Der unterirdische Nil – Teil 3

Die Mumie, die er in der Ausgrabung berührte, hat Kristian bis in seine Träume verfolgt. Im letzten Teil der Kurzgeschichte von Marko Hautala erfahrt ihr heute, was in jenem Moment wirklich geschah.

Foto: Gaurav D Lathiya/Unsplash

Kristians Tod war ein Schock für alle, besonders aber für Riina.

Sie erzählte die Einzelheiten wieder und wieder, erst Pasi und Marja, dann den örtlichen Behörden, dann am Telefon der Vertreterin der finnischen Botschaft und schließlich jedem, der danach fragte. Riina war davon aufgewacht, dass Kristian mitten im Hotelzimmer gestanden und mit lauter Stimme eine fremde Sprache gesprochen hatte. Sein Gesicht war bleich und glänzend vor Schweiß gewesen. Dann war er zu Boden gesunken.

Ich wusste gleich, dass er tot war, sagte Riina.

Kristians Körper konnte nicht zurück in seine Heimat transportiert werden. Riina hörte ungläubig zu, wie seine Eltern ihr erklärten, was sie über die Vorgehensweise des finnischen Staates herausgefunden hatten. Wer im Ausland starb, fiel in die Zuständigkeit der örtlichen Behörden. Der Staat zahlte nicht für die Überführung des Verstorbenen in seine Heimat.

Kristians Eltern hatten nicht genug Geld, um ihren Sohn zurück nach Finnland zu holen, sodass sie dort statt einer Beerdigung eine Gedenkfeier ausrichteten. Die Atmosphäre war herzlich, doch Riina wurde das Gefühl nicht los, dass der Abschied unvollständig blieb. Als sie aus dem Fenster der Kapelle schaute, bemerkte sie einen langsamen Schneewirbel, den der Wind über den Parkplatz trieb. Er ließ sie an den Sand am weit entfernten Nilufer denken und daran, dass Kristian im falschen Land beerdigt worden war.

Dann tat Riina das, was von einer werdenden Mutter erwartet wurde: Sie verdrängte die Trauer und brachte ihr Kind zur Welt.

Sie lebte ihr Leben weiter.

Die Wüste bewegte sich in der Nacht, verborgen vor den Augen der Menschen.

Die Dünen waren jeden Tag an einem anderen Ort, mal sanft abfallend, dann wieder steil ansteigend. Skorpione gruben sich neue Verstecke, lauerten in der Dunkelheit. Lauschten auf die heimlichen Bewegungen der Sandkörner. Das sichelförmige Auge des Chons beherrschte den Nachthimmel, bis Re-Harachtes Glut im Osten erwachte.

Kristian führte drei amerikanische Touristen zum Ausgang der Ausgrabung und blieb hin und wieder stehen, um auf Hieroglyphen, den Opfertisch oder den Schacht zu zeigen. Die Touristen konnten sich nicht mehr konzentrieren, denn sie hatten eben die Priesterin gesehen. Ihre Augen stierten ruhelos aus den sonnenverbrannten Gesichtern und das nervöse Auflachen verstummte schnell, als die Wände den Schall zurückwarfen.

An der Treppe angekommen hob Kristian den Finger an die Lippen und sah jedem von ihnen eindringlich in die Augen. Die Touristen nickten angespannt. Keiner von ihnen hatte gezögert, ein Foto zu machen, als die Priesterin vor ihnen gelegen hatte. Alle hatten sich getraut, sie zu berühren.

Am unteren Ende der Stufen versperrte Kristian ihnen den Ausgang. Zeit zum Bezahlen, sagte sein Blick. Das Geld fand sich schnell, denn Hassan hatte ihnen geraten, die Scheine bereitzuhalten („zwanzig Pfund, er wird mehr verlangen, aber gebt ihm zwanzig Pfund“). Es war wichtig, Vertrauen zu erwecken. Das Gefühl, dass Hassan ihr Bestes wollte. So kamen sie zurück, brachten andere mit.

Kristian betrachtete das Geld. Elende, eingerissene Scheine. Doch aus ihnen erwuchs ein Strom, fruchtbar und furchterregend wie der Nil.

„Thank you, but please… more“, bettelte Kristian.

Es war nur ein Teil der Show, doch die Touristen wichen seinem Blick schuldbewusst aus, erklommen rasch die abgerundeten Stufen und gingen auf den verbeulten Peugeot zu, in dem Hassan und Said warteten. Kristian blieb am Eingang stehen. Er nickte Hassan zu, der die Hand ein winziges Stück hob und dann etwas zum Fahrer sagte.

Dasselbe wiederholte sich Tag für Tag. Die Wächter, die Kristian die Priesterin zuerst gezeigt hatten, hatten ihm auch beigebracht, sich um ihre Bedürfnisse zu kümmern. Dann hatten sie sich verabschiedet und waren zu einer Ausgrabung im Süden gewechselt, in der Nähe der Stadt Edfu.

Als das Auto inmitten einer gelblich-braunen Staubwolke auf sein nächstes Ziel zukurvte, sah Kristian ihm nach und schickte den Touristen einen Rat hinterher, nachdem sie nun die Priesterin berührt hatten.

Dient ihr, sagte er lautlos, oder sterbt zwei Tode.

Genau genommen war es kein Rat, sondern ein Ultimatum. Zugleich war es eine Segnung. Ein Versprechen, dass sie nach dem ersten Tod die Wahl hatten. Wenn sie in der Nacht in ihren Hotelzimmern zu Boden sanken, konnten sie die Lähmung noch überwinden. Wenn sie bereit waren zu dienen.

Oh, große Priesterin, die du wiederbelebt wurdest!

Sie konnten in der Leichenhalle aufwachen und sie auf ihren eigenen zwei Beinen verlassen, wie Kristian es getan hatte.

Die Schnüre des Seth, die deinen Mund verschlossen, sind geöffnet! Gepriesen sei Atum!

Sie würden die Lähmung überwinden und wieder gehen können. So wie es bald alle wieder könnten, die für Jahrtausende in den Museen der Monotheisten geschlafen hatten, in Glasvitrinen, unter schamlosen Blicken.

O Wächter der Glieder des Osiris, die ihr das Licht in ihre Körper strömen lasst, sodass sie nichts mehr davon abhält, auf der Erde zu wandeln!

Die Priesterin hatte Kristian alles erzählt. Den ganzen großen Plan. Er hatte ihre Stimme gehört und ihre Worte verstanden, obwohl die verschrumpelten Lippen und die im Mund vertrocknete Zunge sich nicht bewegt hatten.

Die Duat öffnet sich, hatte die Priesterin gesagt. Der unterirdische Nil beginnt zu strömen.

Die Wiederbeleber kehren zurück. Das ist tausendfach wahr.

Die rissigen Scheine aus dem Tal der Könige, aus den Tempeln und den Buden auf dem Basar vereinten sich zu einem brausenden Fluss. Sie quollen durch geheime Kanäle in den großen Strom, listig wie Schlangen. Jeder Diener des Amun, vom Beamten in der Behörde für vorgeschichtliche Funde bis zur geringsten Händlerin, die den in der Sonne versengten Monotheisten ein kleines Geld abknöpfte, wusste, dass ihre harte Arbeit den Tag vorbereitete, an dem Amun, Mut und Chons zurückkehrten. Die Widderallee wurde unter elenden Stadtwohnungen freigelegt. Bald würde sie abermals den Karnak-Tempel und die Kultstätten im Zentrum miteinander verbinden. Ihre Wände wurden restauriert und fertiggestellt. In den Kammern wurden die alten Zeichnungen ausgebreitet. In vor Ehrerbietung geweiteten Pupillen spiegelte sich vergessene Technologie, die Geheimnisse unterschätzter Energiequellen.

Die Strahlen des Re-Harachte würden die Kreuzfahrtschiffe auf dem Nil in Flammen aufgehen lassen. Der Damm von Assuan würde erobert werden. Das dösende Kairo würde untergehen, bevor es sich auch nur rühren konnte. Theben würde wieder aufblühen und den Blick über das Mittelmeer nach Norden wenden.

Kristian hatte den Worten der Priesterin wie erstarrt gelauscht, als einer von vielen. Einer von denen, die noch immer durchgefroren und verblüfft waren, aus der Lähmung zurückgekehrt zu sein.

Er hatte gelauscht und verstanden, dass er in einer Sache richtig gelegen hatte: Es war Betrug gewesen. Alles, von Anfang an. Der größte und am besten verheimlichte Betrug der Weltgeschichte. Und jetzt war er ein Teil davon.

Als Hassans Peugeot nur noch ein kleines Staubkorn am Rand der Wüste war, berührte Kristian die rissigen Scheine mit den Fingerspitzen und merkte, dass seine Gedanken wieder wanderten. Er überlegte, wie die kommende Flut die Menschen im fernen Norden behandeln, ob sie sie tragen oder ertränken würde. Würde sie die Frau verschonen, an deren Namen er sich nicht mehr erinnerte? Würde sie das Kind verschonen, dessen Namen er nie erfahren würde?

Woran denkst du?

Die Worte rissen Kristian aus seinem Dämmerzustand. Er wandte sich um und sah in die Ausgrabung hinab, doch seine Augen waren vom glühenden Sand geblendet.

Die Gestalt der Priesterin war nur eine Bewegung in den Schatten.

Kristian stieg die Stufen hinunter und tastete im Dunkeln herum, bis er die trockene, glatte Haut ihres Gesichts berührte. An seinen Fingerspitzen kitzelte das schwache Summen einer schlummernden Energie wie das flüchtige Aufleuchten eines weit entfernten Stroms.

„An dich, Hoheit“, versicherte er, obwohl er den Zweifel in ihrem augenlosen Blick spürte. Die Gestalt der Priesterin mochte zerbrechlich wie Papyrus oder eine Sandstatue wirken, doch zuweilen erwachte in ihr der Zorn der löwenköpfigen Göttin Sachmet. Sie hatte Fleisch von Knochen getrennt. Arme ausgerissen, Zungen, Geschlechtsorgane.

„Nur an dich.“

 

 

Aus dem Finnischen von Claudia Nierste

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