Ein Gespräch mit Mareike Holfeld

Ehemalige erzählen…

Im Rahmen unserer Reihe Ehemalige erzählen berichten wir von Alumni der Skandinavistik in Greifswald über ihre Erfahrungen und die alles entscheidende Frage: „und was macht man dann damit?“. Dieses Mal haben wir uns mit Mareike Holfeld getroffen, die inzwischen die Öffentlichkeitsarbeit und Presse des bekannten Hamburger Theater Kampnagel leitet.

 

Baltic Cultures: Warum haben Sie sich damals für die Skandinavistik entschieden? Und waren Sie vielleicht auch an anderen Unis, bevor (oder nachdem) Sie in Greifswald waren?

Mareike Holfeld: Nach dem Abi 1992 hatte ich mich recht schnell entschieden, in Greifswald zu studieren. Auf jeden Fall Germanistik, weil ich mit dem Berufswunsch Journalistin gestartet bin und damals dachte, man müsse dann unbedingt Germanistik studieren. Ich hatte in der 11. Klasse begonnen, bei der Ostsee-Zeitung zu scheiben. Auf der Suche nach einem zweiten Magister-Hauptfach bin ich auf Skandinavistik gestoßen, hatte Lust, noch eine Sprache zu lernen und mich für Norwegisch entschieden. Skandinavistik war also gar nicht meine erste Wahl, wurde dann aber ziemlich schnell mein Lieblingsfach. Ich hatte die Möglichkeit, nach den ersten beiden Semestern für ein „Schuljahr“ an die Skjeberg Folkehøyskole zu gehen, die so unmittelbar nach dem Mauerfall der Uni in der ehemaligen DDR ein Stipendium für eine/n Studierende/n anbot. Da hatte ich Glück, dass meine Norwegisch Lektorin Laila Prüsse wusste, dass ich als freie Mitarbeiterin bei der Zeitung war, denn die Schule hatte einen Journalistik-Schwerpunkt und ich habe in der Klasse für „Avisjournalistikk“ ganz viel über Medien in Norwegen gelernt und die Sprache natürlich auch – unter lauter Gleichaltrigen 18- bis Anfang-20-Jährigen.

Baltic Cultures: Waren Sie während Ihres Studiums in Skandinavien? Haben Sie vielleicht sogar noch Kontakt nach Skandinavien?
Mareike Holfeld: 
Nach dem Jahr an der Folkehøyskole war ich, nach dem Grundstudium in Greifswald, noch einmal für ein Jahr in Trondheim. Dort wollte ich aber explizit nicht Sprache und Literatur studieren, weil ich das ja in Greifswald schon tat, sondern etwas anderes ergänzen und habe mich für das „Grunnfag Sosiologi“ entschieden. Mit einer Kommilitonin aus Trondheim bin ich nach wie vor sehr gut befreundet. Wir versuchen uns seitdem einmal im Jahr zum Wandern zu treffen und haben das über die vergangenen 20 Jahre auch bis auf wenige Ausnahmen geschafft. Aus der Zeit an der Folkehøyskole habe ich auch noch ein paar gute Kontakte. Mir ist es schon wichtig, den Kontakt nach Norwegen nicht abreißen zu lassen. Ich stecke längst nicht mehr besonders tief drin in dem, was in dem Land so los ist, aber es interessiert mich nach wie vor.

Baltic Cultures: Wie sind Sie zu Kampnagel gekommen und war es schwierig, diesen Job zu finden?
Mareike Holfeld: Zu Kampnagel in die Öffentlichkeitsarbeit bin ich in der Tat erst etliche Jahre nach dem Studium gekommen. Mit Skandinavistik habe ich beruflich nie wirklich direkt zu tun gehabt. Ich habe zuerst ein Volontariat bei der Ostsee-Zeitung gemacht, mich aber dann Anfang der 2000er Jahre doch gegen den Journalismus entschieden und nach zwei Jahren in der Vorstandsassistenz/Öffentlichkeitsarbeit in einer kleinen Technologiefirma noch ein Aufbaustudium Kulturmanagement in Edinburgh gemacht. Es zieht mich offensichtlich eher in den Norden. In Schottland habe ich nach dem einjährigen Kurs angefangen, im Kulturmarketing zu arbeiten und von dort bin ich dann 2007 nach Hamburg zu Kampnagel.

Baltic Cultures: Was bringt Ihnen das Studium heute für Ihren Arbeitsalltag?
Mareike Holfeld: Noch vielmehr als an das, was er uns in den Vorlesungen über Ibsen, Hamsun & Co. erzählt hat, erinnere ich mich daran, dass unser damaliger Literatur Professor Walter Baumgartner auf die verzweifelte Frage, was wir denn eigentlich Berufsrelevantes in diesem Studium lernen würden, geantwortet hat: „Sie lernen, die Bibliothek zu benutzen.“ Und Recht hatte er. Im Studium lernt man zu denken, Fragen zu beantworten, Lösungen zu finden und das ist genau das, was man später in jedem Job braucht. Das was ich mache, Öffentlichkeitsarbeit für ein zeitgenössisches Theater, ist kein Ausbildungsberuf und auch nur bedingt in einem Studium zu lernen. Einen solchen Job und viele andere auch, lernt man einfach, indem man sie macht. Ein Studium, das Spaß macht, bei dem man sich in Inhalte vertieft und über den Tellerrand hinaus liest, ist die beste Voraussetzung dafür. Es spielt überhaupt keine Rolle, dass einem Grundkenntnisse im Altisländischen nicht unmittelbar helfen, einen Serienbrief zu erstellen. Dafür braucht man kein Studium, aber um zu verstehen, wie Dinge zusammenhängen, dafür schon.

Baltic Cultures: Haben Sie einen Buch-, Film- oder Theatertipp aus Skandinavien?
Mareike Holfeld: Hmm, auf Kampnagel zeigen wir nicht sooo oft Arbeiten aus Skandinavien, aber alle zwei Jahre gibt es bei uns das NORDWIND FESTIVAL. 2017 unter anderem mit der norwegischen nationalen Company für zeitgenössischen Tanz Carte Blanche. Die Gruppe ist zum ersten Mal in Hamburg, da bin ich gespannt. Das Festival findet biennal statt, immer im selben Rhythmus wie die Nordischen Literaturtage im Literaturhaus Hamburg. Ich fahre auch nach wie vor jedes Jahr sehr gern zu den Nordischen Filmtagen nach Lübeck. Da habe ich in diesem Jahr u.a. den Film „Darling“ von Birgitte Stærmose gesehen, dessen Hauptdarsteller Danica Curcic und Gustaf Skarsgård ich sehr beindruckend fand. Skandinavische Bücher, die ich in den letzten Jahren ein paar Mal verschenkt habe, waren zum Beispiel „Widerrechtliche Inbesitznahme“ von der schwedischen Autorin Lena Andersson und von dem Norweger Roy Jacobsen „De Usynlige“ (dt. „Die Unsichtbaren“). Im Schauspielhaus Hamburg gibt es eine sehr interessante Peer Gynt Inszenierung von Simon Stone, die 2016 rauskam und mich beeindruckt hat, weil der Regisseur das Stück, wie ich finde, überzeugend aktuell überschrieben hat und vor allem den Frauenfiguren sehr viel größere Bedeutung gibt. Im Schauspielhaus Repertoire gibt es auch eine gute John Gabriel Borkman Inszenierung von Karin Henkel. Die Version, die ich vor ein paar Jahren in Berlin von Vegard Vinge und Ida Müller gesehen haben, hat mich allerdings noch nachhaltiger beeindruckt. Das sind unglaubliche Theatermacher.

Das Festival Nordwind „präsentiert […] alle zwei Jahre auf Kampnagel Perlen der Performancekunst, Tanz und Musik aus den nordischen und baltischen Länder“1. Dieses Jahr findet das Festival vom 8.- 16. Dezember statt. Skandinavistik-Studierende bekommen Tickets für 5€. Das Programm findet ihr hier: Nordwind-Programm.

 

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Karen

Leidet unter chronischem Fernweh. Ist daher immer in der Weltgeschichte unterwegs – sei es reisend, am Planen von Reisen oder durch das Lesen von Berichten über die Welt. Interessiert sich ansonsten für Kunst, Kultur und Kurioses. Studiert in Greifswald Skandinavistik und Kunstgeschichte im Bachelor und liebäugelt besonders mit den Färöern.