Category - Übersetzung

„Der unterirdische Nil“ – eine Kurzgeschichte von Marko Hautala

© Veikko Somerpuro
© Veikko Somerpuro

Marko Hautala stammt aus dem westfinnischen Kauhava und hat sich mit seinen Horrorgeschichten bereits den Titel eines „finnischen Stephen King“ verdient. Nach einem Studium der englischen Sprache und Literatur arbeitete er unter anderem als Lehrer, Übersetzer für Filme und Pfleger in einem psychiatrischen Krankenhaus und lebt heute als freier Schriftsteller in Vaasa. 2010 erhielt er den wichtigen Kalevi Jäntti-Preis für seinen Roman „Käärinliinat“, der in Deutschland als „Leichentücher“ bei dtv erschienen ist.  

Die folgende Geschichte hat lange geschlummert und erhebt sich nun in erstmaliger deutscher Übersetzung, um auf Baltic Cultures ihr Unwesen zu treiben…

Der unterirdische Nil (Teil 1)

„Wollt ihr mal eine Mumie anfassen?“

Kristian war sich nicht sicher, ob er die in gebrochenem Englisch geäußerte Frage richtig verstanden hatte, und beugte sich deshalb weiter zu Hassan hinüber. Dessen Kopf hüpfte zwischen den Vordersitzen des Autos im Takt der Unebenheiten im Straßenbelag auf und ab, aber das Lächeln schien sich nicht von der Stelle zu bewegen.

„Anfassen!“, rief er. „Eine Mumie!“

Kristian lachte und sah den Rest der Gruppe an, die sich in den hinteren Teil des Peugeot Kombi gezwängt hatte. Riina, Marja und er selbst durften annähernd bequem auf der Bank sitzen. Die Reihe war an Pasi, im Kofferraum zu hocken, zwischen den Rucksäcken und den Wasserflaschen. Sie alle lächelten bei Hassans Frage genauso unsicher wie er.

„Warum nicht? Darf man die denn anfassen?“, fragte Pasi fröhlich zwischen seinen Knien hindurch.

Hassan lachte sein heiseres Lachen und hob den Zeigefinger an die Lippen.

„Darf man natürlich nicht, aber Hassan hat Freunde.“

Er wandte sich um und gab dem mageren Fahrer Anweisungen, den er vor drei Stunden, zwei Tempeln und zu vielen drückend heißen königlichen Grabkammern als seinen ältesten Sohn vorgestellt hatte. Kristian warf einen fragenden Blick über die Schulter.

„Manchmal lassen die einen offenbar in für Touristen gesperrte Gräber“, sagte Pasi auf Finnisch, „aber ich habe noch nie gehört, dass man Mumien…“

„Das ist doch wieder so ein Betrug“, murmelte Kristian. „Wollen wir wetten?“

„Jetzt denk mal ein bisschen positiver“, sagte Riina und stupste ihn mit den Ellenbogen an.

„Ich ertrage es einfach nicht, ständig über den Tisch gezogen zu werden“, beharrte Kristian. „Gestern auch wieder, bei diesem–“

„Schauen wir uns das erst mal in Ruhe an“, sagte Marja beruhigend und streckte die Hand über die Rückenlehne, um Pasis verschwitzte Stirn zu streicheln. „Du kommst dann wenigstens raus und kannst dir die Beine vertreten.“

„Ich will jedenfalls in keine Grabkammer mehr, in der man keine Luft bekommt und die Hieroglyphen einem vor den Augen tanzen“, sagte Kristian und rieb sich die Lider, die vom Schweiß brannten.

„Du hältst es doch nicht aus zurückbleiben“, flüsterte Riina. Sie wusste, dass Kristian nervös und reizbar war, weil er sich Sorgen machte. Sorgen um sie. Auch auf den Basaren war er aufgeregt und sah sich ständig um, fürchtete Diebe, ungestüme Kutscher und Terroristen. Und Betrüger. Nachdem die ernsteren Bedrohungen ausgeblieben waren, hatte sich dieses Wort zur Mutter aller Schreckgespenster entwickelt.

Das Auto stoppte abrupt, als Hassan ihren Zielort erspähte. Mit ernster Miene drehte er sich zu seiner Reisegesellschaft um.

„Seht ihr diese Ausgrabungsstätte dort?“

Kristian kniff die Augen zusammen und schaute in die Richtung, in die Hassan deutete. Erst sah er nichts als den in der Sonne glühenden Sand.

„Da“, schrie Marja auf und zeigte auf einen Hügel, aus dem ein verfallenes Mauerstück von etwa einem halben Meter Länge hervorragte.

„Ja“, flüsterte Riina begeistert.

„Das ist das Grab der namenlosen Priesterin von Muti, das erst vor einigen Wochen entdeckt wurde“, sagte Hassan. „Geht da rüber und folgt den Wächtern. Nehmt genau zwanzig ägyptische Pfund mit. Sie werden mehr verlangen, nachdem sie euch die Mumie gezeigt haben, aber gebt ihnen nur so viel.“

Die ganze Reisegesellschaft nickte und lachte unsicher. Jeder einzelne von ihnen dachte im Stillen, dass sie gerade übel übers Ohr gehauen wurden. Dennoch kramten Kristian und Pasi die eingerissenen Zehn-Pfund-Noten aus ihren Portemonnaies und steckten sie in die Taschen ihrer Shorts.

„Okay, dann geht. Said und ich warten im Auto.“

„Kommt ihr nicht mit?“, fragte Pasi.

Hassan lachte und schüttelte den Kopf.

„Wenn es Probleme gibt, habt ihr von uns nicht ein Wörtchen über die Mumie gehört. Klar? Ihr wolltet euch nur die Beine vertreten und seid zufällig auf die Ausgrabung gestoßen.“

„Okay.“

„Und denkt dran, die Wächter verlieren ihre Arbeit, wenn die Behörden davon erfahren.“

Kristian warf den anderen einen finsteren Blick zu, der ihnen deutlich zeigte, dass er Hassan kein Wort glaubte.

„Los, checken wir mal, was Sache ist“, murmelte Pasi.

Sie stiegen aus dem Auto und streckten die tauben Glieder im Sonnenlicht, das aus allen Richtungen zugleich zu kommen schien. Marja und Riina machten gemeinsame Selfies. Pasi versuchte, ihren Standort auf einer kleinen Karte zu finden.

Kristian sah sich um. Sie hatten seit einer halben Stunde niemanden mehr gesehen, was am Westufer des Nils zu dieser Tageszeit und weniger als zwanzig Kilometer vom Tal der Könige entfernt ungewöhnlich war. Kristian beschwerte sich nicht. Die lauten Amerikaner entsprachen nicht eben seiner Vorstellung von idealer Gesellschaft. Ihr tollkühner Nationalstolz zog die wütenden Blicke der Einheimischen auf sich, was Kristian nervös machte. Außerdem durften sie die Touristen und die aufdringlichen Verkäufer noch den ganzen Abend ertragen, sobald Hassans Boot sie über den Nil zurück zur Stadt brachte.

Sie hatten Hassan in der Nähe des Luxor-Tempels gefunden, von wo die Feluken die Touristen in einem beständigen Strom ans Westufer brachten, zu den Gräbern der Pharaonen. Besser gesagt hatte der laute und breit lächelnde Mann sie gefunden. Zwei kinderlose Paare in den Dreißigern waren für ihn bestimmt das ideale Opfer. Er war ihnen unter den anderen aufdringlichen Verkäufern aufgefallen, die eine Fahrt mit der Feluke anboten, weil er gut Englisch sprach und ein kleines Heft besaß, in das frühere Kunden lobende Empfehlungen geschrieben hatten. Hassan made our day, we can sincerely recommend, und so weiter. Zwischen den Seiten fand sich auch die Visitenkarte eines finnischen Polizisten, der hier Urlaub gemacht hatte. Hassan ist ein ungewöhnlich ehrlicher und zuverlässiger Mann für einen Ägypter, hatte er auf der Rückseite vermerkt, in der Handschrift eines großen Weltenbummlers.

„Da ist jemand“, sagte Marja mit gedämpfter Stimme, als sie auf den Sandhügel zugingen. Kristian hob seine Sonnenbrille an und sah einen Mann mit einer hellblauen Dschallabija und einem weißen Kopftuch. Der Mann drehte sich um und sprach mit jemandem, der offenbar unter ihm stand, dort, wo die Ausgrabung sein musste. Dann kam ein zweiter verschleierter Mann hinter dem Sandhügel hervor. Keiner von beiden winkte oder zeigte, dass er sie auch nur bemerkt hätte.

Salam aleikum!“, rief Pasi. Außer diesem Gruß konnte er auf Arabisch nur „nein danke“ sagen. Keine Antwort. Nur ein paar nervöse Blicke.

Als sie auf die Anhöhe geklettert waren, nickten die Männer kaum merklich und gingen ihnen voran durch eine niedrige Türöffnung, hinter der eine Treppe nach unten führte. Kristian sah an der Wand ein kleines Schild, nach dessen Aufschrift die österreichische Regierung die Ausgrabung finanzierte.

„Sieht echt aus“, sagte Pasi. „Das reicht mir.“

Kristian sagte dazu nichts.

Als sie hinter den Wächtern die Treppe hinunterstiegen, gerieten ihre an das blendende Sonnenlicht gewöhnten Augen für einen Moment in völlige Dunkelheit. Sonnenbrillen wurden zusammengeklappt, und sie folgten dem Glühen vor ihnen, das die kleinen Taschenlampen der Männer und die brennenden Enden ihrer Zigaretten abgaben. Marjas Fuß rutschte auf einer abgerundeten Stufe aus, doch Pasi hielt sie fest. Sie kicherten wie ein Pärchen, das von einer Runde durch die Bars zurückkam.

Kristian war nicht zum Lachen zumute.

„Wir können draußen warten“, flüsterte er Riina zu.

„Beruhig dich“, erwiderte sie. „Ich will das sehen.“

Kristian gefiel diese Antwort nicht. Er machte sich Sorgen um das Baby. Oder eher um seine Frau, denn das Kind konnte man noch nicht wirklich als Mensch bezeichnen. Es war nur ein Schatten auf dem Ultraschallbild. Ein schwer zu deutender Tintenklecks, der ihre Zukunft vorhersagte.

Kristian lehnte sich gegen die Wand und spürte unter den Fingerspitzen symmetrische Einkerbungen. Bei näherem Hinsehen erkannte er im Licht der Taschenlampen verblasste Hieroglyphen. Ihre abgebrochenen Schnörkel fingen für einen Moment seine Gedanken ein. War das hier wirklich ein Grab? Die Ungewissheit machte ihn wütend. Sie hatte sich durch den gesamten Urlaub gezogen. Die großartige Geschichte, die sich allzu oft als Blendwerk aus Sandmischungen oder Papiermasse herausstellte.

Die Treppe endete und sie traten auf den unebenen Erdboden. Bald hielt der langgesichtige Mann inne und deutete mit der Taschenlampe in eine Ecke.

„Look, look.“

Pasi spähte in die Richtung, in die der Mann zeigte.

„Hier ist irgendein… ganz tiefer Brunnen“, sagte er mit heiserer Stimme.

„Closer, look“, drängte der Mann.

Pasi beugte sich weiter über die runde Öffnung.

„Ha… da liegt der Kadaver von einem Fahrrad ohne Reifen. Und Tuben mit Sonnencreme.“

„Oho. Welchen Lichtschutzfaktor haben sie denn im Neuen Reich verwendet?“, fragte Riina.

„Komm jetzt da weg“, sagte Marja zu Pasi, der immer noch in den Brunnen spähte.

Langsam gewöhnten sich ihre Augen an die Dunkelheit. Nach ein paar Minuten blieben die Männer vor ihnen stehen und wandten sich um. Das Licht der Taschenlampen ließ ihre Gesichter geisterhaft erscheinen. Sie gestikulierten in Richtung eines zweiten Brunnens, der keinen Meter von Marjas Sandalen entfernt war. Sie tat ein paar erschrockene Schritte zurück. Einer der Männer beleuchtete einen niedrigen, einbeinigen Steintisch, dessen Oberfläche mit Hieroglyphen verziert war.

„Ein Opfertisch“, sagte Riina. Der Mann nickte und wiederholte ein seltsames, arabisches Wort. Sie hatten ähnliche Tische vorher in den Tempeln von Luxor und Deir el-Medina gesehen.

Sie gingen weiter. Ihre finstere Wanderung dauerte noch mehrere Minuten, bevor man ihnen erneut bedeutete zu warten.

To be continued.