Die nationalen Minderheiten Schwedens – 3. Teil

Die Juden – Eine Geschichte der Diskriminierung

Die Juden gelten in Schweden unter den nationalen Minderheiten als nicht-territorielle Minderheit, sie sind also über das gesamte Land verteilt. Die ersten Kontakte der Schweden bzw. der Wikinger mit den Juden gab es schon in den Jahren zwischen 700 und 900 am Schwarzen und Kaspischen Meer. Die ersten Aufzeichnungen zur Existenz der Juden in Schweden sind auf das 16. Jahrhundert datiert. Die Juden begannen zu dieser Zeit, sich dort niederzulassen, konvertierten aber häufig zum Christentum und nahmen mehr schwedisch klingende Namen an, um ihre Herkunft zu verstecken. Denn im 18. Jahrhundert war in ganz Europa die Einstellung gegenüber Juden eher feindlich und es existierten viele Einschränkungen und Verbote, z.B. wo sie sich ansiedeln und welche Berufe ausgeübt werden durften. Eine Ehe war nur innerhalb der Religionsgemeinschaft möglich.

Erst Ende 1770 wurden die ersten jüdischen Gemeinschaften in Stockholm und Marstrand zugelassen. Dennoch dauerte es noch fast 100 Jahre bis zu einer nahezu vollständigen Emanzipation der Juden in Schweden mit den gleichen Rechten wie die übrigen Bürger. Auch die Ehe mit Nicht-Juden wurde legitimiert. Schließlich war es sogar Andersgläubigen erlaubt zum Judentum zu konvertieren.

Eine größere Immigrationswelle gab es Anfang des 20. Jahrhunderts. Zunächst durch Einwanderer aus Russland und später auch aus Nazi-Deutschland. Aber auch hier waren sie Antisemitismus ausgesetzt, wenn auch nicht so extrem wie in Deutschland. In den 1940er Jahren folgten Juden aus Norwegen und Dänemark, aber auch ca. 10.000 Juden aus den Konzentrationslagern Deutschlands. Ein Drittel blieb in Schweden, die übrigen gingen entweder zurück oder in den 1948 neu gegründetet Staat Israel. Eine weitere größere Einwanderungswelle von Juden aus Ungarn, der Tschechoslowakei und Polen zog sich von den 1950ern bis in die 1970er Jahre. Mit der 1951 beschlossenen Religionsfreiheit, war es jedem selbst überlassen, ob er ein Teil einer Religionsgemeinschaft sein möchte, wodurch es auch den Juden ermöglicht wurde, aus der religiösen Gemeinschaft auszutreten. Heutzutage sind viele Juden nicht religiös. Sie sehen das Judentum als eine Lebenseinstellung und als Sicht auf die Welt.

Stora synagogan i Stockholm

©Frankie Fouganthin via Wikimedia Commons

Heutztage gibt es viele Gesellschaften und Vereine, die sich für die jüdische Gemeinschaft einsetzen und gegen die Vorurteile und den immer noch vorhanden Antisemitismus kämpfen. Auch jüdische Schulen und Altenheime sowie jüdische Zentren und Synagogen befinden sich in Schweden. Besonders in Stockholm gibt es eine ausgeprägte jüdische Kultur mit einem jüdischen Theater, einem jüdischen Filmfestival, einem jüdischen Museum und einer jüdischen Bibliothek.

Die ursprüngliche Sprache der Juden, das Jiddische, ist als nationale Minderheitensprache anerkannt. Sie ist schon Tausende Jahre alt und besitzt Elemente aus dem Deutschen, Slawischen und dem Hebräischen, was besonders im religiösen Zusammenhang auffällt. Durch Migration und Flucht der Juden enthält das Jiddische viele verschiedene Einflüsse, hat aber im Gegenzug ebenfalls seine Spuren in den Sprachen hinterlassen. War Jiddisch zur Zeit des Zweiten Weltkrieges mit ca. 12 Mio. Sprechern die drittstärkste germanische Sprache, sind es heutzutage nur noch 4 Mio. Sprecher. In Schweden gibt es schätzungsweise 4.000 Sprecher, wobei die Kinder dieser häufig zwar die Sprache verstehen, aber sie nicht aktiv verwenden. Trotzdem erscheinen jährlich ca. 100 Bücher auf Jiddisch. An den Universitäten in Lund und Uppsala kann man sogar Jiddisch studieren.

Die Roma – Ein andauernder Kampf um Anerkennung

Die Roma können eigentlich nicht als eine homogene Gruppe betrachtet werden, da es viele unterschiedliche Gruppierungen gibt. Ihren Ursprung haben sie aber alle in Indien und Pakistan. Die erste Aufzeichnung über Roma in Schweden stammt aus dem Jahr 1512, als eine Gruppe Roma wahrscheinlich von Griechenland über Schottland nach Stockholm kam, was auch anhand der Namen in den alten finnischen, norwegischen und schwedischen Romafamilien erkennbar ist. Später werden sie „Tattare“ genannt, was heutzutage als diskriminierend gilt, genauso wie die Bezeichnung „Zigeuner“. Diese und folgende Gruppen wurden schnell als Problem in der Gesellschaft angesehen, weswegen 1617 der Reichstag den Beschluss verabschiedetete, der die Ausweisung der Roma beinhaltete. Eine Verschärfung dieses Gesetzes 1637 befahl, dass Männer nun getötet und nur noch die Frauen und Kinder ausgewiesen werden sollten.

Roma reisten auf dem Land häufig von Dorf zu Dorf, um dort ihr Handwerk anzubieten. Im 18. Jahrhundert verrichteten sie in der Kriegsmacht Arbeit, z.B. als Feldjäger und in der Artillerie, wurden aber dennoch stark diskriminiert. Das sogenannte „fahrende Volk“ war bereits im 19. Jahrhundert in ganz Schweden zu finden und lebte oft, hingegen vieler Vorurteile, in Dörfern. Eine neue Gruppe Einwanderer aus Russland und Frankreich teilte die Roma neu ein. Die „Tattare“ waren eine arme, umherfahrende Gruppe, die aber Schweden waren. Die neuen Einwanderer waren nun die „Zigeuner“.

Roma lebten wie Staatslose und waren gezwungen herumzureisen, da sie sich nicht lange an einem Ort aufhalten durften. Ohne festen Wohnsitz hatten sie aber kein Wahlrecht oder Recht auf Bildung. Von 1914-1954 war es den Roma sogar verboten nach Schweden einzureisen, und das obwohl sie sich während des Nationalsozialismus‘ in der gleichen Situation wie die Juden befanden. Durch die in ganz Europa verbreitete Rassenbiologie des 20. Jahrhunderts wurden die Roma noch mehr diskriminiert und traktiert. Sie wurden aus der Gesellschaft ausgeschlossen und wurden gezwungen in sogenannten „Zigeunerlagern“ zu leben. Sogar Zwangssterilisationen wurden durchgeführt. Die Inobhutnahme der Kinder durch den Staat sowie die Zwangsassimilation wurden verordnet, um eine „Verschwedisierung“ zu erreichen. Erst 1959 erhielten sie nach einem langen Kampf das Recht auf Bildung und das Wahlrecht. Infolgedessen kamen ca. 10.000 Roma aus verschiedenen Ländern nach Schweden. Die Roma trugen dort übrigens viel zur Kultur bei. Viele klassische Volkslieder wurden von ihnen geschrieben. Außerdem übermittelten sie viele Nachrichten und Neuigkeiten auf ihren Reisen. In den Museen und Archiven findet sich allerdings wenig zu ihnen.

Heutzutage gelten die Roma als nationale Minderheit in Schweden, wodurch sie ihre Kultur und Identität ausleben dürfen und unter Schutz stehen. Auch ihre Sprache, das romani chib, mit seinen vielen Varianten ist als nationale Minderheitensprache anerkannt. Dennoch erfahren Roma weiterhin oft Diskriminierung und sind mit vielen Vorurteilen im Alltag konfrontiert. Gesellschaften und Kulturzentren setzen sich für die Roma, besonders für eine bessere Schulbildung für Kinder und Jugendliche, in Schweden ein. In Zeitschriften und im Internet wird die Geschichte der Roma aufgearbeitet und über ihr heutiges Leben berichtet. Der internationale Tag der Roma ist der 08.04.. Sie besitzen trotz der vielen unterschiedlichen Gruppierungen eine gemeinsame Flagge und eine Nationalhymne, namens Gelem, gelem (dt. „Ich reiste und reiste“).

         

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Jaana

Wurde die Liebe zu Finnland bereits in die Wiege gelegt und mag alles, was mit der nordischen Natur, Kultur und Literatur zutun hat. Ist eine Frau der vielen Worte, träumt aber dennoch von einem Leben im einsamen Mökki. Möchte jetzt nach dem Studium der Fennistik auch anderen ihre Begeisterung zum Norden näherbringen.