Morten A. Strøksnes: Das Buch vom Meer

Oder Wie zwei Freunde im Schlauchboot ausziehen, um im Nordmeer einen Eishai zu fangen, und dafür ein ganzes Jahr brauchen

Hinter diesem langen Titel versteckt sich Vieles: ein Kindheits(alb)traum, eine zähe Jagd, eine eigenartige Männerfreundschaft, vor allem aber eine Liebeserklärung an das Meer.

Die zwei norwegischen Freunde, der Ich-Erzähler Morten A. Strøksnes, und sein Freund, der Künstler Hugo Aasjord, haben sich in den Kopf gesetzt, im Vestfjord vor den Lofoten einen Eishai zu fangen. Die zwei haben eine ganz unterschiedliche Motivation dafür: Aasjord wuchs in einer Fischerfamilie auf und seit seiner Kindheit stellt der Eishai für ihn ein geheimnisvolles und gefährliches Mysterium dar, das er durch die Horrorgeschichten seiner Großväter kennt und nun bezwingen möchte. Strøksnes dagegen treibt die journalistische Neugier an. Waghalsigkeit ist uns bei den Skandinaviern bekannt, allerdings scheint dieses Projekt wirklich zum Scheitern verurteilt: Die beiden wollen in einem RIB (nichts anderes als ein Schlauchboot mit festem Rumpf) mit einer Angel einen Eishai (oder auch Grönlandhai) fangen – ein noch relativ unbekannter Tiefseebewohner, der bis zu 8 Meter lang, bis zu 2,5 Tonnen schwer werden und mehrere hundert Jahre auf dem Buckel haben kann. Allein die Idee scheint absurd, noch dazu ist das Fleisch des Eishais giftig und daher fast unverwertbar. Doch durch Unwahrscheinlichkeiten und Unmöglichkeiten lassen sich die beiden Dickköpfe nicht von ihrer Idee abbringen – und schaffen es am Ende immerhin, einen Blick auf den Rücken ihrer inzwischen fast zum Freund gewordenen Beute zu erhaschen, bevor diese sich von der Angelschnur losreißt und für immer verschwindet.

Der Eishai (Somniosus microcephalus) gehört zur Familie der Schlafhaie und bewegt sich relativ langsam fort. Trotzdem gelingt es ihm, Robben zu fangen. Forscher haben nun herausgefunden, wie er das schafft: Er greift die Robben an, wenn sie schlafen. Foto: Deutschlandfunk Kultur

Tatsächlich ist diese jedoch nur die Rahmenhandlung, denn eigentlich ist das Buch vom Meer eine philosophische und mitunter auch sehr poetische Reise zum Meer. Strøksnes ist Sachbuchautor – und das merkt man beim Lesen. Seine Exkurse reichen von den verschiedensten Meeresbewohnern über die Entstehung der Erde und der Evolution bis hin zu der Geschichte von den Leuchtturmwärtern auf Skrova, der Insel, auf der Aasjord mit seiner Frau Mette lebt und von wo aus die beiden Freunde auf ihre Jagd losziehen. Lässt man sich also von der Flut der Informationen mitnehmen, erfährt man viel: Nicht nur über das Meer, sondern auch über Expeditionen, über historische Meeresforschung, über die Verarbeitung von Fisch und über die Auswirkungen des Klimawandels. Teilweise klingen die Exkurse ein bisschen wie aneinandergereihte Wikipedia-Artikel und überladen den Leser mit Informationen und Fakten. Trotzdem gelingt es Strøksnes in den meisten Fällen, seine Informationen in lustige Anekdoten oder spannende Vergleiche zu packen, so dass am Ende mehr als erwartet hängen bleibt.

Auch über Strøksnes und Aasjord und deren Männerfreundschaft erfahren wir einiges. Aasjord ist ein verschrobener Künstler, der von Kind auf mit dem Meer vertraut ist und sich auf dem Vestfjord bestens auskennt. Die Eishaijagd ist nicht sein einziges Mammutprojekt: Er hat die heruntergekommene Fischfabrik seiner Familie gekauft und möchte daraus ein Kulturzentrum auf Skrova machen – was wahrscheinlich noch Jahre dauern wird. Aber die norwegische Sturheit ist auf seiner Seite.

Strøksnes ist in der Finnmark (ein Verwaltungsbezirk Norwegens, der ganz im Norden an der Grenze zu Russland liegt) aufgewachsen und arbeitet in der Großstadt als Journalist und Autor. Auch er hat eine enge Bindung zum Meer und ist mit derselben Beharrlichkeit ausgestattet wie sein Freund. Daher ist es kein Wunder, dass es zu Reibereien zwischen den Männern kommt, als der Erfolg auf sich warten lässt. Aber kein Problem wäre so groß, dass sie es nicht mit Schweigen lösen können – und so übersteht ihre Freundschaft auch diese zähe Zeit.

Die beiden Freunde Morten Strøksnes (l.) und Hugo Aasjord (r.). Foto: Marc Beckmann

Beim Lesen fragt man sich unweigerlich, wann denn der belehrende Teil über den Klimawandel und die Meeresverschmutzung kommen mag. Doch anstatt zu verurteilen oder zu warnen, zeigt Strøksnes ganz nüchtern die Veränderungen des Meeres durch den Klimawandel und die Meeresverschmutzung auf – und das auch erst ziemlich gegen Ende des Buches, wenn man das Wunder Meer kennen und lieben gelernt hat und sich in Gedanken selber schon klar darüber ist, wie verheerend die Folgen des Klimawandels sind. Das hat Strøksnes sehr geschickt gemacht.

Ich habe das Buch vom Meer in der Abenteuerabteilung gefunden, allerdings würde ich es eher als Sachbuch bezeichnen. Zwar wird man beim Lesen in den Bann des Meeres gezogen, doch ist das Buch sehr theoretisch und informativ und kein Buch zum Abschalten oder Wegtreibenlassen. Einige Passagen sind spannend und interessant, andere weniger, aber für jeden ist neues Wissen dabei.

Man sieht das Meer mit anderen Augen nachdem man das Buch vom Meer gelesen hat. Und darum geht es Strøksnes letztendlich auch: ein stärkeres Bewusstsein für das Meer, seine Einzigartigkeit und seine uns noch verborgenen Geheimnisse zu schaffen. Oder – um es in seinen eigenen Worten auszudrücken: „Das Verhältnis zwischen uns und dem Meer ist keine romantische Liebesbeziehung, bei der die gegenseitige Abhängigkeit so stark ist, dass wir nicht ohne einander leben können. Das Meer kommt prima ohne uns zurecht. Wir aber nicht ohne das Meer.“

      

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Julia

Julia

Fühlt sich in den finnischen Wäldern am wohlsten und träumt von einer eigenen Sauna im Garten. Hier in Greifswald, wo sie sich mit Skandinavistik und Fennistik beschäftigt, kann sie ihr Fernweh mit anderen teilen und ihre Liebe für Regen entdecken. Sonst immer auf der Suche nach nordischer Inspiration und abenteuerlichen Geschichten.