Der unterirdische Nil – Teil 2

Als wir unsere Held*innen Kristian, Riina, Marja und Pasi zuletzt verließen, taten sie gerade ihre ersten, zögerlichen Schritte in das dunkle Innere eines Tempels mit dem festen Vorsatz, eine echte Mumie zu sehen. Wie es mit ihnen weitergeht, erfährt ihr heute in der Fortsetzung der Kurzgeschichte von Marko Hautala.

Foto: Rubén Bagüés/Unsplash

Einer der Männer verschwand durch eine niedrige Türöffnung in einer stockdunklen Kammer.

Die anderen blieben zurück und betrachteten die Hieroglyphen und Gravierungen an den Wänden durch zusammengekniffene Lider. Anubis, Thoth, Osiris. Auf der Waage das Herz des Verstorbenen und die Feder der Göttin Maat. Kristian erkannte die vertrauten Bilder aus dem Totenbuch, die das letzte Gericht darstellten. Ohne die Krämer und die Armee der Sonnenhüte in seinem Blickfeld sahen sie gleich ganz anders aus.

Die glühende Zigarette des Wächters, der in die Kammer geschlüpft war, tauchte wieder in der Tür auf. Der Mann trug einen länglichen Gegenstand unter dem Arm. Er schob sich die Zigarette in den Mundwinkel und präsentierte ihnen mit beiden Händen etwas Leichtes und Steifes, wie eine Puppe aus Karton. Der zweite Wächter richtete die Taschenlampe darauf.

Riina holte tief Luft und trat einen Schritt zurück.

Im von unten kommenden Licht traten die furchtbaren Gesichtszüge deutlich hervor.

Die Nase fehlte und die Augenhöhlen waren leer. Die Haut war glatt, dunkelgrau und wölbte sich nach innen, als wäre sie kurz davor einzubrechen. Zwischen den verschrumpelten Lippen schaute schwarzes Zahnfleisch hervor, in dem noch einige klägliche Zahnstümpfe steckten. Dahinter ragte etwas nach oben, das die im Mund vertrocknete Zunge sein mochte. Unter dem Kinn hing ein kümmerliches Stück Stoff, vielleicht der Überrest eines Leichentuchs.

„Ach du Scheiße.“ Marja stieß ein nervöses Lachen aus und tastete nach Pasis Hand.

Die Taschenlampe des Wächters wanderte vom Gesicht nach unten und beleuchtete den Körper. Über den Rippenknochen spannte sich die Haut wie dunkles Pergament und war am Bauch auf der linken Seite eingerissen. Die Arme lagen dünn wie Stöckchen und unnatürlich gerade an den Seiten. Die Beine schienen nur noch Knochen zu sein, auch sie vollkommen gerade, abgesehen von den kugelförmigen Knien und den spitzen Füßen.

„Die kann nicht echt sein“, sagte Kristian, war sich aber nicht sicher, ob er seinen eigenen Worten glaubte.

Der Wächter deutete das als Wunsch, die Mumie zu berühren, und brachte sie näher heran. Kristian versuchte abzuwehren, doch der Mann gab nicht auf.

„Willst du sie wirklich anfassen?“, fragte Riina.

„Natürlich nicht“, antwortete Kristian.

Dennoch bewegte sich seine Hand auf die Mumie zu. Vielleicht war es das Bedürfnis, einen weiteren Betrugsversuch aufzudecken. Vielleicht fühlte es sich gut an, dass zum ersten Mal während des gesamten Urlaubs Riina diejenige war, die sich Sorgen um ihn machte. Auf jeden Fall streckte er die Hand aus und berührte die Mumie am Scheitel.

„Was machst du denn da?“, fragte Riina mit einem ungläubigen Lachen.

Pasi und Marja brachten kein Wort heraus.

Kristian strich mit den Fingern über die Haut der Mumie. Sie war unnatürlich glatt. Er konnte sich gut vorstellen, wie die Jahrtausende die Poren abgetragen hatten.

„Glückwunsch“, sagte Pasi. „Du bekommst jetzt irgendeinen altägyptischen Superdurchfall. Leidest den Rest der Reise am Fluch der Mumie.“

Marja stieß ein nervöses, zu lautes Lachen aus, als wollte sie sich für den Witz ihres Mannes entschuldigen.

Kristians Finger zuckten von der Haut der Mumie zurück wie von einem kleinen Stromschlag getroffen. Er wischte sich die Hand an den Baumwollshorts ab, bis er begriff, dass er die Bakterien damit nur an einen anderen Ort brachte, fummelte die Flasche AntiBac aus der Tasche und rieb sich die Finger mit Desinfektionsgel ein. Auf dieser Reise hatte er so viel davon benutzt, dass die anderen schon darüber gespottet hatten.

„Ist das ein echter Pharao?“, fragte Marja, als könnte er das mit den Fingerspitzen erfühlen.

„Ein Pharao, wie?“ Pasi lachte und stupste seine Frau mit dem Ellenbogen an. „Das ist eine Priesterin.“

„Pharaonen haben die Arme auf der Brust überkreuzt“, sagte Riina zerstreut und sah ihren Mann besorgt an.

Kristian beteiligte sich nicht am Gespräch. Er schüttelte die Finger, die noch kühl vom Gel waren, und wunderte sich über seinen plötzlichen Mut.

Der Wächter bot die Mumie auch den anderen zum Anfassen an, doch als sie hastig einige Schritte zurücktraten und die Köpfe schüttelten, ließ der Mann sie zu Boden gleiten. Er trat zur Seite und deutete gestikulierend an, dass sie Fotos machen konnten.

„Na komm, mach eins“, sagte Pasi zu Marja.

„Ich weiß nicht…“

„Leichenschändung war es ja schon, als der da sie getragen hat wie ein Bauarbeiter eine Holzplanke“, bemerkte Pasi. „Das müssen wir verewigen.“

Die Frauen machten ein paar Bilder ohne Blitz, nur im Licht der Taschenlampen. Über Riinas Schulter hinweg sah Kristian auf dem Display des Handys die erstarrte Mumie, die in der Luft zu schweben schien, im schaurig bleichen Licht. Die leeren Augenhöhlen, das schwarze Zahnfleisch, die vertrocknete Zunge.

Nach der hastigen Fotosession nickten sie den Wächtern dankend zu, in erster Linie, um von hier wegzukommen. Kristian war sich sicher, dass auch in den Köpfen der anderen Bilder von frischeren Leichen aus den Nachrichten herumspukten. Von denen, die sie sich angesehen hatten, als zur Diskussion stand, ob eine Reise nach Ägypten sicher wäre.

Der Wächter warf seine Zigarette auf den Boden, trat sie mit der Schuhspitze aus und klemmte sich dann die Mumie unter den Arm. Die achtlose Kehrtwendung in dem engen Raum ließ Kristian befürchten, dass der Mann seine Last gegen die Wand schlagen würde. Einen kurzen Moment lang stand ihm ein schreckliches Bild vor Augen, auf dem sie gemeinsam versuchten, den Kopf der Priesterin von Muti wieder anzukleben. Die Trageoperation glückte jedoch mit routinierter Sicherheit. Der Wächter und die Mumie verschwanden durch die niedrige Türöffnung im Dunkeln. Der zurückgebliebene Mann hob wieder den Zeigefinger an die Lippen und sah jedem von ihnen eindringlich in die Augen.

Nachdem die Stufen sie zurück ans Tageslicht geführt hatten, begann das Betteln um Geld. Sie bezahlten zwanzig Pfund, wie Hassan gesagt hatte, und gingen mit festen Schritten davon, auch wenn die Männer zu verstehen gaben, dass das Geld nicht reichte. Der Peugeot wartete dort, wo sie ihn zurückgelassen hatten. Der Motor heulte auf und sie quetschten sich wieder auf die löchrige Polsterung. Diesmal war Kristian an der Reihe, hinter die Sitze zu kriechen.

„Hat es euch gefallen?“

Hassans Lächeln war noch breiter geworden.

„Ja“, sagte Kristian und klang dabei begeisterter, als er gewollt hatte. „Es war richtig… aufregend.“

„Die Priesterin hat sich ihrer Stellung entsprechend verhalten?“

„Aber ja“, antwortete Pasi. „Sehr förmlich und steif.“

Hassan lachte und schlug die Hände zusammen.

„Ausgezeichnet! Dann fahren wir jetzt zum Laden meines Cousins. Er verkauft Krüge und Statuen aus echtem Alabaster und Basalt. Alles, was ihr euch vorstellen könnt! Keine billigen Kopien wie auf dem Basar.“

„Toll“, meinte Marja und sah die anderen vielsagend an.

Von Hassans eifrig redendem Cousin kauften sie drei Statuen der Göttin Isis, einige Anubisskulpturen und so viele verschiedene Krüge und Skarabäen, dass keiner von ihnen sich noch genau erinnerte, was sie gekauft hatten, nachdem alles in Zeitungspapier eingeschlagen war. Nach ein paar Bier auf der Terrasse eines Restaurants am Nilufer brachte Hassan sie zum Bootshafen, wo sie ihren Reiseführer bezahlten und über eine schwankende Planke an Bord einer kleinen Feluke gingen. Der Außenbootmotor spuckte schwarzen Rauch, als der höchstens zwölfjährige Fahrer Kurs auf das östliche Ufer nahm.

Hassan winkte ihnen vom Kai aus zu, ein dickes Bündel Scheine in der Hand, und fing dann ein Gespräch mit einem Mann in einer hellblauen Dschallabija an, der neben ihm aufgetaucht war. Kristian verspürte den unwiderstehlichen Drang, das Wasser zu berühren, das an der Bootsseite entlangrauschte, auch wenn im Reiseführer vor im Nil lebenden Parasiten gewarnt wurde, die sich durch die Haut fressen, Krämpfe und Wahnvorstellungen auslösen und sogar töten konnten.

Das schien jetzt nicht wichtig, denn nach dem Berühren der Mumie fühlte sich Kristian zum ersten Mal während des Urlaubs präsent, als erlebte er das alles wirklich.

Seine Fingerspitzen kitzelten angenehm, als sie beinahe das lauwarme Wasser des Nils streiften.

„Trinkt ihr noch eins?“, fragte Kristian.

Pasi spähte in den Schaum am Boden seiner Sakara-Flasche und warf dann Marja einen fragenden Blick zu.

„Warum nicht“, sagte er nach einer Art stummem Wortaustausch. Kristian wiederum bedachte Riina mit einem fragenden Blick, obwohl er genau wusste, dass sie kein Bier trinken würde. Das Glas seiner Frau enthielt tiefroten Karkadeh, den man leicht für Wein halten konnte. In seinem angetrunkenen Zustand dachte Kristian, dass es besser gewesen wäre, Pasi und Marja einfach von der Schwangerschaft zu erzählen.

Als die Bierflaschen geöffnet waren, saßen sie einen Moment lang da, ohne ein Wort zu sagen.

Die Landschaft vor dem flussseitigen Balkon des Hotels Isis Pyramisa war bezaubernd, vor allem jetzt, da die Sonne hinter den Berggipfeln versunken war. Jenseits der Berge ruhte das Tal der Könige mit seinen Gräbern.

Den ganzen Urlaub über hatten sie sich abends auf Kristians und Riinas Balkon versammelt, denn Pasi und Marja hatten ein Zimmer zur Straße bekommen, das keinen besonders tollen Ausblick bot. Von hier aus sah man zwischen den Palmen den Nil glitzern, auf dem Boote mit hohen Segeln vorbeiglitten, und hörte die letzten Gebetsrufe des Abends. Sie schallten von den Türmen der Moscheen, als antworteten sie einander.

Kristian hatte das deutliche Gefühl, dass ihn jemand aus dem Halbschlaf des Touristen geweckt hatte. Die Palmblätter zeichneten sich schärfer gegen den dunkler werdenden, türkisfarbenen Himmel ab. Er wollte sich keine Sorgen mehr machen. Nicht wegen der Terroristen, nicht wegen Riina, nicht wegen der Betrüger.

„Dorthin haben sie die Toten gebracht“, sagte Kristian, als hätte er es eben erst begriffen, nachdem er den Sand vom Westufer aus seinen Sandalen geschüttelt und sich in einem wackligen Korbstuhl ausgestreckt hatte wie alle Touristen in Luxor zu dieser Zeit am Abend. „Dort hinter die Berge. Der Westen war das Land der Toten, für wer weiß wie viele Jahrtausende. Stellt euch das mal vor. All diese Mühe. Das Einbalsamieren dauerte siebzig Tage, die Haare wurden abrasiert, die Eingeweide herausgenommen und die Körper in irgendeiner Flüssigkeit eingeweicht und in Tücher gewickelt. Dann wurden sie dorthin gebracht.“

„Ja“, erwiderte Riina, als klar wurde, dass niemand sonst antworten würde. „Jetzt gibt es dort nur noch hirntote Touristen und noch totere Mumien.“

Pasi lachte auf und trank einen Schluck Bier.

„War die wohl wirklich echt?“, fragte Marja. Sie klang ein bisschen betrunken. Wenn man richtig müde war, stieg einem selbst die dünne Sakara-Plörre heimtückisch zu Kopf.

„Ich glaube, ja“, antwortete Kristian.

Auf seine Worte folgte Stille. Dann brachen alle in heftiges Gelächter aus.

„Endlich fängt unser engstirniger Freund an aufzutauen“, rief Pasi. „Von jetzt an glaubt er alles, was die Betrüger auf dem Basar ihm erzählen.“

Kristian lachte mit den anderen mit. Er wusste, dass er die ganze Reise über den Spielverderber gegeben hatte. Wie sinnlos das doch gewesen war.

Als die Dunkelheit hereinbrach, lehnte Riina sich gegen Kristians Schulter. Sie lauschten Pasis betrunkenem Monolog über Erich von Däniken und darüber, dass die alten ägyptischen Götter eigentlich humanoide Aliens gewesen seien, und beobachteten die Fledermäuse bei ihren hektischen Flügen im Dämmerlicht zwischen den Kronen der Palmen.

Endlich war Kristian angekommen. Der warme Wind kitzelte die Härchen auf seiner Haut. Das war echt.

Kristian schlief fast sofort ein, nachdem er wie ein Stein neben Riina ins Bett gefallen war. Sein Schlaf blieb jedoch leicht und er schreckte bald aus einem Albtraum hoch, in dem sich Würmer in seinen Fingerspitzen wanden. Bevor ihn die Müdigkeit wieder über die Grenze zur Bewusstlosigkeit zog, trieb ein Gedanke an das ungeborene Kind durch seinen Kopf.

Er blieb zunächst vage und ohne festes Erscheinungsbild, plagte seinen träumenden Geist, bis er sich zu einem Bild verfestigte, zur Türöffnung in der Ausgrabung, aus deren Finsternis die Mumie aufgetaucht und in der sie wieder verschwunden war.

Kristian erwachte noch einmal, aber schaffte es kaum, die Augen zu öffnen. Der Schlaf umschlang ihn so schnell wieder, dass es sich wie ein Fallen anfühlte. In seiner letzten Vision stand er am nächtlichen Westufer des Nils, wo kein einziger Tourist zu sehen war. Er hob den Kopf. Die Mondsichel starrte aus einem wolkenlosen Himmel herunter, der Blick eines körperlosen Gottes.

Dann vollkommene Dunkelheit.

Fortsetzung in Teil 3

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Claudia Nierste

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