160 Jahre Selma Lagerlöf

Selma Lagerlöf schrieb sich mit Werken wie Gösta Berling, Die wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen oder Der Kaiser von Portugallien an die Spitze der Weltliteratur. Die Schwedin gehört bis heute nicht nur zu den bekanntesten Schriftstellerinnen, sie war auch die erste Frau, die je mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde. Am 20. Oktober wäre die Schriftstellerin 160 Jahre alt geworden.

Lagerlöf, geboren 1858 auf dem elterlichen Gut Mårbacka (in der heutige Gemeinde Sunne, Värmland), war das zweitjüngste von sechs Kindern. Sie und eine ihrer Schwestern wurden von einer Gouvernante Zuhause unterrichtet, doch es waren vor allem die Erzählungen ihrer Großmutter, die das Interesse für Märchen und Sagen und Geschichten aus ihrer Heimat weckten.

Lagerlöf wurde mit einem Hüftleiden geboren, das sie in ihrer Kindheit beim spielen einschränkte, weshalb sie sich zunehmend mit Büchern die Zeit vertrieb. Auch wenn die Lähmung in ihrem linken Bein später wieder abnahm, blieb zeitlebens ein leichtes Hinken zurück. Diese Beeinträchtigung arbeitete Lagerlöf später bewusst in ihrer Autobiographie aus. Ihr Außenseitertum prädestinierte sie scheinbar zum Schreiben. „Diese Behinderung hat mich gezwungen stillzusitzen und in mich hineinzuschauen, und das ist der Grund, warum ich Schriftstellerin wurde“, sagte sie später einmal.

1882 ließ sie sich gegen den Willen ihres Vaters zur Lehrerin ausbilden und übte diesen Beruf zehn Jahre lang aus. In dieser Zeit verfasste sie auch ihren ersten Roman: Gösta Berling. Bereits für die ersten Kapitel des unfertigen Manuskripts gewann sie 500 Kronen bei einem Kurzgeschichtenwettbewerb und ein Stipendium, das es ihr ermöglichte sich für ein Jahr von ihrer Arbeit als Lehrerin freistellen zu lassen und sich ausschließlich dem Schreiben zu widmen. In dem Roman, der die Geschichte eines alkoholabhängigen Pfarrers erzählt, spielt wie in so vielen ihrer anderen Werke Heimat eine große Rolle. Immer wieder greift sie, bei dem Versuch die Lebensweise ihrer Zeit für nachfolgende Generationen festzuhalten, auf den Hof der Eltern als Vorbild zurück. Wie im echten Leben – der Gutshof Mårbacka musste 1890 wegen zu hoher Schulden verkauft werden – wird auch in Lagerlöfs Werken die Bedrohung und der Verlust der Heimat thematisiert. Weitere wiederkehrende Themen sind neben der Auseinandersetzung mit herrschenden Geschlechterrollen der Umgang mit Schuld, soziale Veränderungen, sowie Vater-Tochter-Beziehungen, die oft trotz schwerer Konflikte von gegenseitiger Liebe und Zuneigung geprägt sind.

Lagerlöfs Schreibstil ist vor allem in der mündlichen Erzähltradition verhaftet. Ihre episodenhaften Kapitel und die Wahl regionaler und heimatverbundener, bisweilen fantastischer Themen brachten ihr lange Zeit Kritik und den Beinamen ‚Märchentante‘ ein. Dieser Hang zum Fantastischen, sowie die oft von Schicksal und Zufall begünstigten Handlungssträngen machten sie zu einer – für ihre Zeit – unkonventionellen Schriftstellerin. Aus diesem Grund wurde auch ihre Nominierung für den Nobelpreis der Literatur kontrovers diskutiert. Dennoch wurde sie am 10. Dezember 1909 „auf Grund des edlen Idealismus, des Phantasiereichtums und der seelenvollen Darstellung, die ihre Dichtung prägen“ als erste Frau ausgezeichnet. Fünf Jahre später wurde sie das erste weibliche Mitglied der Schwedischen Akademien.

Neben dem Schreiben engagierte Lagerlöf sich vor allem für die Frauenrechte. Sie setzte sich für bessere Ausbildungs- und Arbeitsmöglichkeiten für Frauen ein und hielt 1911 eine vielbeachtete Rede bei einem internationalen Frauenkongress in Stockholm, mit der sie sich für das Frauenwahlrecht stark machte. (Frauen bekamen erst 1921 das Wahlrecht.) Darüber hinaus setzte sie sich für karitative Zwecke ein und beteiligte sich an einem Komitee für jüdische Flüchtlinge während des Zweiten Weltkrieges. Ihre Nobel-Preis-Medaille spendete sie, um die Finnen im Winterkrieg finanziell zu unterstützen.

Selma Lagerlöf starb 1940 auf Mårbacka, dem Gutshof ihrer Eltern. Diesen hatte sie bereits 1908 zurück erworben und zu einem Herrenhaus umbauen lassen. Hier hatte sie die letzten zwanzig Jahre ihres Lebens verbracht.  

About author View all posts

Johanna

Johanna

Hat ihr Herz schon als Kind an Schweden verloren. Bis heute begeistert sie sich für schwedische Literatur im Besonderen und skandinavische Lebensart im Allgemeinen. Hat eine unstillbare Sehnsucht nach den nahezu unberührten Landstrichen Skandinaviens und träumt von einem Häuschen auf den Schären.