Zwischen Tradition und Moderne – Europas letztes Urvolk

Die Samen, ihre Geschichte und ihr Leben 2/3

Auf meiner Reise durch die Finnmark lerne ich schnell, dass sich das traditionelle Leben der Samen, das ich aus Erzählungen, Museen und von Vorträgen kannte, verändert hat. Technischer Fortschritt und Globalisierung haben ihr Leben beeinflusst. Und die Grenze von Samen und Norwegern scheint zunehmend zu verschwimmen.
Aus seiner einst halbnomadisch lebenden Rentierhirtenfamilie ist Jon das einzige von fünf Kindern, das nicht zum Studium nach Tromsø gezogen und zum Arbeiten dort geblieben ist. Die Landflucht ist in Norwegens nördlichstem Bundesland[1], das mit einer Bevölkerungsdichte von nur 1,5 Einwohnern pro Quadratkilometer [im Vergleich: in Mecklenburg-Vorpommern sind es 69 Einwohner/km2], besonders ausgeprägt. Die meisten norwegischen Samen wohnen heute in Oslo.
Jon selbst plant nicht weit voraus, arbeitet in Lakselv, etwa 75 km nördlich von seinem Heimatort Karasjok entfernt. Hier wohnen noch immer seine Eltern; seinem Vater und einem seiner Brüder, der dafür gelegentlich aus der Stadt Tromsø anreist, gehören einige Rentiere, deren alleinige Haltung jedoch nicht als Verdienst ausreichen würde.

In Karasjok wohnt außerdem die 22-jährige Samin Asuna. Die Gemeinde mit etwa 2.700 Einwohnern, wovon 80 % samisch sprechend sind, ist neben Kautokeino etwas weiter westlich, das zweite samische Zentrum in Norwegen. In Karasjok finden sich neben Museen zur samischen Kunst und Kultur auch das Parlament der Samen in Norwegen (Sametinget), das zudem eine samische Bibliothek enthält. Auch Mari Boine, die wohl berühmteste samische Künstlerin, stammt von hier.

Im Winter – hier im Inland weit entfernt vom mildernden Golfstrom – erreichen die Außentemperaturen schnell Minusgrade im zweistelligen Bereich[2]. In diesen Tagen sitzt Asuna oft ganztägig in ihrer Wohnung, die sie mit einer Vielzahl an Tieren teilt. Gerade näht sie einen neuen Lederbeutel für ihre Kofte[3]. Dabei verwendet die Veganerin, die von einem eigenen Gnadenhof für Tiere träumt, Kunstleder und wählt statt eines traditionellen Musters einen Regenbogen als Schmuckelement auf der Vorderseite. Gerade die ältere Generation sei sehr konservativ und eher homophob. Die jungen und häufig auch toleranteren Samen studieren und arbeiten in Tromsø und anderen größeren Städten.

Ihr Vater stammt aus Karasjok, ihre Mutter kommt aus der Kommune Lebesby und ist nicht mit der samischen Sprache aufgewachsen, auch wenn sie Samin ist. Daher sprechen die vier Kinder mit ihrer Mutter norwegisch und mit ihrem Vater samisch. Mit ihren Katzen und Enten spricht Asuna norwegisch, mit den beiden Hunden samisch. Warum? Das wisse sie auch nicht so genau, erwidert sie lachend. Aber ihre Eltern würden es mit den eigenen Tieren auch so machen. Bücher liest sie auf Norwegisch; auf Samisch spreche sie nur gerne, alles andere könne sie nicht so gut. Den alten, traditionellen Joik mag sie nicht besonders. Sie hört eigentlich alles durcheinander – amerikanische Charts und samische Musik. Am besten gefalle ihr Sofia Jannok, eine schwedisch-samische Künstlerin.

Die Auswahl im örtlichen Stoffladen ist auf die Farben und Materialien für die Herstellung der traditionellen Kleidung beschränkt. Mit der Verkäuferin spricht Asuna abwechselnd samisch und norwegisch.

Stolz hält sie den fertigen Beutel hoch. Zufrieden nickt sie.
Auf meine Frage, ob ich als Nicht-Samin auch Kofte tragen dürfte, zögert sie. Sie selbst würde es nicht so stören. Aber insgesamt sei es wohl nicht akzeptiert, wenn „Menschen von außerhalb“ Kofte tragen würden.
Auch Øyvind, der eigentlich aus Südnorwegen kommt, aber wegen eines Jobangebotes nach Tana bru gezogen ist, wo ich ihn kennengelernt habe, empfindet es als schwierig, in die exklusive Gemeinschaft der Samen einzudringen. Einmal sei er zu einem Fest in Kautokeino gewesen. Es sei sehr spannend anzuschauen gewesen, aber verstanden habe er nicht viel.

In Tana habe ich zudem die Möglichkeit bei einer Rentierscheidung mitzuhelfen. Was früher in mühseliger und körperlich schwerer Arbeit gemacht wurde, vereinfachen heute Schneemobile. Diese ermöglichen unter anderem ein sesshaftes Leben. Die Rentiere, die sich sonst frei bewegen, müssen zweimal im Jahr gesammelt und sortiert werden. Mit den Schneemobilen werden sie dabei in große Gehege getrieben, von wo aus jeweils ein Teil in einen runden Auslauf getrieben wird, wo ihre Besitzer und deren Helfer sie einfangen, indem sie sie an den Geweihen greifen und gegenhalten. Diese Prozedur ist nötig, um die Tiere zu zählen, zu impfen, zu kastrieren und gegebenenfalls zu schlachten. Schnell lerne ich zudem, dass man Samen nicht fragen sollte, wie viele Rentiere sie besitzen. Das ist eine durchaus unangenehme Frage, gerade wenn man bedenkt, dass Rentiere mit Geld gleichzusetzen sind. Heutzutage sind nur noch etwa 3.000 norwegische Samen [von etwa 50.000] in der Rentierzucht involviert. Und die allerwenigsten können davon allein leben.

In Finnland wird ein Rentier zum Beispiel nur mit 50 € subventioniert, ein Schaf hingegen mit 190 €, obwohl die EU eigentlich traditionelle Wirtschaftsweisen fördern möchte.[4]
Der Fall des Jovsset Ánte Sara beschäftigte mit Protesten und medialer Präsenz viele in Norwegen.[5] Fünf Jahre kämpfte der 26-jährige Same aus Kautokeino gegen den Staat in der Hoffnung, dass er seine Rentierherde nicht von 150 auf 75 Tiere reduzieren müsste. Diese Anzahl sei jedoch zu niedrig, um von der Rentierzucht zu leben, und Sara befürchtete daher, dass er das Handwerk, das seine Familie seit Generationen führe, aufgeben müsse. Seine Schwester, Máret Ánne Sara, verurteilt die Anklage als „unmenschlichen Übergriff des Stortinget [norwegische Parlament] gegen Jovsset Ánte, die samische Kultur und die samischen Rechte“[6]. Die samische Gemeinschaft stützend hinter sich reichte Sara 5.000 Unterschriften gegen die Zwangsschlachtung ein. Hoffnungsvoll wandte er sich zudem an das UN-Menschenrechtskomitee in Genf. Doch das norwegische Gericht ließ sich davon nicht beeinträchtigen und fällte am 21. Dezember 2018 sein Urteil: Bis Neujahr müsse Jovsset Ánte Sara seine Rentierherde von inzwischen 350 Tiere auf 75 reduzieren.
Das Schlachthaus habe aber bereits angekündigt, erst das Urteil der UN abwarten zu wollen.

Samen protestieren vor dem Stortinget. „Wir unterstützen Jovsset Ánte“
©https://www.dagbladet.no/kultur/hjertelos-behandling-av-en-ung-reindriftssame/70549772

Die Herausforderungen, gegen die die Samen heute anzukämpfen haben, sind andere als noch vor zwei bis drei Generationen, wenn auch schon der finnisch-samische Künstler Nils-Aslak Valkeapää (1943-2001) in seinem Gedicht darauf aufmerksam machte:

They come
and ask where is your home
they come with papers
and say
this belongs to nobody
this is government land
everything belongs to the State
They bring out dingy fat books
and say
this is the law
it applies to you too

Der wohl bekannteste Fall in Norwegen war das umstrittene Großprojekt zum Bau eines Stausees im 15 km langen und bis zu 500 m tiefen Savtso-Canyon, der größte in Nordeuropa. 1968 hatte die Regierung Pläne zur Aufstauung und Umleitung ganzer Flüsse zur Stromerzeugung bekannt gegeben. Diese Pläne, bei deren Umsetzung große Gebiete eines traditionellen Weidelandes für Rentiere überflutet werden sollten, lösten massive Proteste aus, so dass lediglich eine 110 m hohe Staumauer erbaut wurde [das sogenannte Alta-Projekt].

Die Veränderungen in ihrer Umwelt sind wohl die schwerwiegendsten Hindernisse für die heutigen Samen. Die enorme Ausweitung von Erzabbau, Straßenbau, Wasserkraft, Kommunikation, Forstwirtschaft und Tourismus in Sápmi brachte weitere negative Auswirkungen auf die Rentierzucht mit sich.[7] Auch der Bau von Windparks wird von Samen kritisiert und als Eingreifen in ihr Land gewertet. Zudem müssen die Samen heute nicht nur gegen die Nationalstaaten und Bürokratie ankämpfen, sondern auch gegen den Klimawandel. Selbst in den periphersten Gebieten Sápmis ist die zukünftige Rentierhaltung gefährdet; Folgen wie Hitzestress, Verbuschung, Parasiten und Nahrungsmangel im Winter sind für die Rentiere und ihre naturverbundenen Besitzer bereits heute spürbar.

©https://allevents.in/%C3%85s/bok-i-parken-samisk-reindrift-norske-myter/1706758506253532

Øyvind in Tana bru räumt ein, dass die norwegische Regierung vielleicht auch gar nicht die Bedürfnisse der Samen einschätzen könne. Zwar hätten es die Samen in Norwegen besser als vor einigen Jahren und auch besser als ihre Landsleute in Schweden, Finnland und Russland, meint Asuna, aber Norwegen könne sich trotzdem noch mehr um sie kümmern. Es sei noch nicht lange her, sagt sie, dass sie akzeptiert habe, samisch zu sein. Und für sie ist eines klar: Als Same müsse man sich immer beweisen.

Den Winter mag Asuna, weil er rechtfertigt den ganzen Tag nur drinnen zu sitzen. In diesen Tagen sieht sie viel Netflix und hält Kontakt zu ihren Freunden über Snapchat. Moderne Technik hat auch Sápmi erreicht. Aber in den sozialen Medien treten auch verstärkt Hass und Hetze auf. Kürzlich erst wurde ein 50-jähriger Norweger wegen samenfeindlicher Kommentare zu 18 Tagen Gefängnis und einer Geldstrafe von 15.000 Norwegischen Kronen [etwa 1.500 €] verurteilt.[8]

Aber sie bieten auch Möglichkeiten, die samische Kultur an Außenstehende näher zu bringen. So soll nach dem großen Erfolg der norwegischen Serie SKAM etwa die nächste große Produktion des norwegischen Fernsehsenders NRK samisch werden.[9]

Ein Foto, das um die Welt ging: Der Same Anders Pentha zusammen mit seinen Söhnen, die bei dem Dokumentarfilm „Same Jahki“ mitwirkten, bei den Filmfestspielen in Cannes im Jahr 1957. ©https://www.nrk.no/sapmi/nrks-neste-store-dramasatsing-er-en-samisk-dramaserie-1.14302279

Und dann ist da noch Ella Marie Hætta Isaksen. Die 21-jährige Samin aus Tana begeistert mit ihren eingängigen und Radio-tauglichen Hits, in denen sie Elektropop mit Joik vermischt, die samische, norwegische und internationale Welt. 2018 gewann sie mit ihrer Band ISÁK Stjernekamp, einen norwegischen Gesangswettbewerb im Fernsehen, und wird von der Presse als „herausragend“ und „voller Potenzial, um zu Hause und im Ausland durchzustarten“.[10]
Sie ist ein gutes Beispiel dafür, dass es möglich ist und gut funktioniert: modern und gleichzeitig samisch zu sein.

 

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[1] Die Inselgruppe Spitzbergen (Svalbard) bildet ein Sonderterritorium. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Fylke
[2] „In Karasjok wurde am 1. Januar 1886 mit −51,4 °C (−60,5 °F) die tiefste jemals in Norwegen gemessene Temperatur registriert.“ Aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Karasjok
[3] Traditionell samische Kleidung.
[4] Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Samen_(Volk)#Rentierwirtschaft
[5] Quellen: https://thebarentsobserver.com/en/life-and-public/2018/12/state-norway-wants-reindeer-herder-slaughter-though-case-has-not-been, https://www.nrk.no/sapmi/nrk-sapmi-forklarer_-jovsset-ante-sara-saken-1.14329501
[6] Quelle: http://samimag.no/nb/content/trenger-3-stemmer-storesoster-moter-opp-pa-stortinget?fbclid=IwAR1wMhOaSZW81qJLjnFmu9XrG0kT5y8rVTbweZyut4Z30glQMMoYgIAVDxU
[7] Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Samen_(Volk)#Ab_dem_19._Jahrhundert
[8] https://www.nrk.no/nordland/domt-for-hatefulle-ytringer-mot-samer_-_-en-seier-for-alle-samer-i-norge-1.14410857?fbclid=IwAR0SQhzk6fMvuEtePaZLEl94BntnpWHPrER_xTVCW1EbpciZTXW1jscHHcI
[9] Quelle: https://www.nrk.no/sapmi/nrks-neste-store-dramasatsing-er-en-samisk-dramaserie-1.14302279
[10] MATS BORCH BUGGE, MUSIC DIRECTOR NRK P3 / MP3, aus: https://www.isakband.no/bio/

                                    

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Karen

Leidet unter chronischem Fernweh. Ist daher immer in der Weltgeschichte unterwegs – sei es reisend, am Planen von Reisen oder durch das Lesen von Berichten über die Welt. Interessiert sich ansonsten für Kunst, Kultur und Kurioses. Studiert in Greifswald Skandinavistik und Kunstgeschichte im Bachelor und liebäugelt besonders mit den Färöern.