„Jedem sein eigener Himmel“ – eine Kurzgeschichte von Suvi Kauppila (Teil 2)

Suvi Kauppila ist eine finnische Autorin und Übersetzerin, deren Herz für Phantastik, Alternative History, Radau und Rabatz sowie weich fallende Märchenflocken schlägt. Ihre Texte wurden in finnischsprachigen Antologien und Phantastikmagazinen sowie in der vierteljährlichen Sonderausgabe Samovar des Onlinemagazins Strange Horizons veröffentlicht.

Hier findet ihr den zweiten Teil der Kurzgeschichte „Jedem sein eigener Himmel“ in erstmaliger deutscher Übersetzung. Die Kurzgeschichte erschien 2017 im finnischen Online-Magazin Usva, wo diese auch einen vom Magazin ausgerichteten Wettbewerb gewann.

Jedem sein eigener Himmel (Teil 2)

Ich stieß morgens oft auf den Jungen, meistens an einem schlechten Tag.
Die Kopfschmerzen wollten einfach nicht verschwinden. Anstatt illegale Datenflohmärkte zu durchstöbern oder mir die Mühe ehrgeizigerer Hacks zu machen, beschloss ich, meine Raubzüge für den Tag sein zu lassen und rauszugehen. Ich folgte dem Aurajoki in Richtung Hafen. Im Overlay des Netzes bekam seine Oberfläche ein trübes Neonblau. Meine Möwen waren wieder da. Sie blieben stumm, weil ich es nicht geschafft hatte, eine Tonspur aufzutreiben. Die Vögel waren das Einzige, was ich dem Netz hinzugefügt hatte. Kleine Mods nicht mitgezählt. So wie Aiko. Im Netz schenkte sie mir auf ewig das unbeschwerte Lächeln einer Mona Lisa, geheimnisvoll und schelmisch wie eine Kitsune, die sich in die Stadt verirrt hatte. Ein gefangener Moment aus der Jahre zurückliegenden Vergangenheit. Vielleicht hätte damals etwas aus uns werden können.
Ich steckte die Hände in die Taschen, überprüfte meine Firewall und startete aus alter Gewohnheit ein paar Antivirenprogramme. Wie erwartet fanden sie nichts.
Ich traf den Jungen an der Föri, die einst im Minutentakt den Aurajoki überquert hatte. Er kauerte an Deck der stillgelegten Fähre und hatte sich in eine schmutzige Plastikplane gewickelt. Er hob den Kopf, als er jemanden kommen hörte und beugte sich wieder über seine Arbeit, sobald er meine Schritte erkannte.
„Hey, Miro. Was machst du da?“
„Geht dich nichts an“, sagte der Junge. Das war einfach eine Feststellung. Er hatte eine alte Steuereinheit geöffnet und zerlegt, die ihre mechanischen Eingeweide jetzt quer über das Deck vergoss. Seine geschickten Finger bogen Metall und Plastik auseinander und suchten hin und wieder in einem kleinen Werkzeugkasten nach Dingen, deren Funktion mir schleierhaft war.
Miro war eines der vielen Hafenkinder, die sich ihren Lebensunterhalt zusammenkratzten, indem sie alte Elektronik modifizierten. Dabei entstanden Spielzeug und Schmuck, exotische Souvenirs aus dem Cyberreich, die Bettler am Marktrand und an den Uferstraßen zum Verkauf anboten. Die meisten Kinder landeten früher oder später in den Straßengangs im Stadtzentrum. Miro wollte niemand aufnehmen. Seine fiebrigen blauen Bioptics sahen schon lange nichts mehr und würden bald sein Gehirn zersetzen. Er konnte aus Schrott Kunst zaubern, doch damit gewann man keine Bandenkriege.
Mir fiel ein neuer Tic auf seinem Gesicht auf. Der linke Mundwinkel zuckte. Ohne Behandlung würden die cherubinischen Gesichtszüge des Jungen bald langsam herabfließen wie auf einem durchnässten Gemälde. Wieder eine traurige Geschichte mehr. Die armen Familien versuchten, für die Updates ihrer Kinder gebrauchte Bauteile zu verwenden. Der Nachwuchs tat gut daran, einen Weg zu finden, sich ein neues Paar Hände leisten zu können, bevor die künstliche Haut abblätterte. Deadline nach drei Jahren. Noch beschissener war die Lage, wenn es nicht gut lief oder die Eltern sich aus dem Staub machten.
Ich erinnerte mich lebhaft daran, wie sehr ich selbst mich davor gefürchtet hatte zu erblinden. Der Staat hatte die Subventionen biotechnischer Optimierungen in meiner Kindheit eingestellt. Anstelle von Updates für Augenimplantate wurden Brillen empfohlen. Eine ständige, nagende Furcht war der Dank dafür, dass ich mein Gehirn an ein experimentelles, auf Netztechnologie spezialisiertes Start-up verkauft hatte. Ich wusste aus eigener Erfahrung, dass sich hinter jeder weitverbreiteten Innovation Jahre unethischer Tests verbargen. War aber immer noch besser, als am Hafen im Müll zu wühlen. Das musste es einfach sein.
Ich schüttelte den Kopf. Ich wollte nicht an meine alten Sorgen denken, wenn ich momentan ohnehin genug hatte.
„Machs gut“, sagte ich zu Miro und ließ ihn im Regen zurück. Das Netz hüllte den Jungen liebevoll ein. Sein Gesicht füllte sich mit durchsichtigen Nullen.

In den darauffolgenden Wochen verschlimmerten sich die Kopfschmerzen. Ich versuchte alles, von Medizinpflastern bis zu Intravenösem. Als ich die Wirklichkeit zum ersten Mal unter mir schwanken spürte und begriff, dass ein Teil verschwunden war – der allerwichtigste – saß ich stundenlang zitternd im Badezimmer auf dem Boden, eine Whiskyflasche in der Hand. Der Schnaps mochte der Antike angehören, aber er war keine Mod, also würde er zumindest nicht verschwinden.
Ich hatte geglaubt, eine der Glücklichen zu sein. Hatte auch ich eine Deadline, von der ich nichts wusste? Ein letzter Gruß von meinem ehemaligen Besitzer? Die Firma InnoBrainz war schon vor Jahren pleitegegangen und das Gehirn des Geschäftsführers hatte jemand in einem Hinterhof von Datacity verspritzt. Es gab niemanden, den ich fragen konnte. Von dem Start-up war nur noch ein inzwischen mit neuer Farbe überdecktes Tattoo in meinem Nacken übrig.

Als ich in den Spiegel sah, bemerkte ich in meinem Blick dieselbe glasige Verzweiflung wie bei den Hackern, in eben den perfekten, grün-goldenen Augen, von denen ich einst geträumt hatte. Die Wirklichkeit, die sie mir zeigten, wurde mir langsam zu eng. Ich hätte meine Augen verkauft, um zu korrigieren, was mit mir nicht stimmte, wenn das möglich gewesen wäre.
Die Spitznamen und der schwarze Humor der Hacker zehrten zunehmend an meinen Nerven. Ich hatte mir angewöhnt, mich aus Solidarität vom Netz zu trennen, wenn ich mit ihnen sprach, aber jetzt war mir schon der Gedanke daran zuwider. Aiko hielt mich mehr als einmal davon ab, mit ihnen in Streit zu geraten.
„Jetzt setzt du dich hin“, befahl sie und drückte mich an den Schultern in einen Stuhl, „und erzählst mir, was dein Problem ist.“
Ich öffnete den Mund, aber sie drückte mir die Hand auf die Lippen. „Versuch gar nicht erst zu behaupten, dass alles okay ist. Sieht doch ein Blinder, dass das nicht stimmt.“
Meine Konzentrationsfähigkeit lag in Scherben. Ich hätte ihre Hand küssen können. In einer anderen Wirklichkeit. Hatte ich auch schon getan, im Netz. Ich begann zu lachen und konnte nicht aufhören. Ein Teil von mir reagierte auf Aikos Worte, aber geistig befand ich mich auf der anderen Seite der Welt. Heute war das Netz noch offen. Jede Bindung an Ort und Zeit war abgerissen. Seltsam, wie sich den Hackern alle Türen öffneten, sobald der Selbsterhaltungstrieb nachgab. Newsserver, geschlossene Datenkanäle, exklusive virtuelle Welten. Ich erwog gerade einen ungesicherten Bungeesprung von der Spitze des Tokyo Tower, als Aikos Nägel sich in meinen Unterarm bohrten und mich ruckartig zurück in die organische Wirklichkeit rissen.
Ich starrte sie ausdruckslos an. Ihr Gesicht verschmolz mit tausenden anderen im Datenstrom, bis meine umhertastenden Gedanken einen Fixpunkt fanden.
„Deine Eltern sind gestorben.“
Ein Informationsschnipsel aus einer sorgfältig vertuschten Pandemiemeldung, der sich an mein Bewusstsein geheftet hatte.
Aikos Finger auf meinem Unterarm erschlafften. Sie stand auf und ging ohne ein weiteres Wort. Ich blieb zurück und sah ihre Gestalt verschwinden. Ihre Aura loderte heller und schöner als je zuvor.

Das Netz war die einzige Verbindung, die irgendeine Bedeutung hatte.

Nachdem ich in der Bar ein blaues Auge kassiert und Hausverbot bekommen hatte, verbrachte ich die Tage damit, neben Miro am Kai zu sitzen. Um mich herum surrte das Netz und malte dunkle Risse an den Himmel. Die Kombination aus der verzerrten Wirklichkeit und meiner Selbstmedikation gaben mir das Gefühl, chronisch seekrank zu sein. Ich wickelte mich ins Netz wie in einen zerfetzten Umhang und weigerte mich, die Verbindung zu trennen.
Ich sah zu, wie die Finger des Jungen langsam etwas aus dem Nichts erschufen. Ich wusste nicht, ob ich dazu in der Lage wäre. Könnte ich mein Leben wieder und wieder aus undefinierbaren Teilen neu aufzubauen, die nicht zusammenpassten?
Allmählich nahm die modifizierte Steuereinheit in Miros Händen Gestalt an. Sie hatte zarte, blaue Plastikflügel und kleine Schrauben anstelle der Augen. Eine grelle Netzstörung spaltete mein Gesichtsfeld wie ein Blitz. Ich kniff die Augen zusammen, aber das Nachbild hatte sich in meine Netzhaut gebrannt.
„Pass auf deine Vögel auf.“ Ich erschrak, als ich Miros Stimme so nahe an meinem Ohr hörte. Der Junge wiederholte seine Worte. Ich öffnete vorsichtig die Augen. Himmel und Erde waren noch da, ebenso Miros schmutziges Gesicht vor meinem eigenen. Er drückte seinen recycelten Vogel an die Brust.
„Du auch“, sagte ich und bemühte mich, meinen Mund zu einem Lächeln zu verziehen.
Miro runzelte die Stirn. Die Furchen blieben in den weichen Falten seiner Haut zurück. Mit dem Zeigefinger strich er über den langen Flügel des Plastikvogels. Die Aerodynamik war perfekt.
„Das is‘ doch kein Vogel. Das ist ein Jagdflugzeug.“
Ich schaute hinauf zum Himmel. Irgendwo fiel eine Bombe, still und todbringend. Der Horizont war leer. Die Vögel waren weg.
Neben mir leuchtete Miros Gestalt auf und verschwand.
Vögel gab es auf der ganzen Welt nicht mehr. Selbst an meinem eigenen Himmel nicht.
Ich trat langsam vor bis zum Ende des Kais. Die hellen Lichter des Netzes waren erloschen. Das kupferne Wasser floss in den eisernen Himmel hinein. Nicht einmal eine Feder war zu sehen.
Stück für Stück löste sich die Welt um mich herum auf. Ich fiel ins endlose Grau und konnte nicht sagen, ob sich der freie Fall noch in einen Flug verwandeln würde, bevor ich auf den Boden prallen und das verseuchte Wasser über mir zusammenschlagen würde.
Ich balancierte auf den Zehenspitzen am Rand des Kais.
Segler oder Tagfalter? Das würde sich bald herausstellen.

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Claudia Nierste