauf vorbereiten.

Außerdem hat mir natürlich der Finnischunterricht viel Spaß gemacht! Im Anschluss an mein zweites Semester durfte ich in den Sommersemesterferien für einen CIMO-Sommerkurs nach Turku fahren und stellte dort fest, dass ich in kurzer Zeit einiges gelernt hatte. Wobei man Routine nur bekommen kann, wenn man längere Zeit in Finnland ist.

Welche Erfahrungen hast Du mit dem Studium in Finnland gemacht?

Das Studium in Greifswald hat mich sehr gut auf meinen Auslandsaufenthalt bzw. das (Rest-)Studium in Finnland vorbereitet. Ich denke, ich habe wichtige Grundlagen gelernt und innerhalb kurzer Zeit Finnischkenntnisse erreicht, auf die ich in Finnland weiter aufbauen konnte.

Mein zweites Hauptfach war bzw. ist Germanistik. Das hat mir jedoch in Greifswald weniger gut gefallen und war auch der Grund für meinen Studienortwechsel.

Welchen Ratschlag würdest Du einem*r angehenden Student*in der Fennistik geben?

Ich würde mich, wenn ich noch mal anfangen würde zu studieren, wieder für Fennistik und Skandinavistik in Greifswald entscheiden, weil ich mich am Institut sehr wohl gefühlt habe. Außerdem würde ich jedem Studenten/jeder Studentin einen Auslandsaufenthalt empfehlen – vielleicht sogar in Tampere – und den CIMO-Sommerkurs.

Außerdem lohnt es sich, am Anfang viel Zeit in den Sprachunterricht zu investieren und viel zu üben, v.a. wenn man – wie ich damals – noch keine Vorkenntnisse hat.

Ich hatte damals das Gefühl, dass die Studienkollegen und -kolleginnen einen Vorteil hatten, die z.B. ein Au Pair-Jahr in Finnland gemacht haben. Sie kamen schneller voran. Deshalb würde ich, wenn ich nochmal anfangen könnte, auch vorher ein Praktikum oder ein Au Pair-Jahr machen.

Finnland-Alumni – Folge 1: Benjamin Schweitzer

Bild © Sonja-Wojnarova

Fennistik – es klingt im Namen schon an – ist die Wissenschaft von der finnischen Sprache, Literatur und Kultur. Doch was erwartet die Studierenden, die sich für das Fach entscheiden? Wie findet man zu diesem doch eher ungewöhnlichen Studiengang, und welche Laufbahnen eröffnen sich nach dem Abschluss?

Antworten auf diese Fragen gibt die Reihe „Finnland-Alumni“. Hier stellen wir Menschen vor, die auf ganz unterschiedliche Art zu ihrem besonderen Studiengang gefunden und danach ihren Weg in der Welt eingeschlagen haben.

Im Folgenden berichtet der Übersetzer und Komponist Benjamin Schweitzer von seinem Masterstudium der Fennistik und Skandinavistik in Greifswald und seinen Erfahrungen als Quereinsteiger.

Was verbindet Dich mit Finnland und wie hast Du zu Deinem Studienfach gefunden?

Ich habe als kleines Kind ein Jahr in Finnland gelebt und danach meinen Sommerurlaub immer dort verbracht. Das war natürlich sehr prägend, auch wenn ich während dieser kurzen Aufenthalte nur oberflächlich mit der Sprache in Kontakt kam. Später habe ich im Rahmen meines ersten Studiums ein Jahr an der Sibelius-Akademie in Helsinki verbracht und in dieser Zeit, also mit Mitte Zwanzig, endlich auch angefangen, die Sprache ernsthaft zu lernen.

Das Masterstudium in Greifswald war für mich dann die Erfüllung eines lange gehegten Wunsches, nämlich einen wissenschaftlich fundierten und systematischen Einblick in alle Aspekte des Finnischen zu bekommen. Außerdem wollte ich meinen Zweitberuf als Übersetzer durch dieses Studium auf ein stabileres Fundament stellen. Das Masterstudium in Greifswald schien mir ideal auf meine Bedürfnisse als Quereinsteiger zugeschnitten zu sein.

Welche Themen haben Dich im Studium besonders interessiert?

Schwer zu sagen, denn für mich war erst einmal alles interessant. Sprachwandel, Sprachkontakt und Sprachgeschichte fand ich besonders spannend, also alles, was mit der Entwicklung der Sprache zu ihrer heutigen Gestalt zu tun hat. Meine Masterarbeit habe ich dann auch über ein Thema geschrieben, das viel mit der Entwicklung des Wortschatzes zu tun hatte.

Ein zweiter wichtiger Aspekt war die Beschäftigung mit dem Estnischen, deshalb habe ich auch ein Erasmus-Semester in Tartu verbracht. Ich fand es sehr wichtig, wenigstens eine der mit dem Finnischen nahe verwandten Sprachen genauer kennenzulernen, um zu verstehen, wie sich das Grundkonzept dieses Sprachtypus unter unterschiedlichen Voraussetzungen und Einflüssen entwickelt hat. Außerdem ist Estnisch eine witzige Sprache, die zu lernen sich unbedingt lohnt.

Welche Erfahrungen hast Du in der Fennistik als Quereinsteiger gemacht?

Für mich war es sehr praktisch, dass der Masterstudiengang in Greifswald so vielseitig und gleichzeitig dicht konzipiert ist. Als Quereinsteiger im Zweitstudium ist man ja aus ganz praktischen Gründen (Zeit und Geld) daran interessiert, möglichst effizient zu studieren. Von den strukturellen Vorteilen des Faches und der Universität (hervorragendes Betreuungsverhältnis und kurze Wege) habe ich dabei natürlich auch profitiert. Ich glaube, ein Fach wie Fennistik ist für Quer- und Späteinsteiger besonders geeignet, weil es wenig standardisierte Verlaufsmodelle gibt, bei denen man in einem bestimmten Alter bestimmte Dinge erreicht oder absolviert haben muss. Natürlich war es manchmal schräg, zwischen all den 20-25 Jahre jüngeren Kommilitoninnen zu sitzen, und die negativen Folgen von G8 und Bologna werden einem als älteres Semester natürlich auch viel massiver präsent, weil man ja den Vergleich ziehen kann, aber das ist nicht fennistikspezifisch.

Die modulare Durchstrukturierung des Studiengangs hat für Quereinsteiger gewisse Vorteile im Sinne der Effizienz, aber der allzu kleine Wahlpflichtbereich ist andererseits für jemanden, der weiß, was er (lernen) will, natürlich einengend. Im Nachhinein denke ich, dass ich mir da etwas mehr Zeit hätte nehmen sollen, um noch ein paar (auch fachfremde) Veranstaltungen einfach aus Interesse zu belegen.

Welchen Ratschlag würdest Du einem/einer angehenden Studenten/Studentin der Fennistik geben?

Das hängt ein bisschen vom Erfahrungshintergrund ab. Wenn es um das Erststudium geht, ist der wichtigste Rat vermutlich: Dranbleiben! Will sagen, man darf sich von den Hürden, die bei dieser Sprache am Anfang vielleicht etwas höher sind, nicht entmutigen lassen, denn dahinter liegt eine faszinierende Welt. Um die zu entdecken, muss man natürlich auch mal in Finnland gelebt haben.

Ein anderer wichtiger Rat wäre, sich frühzeitig ein zweites Fachgebiet zu suchen, das man mit seinen fennistischen Kenntnissen bereichern kann. „Fennistik und …“ eröffnet einem eine Vielfalt an praktisch/beruflich (oder auch wissenschaftlich) nutzbaren Möglichkeiten. Wer Fennistik studiert, erwirbt sich eine Spezialqualifikation, die sie/ihn von den vielen Menschen unterscheidet, die nur „irgendwas Sinnvolles“ studiert haben, und diese Spezialisierung lässt sich an erstaunlich viele Fachgebiete ankoppeln.

Als Quereinsteiger bzw. im Zweit- oder Masterstudium wiederum hat man ja meist schon ein definiertes berufliches Interessenspektrum. Hier würde ich dazu raten, es mit dem Pragmatismus nicht zu übertreiben und sich, wenn es irgend möglich ist, ein wenig Zeit zu nehmen, um noch in andere Fachbereiche reinzuschauen oder interessante Sekundärliteratur gründlicher zu lesen, als es der hektische Studienalltag zulässt. Das ist selbst innerhalb der regulären Masterstudienzeit möglich: Wenn man in den ersten beiden Semestern des Masters (ich rede jetzt spezifisch von LaDy und KIL, den Masterstudiengängen am Institut für Fennistik und Skandinavistik) die Zähne zusammenbeißt und den Wahlpflichtbereich früh absolviert, hat man im dritten Semester bereits einige Freiräume.

Ein ganz konkreter Tip: unbedingt Estnisch belegen und im Wahlpflichtbereich anrechnen lassen! Spezifisch dann, wenn man Skandinavistik als Zweitfach hat, kann man das gefürchtete Altnordisch mit Estnisch ersetzen und so das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden.