Ö, ä, ** und der Drache der Drachen

Ein ganz gewöhnlicher Abend Ende Mai im polnischen Krakau. Die weißen, geschmückten. Touristenkutschen brettern über die in die Jahre gekommenen Kopfsteine des Marktplatzes. Segway-Touren schlängeln sich zwischen Menschengruppen durch die malerische Altstadt, der weltbekannte Turmtrompeter unterbrach sein Trompetenspiel wie üblich. Alles wie immer. Und doch bietet sich einigen Besuchern und Einheimischen in den Kinosälen der Stadt ein Einblick in fremde Welten, fremde Farben, fremde Gefühle. Ein Bericht vom 58. Krakauer Filmfestival.


Freilichtkino am Fuße der Königsburg Wawel

Wieder einmal wird die zweitgrößte Stadt Polens Schauplatz des Krakowski Festiwal Filmowy, des Krakauer Filmfestivals.  Vom 27. Mai bis 03. Juni wurde in den Kinosälen der Stadt gelacht, geweint, gestaunt. Ein Festival unter vielen, könnte man auf den ersten Blick meinen, doch unter der Fassade der prächtigen Kinosäle verbergen sich Geschichten, die wohl nur in Krakau geschrieben werden können. Dass sich das Festival von anderen seiner Art abhebt, hat (mindestens) drei Gründe. Erstens wurde das Festival bereits 1961 gegründet und gehört damit zu den ältesten Filmfestivals des Kontinents. Zweitens – das Ambiente. Womöglich besitzen bereits die zahlreichen Kinosääle das Potenzial, ihre Besucher zu begeistern. Etwa die Sääle des Kino pod Baranami (Kino unter den Böcken), das direkt an den berühmten Tuchhallen gelegen ist und seine Gäste mit samtenen Vorhängen, Stuck und Kronleuchtern empfängt. Oder das Kijów Centrum (Kiewer Centrum), das in den 60er Jahren im Blütestil der sozialistischen Baukunst errichtet wurde und Platz für fast 1.000 Zuschauer bietet. Am Fuße des Wawel, der einstigen polnischen Königsburg, genießt man an lauen Frühlingsabenden polnische Schwarz-Weiß-Filme und den atemberaubenden Ausblick des Freilichtkinos. Schlussendlich – das Repertoire. Spielfilme wird man auf dem Festivalprogramm vergeblich suchen, da sich das KFF auf die (von vielen anderen Festivals vergleichsweise vernachlässigten Genres) Dokumentar-, Kurz- und Animationsfilme konzentriert hat. In verschiedenen nationalen und internationalen Wettbewerben treten dabei Künstler aus Polen, Europa und der ganzen Welt gegeneinander an.

Die Party des Ö

Eröfnung der nicht-kompetitiven Reihe ‚Fokus auf Estland‘

Wer im Punkt ‚Animationsfilme‘ an Nemo, Spongebob und Co denkt, wird von den Vorstellungen in Krakau positiv enttäuscht werden. Auf dem KFF zeigt sich, was in der Animatiosnszene Rang und Namen hat. Diese Filme können verstören. Das fünfminutige Werk „Inny“ (Der Andere) der Polin Marta Magnuska porträtiert etwa die langsam wachsende Angst vor dem ‚Anderen‘, die sich schließlich in ihrer hässlichen Fratze entlädt. Die Animationen können aber ebenfalls kurz und prägnant ein heikles Thema karrikieren, wie zum Beispiel der siebenminütige Animationsfilm „Fundamental“ der Taiwanesin Shih Chieh Chiu. Durch die Augen eines aufwachsenden Jungens wirft Chiu einen Blick auf die verführerische, jedoch angsteinflößende Welt des alltäglichen christlichen Fundamentalismus. Ein Highlight erwartete die Festivalbesucher am 29. Mai. Ehrengast des diesjährigen Festivals war anlässlich seines hundertjährigen Jubiläums Estland, das sich mit einer Reihe erstklassiger Produktionen präsentierte. Priit Pärn, der mit seinen surrealen Animationen Weltruhm erlangt hat und zur Zeit an der Estnischen Kunstakademie lehrt, präsentierte die Werke seiner Schützlinge der Bachelor- und Masterstudiengänge Animationsfilm. Besonders gelungen ist der Film „Ö pidu“ (Die Party des Ö), der als Masterarbeit des Finnen Teemu Hotti entstand. Die elfminütige Animation besteht beinahe gänzlich aus Buchstaben. Er stellt die Versuche seines Protagonisten (Ö) dar, seiner Angebeteten (ä) auf einer Hausparty die Sterne (**) vom Himmel zu holen, bis ebenjene Party von kyrillischen Buchstaben gecrasht zu werden droht.

Drache der Drachen

Die Preisverleihungen am Ende des Festivals krönten die Gewinner der verschiedenen Wettkämpfe in zahlreichen Kategorien. Den Ehrenpreis Smok Smoków (Drache der Drachen) nahm in diesem Jahr der russische Regisseur Sergej Loznitsa für seine über die Jahre stattlich angewachsene Sammlung an dokumentarischen Kurzfilmen mit nach Hause. Der Name der Premie verweist auf das Stadtsymbol der Stadt Kraków – den Drachen. Den Überlieferungen nach soll er in einer Höhle unterhalb der Burg Wawel gehaust haben. Der Drachen des Festivals hat sich inzwischen wieder in seine Höhle zurückgezogen. Auch das an das Filmfestival angeschlossene Festiwal Muzyki Filmowej, das Festival für Filmmusik, hat die Besucher auch in diesem Jahr verzaubert. Zahlreiche Filme wurden von einem Orchester begleitet vorgeführt. Doch auch, wenn über dem Konfetti schon der Staub wächst, liegt die nächste Festivalsaison in Krakau schon in greifbarer Nähe und wartet in der Prachtstadt an der Weichsel schon auf die nächsten Filmbeiträge und seine nächsten Festivalbesucher.

                                       

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Marcel

Hat einen Narren am östlichen Ostseeraum gefressen und träumt ständig vom Reisen. Beschäftigt sich in der Universität in erster Linie mit dem Deutschen und dem Russischen, unterhält aber nebenher eine intensive Liebesbeziehung zum Baltikum, insbesondere Estland. Brennt für fremde Sprachen und gesellschaftliche Themen, Funken sprühen aber auch in Sachen Kultur und Literatur.