Kann man die Ostsee lesen?

„Nie!“ „Takk!“ „Ei!“ „Doch!“

So oder so ähnlich könnte sich eine Diskussion zur gegebenen Frage anhören. Ein Meer kann man nicht lesen! Oder doch? Fragen über Fragen, mit denen sich vom 13. bis 16. September in Rostock Expertinnen und Experten aus zahlreichen Ländern beschäftigten. Das Literaturhaus Rostock hatte Literaturbegeisterte aus dem Kulturbetrieb, der Wissenschaft und den Verlagen in die mecklenburgischen Hansestadt eingeladen. Reading the Baltic | Die Ostsee lesen nannte sich die Veranstaltung, die sich gleichermaßen als internationale Literaturtagung und Lesefest verstand. Auch wir aus Greifswald waren dabei.

Kaffee, die Ostsee und diese eine Frage

Wie jede andere Tagung auch, floss auch in Rostock der Kaffee in Strömen, als sich hochrangige Vertreter aus Wissenschaft und Literatur der Ostseestaaten im Rathaus der Stadt trafen. Geschichte, Politik, Literatur, Kultur, Sprache. Das Spektrum, in dem die Region gezeigt wurde, war breit. Und auch die Abhandlungen, die auf der Tagung präsentiert wurden, waren ganz unterschiedlicher Couleur. Clas Ziliacus etwa, Übersetzer und Literaturwissenschaftler aus Åland, gelang der umfassende Parforceritt durch Jahrhunderte gemeinsamer und unterschiedlicher Wahrnehmung der Ostsee. Anette Lindegaard, Leiterin des Zentrums für Übersetzung an der Universität Kopenhagen, widmete sich hingegen Tendenzen in der Übersetzung der Ostseeliteratur. Allen Literatur- und Wissenschaffenden, egal ob aus Estland, Schweden, Russland, Polen oder Finnland, war eins gemein. Sie sehen in dieser Region nicht nur eine lose Ansammlung von Einzelkulturen, sondern ein Netz von miteinander verflochtenen Geschichten. Die Gretchenfrage, ob sich die Ostsee lesen und übersetzen lässt, scheint für sie wohl fast lächerlich.

Ein Meer – eine Bibliothek

Das unumstrittene Herzstück der Literaturtagung bildeten zwei bahnbrechende Projekte: Die Baltic Sea Library (BSL) und die umfangreiche Anthologie Die Ostsee. Beide Projekte wurden im Rahmen der Veranstaltung der Öffentlichkeit präsentiert. Die Ostseebibliothek Baltic Sea Library hat sich zum Ziel gesetzt, das Mare Balticum nicht nur als geographischen, sondern auch gemeinsamen kultureller Raum erfahrbar zu machen. Die virtuelle Bibliothek „erstellt eine einzigartige Karte der literarischen Topographie dieses Raums.“ Das digitale Archiv gewährt einen freien Zugang zu einer stattlichen Auswahl literarischer Texte. Einige von ihnen sind erst für das Projekt neu übersetzt worden. In diesem virtuellen Raum finden sich insgesamt 14 Sprachen wieder. Sogar Texte aus dem Sámischen und Latein sowie Übersetzungen ins Englische sind vertreten. Die Ostseebibliothek versteht sich jedoch nicht nur als reine Textsammlung. Durch die Veröffentlichung der Übersetzungsgeschichten ihrer Texte sieht sie sich ebenfalls als Umschlagplatz einer Ostsee-Übersetzungsszene. Erste Verlage haben sich bei der Suche nach neuen Übersetzerinnen und Übersetzern bereits an der BSL orientiert.

2000 Jahre zwischen zwei Buchdeckeln

Auch die vom Schriftsteller und Übersetzer Klaus-Jürgen Liedtke herausgegebene Anthologie Die Ostsee hat sich dem Meer zwischen Petersburg und Bornholm verschrieben. 128 Texte berichten aus 2000 Jahren Ostseegeschichte von der ersten urkundlichen Erwähnung bis zu den Problemen unserer Zeit. Die übersetzten Texte begleiten die Leserinnen und Leser auf sagenumwobene Reisen in die weißen Nächte von Sankt Petersburg, die hanseatischen Gassen von Danzig oder die sanften Küsten Dänemarks. Das kanonische Werk leistet einen bedeutenden Beitrag für eine Kulturgeschichte der Ostsee. Es legt gewissermaßen einen Grundstein für diese lange vereinte, lange getrennte Region.

Gejammte Poesie

Neben Vorträgen, Workshops und Exkursen durch Rostock, bot sich den Teilnehmenden auch ein umfassendes Kulturprogramm. Der zweistündige, mitreißende Dokumentarfilm Seestück von Volker Koepp beispielsweise, präsentiert die Ostsee aus unterschiedlichen Perspektiven. Mittels intimer Gespräche und mächtiger Bilder beweist er, dass wir letzten Endes an allen Ufern unseres Meeres ähnliche Fragen stellen und mit ähnlichen Problemen kämpfen.

Ein weiteres Highlight bildete der Baltic Jam mit Greifswalder Beteiligung. Präsentiert wurden dort Texte aus Estland, die Teil der sechsten Ausgabe der Anthologie Neue Nordische Novellen waren. Margit Lõhmus‘ Novelle „Dieser Typ“, übersetzt aus dem Estnischen, und P.I. Filimonov’s Novelle „Leyla und Anait“, übersetzt aus dem Russischen, fanden beim Publikum großen Anklang. Im anschließenden Interview mit Margit Lõhmus drehte sich alles um das Übersetzen und Übersetztwerden sowie die sich wandelnde Literaturszene in Estland. Im zweiten Teil der Veranstaltung mischten sich die Kunstformen. Estnische Prosa von Margit Lõhmus und schwedische Poesie von Johan Holmlund erklangen zu den Klängen von Marten Pankow & Friends, die zu den Texten instrumental jammten. Was im Tagungsprogramm so mühsam diskutiert wurde, scheint hier erlebbar:
Der Ostseeraum besteht nicht nur aus vielen Kulturen, er IST Kultur.

                                       

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Marcel

Hat einen Narren am östlichen Ostseeraum gefressen und träumt ständig vom Reisen. Beschäftigt sich in der Universität in erster Linie mit dem Deutschen und dem Russischen, unterhält aber nebenher eine intensive Liebesbeziehung zum Baltikum, insbesondere Estland. Brennt für fremde Sprachen und gesellschaftliche Themen, Funken sprühen aber auch in Sachen Kultur und Literatur.