Erwachsenwerden in der Apokalypse: The Rain (DK 2018)

Special: Dänische TV-Serien für den Sommer (Teil 1)

Gerade noch stand Simone Andersen (Alba August) kurz vor dem Examen, als sich ihr Leben innerhalb von wenigen Stunden komplett auf den Kopf stellt. Der Grund: Es wird bald regnen. Simones Vater Frederik (Lars Simonsen, Die Brücke Staffel 1) packt Simone und ihren kleinen Bruder Rasmus (Lucas Lynggaard) ins Auto und die Familie verlässt fluchtartig die Stadt. Sie schaffen es gerade noch rechtzeitig vor dem Regen in einen versteckten Hightech-Bunker, mitten im Wald. So beginnt die apokalyptische TV-Serie „The Rain“ von Jannik Tai Mosholt (Borgen – gefährliche Seilschaften und Follow the Money), Esben Toft Jacobsen und Christian Polativo. Die Serie ist die erste Netflix-Produktion aus Dänemark und ist seit dem 4. Mai 2018 auf dem Streamingportal verfügbar.

Die Flucht vor dem titelgebenden Regen hatte einen guten Grund, denn das Regenwasser ist mit einem tödlichen Virus verseucht, das alle Infizierten innerhalb von wenigen Minuten tötet. Dies wird eindrucksvoll an Simones und Rasmus‘ Mutter Ellen (Iben Hjejle) gezeigt, die noch in der ersten Folge vor den Augen ihrer Kinder an der Virusinfektion stirbt. Die beiden Kinder sind fortan auf sich gestellt, denn der Vater hat sich als einer der höheren Angestellten im Forschungsunternehmen Apollon auf die Suche nach einem Heilmittel begeben. Simone und Rasmus verbringen sechs Jahre im geheimen Apollon-Bunker, bis ihnen langsam die Essensrationen ausgehen und sie den Bunker verlassen müssen. Schnell müssen sie erkennen, dass das Dänemark von vor sechs Jahren nicht mehr existiert. Die Straßen Kopenhagens wirken zwar wie leergefegt, doch es streifen gefährliche Banden von hungrigen Menschen durch die Straßen und Patrouillen einer schwer bewaffneten Miliz greifen Überlebende auf.

Sie machen sich auf die Suche nach ihrem Vater und treffen bald auf eine Gruppe junger Leute. Anführer Martin (Mikkel Boe Følsgaard, Die Erbschaft) nimmt sie nur wiederwillig mit, denn Simone und Rasmus haben keine Ahnung, wie man in dieser unbarmherzigen und brutalen Welt überlebt, in der ein falscher Schritt in eine Pfütze den Tod bedeuten kann…

Stark ist diese Serie vor allem durch die Kontrastierung von düsteren apokalyptischen Szenen und plötzlicher heiterer Unbeschwertheit, die die Jugendlichen authentisch wirken lassen. Das Hadern mit der eigenen Identität, Liebeskummer und Eifersucht sind auch in einer lebensfeindlichen Welt ganz normaler Bestandteil des Erwachsenwerdens und man kann in manchen Momenten schnell vergessen, dass die Gruppe eigentlich ums Überleben kämpft. In Flashbacks werden die Vorgeschichten der individuellen Charaktere erzählt, was den Figuren nach und nach mehr Tiefe verleiht, doch anfänglich entsprechen sie doch etwas zu sehr dem Klischee einer typischen Jugendgang: Da ist Martin der Anführer, Patrick (Lukas Løkken) der Mitläufer, Lea (Jessica Dinnage) die Außenseiterin, Jean (Sonny Lindberg) der Tollpatsch und Beatrice (Angela Bundalovic) die geheimnisvolle Schöne.

Schade ist, dass der eigentliche Kern der Serie – der Regen – seltsam wenig durchdacht wirkt. Beispielsweise sind Pfützen und andere Wasserläufe große Gefahren, doch Luftfeuchtigkeit, Tautropfen und Nebel sind es nicht. Trinkwasserprobleme scheint es auch nicht zu geben, denn das Wasser kann schnell und einfach mit einem tragbaren Filter gereinigt werden.

Doch trotz den kleineren inhaltlichen Schwächen ist The Rain eine sehenswerte Coming-of-Age-Dystopie, die auf düstere Weise vom Erwachsenwerden in der Apokalypse erzählt.

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Katharina

Katharina

Hat Skandinavien und besonders die Insel Bornholm in ihr Herz geschlossen. Liebt Literatur, Kunst(-handwerk) und Design aus Skandinavien und ist immer offen für Neues. Kann das Forschen auch nach dem Masterstudium nicht lassen und promoviert jetzt zu skandinavischer Literatur.