Gesichter der Fennistik – Gastforscher Santeri Junttila

Santeri Junttila forscht seit dem Wintersemester 2019/20 an der Fennistik der Universität Greifswald. Dort leitet er das Projekt „Baltische und ostseefinnische Sprachen im vorhistorischen Kontext“. Das Vorhaben wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert und ist auf drei Jahre angelegt.

Er beschäftigt sich mit baltischen Lehnwörtern, also mit jenen Wörtern, die ostseefinnische Stämme in vorgeschichtlicher Zeit von baltischen übernommen hatten. Im Interview sprechen wir über seine Forschungsarbeit und seine Erfahrungen dabei.

Wie erklärst du anderen, was deine Arbeit ist?

Meine Hauptarbeit liegt darin, ein Wörterbuch zu verfassen. Aber kein gewöhnliches Wörterbuch, sondern eines, in dem ich die bisher vorgeschlagenen baltischen Lehnetymologien bewerte. Diese Arbeit hat mehrere Stadien:

Zuerst habe ich die gesamte bisherige Forschung zusammengesammelt. Daraus habe ich Stichwörter ausgewählt, die ich in das Wörterbuch aufnehme. Dann sammle ich alle Daten zu den Bedeutungen und Formen jedes Worts aus den Dialektwörterbüchern der ostseefinnischen Sprachen und gruppiere die Bedeutungen. Als Nächstes muss ich in der gesamten baltoslawischen Sprachgruppe Daten über das mutmaßliche Lehnoriginal finden, um sie mit den ostseefinnischen zu vergleichen. Hier brauche ich auch Hilfe von BaltistInnen, um mir die litauischen Mundartbedeutungen zu übersetzen.

Am Ende kann ich die bisherige Forschung kompakt skizzieren und meine eigenen Schlussfolgerungen ziehen. So sieht es im einfachsten Fall aus. In der Praxis geht es aber nicht immer so glatt.

Was für Schlussfolgerungen sind das? Wird sich unser Bild von den ostseefinnisch-baltischen Kontakten am Ende deiner Forschung verändert haben?

Es gibt zwei Arten (alter) Lehnwörter. Eine Art sind Kulturwörter, z. B. ahingas ‚Fischgabel‘, aisa ‚Deichsel‘ oder herne ‚Erbse‘, die uns helfen können, die zeitlichen Grenzen von technischen oder kulturellen Innovationen zu definieren. Die allermeisten sind aber sogenannte überflüssige Entlehnungen [‚Gelegenheitsentlehnungen‘, Anm. v. NHT], die nichts Neues aufweisen, sondern nur neue Bezeichnungen für alten Erscheinungen sind, wie hammas ‚Zahn‘, tytär ‚Tochter‘ oder ahdas ‚eng‘. Sie werden meistens deshalb entlehnt, weil neue Wörter frischer oder ‚cooler‘ klingen. Diese können aber lautliche Züge aufweisen, die zur Beschreibung der Chronologie der Sprachentwicklung beitragen.

Wie sah das Zusammenleben aus? Kann man sagen, ob die verschiedenen Völker und Stämme nebeneinander oder miteinander gelebt oder sie sich nur peripher getroffen haben?

Die baltischen Lehnwörter sind ziemlich zahlreich, 200 bis 300 Stück, und so alt, dass ein großer Teil – sogar die meisten von ihnen – sicher schon verloren gegangen sind. Also müssten die Kontakte intensiv gewesen sein und lange gedauert haben. Dafür sprechen auch die Bedeutungen einzelner baltischer Entlehnungen, die verschiedene Körperteile oder die Braut und den Bräutigam bezeichnen. Wahrscheinlich hat es also einen zweisprachigen Stamm oder zumindest eine zweisprachige Sprechergemeinschaft gegeben.

An welcher Stelle geht es bei deinem Arbeitsablauf mal nicht glatt? Gibt es Sackgassen bei einzelnen Wörtern?

Etymologie ist eine langsame Wissenschaft: die Kernmethode ist im Prinzip seit 150 Jahren gleich, obwohl die ForscherInnen große Fortschritte mit ihrer Implementierung gemacht haben. Sehr alte Beobachtungen können noch valide sein – auch solche, die nicht leicht in der Literatur zu finden sind. Man muss viel in alter und neuer indogermanistischer und uralistischer Literatur wühlen, um alles Wesentliche zu finden, und im Internet ist noch nicht alles abrufbar. Und natürlich gibt es auch solche Fälle, bei denen ein Wort mehrere mögliche Etymologien zu haben scheint, aber keine von ihnen ganz befriedigend ist. Dann versuche ich immer, eine bessere Erklärung zu finden. Das kann aber tagelang dauern und auch erfolglos bleiben.

Wo begann dein Interesse für gerade dieses Gebiet der Finnougristik?

Ich arbeitete im Schuljahr 2002/2003 als Finnischlehrer am Nordischen Gymnasium in Riga. Davor hatte ich zwar Litauisch studiert, war aber mehr an den skandinavischen und germanischen Lehnwörtern interessiert. In Lettland ist mir das Baltische nähergekommen, und so habe ich mich entschieden, mich auf die baltischen Lehnwörter zu konzentrieren. Meine Magisterarbeit hat den Anfang ihrer Forschungsgeschichte behandelt, meine Doktorarbeit viel später dann die gesamte Forschungsgeschichte.

Ist der Standort Greifswald vorteilhaft für das Forschen an deinem Forschungsgebiet oder unterscheidet sich dein Arbeiten hier von dem an einer großen Uni wie in Helsinki?

Der Unterschied ist gar nicht so groß wie man sich ihn vorstellen könnte. In Helsinki habe ich eher EtymologInnen als KollegInnen, sodass die Diskussionen lebhaft waren. Aber wir können auch online alles diskutieren. In Greifswald ist die Bibliothek unglaublich gut, wie sie uns ForscherInnen bedient und bis spätnachts offen bleibt.

Welchen Ratschlag würdest Du angehenden Fennistikstudierenden geben?

Man sagt, dass wenig Wissen gefährlich ist. Das gilt aber nicht bei Sprachen. Mein Ratschlag für angehende FennistInnen ist, möglichst viele Sprachen zu lernen, auch wenn es nur Anfänge sind. Sprachen eröffnen neue Welten!

Das Interview führte Niklas Henrik Tonnätt,
Studierender der Baltistik und Fennistik.

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Marcel

Hat einen Narren am östlichen Ostseeraum gefressen und träumt ständig vom Reisen. Beschäftigt sich in der Universität in erster Linie mit dem Deutschen und dem Russischen, unterhält aber nebenher eine intensive Liebesbeziehung zum Baltikum, insbesondere Estland. Brennt für fremde Sprachen und gesellschaftliche Themen, Funken sprühen aber auch in Sachen Kultur und Literatur.