Finnland-Alumni – Teil 6: Liina Lutsepp

Bild: Privat

Fennistik – es klingt im Namen schon an – ist die Wissenschaft von der finnischen Sprache, Literatur und Kultur. Am Greifswalder Institut kann man jedoch nicht nur Finnland kennenlernen, sondern auch seinen Nachbarn Estland. Warum lohnt sich ein Blick auf die kleine Ostseeraumsprache? Was sollte man in Estland auf jeden Fall gemacht haben?

In Folge 6 unserer Interviewreihe stellt sich die Greifswalder Estnischlektorin Liina Lutsepp – ihrerseits Fennistin – unseren fünf fennistischen Fragen.

Zuerst einmal: Wie hat es dich an die Greifswalder Fennistik verschlagen?

Mein ganzes Leben lang war ich immer mit der Sprach- und Literaturwissenschaft sowie mit dem Unterrichten verbunden. Schon im Gymnasium habe ich in eine Klasse mit Sprachschwerpunkt besucht – neben Estnisch lernten wir dort auch Russisch, Deutsch, Englisch, Finnisch und Literatur.

Nach dem Abitur entschied ich mich folgerichtig für das Studium der estnischen und finnisch-ugrischen Philologie an der Universität Tartu. Meine Abschlussarbeit befasste sich mit mündlicher Rede, genauer gesagt mit längerem Feedback in alltäglichen estnischen Gesprächen. Danach war ich Lehrerin für estnische Literatur und Sprache an einem Gymnasium (eigentlich  – Lehrerin für Literatur und estnische Sprache).

Mitte der 2010er Jahre wollte ich dann gerne meinen Horizont erweitern und studierte an der Universität Tallinn Estnisch als Zweit- und Fremdsprache. 2016 bin ich als Erasmuspraktikantin nach Greifswald gelangt und seit 2019 habe ich das Glück, das hier ansässige Estnischlektorat mitaufbauen zu dürfen.

Was bleibt dir besonders im Gedächtnis, wenn du auf dein Studium zurückblickst?

Zunächst muss ich sagen, dass meine beiden Studienphasen da sehr unterschiedlich waren und sich viele Lehrmethoden geändert haben: In den 1990er Jahren gab es hauptsächlich Vorlesungen, in den 2010er Jahren gab und gibt es mehr Seminarformen, Gruppenarbeiten und E-Learning.

Die Universität Tartu bot eine sehr gründliche Ausbildung in meinem Fachbereich an. In Tallinn wiederum verschaffte man einen guten Überblick über Theorien und Methoden des Zweit- und Fremdsprachenerwerbs. Dort habe ich gelernt, die estnische Sprache und Kultur an Anderssprachige zu vermitteln. Außerdem habe ich dort die Möglichkeit und den Mut gefunden, mein Wissen außerhalb Estlands anzuwenden.

Obwohl ich mich auf eine Sprache konzentriert habe, die von etwas mehr als einer Million Menschen gesprochen wird, hat mein Studium viele praktische Früchte getragen. Das Interesse an der estnischen Sprache wächst, im Moment kann man Estnisch weltweit an ca. 30 Unis studieren. Hier also meine Schlussfolgerung: jede Philologie und Pädagogik bietet ein breites Betätigungsfeld.

Hättest du konkrete Kulturtips für jemanden, der in die estnische Kultur hineinschnuppern möchte?

Besonders in der estnischen Filmlandschaft gibt es vieles zu entdecken. Zuallererst lohnt sich auf jeden Fall ein Blick auf Martti Heldes Film „Risttuules“ (’Im Kreuzwind’) – eine Geschichte, die in einer besonders poetischen Sprache über die Deportationen im Juni 1941 erzählt. Dann empfehle ich dringend Regisseur Joosep Matjus Dokumentarfilm „Tuulte tahutud maa“ (’Das vom Wind geformte Land’), der eine Hommage an die estnische Natur liefert.

Mein persönlicher, unbestrittener Favorit ist Rainer Sarnets „November“, ein bezauberndes, stilvolles und etwas beängstigendes Märchen für Erwachsene, das auf dem gleichnamigen Roman von Andrus Kivirähk basiert – dem meistgelesenen estnischen modernen Schriftsteller. Außerdem lohnt es sich, einmal in estnische Klassik hineinzuschnuppern, zum Beispiel Anton Hansen Tammsaare oder Jaan Kross. Diese Top-Prosaisten kann man auch in deutscher oder finnischer Übersetzung genießen.

Und eine letzte Empfehlung: Wenn ihr die Chance habt, geht in einen estnischen Wald um Pilze und Blaubeeren zu sammeln oder in ein Moor für den Sonnenaufgang und ein Bad im Moorteich.

Wieso würdest du Fennist*innen und Nichtfennist*innen empfehlen, auch einen Blick auf Estnisch zu werfen?

Schon alleine deshalb, weil man als Lerner einer großen Sprache einer von Tausenden, bei Estnisch vielleicht aber sogar einer der Einzigen sein kann. Eine Person mit derart seltenen Fähigkeiten sucht man überall dort, wo man beispielsweise erfolgreiche geschäftliche oder anderweitige Beziehungen aufbauen möchte.

Zweitens kann man natürlich sagen, dass es für diejenigen, die sich schon mit der finnischen Sprache angefreundet haben, definitiv einfacher ist, Estnisch zu lernen, da es viele Ähnlichkeiten in der Sprachstruktur und im Wortschatz gibt.

Drittens bieten Kenntnisse im Estnischen (und Finnischen) die Möglichkeit, die Welt aus einer ganz anderen – einer finno-ugrischen – Perspektive zu betrachten.

Viertens ist die estnische Sprache komplex und dadurch einfach schön. Und schönen Dinge verdienen immer leidenschaftliche Hingabe, auch wenn die sogenannten praktischen Vorteile nicht sofort ersichtlich sind.

Was würdest du angehenden Fennistikstudierenden mit auf den Weg geben?

Am wichtigsten ist es, die Neugier und Leidenschaft zu bewahren und zu füttern. Man darf nicht vergessen, dass die einzigen Freuden, deren Übertreibung man nicht fürchten braucht, geistiger Natur sind. Daher wünsche ich erfolgreiche Wanderungen auf den finnisch-ugrischen Pfaden!

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Marcel

Hat einen Narren am östlichen Ostseeraum gefressen und träumt ständig vom Reisen. Beschäftigt sich in der Universität in erster Linie mit dem Deutschen und dem Russischen, unterhält aber nebenher eine intensive Liebesbeziehung zum Baltikum, insbesondere Estland. Brennt für fremde Sprachen und gesellschaftliche Themen, Funken sprühen aber auch in Sachen Kultur und Literatur.