„Das hässliche Baby“ – eine Kurzgeschichte von Liisa Näsi (Teil 3)

Ein Beitrag von Claudia Nierste

Baltic Cultures hat die Ehre, wieder eine literarische Premiere zu feiern: Hier ist der letzte von drei Teilen von Liisa Näsis finnischer Kurzgeschichte „Ruma vauva“, die hier erstmals in deutscher Übersetzung mit dem Titel „Das hässliche Baby“ erscheint.

Liisa Näsi

Liisa Näsi begann 2012, Prosatexte zu schreiben und Schreibkurse zu besuchen, wo sie ihr Talent für die Phantastik entdeckte. Mit phantastischen wie realistischen Geschichten nahm sie erfolgreich an Wettbewerben teil und veröffentlichte sowohl in Anthologien als auch in Literaturzeitschriften und online. Zu ihren jüngsten Projekten zählen ein psychologischer Thriller und ein Cozy-Krimi. Neben dem Schreiben hat sie bereits einen Kriminalroman und mehrere Sachbücher verlegt. Liisa Näsi lebt und arbeitet als freie Schriftstellerin und Verlegerin in Helsinki.

 

Lisa Näsi: Das hässliche Baby (Fortsetzung)

Mama posiert auf dem Sofa, lächelt, umarmt das Baby und hält in der anderen Hand das Handy am Ende eines Stabs. Der Kameraverschluss klickt.
„Mach von mir auch ein Bild“, sagt Maaret.
„Nein, nein. Das ist nur von mir und dem Baby.“
„Lädst du das auf Facebook hoch? Sind da Bilder von mir?“
Mamas Stirn legt sich in Falten und ihre Augenbrauen sehen beinahe aus wie früher.
„Ich habe den Account noch nicht lange.“
In ihrem Zimmer meldet sich Maaret bei Facebook an und tippt unter „Freunde finden“ Mamas Namen ein. Mamas lachendes Gesicht erscheint auf dem Bildschirm. Auf dem Titelbild blüht der Pflaumenbaum. Die neuesten Posts drehen sich um das Baby. Das Baby im Schlaf, das Baby spielt mit dem Mobile, das Baby in verschiedenen Kleidern, das Baby und Mama Wange an Wange. Maaret scrollt weiter nach unten. Mama lädt seit drei Jahren Bilder hoch. Vor der Geburt des Babys hat sie über Wohnungsdekorationen, Gartenarbeit, Bücher und Filme gepostet.
Ein Post von vor zwei Jahren zeigt einen braun gesprenkelten Schmetterling auf schwarzem Grund und den Text „Ein kleiner Nachtfalter fliegt in der Dunkelheit“. Darunter steht ein Datum und ein Kreuz. Dem Schmetterlingspost folgte eine lange Stille, unterbrochen nur von vereinzelten Beileidsbekundungen.
Maaret wird auf der Seite weder in den Texten erwähnt noch gibt es Bilder von ihr.
Ein hohles Klimpern weckt Maaret früh am Morgen. Das Geräusch klingt nach dem Mobile, das über dem Gitterbettchen hängt. Sie schleicht ins Schlafzimmer ihrer Eltern. Papa und Mama schlafen, das Baby liegt in seinem Bettchen. Seine Lider wölben sich hervor, wenn sich die Augen darunter im Traum bewegen. Die Holztiere baumeln leblos über seinem Kopf.
Im Garten fließen kleine Nebelbäche kreuz und quer über den Rasen, weichen den Beerensträuchern aus, kürzen durch die Blumenbeete ab. Einer von ihnen sucht sich einen Weg zum Pflaumenbaum, windet sich unten um den Stamm und formt dort einen weichen Teppich. Die aufgehende Sonne blitzt zwischen den Wolken auf, verspricht Tageslicht und blendet Maaret mit der Reflexion von etwas Langem, Glänzendem. Von den unteren Ästen des Baums baumeln Angelschnüre senkrecht herab wie zarte Stahlseile. An ihren Enden hängen längliche Formen.

© Amith Nair via Unsplash

Der Morgentau benässt ihre Beine bis zu den Knöcheln, als Maaret durch den Rasen hinüber zum Pflaumenbaum watet. Von den untersten Ästen gleiten Schnecken auf einer Schleimspur zu Boden. Die Sonne schiebt sich mühsam hinter der Wolkenmauer hervor und wärmt die Baumkrone. Die Weichtiere haben es eilig, dem Vertrocknungstod in den Schutz von Pflanzen und Waldstreu zu entfliehen.
Rund um den alten Baumstumpf wimmelt die Erde von kleinen Tieren. Maaret tritt näher heran. Hunderte Käfer mit glänzendem Panzer kriechen und krabbeln in einer wirren Masse, die den Stumpf gegen den Uhrzeigersinn umkreist. Sie zappeln über Maarets Füße hinweg und kitzeln sie mit ihren Gliedmaßen, die sich wie winzige Splitter anfühlen.
Auf dem Stumpf sind noch mehr Hexenbutterpilze aufgetaucht – und eine weißbäuchige Maus. Sie setzt sich für einen Moment auf die Hinterbeine, die Vorderpfoten artig vor der Brust gefaltet, sieht Maaret prüfend an und legt den Kopf schief. Dann betrachtet sie kurz die von den Schnecken abgesonderten, metallisch glänzenden Schnüre und richtet den Blick wieder auf Maaret. Maaret nickt, geht ins Haus, sammelt alles Nötige in einer Einkaufstasche zusammen und schließt sich in ihrem Zimmer ein.
Am Nachmittag ist sie fertig.
Papa ist auf der Arbeit, das Baby schläft in seinem Bettchen, Mama liest eine Zeitung, die sie auf dem Esstisch ausgebreitet hat, und löffelt mit feuchten Wangen fettarmen Joghurt.
Maaret nimmt die Holztiere am Mobile über dem Gitterbettchen einzeln in die Hand, damit sie nicht klappern. Sie zieht das Spielzeug vom Haken und hängt stattdessen ihr selbst gemachtes daran. Wie das Holzmobile ist es nicht farbig, hat aber umso mehr Glanz, Formen und Größen. Dem Völkerkundebuch zufolge am wichtigsten ist aber, dem Hausgeist etwas Metallenes zu opfern. Etwas anderes kann das Wohlergehen der Bewohner nicht garantieren.
Maaret streicht zufrieden über das neue Mobile. Eisen, Stahl, Aluminium, Messing.
Im Buch stand auch, dass die Seele des Menschen im Schlaf außerhalb seines Körpers herumwandert. Ohne einen Körper kann sie sich in einen bösen Geist verwandeln, der danach strebt, wiedergeboren zu werden. Außerdem ist da noch das fehlgeborene Baby, der Nachtfalter, im Dunkel geboren und im Dunkel gestorben, der ins Licht fliegen will.
Das passt Maaret gar nicht. Sie will die Zeit zurück, in der sie alle glücklich waren, auch Mama. Sie rüttelt das Baby an der Schulter. Seine Augen klappen auf und Maaret sieht sich selbst in ihnen wie auf der spiegelglatten Oberfläche eines Sees.
Ein schwarzbrauner Troll im Gesicht einer zarten Elfe.
Das Baby beginnt zu schreien und mit den kleinen Fäusten zu fuchteln. Das Mobile aus Brotmesser, Filetiermesser, Fleischmesser, Hammer, Meißel und Kerzenständer nimmt Fahrt auf. Sie klimpern um die Wette, wenn sie gegeneinanderstoßen. Die Schleife aus Nähgarn, die am Griff des größten Messers sitzt, rutscht auf die andere Seite und das Messer neigt sich.
Maaret hört schnelle Schritte. Mama stößt sie beiseite. Maaret stolpert, stürzt bäuchlings zu Boden. Mama beugt sich über das Baby in eben dem Moment, als das Garn reißt. Das viereckige Fleischmesser plumpst mit der flachen Seite auf ihren Rücken, prallt von dort ab und fällt ans Fußende des Bettchens. Mama reißt das kreischende Baby an sich und richtet sich auf. Ihre Brust hebt und senkt sich im Takt ihrer keuchenden Atemzüge. Die Haare kräuseln sich zornig auf ihren Schultern. In den dunklen Gewitterwolken ihrer Augen kreisen Blitze. Die zu Strichen gespannten Lippen entblößen kleine, weiße Zähne.
Mama starrt Maaret unentwegt an, als fürchte sie, sie könnte verschwinden, wenn sie blinzelt. Sie schiebt das Baby auf die andere Seite und tastet mit der freien Hand in den Falten der Babydecke blindlings nach dem Fleischmesser.
Maaret denkt noch, dass Mama jetzt trotz aller Schönheitsoperationen hässlich aussieht.

© Andrea Tummons via Unsplash

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Claudia Nierste