Ein Elefant und finnischer Fuchspelz

Wie der Tierrechtsverbund Loomus die estnische Politik aufmischt.

Stattlich erhebt die Hermannsfestung in der estnischen Stadt Narva ihren Turm in den blauen Sommerhimmel. Ihr gegenüber prunkt das mächtige russische Schloss von Ivangorod. Beide Burgen haben zahlreichen Angreifern Widerstand geleistet. Ein tiefer, reißender Fluss trennt die beiden Bollwerke voneinander und dabei nicht nur die Städte, sondern gleich zwei Staaten und Russland von der europäischen Union. Ungeachtet dieser bedeutenden Lage tummeln sich an beiden Ufern munter Angler und Sonnenbadende. Die brennende Sonne treibt Eltern und Kinder an diesem Tag im Sommer 2013 an den aufgeschütteten, flussnahen Strand. Der deutsche Zirkus Renz, der zum Gastspiel nach Narva einkehrte, schickte seine betagte Elefantendame zur Abkühlung in das kühle Nass des gleichnamigen Narva-Flusses.  Nur wenige Tage später wird dieser warme Sonnentag durch europäische Zeitungen gehen und für eine anhaltende Empörung sorgen. Die Elefantendame war, den Wärter auf dem Rücken, abgerutscht und im Fluss ertrunken. Wenige Stunden später scharten sich unzählige Schaulustige um den wuchtigen, toten Körper der Elefantin, der mit einem Bagger aus dem Fluss gehoben wurde.

Foto: Eesti Loomakaitse Selts

Ein tragischer Startschuss

Solche und ähnliche Meldungen tauchen normalerweise leider des Öfteren in den deutschen und europäischen Medien auf, verschwinden jedoch meist nach wenigen Tagen wieder und geraten in Vergessenheit. Die Empörung, die der Fall in Narva auslöste, sollte jedoch von Dauer sein und gewissermaßen zum Startschuss einer Bewegung werden, die Estland bis zu diesem Tag nicht gesehen hatte. Tierschützer versprachen, in Anbetracht des Falles nicht eher ruhen zu wollen, bevor der Fall Konsequenzen nach sich ziehe. Im Herbst 2017 war es schließlich so weit und das estnische Parlament entschied zugunsten des Verbots von Wildtieren in Tiershows. Maßgeblich beteiligt an dieser Entwicklung war der Interessensverband Loomus. Der Verband hat sich vor wenigen Jahren aus einem Zusammenschluss zahlreicher Organisationen gegründet und sich zum Ziel gesetzt, die Perspektive des Tierschutzes in öffentliche Debatten einzubringen. Ende April fand in Greifswald per Skype eine Diskussionsrunde der Hochschulgruppe JEF mit der Vorsitzenden von Loomus, Kadri Taperson, statt.

Anfang bei null

Die Vorsitzende selbst zeigt sich sichtlich stolz auf das Erreichte. „Als wir mit unserer Arbeit begonnen haben“, sagt sie „gab es im Estnischen für ‚Tierrechte‘ noch nicht einmal ein Wort.“ Seitdem sind bereits einige Jahre vergangen und der Vereinigung ist es gelungen, sich landesweit Gehör zu verschaffen. „Wir lassen nicht locker, denn wir sind auf dem richtigen Weg. Letztes Jahr haben wir es geschafft, über 500-mal im Fernsehen erwähnt zu werden, das ist für Estland schon sehr viel.“ Die geringe Größe Estlands berge im Allgemeinen viele Vorteile für eine aktive Interessensvertretung: Kontaktnetzwerke seien kleiner und es sei daher leichter, an entsprechende Kontakte zu Politikern und Partnern zu kommen. Das Wichtigste sei jedoch, betont sie, immer am Ball zu bleiben und in alle möglichen Richtungen zu arbeiten.

Estland als Präzedenzfall

In der Kampagne um das Wildtierverbot in Zirkussen hat Loomus zwar Erfolge feiern können, generell sei jedoch noch viel zu tun. Das von Loomus unterstütze Verbot von Pelztierfarmen wurde im ersten Versuch vom Parlament abgelehnt. Der gesellschaftliche Zeitgeist spiele ihnen generell allerdings in die Karten, in Estland sprechen sich nach Angaben des Umfrageinstituts Kantor Emor knapp 70% aller Einwohner gegen Pelztierfarmen im Land aus. Doch auch anderswo zeige sich eine solche Entwicklung. „Die Tierrechtsbewegung ist global“, sagt Taperson. Auch wenn die EU-weiten Initiative Eurogroup For Animals sowie zahlreiche internationale Partner von Loomus kaum direkt Einfluss nehmen können, seien entsprechende Kooperationen wichtiger denn je. „Es ist wichtig, zu kooperieren. Nur in Deutschland, England oder Estland zu arbeiten, führt zu keinem nachhaltigen Ergebnis.“ Besonders wichtig sei gerade im Zusammenhang mit Pelztierfarmen die Zusammenarbeit mit finnischen Organisationen.

„Für viele klingt das überraschend. Die meisten Pelztierfarmen befinden sich in Nordeuropa, da das Klima dort angemessener dafür ist. Gerade Finnland ist dabei oft der Spitzenreiter. Dort sieht man Versuche für ein Verbot in Estland kritisch, weil man damit einen Präzedenzfall für Finnland schaffen würde.“

Die im estnischen Keila gelegene Pelztierfarm, die größte des Landes, produziert ausschließlich für Investoren aus Finnland. Diese haben 90-95% der estnischen Pelzproduktion in der Hand.  Nach Angaben des deutschen Pelzinstitutes besitzt Finnland 47% am weltweiten Markt von Fuchspelzen.

Gemeinsam mit der Fur Free Alliance entstand eine Kampagne, in deren Rahmen estnische Designer wie Reet Aus (Foto) öffentlich den Verzicht auf Pelz unterstützen. „Als ethischer Designer hat man viele gute Gründe, um die Pelzindustrie zu umgehen. Erstens kann man die Pelztierzucht unter keinen Umständen ethisch nennen, zweitens trägt die Pelzverarbeitung ein sehr hohes Umweltrisiko.“

Mit den Augen auf 2019

Bereits in diesem Moment bereitet sich Loomus auf das Jahr 2019 vor, wenn in Estland die Wahlen zum Parlament anstehen. Der Verbund plant, seine bestehende Arbeit auszubauen und das Thema Tierschutz und Tierrechte aktiv in den Wahlkampf einzubringen, etwa durch Demonstrationen, eine allgemeine Interessensvertretung und die Erstellung eines Registers von Positionen einzelner Politiker zu bestimmten Tierrechtsfragen. Ob sich der Einsatz lohnen wird, zeigt sich frühestens im nächsten Frühjahr. Dass Loomus sich bis dahin erfolgreich (Achtung, schlechte Metapher!) durchbeißen wird, steht außer Frage.

 

                     

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Marcel

Hat einen Narren am östlichen Ostseeraum gefressen und träumt ständig vom Reisen. Beschäftigt sich in der Universität in erster Linie mit dem Deutschen und dem Russischen, unterhält aber nebenher eine intensive Liebesbeziehung zum Baltikum, insbesondere Estland. Brennt für fremde Sprachen und gesellschaftliche Themen, Funken sprühen aber auch in Sachen Kultur und Literatur.