Finnland-Alumni – Teil 5: Birgit Kraus

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Fennistik – es klingt im Namen schon an – ist die Wissenschaft von der finnischen Sprache, Literatur und Kultur. Doch was erwartet die Studierenden, die sich für das Fach entscheiden? Wie findet man zu diesem doch eher ungewöhnlichen Studiengang, und welche Laufbahnen eröffnen sich nach dem Abschluss?

In Folge 5 unserer Interviewreihe erzählt Birgit Kraus von der Technischen Hochschule Aschaffenburg, wie das Finnische sie seit einem faszinierenden Sommeraufenthalt im Norden durch ihr Leben begleitet.

Was verbindet Dich mit Finnland und wie hast Du zu Deinem Studienfach gefunden?

Nach Finnland bin ich mit 18 Jahren als Au-pair gekommen und war sofort begeistert. Die Einsamkeit und die Ruhe im Sommerhaus meiner finnischen Gastfamilie und das Licht des Nordens fand ich faszinierend. Schnell stand für mich fest, dass ich wiederkommen würde. Die folgenden Sommerferien bin ich durch Finnland gereist und habe nach dem Abitur mehrere Finnischkurse an der Sommeruniversität in Helsinki belegt.

Den Ausschlag für die Wahl von Greifswald als Studienort gab der Finnlandbezug der Universität. Zunächst habe ich Englisch und Französisch für das Lehramt an Gymnasien studiert, doch die finnische Sprache ließ mich nicht los: Mein erstes Schulpraktikum absolvierte ich an der Finnisch-Französischen Schule in Helsinki. Nach der Zwischenprüfung und weiteren Sommerkursen in Finnland entschied ich mich zusätzlich zum Lehramt für ein Doppelstudium Romanistik und Fennistik im Magister.

Welche Themen haben Dich im Studium besonders interessiert?

Schwerpunktmäßig habe ich mich immer – nicht nur im Fennistikstudium – mit Linguistik beschäftigt: Syntax, Übersetzungswissenschaft, kontrastive Linguistik, bevorzugt Finnisch-Französisch. Gerne habe ich auch Leena Landers Romane, die Kurzgeschichten von Maria Jotuni und finnisch-amerikanische Literatur gelesen.

Welchen Weg hast Du nach dem Studium eingeschlagen und was machst Du heute?

Nach Studienende habe ich, gefördert vom DAAD, ein Postgraduiertenjahr an der Universität Vaasa verbracht und danach in Deutschland mein Referendariat im Schuldienst abgeschlossen.
Die folgenden zehn Jahre arbeitete ich in unterschiedlichen Positionen an Hochschulen oder im hochschulnahen Umfeld: als DAAD-Lektorin in Strasbourg, als Mitarbeiterin im Bereich Studiengangsentwicklung in Darmstadt sowie als Referentin bei einer Akkreditierungsagentur. Parallel habe ich mich im Wissenschaftsmanagement weitergebildet.

Seit 2014 bin ich Referentin für Hochschulentwicklung und Qualitätsmanagement an der TH Aschaffenburg. Ich berate die Hochschulleitung bei der Strategiebildung, insbesondere Internationalisierung, führe Befragungen durch und vieles mehr.

Welche Rolle spielt die Fennistik bzw. die finnische Sprache in Deinem Leben?

Mein Sohn hat einen finnischen Vornamen und singt begeistert finnische Songs mit, auch wenn er die Texte nicht so richtig versteht. Zu meinen finnischen Freunden pflege ich nach wie vor guten Kontakt. Seit vielen Jahren habe ich außerdem die Zeitschrift Suomen Kuvalehti abonniert und schaue regelmäßig finnische Nachrichten über das Internet. Wenn ich Zeit habe, lese ich aktuelle finnische Romane. Am Unabhängigkeitstag ist der Empfang des finnischen Staatspräsidenten ein absolutes Muss. Und jedes Mal, wenn ich in Finnland bin, fühle ich mich nach wie vor zu Hause.

Beruflich kommen mir meine Sprachkenntnisse ebenfalls zugute, bei meiner Einstellung in Aschaffenburg waren sie vielleicht sogar das ausschlaggebende Kriterium. Die TH Aschaffenburg bietet nämlich Doppelabschlussprogramme mit den Fachhochschulen in Seinäjoki und Turku an. Für meine Hochschule ist es also hilfreich, dass ich solides, aktuelles Hintergrundwissen über das finnische Bildungssystem habe und im Zweifel den Wortlaut im finnischen Universitätsgesetz nachschlagen kann.

Welchen Ratschlag würdest Du einem*r angehenden Student*in der Fennistik geben?

Finnisch ist eine wundervolle logische Sprache. Man sollte sich von Kasus und Stufenwechsel nicht entmutigen lassen, sondern vielmehr das System dahinter verinnerlichen.

Sommerkurse in Finnland sind sehr effektiv für einen „Niveauschub“, zumal sie vom finnischen Staat gefördert werden. Die größte Herausforderung sind die guten Englischkenntnisse in Finnland. Gesprächspartner meinen es gut und reden sofort Englisch, wenn sie feststellen, dass sie einen Ausländer vor sich haben. Hier sind Geduld und Hartnäckigkeit gefragt. Ich habe anfangs manchmal so getan, als könnte ich weder Englisch noch Deutsch, und mein Gegenüber musste dann wohl oder übel weiter mit meinem Finnisch vorliebnehmen.

Für die berufliche Orientierung kann ich Praktika und ehrenamtliche Tätigkeiten wärmstens empfehlen. Man lernt dort viel über Organisation und Projektmanagement, idealerweise sogar über Finanzen. Die zusätzliche Aneignung von BWL-Kenntnissen schadet ebenfalls nicht, denn nicht alle können nach Studienende in der Wissenschaft bleiben oder in Finnland Deutsch unterrichten.
Wichtig ist, für Neues offen zu bleiben, sein eigenes Können wirksam zu präsentieren und auch Umwege in Kauf zu nehmen. Als Geisteswissenschaftler stehen einem mehr Türen offen, als man vielleicht denkt. Insbesondere das ganzheitliche Denken, der Blick über den Tellerrand, z. B. durch Auslandsaufenthalte, und letztlich auch die sprachliche Gewandtheit werden in Unternehmen zunehmend geschätzt. In Finnland und Deutschland gibt es viele Firmen, die Personal benötigen, das zwischen beiden Welten vermitteln kann. So etwas habe ich hier in Aschaffenburg letztlich für mich gefunden.

Finnland-Alumni – Teil 4: Laura Stolz

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Fennistik – es klingt im Namen schon an – ist die Wissenschaft von der finnischen Sprache, Literatur und Kultur. Doch was erwartet die Studierenden, die sich für das Fach entscheiden? Wie findet man zu diesem doch eher ungewöhnlichen Studiengang, und welche Laufbahnen eröffnen sich nach dem Abschluss?

In der vierten Folge unserer Reihe erzählt die Kulturreferentin der DFG Rheinland-Pfalz/Saarland Laura Stolz, wie sie zwischen Greifswald und dem Polarkreis Finnisch lernte, Mittsommerfeste feierte, mit Feuer- und Eisskulpturen arbeitete und als Tourismusmanagerin heute den Spagat zwischen Finnland und Deutschland macht.


Wie hast Du Finnland und die Fennistik für Dich entdeckt?

Nach meinem Abitur bin ich als Au-pair nach Jyväskylä gegangen. Die Gründe waren eigentlich simpel: Ich wollte rausfinden, was ich nach der Schule machen möchte und zudem etwas Finnisch lernen, da ich als Halbfinnin zwar die finnische Schule in Wiesbaden besucht hatte, jedoch keine finnischen Sätze bilden, geschweige denn mit meinen finnischen Verwandten reden konnte.

In Jyväskylä lernte ich dann schnell einige deutsche Au-pairs kennen und erfuhr von der Möglichkeit des Fennistikstudiums in Deutschland, genauer gesagt in Greifswald. Also beschloss ich, das Studium dort zum nächsten Wintersemester zu beginnen.

Welche Erwartungen hattest Du an Dein Studium und was hat Dir besonders gefallen?

Hauptziel meines Studiums war das Erwerben von Sprachkenntnissen, damit ich mich auf Finnisch unterhalten konnte. Durch ein Sprachstipendium für einen einmonatigen Aufenthalt in Savonlinna über das damalige Zentrum für internationale Mobilität CIMO sowie ein Erasmusjahr in Joensuu konnte ich meine in Greifswald erworbenen Sprachkenntnisse enorm ausbauen. Hilfreich war dabei sicherlich auch, dass ich während des Erasmusjahres bei meiner Tante leben konnte, mit der ich täglich auf Finnisch kommunizierte.

Spaß gemacht haben mir in Greifswald die landeskundlichen Kurse sowie die Grammatikkurse. Außerdem gefielen mir die familiäre Atmosphäre am Nordischen Institut und der Charme der historischen Villa, in der das Institut sich damals noch befand. Wir hatten dort viele Gelegenheiten, nordische Feste zu feiern, wie die Pikkujoulu-Feier vor Weihnachten, die Feierlichkeiten zum Unabhängigkeitstag Finnlands, das Lichterfest Lucia und das Mittsommerfest Juhannus, aber auch gemeinsame Karaoke-Abende.

Nach meinem Bachelorstudium in Greifswald zog ich für zwei Jahre an den Polarkreis, um an der Universität Rovaniemi den European Master in Arts, Culture and International Management zu studieren.

Welche Erfahrungen hast Du aus Deinem Studium in Finnland mitgenommen?

Das Studium – zuerst in Joensuu und dann in Rovaniemi – hat mir sehr gut gefallen, da wir Studierenden relativ viel Freiraum in der Fächerwahl hatten. Gerade, dass ich an der Kunstfakultät ansässig war, gab mir die Möglichkeit, viele spannende Kurse und Exkursion wahrzunehmen, wie eine Exkursion nach Kilpisjärvi, bei der Studierende und Doktoranten aus Kunst und Naturwissenschaft gemeinsame Projekte entwickelten. Dazu kamen noch Workshops mit Feuer- und Eisskulpturen.

Wie ging es nach Deinem Studium weiter?

Während ich meine Masterarbeit schrieb, war ich vier Monate am Finnland-Institut in Berlin als Praktikantin tätig, wo ich viele Kontakte zu finnischen Kunst- und Kulturschaffenden knüpfte und einige Musikerinnen und Musiker traf, die ich schon in Rovaniemi kennengelernt hatte. Leider half mir dieses Praktikum nicht über die Schwierigkeiten hinweg, einen Job im Bereich Kulturmanagement zu finden. Das mag daran liegen, dass ich während meines Studiums keine weiteren Praktika gemacht hatte, um mich zu spezialisieren: Kulturmanagement ist ein breit gefächertes Gebiet und reicht von Marketing über Veranstaltungsorganisation bis hin zur Museumsarbeit. Nach einigen Nebenjobs und zahlreichen Bewerbungen durfte ich ein Praktikum bei einem Kunstverein in Stuttgart machen. Diese Tätigkeit war die Grundlage für mein Volontariat beim Kloster Bronnbach in Wertheim, wo ich im Bereich Kulturmanagement/Kulturmarketing arbeitete und schließlich die Zusage zu meiner derzeitigen Stelle als Tourismusmanagerin erhielt.

Bei meiner jetzigen Tätigkeit versuche ich natürlich auch weiterhin etwas finnische Kultur einfließen zu lassen. Deshalb engagiere ich mich als Kulturreferentin für den Landesverein Rheinland-Pfalz/Saarland der Deutsch-Finnischen Gesellschaft. In diesem Ehrenamt organisiere ich Konzerte finnischer Musikerinnen und Musiker. Das macht wirklich Spaß, denn ich darf mir ihre Musik schon bei der jährlichen Kulturtagung der DFG in Helsinki live anhören und mitentscheiden, wer im nächsten Jahr zu uns auf Tournee kommt.

Welchen Ratschlag würdest Du einem*r angehenden Student*in der Fennistik geben?

Da die Fennistik ein Orchideenfach ist, würde ich empfehlen, sich schon während des Studiums zu orientieren, in welche Richtung man einmal beruflich gehen möchte. Entscheidend finde ich jedoch, dass man Fennistik aus Interesse studiert, Spaß daran hat und sich von Vorurteilen, dass man damit ja eh keinen Job findet, nicht abschrecken lässt. Ein Orchideenfach bringt in Bewerbungsprozessen oft Aufmerksamkeit ein, die man nicht unterschätzen sollte! Und viel wichtiger ist sowieso, etwas zu machen, worauf man wirklich Lust hat!

Der unterirdische Nil – Teil 3

Die Mumie, die er in der Ausgrabung berührte, hat Kristian bis in seine Träume verfolgt. Im letzten Teil der Kurzgeschichte von Marko Hautala erfahrt ihr heute, was in jenem Moment wirklich geschah.

Foto: Gaurav D Lathiya/Unsplash

Kristians Tod war ein Schock für alle, besonders aber für Riina.

Sie erzählte die Einzelheiten wieder und wieder, erst Pasi und Marja, dann den örtlichen Behörden, dann am Telefon der Vertreterin der finnischen Botschaft und schließlich jedem, der danach fragte. Riina war davon aufgewacht, dass Kristian mitten im Hotelzimmer gestanden und mit lauter Stimme eine fremde Sprache gesprochen hatte. Sein Gesicht war bleich und glänzend vor Schweiß gewesen. Dann war er zu Boden gesunken.

Ich wusste gleich, dass er tot war, sagte Riina.

Kristians Körper konnte nicht zurück in seine Heimat transportiert werden. Riina hörte ungläubig zu, wie seine Eltern ihr erklärten, was sie über die Vorgehensweise des finnischen Staates herausgefunden hatten. Wer im Ausland starb, fiel in die Zuständigkeit der örtlichen Behörden. Der Staat zahlte nicht für die Überführung des Verstorbenen in seine Heimat.

Kristians Eltern hatten nicht genug Geld, um ihren Sohn zurück nach Finnland zu holen, sodass sie dort statt einer Beerdigung eine Gedenkfeier ausrichteten. Die Atmosphäre war herzlich, doch Riina wurde das Gefühl nicht los, dass der Abschied unvollständig blieb. Als sie aus dem Fenster der Kapelle schaute, bemerkte sie einen langsamen Schneewirbel, den der Wind über den Parkplatz trieb. Er ließ sie an den Sand am weit entfernten Nilufer denken und daran, dass Kristian im falschen Land beerdigt worden war.

Dann tat Riina das, was von einer werdenden Mutter erwartet wurde: Sie verdrängte die Trauer und brachte ihr Kind zur Welt.

Sie lebte ihr Leben weiter.

Die Wüste bewegte sich in der Nacht, verborgen vor den Augen der Menschen.

Die Dünen waren jeden Tag an einem anderen Ort, mal sanft abfallend, dann wieder steil ansteigend. Skorpione gruben sich neue Verstecke, lauerten in der Dunkelheit. Lauschten auf die heimlichen Bewegungen der Sandkörner. Das sichelförmige Auge des Chons beherrschte den Nachthimmel, bis Re-Harachtes Glut im Osten erwachte.

Kristian führte drei amerikanische Touristen zum Ausgang der Ausgrabung und blieb hin und wieder stehen, um auf Hieroglyphen, den Opfertisch oder den Schacht zu zeigen. Die Touristen konnten sich nicht mehr konzentrieren, denn sie hatten eben die Priesterin gesehen. Ihre Augen stierten ruhelos aus den sonnenverbrannten Gesichtern und das nervöse Auflachen verstummte schnell, als die Wände den Schall zurückwarfen.

An der Treppe angekommen hob Kristian den Finger an die Lippen und sah jedem von ihnen eindringlich in die Augen. Die Touristen nickten angespannt. Keiner von ihnen hatte gezögert, ein Foto zu machen, als die Priesterin vor ihnen gelegen hatte. Alle hatten sich getraut, sie zu berühren.

Am unteren Ende der Stufen versperrte Kristian ihnen den Ausgang. Zeit zum Bezahlen, sagte sein Blick. Das Geld fand sich schnell, denn Hassan hatte ihnen geraten, die Scheine bereitzuhalten („zwanzig Pfund, er wird mehr verlangen, aber gebt ihm zwanzig Pfund“). Es war wichtig, Vertrauen zu erwecken. Das Gefühl, dass Hassan ihr Bestes wollte. So kamen sie zurück, brachten andere mit.

Kristian betrachtete das Geld. Elende, eingerissene Scheine. Doch aus ihnen erwuchs ein Strom, fruchtbar und furchterregend wie der Nil.

„Thank you, but please… more“, bettelte Kristian.

Es war nur ein Teil der Show, doch die Touristen wichen seinem Blick schuldbewusst aus, erklommen rasch die abgerundeten Stufen und gingen auf den verbeulten Peugeot zu, in dem Hassan und Said warteten. Kristian blieb am Eingang stehen. Er nickte Hassan zu, der die Hand ein winziges Stück hob und dann etwas zum Fahrer sagte.

Dasselbe wiederholte sich Tag für Tag. Die Wächter, die Kristian die Priesterin zuerst gezeigt hatten, hatten ihm auch beigebracht, sich um ihre Bedürfnisse zu kümmern. Dann hatten sie sich verabschiedet und waren zu einer Ausgrabung im Süden gewechselt, in der Nähe der Stadt Edfu.

Als das Auto inmitten einer gelblich-braunen Staubwolke auf sein nächstes Ziel zukurvte, sah Kristian ihm nach und schickte den Touristen einen Rat hinterher, nachdem sie nun die Priesterin berührt hatten.

Dient ihr, sagte er lautlos, oder sterbt zwei Tode.

Genau genommen war es kein Rat, sondern ein Ultimatum. Zugleich war es eine Segnung. Ein Versprechen, dass sie nach dem ersten Tod die Wahl hatten. Wenn sie in der Nacht in ihren Hotelzimmern zu Boden sanken, konnten sie die Lähmung noch überwinden. Wenn sie bereit waren zu dienen.

Oh, große Priesterin, die du wiederbelebt wurdest!

Sie konnten in der Leichenhalle aufwachen und sie auf ihren eigenen zwei Beinen verlassen, wie Kristian es getan hatte.

Die Schnüre des Seth, die deinen Mund verschlossen, sind geöffnet! Gepriesen sei Atum!

Sie würden die Lähmung überwinden und wieder gehen können. So wie es bald alle wieder könnten, die für Jahrtausende in den Museen der Monotheisten geschlafen hatten, in Glasvitrinen, unter schamlosen Blicken.

O Wächter der Glieder des Osiris, die ihr das Licht in ihre Körper strömen lasst, sodass sie nichts mehr davon abhält, auf der Erde zu wandeln!

Die Priesterin hatte Kristian alles erzählt. Den ganzen großen Plan. Er hatte ihre Stimme gehört und ihre Worte verstanden, obwohl die verschrumpelten Lippen und die im Mund vertrocknete Zunge sich nicht bewegt hatten.

Die Duat öffnet sich, hatte die Priesterin gesagt. Der unterirdische Nil beginnt zu strömen.

Die Wiederbeleber kehren zurück. Das ist tausendfach wahr.

Die rissigen Scheine aus dem Tal der Könige, aus den Tempeln und den Buden auf dem Basar vereinten sich zu einem brausenden Fluss. Sie quollen durch geheime Kanäle in den großen Strom, listig wie Schlangen. Jeder Diener des Amun, vom Beamten in der Behörde für vorgeschichtliche Funde bis zur geringsten Händlerin, die den in der Sonne versengten Monotheisten ein kleines Geld abknöpfte, wusste, dass ihre harte Arbeit den Tag vorbereitete, an dem Amun, Mut und Chons zurückkehrten. Die Widderallee wurde unter elenden Stadtwohnungen freigelegt. Bald würde sie abermals den Karnak-Tempel und die Kultstätten im Zentrum miteinander verbinden. Ihre Wände wurden restauriert und fertiggestellt. In den Kammern wurden die alten Zeichnungen ausgebreitet. In vor Ehrerbietung geweiteten Pupillen spiegelte sich vergessene Technologie, die Geheimnisse unterschätzter Energiequellen.

Die Strahlen des Re-Harachte würden die Kreuzfahrtschiffe auf dem Nil in Flammen aufgehen lassen. Der Damm von Assuan würde erobert werden. Das dösende Kairo würde untergehen, bevor es sich auch nur rühren konnte. Theben würde wieder aufblühen und den Blick über das Mittelmeer nach Norden wenden.

Kristian hatte den Worten der Priesterin wie erstarrt gelauscht, als einer von vielen. Einer von denen, die noch immer durchgefroren und verblüfft waren, aus der Lähmung zurückgekehrt zu sein.

Er hatte gelauscht und verstanden, dass er in einer Sache richtig gelegen hatte: Es war Betrug gewesen. Alles, von Anfang an. Der größte und am besten verheimlichte Betrug der Weltgeschichte. Und jetzt war er ein Teil davon.

Als Hassans Peugeot nur noch ein kleines Staubkorn am Rand der Wüste war, berührte Kristian die rissigen Scheine mit den Fingerspitzen und merkte, dass seine Gedanken wieder wanderten. Er überlegte, wie die kommende Flut die Menschen im fernen Norden behandeln, ob sie sie tragen oder ertränken würde. Würde sie die Frau verschonen, an deren Namen er sich nicht mehr erinnerte? Würde sie das Kind verschonen, dessen Namen er nie erfahren würde?

Woran denkst du?

Die Worte rissen Kristian aus seinem Dämmerzustand. Er wandte sich um und sah in die Ausgrabung hinab, doch seine Augen waren vom glühenden Sand geblendet.

Die Gestalt der Priesterin war nur eine Bewegung in den Schatten.

Kristian stieg die Stufen hinunter und tastete im Dunkeln herum, bis er die trockene, glatte Haut ihres Gesichts berührte. An seinen Fingerspitzen kitzelte das schwache Summen einer schlummernden Energie wie das flüchtige Aufleuchten eines weit entfernten Stroms.

„An dich, Hoheit“, versicherte er, obwohl er den Zweifel in ihrem augenlosen Blick spürte. Die Gestalt der Priesterin mochte zerbrechlich wie Papyrus oder eine Sandstatue wirken, doch zuweilen erwachte in ihr der Zorn der löwenköpfigen Göttin Sachmet. Sie hatte Fleisch von Knochen getrennt. Arme ausgerissen, Zungen, Geschlechtsorgane.

„Nur an dich.“

 

 

Aus dem Finnischen von Claudia Nierste

Der unterirdische Nil – Teil 2

Als wir unsere Held*innen Kristian, Riina, Marja und Pasi zuletzt verließen, taten sie gerade ihre ersten, zögerlichen Schritte in das dunkle Innere eines Tempels mit dem festen Vorsatz, eine echte Mumie zu sehen. Wie es mit ihnen weitergeht, erfährt ihr heute in der Fortsetzung der Kurzgeschichte von Marko Hautala.

Foto: Rubén Bagüés/Unsplash

Einer der Männer verschwand durch eine niedrige Türöffnung in einer stockdunklen Kammer.

Die anderen blieben zurück und betrachteten die Hieroglyphen und Gravierungen an den Wänden durch zusammengekniffene Lider. Anubis, Thoth, Osiris. Auf der Waage das Herz des Verstorbenen und die Feder der Göttin Maat. Kristian erkannte die vertrauten Bilder aus dem Totenbuch, die das letzte Gericht darstellten. Ohne die Krämer und die Armee der Sonnenhüte in seinem Blickfeld sahen sie gleich ganz anders aus.

Die glühende Zigarette des Wächters, der in die Kammer geschlüpft war, tauchte wieder in der Tür auf. Der Mann trug einen länglichen Gegenstand unter dem Arm. Er schob sich die Zigarette in den Mundwinkel und präsentierte ihnen mit beiden Händen etwas Leichtes und Steifes, wie eine Puppe aus Karton. Der zweite Wächter richtete die Taschenlampe darauf.

Riina holte tief Luft und trat einen Schritt zurück.

Im von unten kommenden Licht traten die furchtbaren Gesichtszüge deutlich hervor.

Die Nase fehlte und die Augenhöhlen waren leer. Die Haut war glatt, dunkelgrau und wölbte sich nach innen, als wäre sie kurz davor einzubrechen. Zwischen den verschrumpelten Lippen schaute schwarzes Zahnfleisch hervor, in dem noch einige klägliche Zahnstümpfe steckten. Dahinter ragte etwas nach oben, das die im Mund vertrocknete Zunge sein mochte. Unter dem Kinn hing ein kümmerliches Stück Stoff, vielleicht der Überrest eines Leichentuchs.

„Ach du Scheiße.“ Marja stieß ein nervöses Lachen aus und tastete nach Pasis Hand.

Die Taschenlampe des Wächters wanderte vom Gesicht nach unten und beleuchtete den Körper. Über den Rippenknochen spannte sich die Haut wie dunkles Pergament und war am Bauch auf der linken Seite eingerissen. Die Arme lagen dünn wie Stöckchen und unnatürlich gerade an den Seiten. Die Beine schienen nur noch Knochen zu sein, auch sie vollkommen gerade, abgesehen von den kugelförmigen Knien und den spitzen Füßen.

„Die kann nicht echt sein“, sagte Kristian, war sich aber nicht sicher, ob er seinen eigenen Worten glaubte.

Der Wächter deutete das als Wunsch, die Mumie zu berühren, und brachte sie näher heran. Kristian versuchte abzuwehren, doch der Mann gab nicht auf.

„Willst du sie wirklich anfassen?“, fragte Riina.

„Natürlich nicht“, antwortete Kristian.

Dennoch bewegte sich seine Hand auf die Mumie zu. Vielleicht war es das Bedürfnis, einen weiteren Betrugsversuch aufzudecken. Vielleicht fühlte es sich gut an, dass zum ersten Mal während des gesamten Urlaubs Riina diejenige war, die sich Sorgen um ihn machte. Auf jeden Fall streckte er die Hand aus und berührte die Mumie am Scheitel.

„Was machst du denn da?“, fragte Riina mit einem ungläubigen Lachen.

Pasi und Marja brachten kein Wort heraus.

Kristian strich mit den Fingern über die Haut der Mumie. Sie war unnatürlich glatt. Er konnte sich gut vorstellen, wie die Jahrtausende die Poren abgetragen hatten.

„Glückwunsch“, sagte Pasi. „Du bekommst jetzt irgendeinen altägyptischen Superdurchfall. Leidest den Rest der Reise am Fluch der Mumie.“

Marja stieß ein nervöses, zu lautes Lachen aus, als wollte sie sich für den Witz ihres Mannes entschuldigen.

Kristians Finger zuckten von der Haut der Mumie zurück wie von einem kleinen Stromschlag getroffen. Er wischte sich die Hand an den Baumwollshorts ab, bis er begriff, dass er die Bakterien damit nur an einen anderen Ort brachte, fummelte die Flasche AntiBac aus der Tasche und rieb sich die Finger mit Desinfektionsgel ein. Auf dieser Reise hatte er so viel davon benutzt, dass die anderen schon darüber gespottet hatten.

„Ist das ein echter Pharao?“, fragte Marja, als könnte er das mit den Fingerspitzen erfühlen.

„Ein Pharao, wie?“ Pasi lachte und stupste seine Frau mit dem Ellenbogen an. „Das ist eine Priesterin.“

„Pharaonen haben die Arme auf der Brust überkreuzt“, sagte Riina zerstreut und sah ihren Mann besorgt an.

Kristian beteiligte sich nicht am Gespräch. Er schüttelte die Finger, die noch kühl vom Gel waren, und wunderte sich über seinen plötzlichen Mut.

Der Wächter bot die Mumie auch den anderen zum Anfassen an, doch als sie hastig einige Schritte zurücktraten und die Köpfe schüttelten, ließ der Mann sie zu Boden gleiten. Er trat zur Seite und deutete gestikulierend an, dass sie Fotos machen konnten.

„Na komm, mach eins“, sagte Pasi zu Marja.

„Ich weiß nicht…“

„Leichenschändung war es ja schon, als der da sie getragen hat wie ein Bauarbeiter eine Holzplanke“, bemerkte Pasi. „Das müssen wir verewigen.“

Die Frauen machten ein paar Bilder ohne Blitz, nur im Licht der Taschenlampen. Über Riinas Schulter hinweg sah Kristian auf dem Display des Handys die erstarrte Mumie, die in der Luft zu schweben schien, im schaurig bleichen Licht. Die leeren Augenhöhlen, das schwarze Zahnfleisch, die vertrocknete Zunge.

Nach der hastigen Fotosession nickten sie den Wächtern dankend zu, in erster Linie, um von hier wegzukommen. Kristian war sich sicher, dass auch in den Köpfen der anderen Bilder von frischeren Leichen aus den Nachrichten herumspukten. Von denen, die sie sich angesehen hatten, als zur Diskussion stand, ob eine Reise nach Ägypten sicher wäre.

Der Wächter warf seine Zigarette auf den Boden, trat sie mit der Schuhspitze aus und klemmte sich dann die Mumie unter den Arm. Die achtlose Kehrtwendung in dem engen Raum ließ Kristian befürchten, dass der Mann seine Last gegen die Wand schlagen würde. Einen kurzen Moment lang stand ihm ein schreckliches Bild vor Augen, auf dem sie gemeinsam versuchten, den Kopf der Priesterin von Muti wieder anzukleben. Die Trageoperation glückte jedoch mit routinierter Sicherheit. Der Wächter und die Mumie verschwanden durch die niedrige Türöffnung im Dunkeln. Der zurückgebliebene Mann hob wieder den Zeigefinger an die Lippen und sah jedem von ihnen eindringlich in die Augen.

Nachdem die Stufen sie zurück ans Tageslicht geführt hatten, begann das Betteln um Geld. Sie bezahlten zwanzig Pfund, wie Hassan gesagt hatte, und gingen mit festen Schritten davon, auch wenn die Männer zu verstehen gaben, dass das Geld nicht reichte. Der Peugeot wartete dort, wo sie ihn zurückgelassen hatten. Der Motor heulte auf und sie quetschten sich wieder auf die löchrige Polsterung. Diesmal war Kristian an der Reihe, hinter die Sitze zu kriechen.

„Hat es euch gefallen?“

Hassans Lächeln war noch breiter geworden.

„Ja“, sagte Kristian und klang dabei begeisterter, als er gewollt hatte. „Es war richtig… aufregend.“

„Die Priesterin hat sich ihrer Stellung entsprechend verhalten?“

„Aber ja“, antwortete Pasi. „Sehr förmlich und steif.“

Hassan lachte und schlug die Hände zusammen.

„Ausgezeichnet! Dann fahren wir jetzt zum Laden meines Cousins. Er verkauft Krüge und Statuen aus echtem Alabaster und Basalt. Alles, was ihr euch vorstellen könnt! Keine billigen Kopien wie auf dem Basar.“

„Toll“, meinte Marja und sah die anderen vielsagend an.

Von Hassans eifrig redendem Cousin kauften sie drei Statuen der Göttin Isis, einige Anubisskulpturen und so viele verschiedene Krüge und Skarabäen, dass keiner von ihnen sich noch genau erinnerte, was sie gekauft hatten, nachdem alles in Zeitungspapier eingeschlagen war. Nach ein paar Bier auf der Terrasse eines Restaurants am Nilufer brachte Hassan sie zum Bootshafen, wo sie ihren Reiseführer bezahlten und über eine schwankende Planke an Bord einer kleinen Feluke gingen. Der Außenbootmotor spuckte schwarzen Rauch, als der höchstens zwölfjährige Fahrer Kurs auf das östliche Ufer nahm.

Hassan winkte ihnen vom Kai aus zu, ein dickes Bündel Scheine in der Hand, und fing dann ein Gespräch mit einem Mann in einer hellblauen Dschallabija an, der neben ihm aufgetaucht war. Kristian verspürte den unwiderstehlichen Drang, das Wasser zu berühren, das an der Bootsseite entlangrauschte, auch wenn im Reiseführer vor im Nil lebenden Parasiten gewarnt wurde, die sich durch die Haut fressen, Krämpfe und Wahnvorstellungen auslösen und sogar töten konnten.

Das schien jetzt nicht wichtig, denn nach dem Berühren der Mumie fühlte sich Kristian zum ersten Mal während des Urlaubs präsent, als erlebte er das alles wirklich.

Seine Fingerspitzen kitzelten angenehm, als sie beinahe das lauwarme Wasser des Nils streiften.

„Trinkt ihr noch eins?“, fragte Kristian.

Pasi spähte in den Schaum am Boden seiner Sakara-Flasche und warf dann Marja einen fragenden Blick zu.

„Warum nicht“, sagte er nach einer Art stummem Wortaustausch. Kristian wiederum bedachte Riina mit einem fragenden Blick, obwohl er genau wusste, dass sie kein Bier trinken würde. Das Glas seiner Frau enthielt tiefroten Karkadeh, den man leicht für Wein halten konnte. In seinem angetrunkenen Zustand dachte Kristian, dass es besser gewesen wäre, Pasi und Marja einfach von der Schwangerschaft zu erzählen.

Als die Bierflaschen geöffnet waren, saßen sie einen Moment lang da, ohne ein Wort zu sagen.

Die Landschaft vor dem flussseitigen Balkon des Hotels Isis Pyramisa war bezaubernd, vor allem jetzt, da die Sonne hinter den Berggipfeln versunken war. Jenseits der Berge ruhte das Tal der Könige mit seinen Gräbern.

Den ganzen Urlaub über hatten sie sich abends auf Kristians und Riinas Balkon versammelt, denn Pasi und Marja hatten ein Zimmer zur Straße bekommen, das keinen besonders tollen Ausblick bot. Von hier aus sah man zwischen den Palmen den Nil glitzern, auf dem Boote mit hohen Segeln vorbeiglitten, und hörte die letzten Gebetsrufe des Abends. Sie schallten von den Türmen der Moscheen, als antworteten sie einander.

Kristian hatte das deutliche Gefühl, dass ihn jemand aus dem Halbschlaf des Touristen geweckt hatte. Die Palmblätter zeichneten sich schärfer gegen den dunkler werdenden, türkisfarbenen Himmel ab. Er wollte sich keine Sorgen mehr machen. Nicht wegen der Terroristen, nicht wegen Riina, nicht wegen der Betrüger.

„Dorthin haben sie die Toten gebracht“, sagte Kristian, als hätte er es eben erst begriffen, nachdem er den Sand vom Westufer aus seinen Sandalen geschüttelt und sich in einem wackligen Korbstuhl ausgestreckt hatte wie alle Touristen in Luxor zu dieser Zeit am Abend. „Dort hinter die Berge. Der Westen war das Land der Toten, für wer weiß wie viele Jahrtausende. Stellt euch das mal vor. All diese Mühe. Das Einbalsamieren dauerte siebzig Tage, die Haare wurden abrasiert, die Eingeweide herausgenommen und die Körper in irgendeiner Flüssigkeit eingeweicht und in Tücher gewickelt. Dann wurden sie dorthin gebracht.“

„Ja“, erwiderte Riina, als klar wurde, dass niemand sonst antworten würde. „Jetzt gibt es dort nur noch hirntote Touristen und noch totere Mumien.“

Pasi lachte auf und trank einen Schluck Bier.

„War die wohl wirklich echt?“, fragte Marja. Sie klang ein bisschen betrunken. Wenn man richtig müde war, stieg einem selbst die dünne Sakara-Plörre heimtückisch zu Kopf.

„Ich glaube, ja“, antwortete Kristian.

Auf seine Worte folgte Stille. Dann brachen alle in heftiges Gelächter aus.

„Endlich fängt unser engstirniger Freund an aufzutauen“, rief Pasi. „Von jetzt an glaubt er alles, was die Betrüger auf dem Basar ihm erzählen.“

Kristian lachte mit den anderen mit. Er wusste, dass er die ganze Reise über den Spielverderber gegeben hatte. Wie sinnlos das doch gewesen war.

Als die Dunkelheit hereinbrach, lehnte Riina sich gegen Kristians Schulter. Sie lauschten Pasis betrunkenem Monolog über Erich von Däniken und darüber, dass die alten ägyptischen Götter eigentlich humanoide Aliens gewesen seien, und beobachteten die Fledermäuse bei ihren hektischen Flügen im Dämmerlicht zwischen den Kronen der Palmen.

Endlich war Kristian angekommen. Der warme Wind kitzelte die Härchen auf seiner Haut. Das war echt.

Kristian schlief fast sofort ein, nachdem er wie ein Stein neben Riina ins Bett gefallen war. Sein Schlaf blieb jedoch leicht und er schreckte bald aus einem Albtraum hoch, in dem sich Würmer in seinen Fingerspitzen wanden. Bevor ihn die Müdigkeit wieder über die Grenze zur Bewusstlosigkeit zog, trieb ein Gedanke an das ungeborene Kind durch seinen Kopf.

Er blieb zunächst vage und ohne festes Erscheinungsbild, plagte seinen träumenden Geist, bis er sich zu einem Bild verfestigte, zur Türöffnung in der Ausgrabung, aus deren Finsternis die Mumie aufgetaucht und in der sie wieder verschwunden war.

Kristian erwachte noch einmal, aber schaffte es kaum, die Augen zu öffnen. Der Schlaf umschlang ihn so schnell wieder, dass es sich wie ein Fallen anfühlte. In seiner letzten Vision stand er am nächtlichen Westufer des Nils, wo kein einziger Tourist zu sehen war. Er hob den Kopf. Die Mondsichel starrte aus einem wolkenlosen Himmel herunter, der Blick eines körperlosen Gottes.

Dann vollkommene Dunkelheit.

Fortsetzung in Teil 3

Finnland-Alumni – Teil 3: Ilse Winkler

Foto: privat

Fennistik – es klingt im Namen schon an – ist die Wissenschaft von der finnischen Sprache, Literatur und Kultur. Doch was erwartet die Studierenden, die sich für das Fach entscheiden? Wie findet man zu diesem doch eher ungewöhnlichen Studiengang, und welche Laufbahnen eröffnen sich nach dem Abschluss?

In der dritten Folge unserer Reihe berichtet Ilse Winkler von überraschenden Entdeckungen im Urlaub, finnischem Frakturdruck in Greifswald und ihren Erfahrungen auf dem Arbeitsmarkt.

Wie hast Du Finnland und die Fennistik für Dich entdeckt?

Im Urlaub habe ich mich in Land und Leute und vor allem in die finnische Sprache verliebt. Natürlich hatte ich gehört, dass es so gut wie unmöglich ist, Finnisch zu lernen, aber dann erzählte mir die Vermieterin unseres Mökkis Folgendes: Ein paar finnischsprachige Einträge in ihrem Gästebuch stammten von einer deutschen Frau, die seit vielen Jahren immer wieder dort Urlaub machte. – Da wusste ich, es ist zu schaffen. Nach dem Urlaub schrieb ich mich in Deutschland gleich in einen Finnischkurs an der Volkshochschule ein. Als mir im Lauf der Jahre die Kurse ausgingen, weil auf meinem Niveau nicht genug Kursteilnehmer zusammenkamen, merkte, ich, dass ich als studierte Germanistin reif war für ein Masterstudium der Fennistik.

Was hat Dich im Studium besonders interessiert?

Alles, was mit Finnland zusammenhing. Dass Schwedisch (Spracherwerb, Literatur, Phonetik etc.) durch mein Zweitfach Skandinavistik so viel Platz einnahm, war mir dagegen ehrlich gesagt eher lästig. Besonders interessant fand ich die Sprach- und Literaturgeschichte des Finnischen. Als Highlight habe ich die alten Zeitungen mit Frakturdruck empfunden, die Prof. Pantermöller mitbrachte und deren Artikel einen guten Einblick in die finnische Mentalität gaben.

Was hast Du nach dem Studium gemacht?

Ich habe Übersetzungsseminare besucht, mich mit dem deutschen Literaturbetrieb vernetzt, so gut ich konnte, und versucht, einen Fuß in die Tür des Übersetzungsbusiness zu bekommen.

Welchen Ratschlag würdest Du einem*r angehenden Student*in der Fennistik geben?

Das ist schwer zu beantworten. Wenn man vom Norden begeistert und bereit ist, sich einige Jahre lang ins Thema zu vertiefen, ist es auf jeden Fall sehr zu empfehlen. Es macht Spaß, und man ist Gesprächsthema auf jeder Party, denn wer kann schon Finnisch? Aber: Man sollte wissen, dass nach dem Studium nur wenige ausschließlich von der Fennistik leben werden. Es ist besser, wenn man sich noch ein zweites Standbein aufbaut.