Nordic Noir und Finnish Weird

Informationsforum zum Nordischen Klang in Greifswald

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Eine einsame rot-weiße Hütte in einem verschneiten Wald in monochromen Farben: Dieses Bild ist typisch für so viele Buchcover oder Filmplakate von Krimis aus dem Norden, die sich weltweit sehr großer Beliebtheit erfreuen. Krimis von Bestsellerautoren wie Stieg Larsson, Henning Mankell oder Jo Nesbø oder auch TV-Produktionen wie „Die Brücke“ oder „Das Verbrechen“ sind als weltweit erfolgreiche Exportschlager längst eine Art Inbegriff der nordischen Literatur und Fernsehproduktionen geworden; sie sind Nordic Noir. Dieses Genrelabel steht für düstere Krimis, die oft ausgesprochen brutal sind und gleichzeitig schonungslos die gesellschaftlichen Probleme in den nordischen Ländern ansprechen.

Doch was fasziniert eigentlich so viele Menschen an dieser Art von Krimi? Ist es diese (für viele Städter exotisch anmutende) einsame Landschaft? Ist es vielleicht doch ein außergewöhnlich brutaler Mord und die Faszination für das Böse? Sind es die gesellschaftskritischen Aspekte oder die ausgeklügelte Psychologie der Figuren? Oder am Ende doch das perfekt durchgestylte Wohnzimmer des Opfers mit skandinavischen Designerstücken?

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Dabei ist Nordic Noir nicht die einzige erfolgreiche „Marke“, die derzeit aus den nordischen Ländern in die Welt exportiert wird, auch AutorInnen des Finnish Weird erregen internationale Aufmerksamkeit. Auch hier spielen Geheimnisse und mysteriöse Zwischenfälle eine große Rolle, die die Grenze zwischen Traum und Realität verschwimmen lassen und magische Kräfte und Fabelwesen mit der Realität verweben.

Warum sind diese beiden Labels so erfolgreich und was genau versteht man eigentlich unter diesen Begriffen? Um diesen Fragen auf den Grund zu gehen, veranstaltete das Institut für Fennistik und Skandinavistik im Rahmen des Nordischen Klangs am 7. und 8. Mai ein zweitägiges Informationsforum zu diesem Thema.

„Nordic Schwarz/Weiß“

„Nordic Schwarz/Weiß“ – so lautete die Überschrift des ersten Teils des Informationsforums, das am Montag im Alfried Krupp Wissenschaftskolleg stattfand. Schwarz und Weiß – Gut gegen Böse – sind jedoch nur zwei Extreme auf der Farbskala einer Kriminalerzählung. Nordic Noir ist sehr viel komplexer als nur diese beiden äußeren Pole. Vier Literatur- und FilmwissenschaftlerInnen aus Deutschland und Schweden präsentierten hier ihre Gedanken über die vielen Graustufen, die Nordic Noir abbildet.

Viele Studierende des Instituts für Fennistik und Skandinavistik besuchten das Infoforum als Unterrichtsangebot während des Nordischen Klangs

So spricht Annegret Heitmann aus München von einer zweifachen Narration, die diese Krimis auszeichnet: eine gute Story aus Mord, Ermittlungsarbeit usw. wird in ethische u./o. soziale Problemstellungen eingebettet, die die gesamte Gesellschaft betreffen. Beispielsweise geht es in „Bron/Broen II“ (SE/DK 2013 „Die Brücke“, Staffel 2) um Ökoterrorismus und wie Filmwissenschaftler Anders Marklund in seinem Vortrag ausführt, spielen Migration und Grenzen eine wichtige Rolle u. a. in „Trapped – Gefangen in Island“ (ISL 2015).

Der Medien- und Filmwissenschaftler Tobias Hochscherf (Kiel und Flensburg) setzt sich wiederum mit den Produktionsbedingungen und Qualitätsstandards auseinander, die etwa das öffentlich-rechtliche Fernsehen in Dänemark (Danmarks Radio oder DR) an so hochwertige Produktionen wie „Die Brücke“ geknüpft hat. So schafft man es trotz eines relativ geringen Budgets durch strikte Regelsetzungen, qualitativ sehr hochwertige Serien zu produzieren. Eines der „15 Dogmas“ von DR sei zum Beispiel, das eine gute Serie (selbst wenn sie sehr erfolgreich ist) nach spätestens drei Staffeln abgesetzt wird.

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Deshalb sei „Die Brücke“ in dieser Hinsicht auch ein Fehlschlag – die vierte (und letzte) Staffel ist 2018 in Schweden bereits ausgestrahlt worden. Es geht aber auch darum, einen bestimmten Nordic Noir Look zu schaffen – eine monochrome Farbpalette, einsame Landschaften im Wald oder an der Küste gehören ebenso dazu wie urbane Szenen, die mit der geometrischen Ästhetik skandinavischer Architektur und ja, auch dem Design der Wohnzimmer der beteiligten Personen spielen. Diese Begeisterung für skandinavisches Design spiegelt sich nicht zuletzt auch in diversen Design-Blogs wieder.

Auch die Rolle der Natur in diesen Krimiserien sei von besonderer Bedeutung, wie Berit Glanz im Hinblick auf die isländische Serie „Trapped“ erklärt. Auf Island ist die Natur noch mehr als in anderen Gegenden im Norden eine Kraft, die viele Einschränkungen und Gefahren mit sich bringt. Dies verarbeitete man schon in romantischen Gedichten des 19. Jahrhunderts und auch in der modernen Krimiserie „Trapped“ taucht sie als eine Kraft auf, die die Gemeinde von der Außenwelt abschneidet.

Das Geheimnis von Nordic Noir

Was also macht die Faszination für Nordic Noir aus und welche Trends gibt es weiterhin in der aktuellen nordischen Literatur? Die LektorInnen des Instituts für Fennistik und Skandinavistik hatten ebenfalls Gäste aus Schweden, Finnland, Norwegen und Estland nach Greifswald eingeladen, die über die neuesten Trends und ihre eigenen Erfahrungen in ihren Heimatländern berichteten.

So gab der estnische Literaturkritiker Peeter Helme einen Überblick die Geschichte der Krimiliteratur in Estland, die vor allem durch die sowjetische Herrschaft in den Jahren 1940 bis 1991 geprägt war und sich seit den 1990ern auf vielfältige Weise entwickelt hat.

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Kerstin Bergman aus Lund reflektierte über das Erfolgsgeheimnis von Nordic Noir – was trägt zur Popularität dieses Genres bei? Zum einen gebe es tatsächlich so etwas wie einen „Stieg-Larsson-Effekt“. Seine Bücher sind so gut geschrieben, dass man nun an diesen Erfolg anknüpfen möchte und den Namen für Werbezwecke nutzt. Zweitens wäre da die Kritik am Modell des Wohlfahrtsstaats, die gleichzeitig auch einen Einblick und Identifikationsmöglichkeit mit einer Gesellschaft bietet, von der man glaubt, sie sei ein besseres Modell, etwa im Hinblick auf die Gleichheit der Geschlechter. Weiterhin spricht auch sie die exotischen, verschneiten und einsamen Landschaften an, die eine Faszination und gleichzeitig eine Ausstiegsmöglichkeit aus dem hektischen Alltag bieten. Und schließlich orientiert sich Nordic Noir an anglo-amerikanischen Vorbildern wie etwa dem Genre der hard-boiled crime fiction.

In der NZZ heißt es, Nordic Noir biete einen „Streifzug durch die Abgründe der skandinavischen Seele“. Welche Abgründe das sind und welchen Formen des Bösen man dabei begegnen kann, erzählte der norwegische Krimiautor Thorkil Damhaug. Von „Madness und Badness“, Empathie und den verschiedenen Formen des Bösen führte die Diskussion mit dem Publikum schließlich zur philosophischen Frage: Gibt es so etwas wie das mythische oder metaphysische Böse? Die Auseinandersetzung mit dem Bösen scheint auf jeden Fall einen großen Teil der Faszination für dieses Genre auszumachen.

Finnish Weird

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Neben Nordic Noir hat sich in den letzten Jahren eine weitere Marke in der gegenwärtigen nordischen Literatur etabliert: Finnish Weird. Der Begriff stammt von der finnischen Autorin Johanna Sinisalo und bezeichnet Romane, die im Gegensatz zur stark realistischen Literaturtradition in Finnland mystische oder magische Elemente mit einer realistischen Welt im Text verknüpfen, so die finnische Doktorandin Minttu Ollikainen. Finnish Weird lässt sich anders als Nordic Noir nicht auf ein bestimmtes Genre festlegen, sondern lässt verschiedene Stilrichtungen wie Science Fiction, Fantasy und Horror zusammenfließen und verbindet diese mit einer an die reale Welt angelegten Wirklichkeit. So gibt es in vielen dieser Texte merkwürdige Fabelwesen wie beispielsweise in Sinisalos „Troll. Eine Liebesgeschichte“ (2005) oder magische Portale, die plötzlich in Städten auftauchen. Zudem werden die Texte oft bewusst für ein internationales Publikum geschrieben, da sie nicht nur auf Finnisch, sondern auch gleichzeitig auf Englisch verfasst werden. Dies ist z. B. der Fall bei Emma Itärantas Roman „Memory of Water“ (2012). Rund um die Richtung des Finnish Weird fand sich außerdem ein Autorenkollektiv zusammen, die Gruppe „Reaalifantasia“. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, spekulative Fiktion (im Sinne von unnatürlichen Erzählungen) und Realität in ihren Texten zu verweben und so die Grenzen von Realität und Fiktionen auszudehnen und erkunden.

 

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Katharina

Katharina

Hat Skandinavien und besonders die Insel Bornholm in ihr Herz geschlossen. Liebt Literatur, Kunst(-handwerk) und Design aus Skandinavien und ist immer offen für Neues. Kann das Forschen auch nach dem Masterstudium nicht lassen und promoviert jetzt zu skandinavischer Literatur.