Falsche Freunde unter Nachbarn

Die skandinavischen Sprachen, genauer die festlandskandinavischen Sprachen, das sind Dänisch, Norwegisch und Schwedisch, ähneln sich sehr und manch einer geht sogar so weit, diese auf Grund ihrer großen Ähnlichkeit als Dialekte zu bezeichnen. Sie gehören zu den nordgermanischen Sprachen innerhalb der germanischen Sprachfamilie. Das Nordgermanische löste sich ca. im 2. Jahrhundert von anderen Formen des Germanischen und etablierte sich als gesamtskandinavische Ursprache. Später bildeten sich zwischen den Jahren 500 und 750 zwei große Dialektgruppen heraus, die als Ost- und Westnordisch bezeichnet werden und aus denen zum einen Isländisch und Färöisch und zum anderen Dänisch, Norwegisch und Schwedisch hervorgegangen sind. Wechselnde Bündnisse und eine über Jahrhunderte bis heute andauernde gemeinsame Geschichte sorgten dafür, dass sich die Sprachen immer wieder wechelseitig beeinflussten und sich so einander anglichen.

Heutzutage kann die Person, die eine festlandskandinavische Sprache spricht auch die anderen zwei Sprachen zu einem gewissen Grad verstehen. Insbesondere wenn man einen Blick auf die Schriftsprachen wirft, fallen die zahlreichen Gemeinsamkeiten direkt ins Auge. Das erleichtert selbstverständlich die Kommunikation mit den jeweils anderen nordischen Nachbarn. Sogar in offiziellen Institutionen, wie dem Nordischen Rat, wird interskandinavische Kommunikation praktiziert. Jedes Anliegen darf auf Dänisch, Norwegisch oder Schwedisch vorgebracht und diskutiert werden. Doch so groß die Ähnlichkeiten zwischen den Sprachen auch sind, so wichtig ist es, sich über die kleinen aber feinen Unterschiede in Form von false friends im Klaren zu sein. Nicht selten bietet ein Gespräch zwischen Dänen, Norwegern und Schweden reichlich Raum für Missverständnisse.

Sprechen Norweger und Dänen beispielsweise von en rar fyr können sie jeweils etwas vollkommen anderes meinen. Während die Dänen von einem netten Kerl sprechen, bezeichnet das Adjektiv rar im Norwegischen diesen Kerl vielmehr als merkwürdig. Ähnliches kann bei der Verwendung des Adjektivs rolig passieren, das im Dänischen ruhig und im Schwedischen lustig bedeutet. Sprechen Schweden von einem Grund oder Anlass für etwas, meinen Norweger mit dem gleichen Wort anledning eine Möglichkeit für etwas. Wenn auf die Einladung eines Schweden also vom Norweger die Antwort „ikke har anledning til å komme“ (Habe nicht die Möglichkeit zu kommen) folgt, kann das schnell als Beleidigung empfunden werden.

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David

David

Begeistert sich von A wie Astrid Lindgren bis Z wie Zlatan Ibrahimovic für alles, was sich in der schwedischen Gesellschaft abspielt. Mag die nordische Peripherie, genauso wie das kosmopolitische Stockholm und hat ansonsten ein Faible für skandinavische Kinderliteratur, Esskultur und für’s Fotografieren.
Studiert im Master Kultur-Interkulturalität-Literatur und träumt vom Leben in Schweden.