„Jedem sein eigener Himmel“ – eine Kurzgeschichte von Suvi Kauppila (Teil 1)

Suvi Kauppila ist eine finnische Autorin und Übersetzerin, deren Herz für Phantastik, Alternative History, Radau und Rabatz sowie weich fallende Märchenflocken schlägt. Ihre Texte wurden in finnischsprachigen Antologien und Phantastikmagazinen sowie in der vierteljährlichen Sonderausgabe Samovar des Onlinemagazins Strange Horizons veröffentlicht.

Hier findet ihr den ersten Teil der Kurzgeschichte „Jedem sein eigener Himmel“ in erstmaliger deutscher Übersetzung. Die Kurzgeschichte erschien 2017 im finnischen Online-Magazin Usva, wo diese auch einen vom Magazin ausgerichteten Wettbewerb gewann.

Jedem sein eigener Himmel (Teil 1)

Im Grau des frühen Morgens, das an Plastik erinnerte, schwebten riesige Möwen am Vektorhimmel. Es regnete wie immer. Die Darstellung der glänzenden Regentropfen hätte ich zwar deaktivieren können, aber das hätte die Feuchtigkeit nicht von meiner Haut vertrieben. Ich zog die Ärmel des schwarzen Kapuzenpullis bis über die Handgelenke und ging mit gesenktem Kopf am Flussufer entlang.
Ein Schwall warmer Luft begrüßte mich, als ich die Wolkenbar betrat. Den Namen krönte ein Neonschild in Form einer Pilzwolke. Diese Neohipster und Antitechnoanarchisten hatten Sinn für Humor. Schon rannen mir die ersten Schweißtropfen den Rücken hinunter, bevor das Wärmeregulierungssystem ansprang. Die Umrisse der Theke und der Möbel aus Bioholz glühten golden in meinem Blickfeld. Einen Moment lang registrierte ich etwas an seinem äußersten Rand. Ein dunkler Fleck im Netz, eine Reaktion auf die Veränderung des Lichts. Meine neuen Iristeel-Implantate hätten das eigentlich nicht zulassen sollen. Ich blinzelte. Die Störung verschwand wie eine fortgescheuchte Fliege.
„Jade! Schalt mal ab und komm her!“
Ich warf einen flüchtigen Blick auf die handgeschriebene Liste, die alles aufführte, was die Bar zu bieten hatte, von grünem Tee bis zu Halluzinogenen. Ich bestellte einen Kaffee, wegen des Retrofeelings, und steuerte auf meinen gewohnten Tisch und den vertrauten Lichtschimmer zu. Schwarze Kleidung und Haare waren Aikos Erkennungsmerkmal, aber im Netz lag über ihrer Gestalt immer ein feiner moosgrüner Glanz, der ihr ein weiches, elfengleiches Gesicht gab. Aikos Finger trommelten auf den Tisch.
Ich trennte mich mit einigen Nervenbefehlen vom Netz. Die Highways und Trugbilder des Cyberspace über der organischen Wirklichkeit verblassten und verschwanden. Anstelle einer leuchtenden Datenmetropole erschien eine verlebte Eckkneipe in einer Stadt, die langsam im Schlamm versank. Als mit biologischen Waffen bestückte Raketen Zerstörung in den Siedlungszentren Europas verbreitet hatten und die Infrastruktur zusammenbrach, waren nur die Randbereiche der Karte verschont geblieben. Die Datenrevolution floh nach Norden. Während Helsinki noch unter einer Quarantäne litt, strömten die Flüchtlinge in die übrigen Küstenstädte. Turku wurde zum Mekka der Zivilisation.
Die unausgesprochene Hoffnung war, dass man von dort auch schnell wieder wegkäme. Wenn denn jemand die Dinge in Ordnung brächte. An einem nicht allzu fernen Tag. Und dann waren fünf Jahre vergangen.
Die aggressive Akne auf Aikos rundem Gesicht war eine Nebenwirkung der Operation, die sie in einem östlichen Nachbarstaat hatte machen lassen. Ihre kräftigen Eyeliner-Tattoos streckten sich in Richtung der zierlichen Nase, die seit letzter Woche noch schmaler geworden war. Die unbearbeitete Wirklichkeit fühlte sich genauso mies an wie die Symptome einer beginnenden Depression. Ich tippte mir mit dem Zeigefinger gegen die Schläfe.
„So besser?“
Aiko grinste. „Kommen wir zur Sache.“
„Immer nur Geschäft bei dir“, seufzte ich.
Besser so. Ich wollte nicht neben Aiko aufwachen und mich vor den neuen Optimierungen fürchten, die das Tageslicht enthüllen würde. Ich wusste, dass Aiko nicht zu einem ziellosen Nomadenleben passte. In Japan gehörten die Angestellten den großen Firmen, die ihr Leben in allen Einzelheiten steuerten, von der Wiege bis ins Grab. In ihr Heimatland konnte Aiko jedoch nicht zurückkehren. Reisende aus Europa wurden abgefangen, noch bevor sie die Grenze erreichten. Vielleicht war Aikos endlose Selbstoptimierungskampagne ein Versuch, so etwas wie Ordnung in ein Leben zu bringen, das unwiderruflich aus der Bahn geraten war.
Optimierung war das Gebot der Stunde. Ich ritt auf ihrem Wellenkamm, genauer gesagt flog ich. Die alten Metaphern entwickelten sich immer noch weiter, obwohl die Tiere, auf die sie sich bezogen, schon lange ausgestorben waren. Vor einigen Jahren hatte es in der Wolkenbar von Hackern gewimmelt. Jetzt waren sie eine bedrohte Art unter vielen, alte Cyberpunks, Ritter von trauriger Gestalt, aus deren Köpfen Kabel und LED-Lämpchen ragten. Sie waren abhängig von den klobigen Steuereinheiten, die sie überallhin mitschleppten. Ikea-Repliken hatten mit der Zeit das futuristische Chrom und den Stahl ersetzt. Neonostalgie war die vorherrschende Stilrichtung und niemand trug mehr verspiegelte Sonnenbrillen, selbst wenn man ihn dafür bezahlt hätte.
Ab und zu tauchten in der Bar noch immer Relikte der antiquierten Zukunft auf. Die Hacker wussten immer, wer und was ich war. Sie erkannten wohl an meinen Augen und Gesichtszügen, dass ich nicht in derselben Wirklichkeit feststeckte wie sie. Mein Blick und die Art, wie ich mich bewegte, standen immer in einem leichten Widerspruch zur konkreten Wirklichkeit. „Hey, Segler“, rief mitunter jemand von der Theke her, oder „Scheißtagfalter“, wenn sie in ihrem Nostalgiesumpf bis zu den alten Beleidigungen gesunken waren. Mit den Hackern ließ sich gut Geschäfte machen, wenn man denn bereit war, die Spitznamen zu ertragen und ihnen Halluzinogene zu beschaffen, die sie benutzten, um das Netzerlebnis zu simulieren.
Manchmal blieb ich, um mit ihnen zu saufen, aber ihre bittere, abgekoppelte Existenz bedrückte mich. Durch die farbigen, auf der Haut verlaufenden Kabel und Schaltungen sahen sie aus, als wären ihre Innereien nach außen gekehrt worden. Die primitive Netztechnik hatte in ihren Gehirnen bleibende Schäden hinterlassen und sie mit der Technologie der folgenden Generation inkompatibel gemacht. Das Netz hatte alles aus ihnen herausgepresst und sie dann fallen gelassen. In den Körper eingebaute Computer und Biotech waren jetzt modern. Halborganische Strukturen wurden direkt ins Gehirn verpflanzt, wo sie sich auf eine Weise anpassten und weiterentwickelten, die mit keiner Steuereinheit zu vergleichen war. Niemand musste sich mehr ins Netz einloggen. Es lag immer schon ausgebreitet da, bereit, all jene aufzunehmen, die dafür genug Hirn hatten.
Ich schob Aiko über den Tisch einen Stapel alter, eckiger Speicherchips zu.
„Wär‘ übrigens viel einfacher, wenn du dir ein Datentransferimplantat holen würdest.“
„Damit du gar keine Menschen mehr treffen musst, was? Schon wieder Eigencontent…“ Aiko scannte die Chips mit ihrem alten Handterminal, an dem die billigen Ventilatoren angestrengt brummten, um ein Überhitzen zu verhindern. Das Gerät hatte wohl emotionalen Wert. „Luchse, Kolibris, Rokokomöbel, Burlesquetänzerinnen, Visitenkarten aus Pappe, Soldatenuniformen aus irgendeinem Weltkrieg… Altes Zeug.“
„Die Antike von ihrer besten Seite.“
„Und die Herkunft kann man nicht nachverfolgen?“
„Dafür bezahlst du mich doch.“
Eigencontent waren Add-ons und illegale Mods, die User mit dem passenden Gehirn in ihren Netzwerkapps installieren konnten. Fehlen in deinem Alltag ein paar Tiger, die auf der Straße lauern? Kein Problem. Eine Stripperin, die in deiner Wohnung herumhängt, unsichtbar für alle außer dir? Kriegst du. In der eigenen Wirklichkeit war alles genau so echt, wie es sein sollte. Ein kleiner Nachteil war nur, dass die zusätzlichen Verzierungen es erschwerten, in der nicht-subjektiven Wirklichkeit zu agieren. Das menschliche Gehirn war noch nicht überzeugt davon, dass die angreifende Großkatze bloß eine Konstruktion war.
Aiko ließ auf ihrem Handterminal einen Preisvorschlag aufblitzen. Ich nickte und hörte als Zeichen der erfolgten Überweisung auf meinen Wolkenaccount Ziggy Stardust losdröhnen, das ich als Erkennungsmelodie eingestellt hatte. Ich hatte eine Schwäche für Renaissancemusik.
„Ich wollt‘ dich übrigens was fragen. Woher weißt du immer, wann ich im Netz bin?“
Aiko schenkte mir ein Lächeln, das nach den vielen Bleichungsbehandlungen bereits zu bröckeln begann.
„Weil du mich sonst nicht anschaust, als würde ich dich interessieren.“
Darauf fiel mir keine Antwort ein.
Ich blieb vor der Wolkenbar stehen und erlaubte meinem Gehirn, in den Normalzustand zurückzukehren. Heute war wieder ein schlechter Tag. Die Verbindungen waren zäh und das Datennetz flackerte um mich herum, mal war es da, mal verschwunden. Ein kaltes Gefühl breitete sich in meiner Magengrube aus, als zöge mich ein Eisklumpen in Richtung Erdboden. Als sich das Netz endlich um mich herum entfaltete, pochte mein Kopf schmerzhaft und meine Handflächen waren feucht von Schweiß. Das Sicherheitsnetz hatte mich aufgefangen. Dieses Mal.

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Claudia Nierste