Gesichter der Fennistik – Gastforscher Santeri Junttila

Santeri Junttila forscht seit dem Wintersemester 2019/20 an der Fennistik der Universität Greifswald. Dort leitet er das Projekt „Baltische und ostseefinnische Sprachen im vorhistorischen Kontext“. Das Vorhaben wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert und ist auf drei Jahre angelegt.

Er beschäftigt sich mit baltischen Lehnwörtern, also mit jenen Wörtern, die ostseefinnische Stämme in vorgeschichtlicher Zeit von baltischen übernommen hatten. Im Interview sprechen wir über seine Forschungsarbeit und seine Erfahrungen dabei.

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Finnland-Alumni – Teil 6: Liina Lutsepp

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Fennistik – es klingt im Namen schon an – ist die Wissenschaft von der finnischen Sprache, Literatur und Kultur. Am Greifswalder Institut kann man jedoch nicht nur Finnland kennenlernen, sondern auch seinen Nachbarn Estland. Warum lohnt sich ein Blick auf die kleine Ostseeraumsprache? Was sollte man in Estland auf jeden Fall gemacht haben?

In Folge 6 unserer Interviewreihe stellt sich die Greifswalder Estnischlektorin Liina Lutsepp – ihrerseits Fennistin – unseren fünf fennistischen Fragen.

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Finnland-Alumni – Teil 5: Birgit Kraus

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Fennistik – es klingt im Namen schon an – ist die Wissenschaft von der finnischen Sprache, Literatur und Kultur. Doch was erwartet die Studierenden, die sich für das Fach entscheiden? Wie findet man zu diesem doch eher ungewöhnlichen Studiengang, und welche Laufbahnen eröffnen sich nach dem Abschluss?

In Folge 5 unserer Interviewreihe erzählt Birgit Kraus von der Technischen Hochschule Aschaffenburg, wie das Finnische sie seit einem faszinierenden Sommeraufenthalt im Norden durch ihr Leben begleitet.

Was verbindet Dich mit Finnland und wie hast Du zu Deinem Studienfach gefunden?

Nach Finnland bin ich mit 18 Jahren als Au-pair gekommen und war sofort begeistert. Die Einsamkeit und die Ruhe im Sommerhaus meiner finnischen Gastfamilie und das Licht des Nordens fand ich faszinierend. Schnell stand für mich fest, dass ich wiederkommen würde. Die folgenden Sommerferien bin ich durch Finnland gereist und habe nach dem Abitur mehrere Finnischkurse an der Sommeruniversität in Helsinki belegt.

Den Ausschlag für die Wahl von Greifswald als Studienort gab der Finnlandbezug der Universität. Zunächst habe ich Englisch und Französisch für das Lehramt an Gymnasien studiert, doch die finnische Sprache ließ mich nicht los: Mein erstes Schulpraktikum absolvierte ich an der Finnisch-Französischen Schule in Helsinki. Nach der Zwischenprüfung und weiteren Sommerkursen in Finnland entschied ich mich zusätzlich zum Lehramt für ein Doppelstudium Romanistik und Fennistik im Magister.

Welche Themen haben Dich im Studium besonders interessiert?

Schwerpunktmäßig habe ich mich immer – nicht nur im Fennistikstudium – mit Linguistik beschäftigt: Syntax, Übersetzungswissenschaft, kontrastive Linguistik, bevorzugt Finnisch-Französisch. Gerne habe ich auch Leena Landers Romane, die Kurzgeschichten von Maria Jotuni und finnisch-amerikanische Literatur gelesen.

Welchen Weg hast Du nach dem Studium eingeschlagen und was machst Du heute?

Nach Studienende habe ich, gefördert vom DAAD, ein Postgraduiertenjahr an der Universität Vaasa verbracht und danach in Deutschland mein Referendariat im Schuldienst abgeschlossen.
Die folgenden zehn Jahre arbeitete ich in unterschiedlichen Positionen an Hochschulen oder im hochschulnahen Umfeld: als DAAD-Lektorin in Strasbourg, als Mitarbeiterin im Bereich Studiengangsentwicklung in Darmstadt sowie als Referentin bei einer Akkreditierungsagentur. Parallel habe ich mich im Wissenschaftsmanagement weitergebildet.

Seit 2014 bin ich Referentin für Hochschulentwicklung und Qualitätsmanagement an der TH Aschaffenburg. Ich berate die Hochschulleitung bei der Strategiebildung, insbesondere Internationalisierung, führe Befragungen durch und vieles mehr.

Welche Rolle spielt die Fennistik bzw. die finnische Sprache in Deinem Leben?

Mein Sohn hat einen finnischen Vornamen und singt begeistert finnische Songs mit, auch wenn er die Texte nicht so richtig versteht. Zu meinen finnischen Freunden pflege ich nach wie vor guten Kontakt. Seit vielen Jahren habe ich außerdem die Zeitschrift Suomen Kuvalehti abonniert und schaue regelmäßig finnische Nachrichten über das Internet. Wenn ich Zeit habe, lese ich aktuelle finnische Romane. Am Unabhängigkeitstag ist der Empfang des finnischen Staatspräsidenten ein absolutes Muss. Und jedes Mal, wenn ich in Finnland bin, fühle ich mich nach wie vor zu Hause.

Beruflich kommen mir meine Sprachkenntnisse ebenfalls zugute, bei meiner Einstellung in Aschaffenburg waren sie vielleicht sogar das ausschlaggebende Kriterium. Die TH Aschaffenburg bietet nämlich Doppelabschlussprogramme mit den Fachhochschulen in Seinäjoki und Turku an. Für meine Hochschule ist es also hilfreich, dass ich solides, aktuelles Hintergrundwissen über das finnische Bildungssystem habe und im Zweifel den Wortlaut im finnischen Universitätsgesetz nachschlagen kann.

Welchen Ratschlag würdest Du einem*r angehenden Student*in der Fennistik geben?

Finnisch ist eine wundervolle logische Sprache. Man sollte sich von Kasus und Stufenwechsel nicht entmutigen lassen, sondern vielmehr das System dahinter verinnerlichen.

Sommerkurse in Finnland sind sehr effektiv für einen „Niveauschub“, zumal sie vom finnischen Staat gefördert werden. Die größte Herausforderung sind die guten Englischkenntnisse in Finnland. Gesprächspartner meinen es gut und reden sofort Englisch, wenn sie feststellen, dass sie einen Ausländer vor sich haben. Hier sind Geduld und Hartnäckigkeit gefragt. Ich habe anfangs manchmal so getan, als könnte ich weder Englisch noch Deutsch, und mein Gegenüber musste dann wohl oder übel weiter mit meinem Finnisch vorliebnehmen.

Für die berufliche Orientierung kann ich Praktika und ehrenamtliche Tätigkeiten wärmstens empfehlen. Man lernt dort viel über Organisation und Projektmanagement, idealerweise sogar über Finanzen. Die zusätzliche Aneignung von BWL-Kenntnissen schadet ebenfalls nicht, denn nicht alle können nach Studienende in der Wissenschaft bleiben oder in Finnland Deutsch unterrichten.
Wichtig ist, für Neues offen zu bleiben, sein eigenes Können wirksam zu präsentieren und auch Umwege in Kauf zu nehmen. Als Geisteswissenschaftler stehen einem mehr Türen offen, als man vielleicht denkt. Insbesondere das ganzheitliche Denken, der Blick über den Tellerrand, z. B. durch Auslandsaufenthalte, und letztlich auch die sprachliche Gewandtheit werden in Unternehmen zunehmend geschätzt. In Finnland und Deutschland gibt es viele Firmen, die Personal benötigen, das zwischen beiden Welten vermitteln kann. So etwas habe ich hier in Aschaffenburg letztlich für mich gefunden.

Finnland-Alumni – Teil 4: Laura Stolz

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Fennistik – es klingt im Namen schon an – ist die Wissenschaft von der finnischen Sprache, Literatur und Kultur. Doch was erwartet die Studierenden, die sich für das Fach entscheiden? Wie findet man zu diesem doch eher ungewöhnlichen Studiengang, und welche Laufbahnen eröffnen sich nach dem Abschluss?

In der vierten Folge unserer Reihe erzählt die Kulturreferentin der DFG Rheinland-Pfalz/Saarland Laura Stolz, wie sie zwischen Greifswald und dem Polarkreis Finnisch lernte, Mittsommerfeste feierte, mit Feuer- und Eisskulpturen arbeitete und als Tourismusmanagerin heute den Spagat zwischen Finnland und Deutschland macht.


Wie hast Du Finnland und die Fennistik für Dich entdeckt?

Nach meinem Abitur bin ich als Au-pair nach Jyväskylä gegangen. Die Gründe waren eigentlich simpel: Ich wollte rausfinden, was ich nach der Schule machen möchte und zudem etwas Finnisch lernen, da ich als Halbfinnin zwar die finnische Schule in Wiesbaden besucht hatte, jedoch keine finnischen Sätze bilden, geschweige denn mit meinen finnischen Verwandten reden konnte.

In Jyväskylä lernte ich dann schnell einige deutsche Au-pairs kennen und erfuhr von der Möglichkeit des Fennistikstudiums in Deutschland, genauer gesagt in Greifswald. Also beschloss ich, das Studium dort zum nächsten Wintersemester zu beginnen.

Welche Erwartungen hattest Du an Dein Studium und was hat Dir besonders gefallen?

Hauptziel meines Studiums war das Erwerben von Sprachkenntnissen, damit ich mich auf Finnisch unterhalten konnte. Durch ein Sprachstipendium für einen einmonatigen Aufenthalt in Savonlinna über das damalige Zentrum für internationale Mobilität CIMO sowie ein Erasmusjahr in Joensuu konnte ich meine in Greifswald erworbenen Sprachkenntnisse enorm ausbauen. Hilfreich war dabei sicherlich auch, dass ich während des Erasmusjahres bei meiner Tante leben konnte, mit der ich täglich auf Finnisch kommunizierte.

Spaß gemacht haben mir in Greifswald die landeskundlichen Kurse sowie die Grammatikkurse. Außerdem gefielen mir die familiäre Atmosphäre am Nordischen Institut und der Charme der historischen Villa, in der das Institut sich damals noch befand. Wir hatten dort viele Gelegenheiten, nordische Feste zu feiern, wie die Pikkujoulu-Feier vor Weihnachten, die Feierlichkeiten zum Unabhängigkeitstag Finnlands, das Lichterfest Lucia und das Mittsommerfest Juhannus, aber auch gemeinsame Karaoke-Abende.

Nach meinem Bachelorstudium in Greifswald zog ich für zwei Jahre an den Polarkreis, um an der Universität Rovaniemi den European Master in Arts, Culture and International Management zu studieren.

Welche Erfahrungen hast Du aus Deinem Studium in Finnland mitgenommen?

Das Studium – zuerst in Joensuu und dann in Rovaniemi – hat mir sehr gut gefallen, da wir Studierenden relativ viel Freiraum in der Fächerwahl hatten. Gerade, dass ich an der Kunstfakultät ansässig war, gab mir die Möglichkeit, viele spannende Kurse und Exkursion wahrzunehmen, wie eine Exkursion nach Kilpisjärvi, bei der Studierende und Doktoranten aus Kunst und Naturwissenschaft gemeinsame Projekte entwickelten. Dazu kamen noch Workshops mit Feuer- und Eisskulpturen.

Wie ging es nach Deinem Studium weiter?

Während ich meine Masterarbeit schrieb, war ich vier Monate am Finnland-Institut in Berlin als Praktikantin tätig, wo ich viele Kontakte zu finnischen Kunst- und Kulturschaffenden knüpfte und einige Musikerinnen und Musiker traf, die ich schon in Rovaniemi kennengelernt hatte. Leider half mir dieses Praktikum nicht über die Schwierigkeiten hinweg, einen Job im Bereich Kulturmanagement zu finden. Das mag daran liegen, dass ich während meines Studiums keine weiteren Praktika gemacht hatte, um mich zu spezialisieren: Kulturmanagement ist ein breit gefächertes Gebiet und reicht von Marketing über Veranstaltungsorganisation bis hin zur Museumsarbeit. Nach einigen Nebenjobs und zahlreichen Bewerbungen durfte ich ein Praktikum bei einem Kunstverein in Stuttgart machen. Diese Tätigkeit war die Grundlage für mein Volontariat beim Kloster Bronnbach in Wertheim, wo ich im Bereich Kulturmanagement/Kulturmarketing arbeitete und schließlich die Zusage zu meiner derzeitigen Stelle als Tourismusmanagerin erhielt.

Bei meiner jetzigen Tätigkeit versuche ich natürlich auch weiterhin etwas finnische Kultur einfließen zu lassen. Deshalb engagiere ich mich als Kulturreferentin für den Landesverein Rheinland-Pfalz/Saarland der Deutsch-Finnischen Gesellschaft. In diesem Ehrenamt organisiere ich Konzerte finnischer Musikerinnen und Musiker. Das macht wirklich Spaß, denn ich darf mir ihre Musik schon bei der jährlichen Kulturtagung der DFG in Helsinki live anhören und mitentscheiden, wer im nächsten Jahr zu uns auf Tournee kommt.

Welchen Ratschlag würdest Du einem*r angehenden Student*in der Fennistik geben?

Da die Fennistik ein Orchideenfach ist, würde ich empfehlen, sich schon während des Studiums zu orientieren, in welche Richtung man einmal beruflich gehen möchte. Entscheidend finde ich jedoch, dass man Fennistik aus Interesse studiert, Spaß daran hat und sich von Vorurteilen, dass man damit ja eh keinen Job findet, nicht abschrecken lässt. Ein Orchideenfach bringt in Bewerbungsprozessen oft Aufmerksamkeit ein, die man nicht unterschätzen sollte! Und viel wichtiger ist sowieso, etwas zu machen, worauf man wirklich Lust hat!

Der unterirdische Nil – Teil 3

Die Mumie, die er in der Ausgrabung berührte, hat Kristian bis in seine Träume verfolgt. Im letzten Teil der Kurzgeschichte von Marko Hautala erfahrt ihr heute, was in jenem Moment wirklich geschah.

Foto: Gaurav D Lathiya/Unsplash

Kristians Tod war ein Schock für alle, besonders aber für Riina.

Sie erzählte die Einzelheiten wieder und wieder, erst Pasi und Marja, dann den örtlichen Behörden, dann am Telefon der Vertreterin der finnischen Botschaft und schließlich jedem, der danach fragte. Riina war davon aufgewacht, dass Kristian mitten im Hotelzimmer gestanden und mit lauter Stimme eine fremde Sprache gesprochen hatte. Sein Gesicht war bleich und glänzend vor Schweiß gewesen. Dann war er zu Boden gesunken.

Ich wusste gleich, dass er tot war, sagte Riina.

Kristians Körper konnte nicht zurück in seine Heimat transportiert werden. Riina hörte ungläubig zu, wie seine Eltern ihr erklärten, was sie über die Vorgehensweise des finnischen Staates herausgefunden hatten. Wer im Ausland starb, fiel in die Zuständigkeit der örtlichen Behörden. Der Staat zahlte nicht für die Überführung des Verstorbenen in seine Heimat.

Kristians Eltern hatten nicht genug Geld, um ihren Sohn zurück nach Finnland zu holen, sodass sie dort statt einer Beerdigung eine Gedenkfeier ausrichteten. Die Atmosphäre war herzlich, doch Riina wurde das Gefühl nicht los, dass der Abschied unvollständig blieb. Als sie aus dem Fenster der Kapelle schaute, bemerkte sie einen langsamen Schneewirbel, den der Wind über den Parkplatz trieb. Er ließ sie an den Sand am weit entfernten Nilufer denken und daran, dass Kristian im falschen Land beerdigt worden war.

Dann tat Riina das, was von einer werdenden Mutter erwartet wurde: Sie verdrängte die Trauer und brachte ihr Kind zur Welt.

Sie lebte ihr Leben weiter.

Die Wüste bewegte sich in der Nacht, verborgen vor den Augen der Menschen.

Die Dünen waren jeden Tag an einem anderen Ort, mal sanft abfallend, dann wieder steil ansteigend. Skorpione gruben sich neue Verstecke, lauerten in der Dunkelheit. Lauschten auf die heimlichen Bewegungen der Sandkörner. Das sichelförmige Auge des Chons beherrschte den Nachthimmel, bis Re-Harachtes Glut im Osten erwachte.

Kristian führte drei amerikanische Touristen zum Ausgang der Ausgrabung und blieb hin und wieder stehen, um auf Hieroglyphen, den Opfertisch oder den Schacht zu zeigen. Die Touristen konnten sich nicht mehr konzentrieren, denn sie hatten eben die Priesterin gesehen. Ihre Augen stierten ruhelos aus den sonnenverbrannten Gesichtern und das nervöse Auflachen verstummte schnell, als die Wände den Schall zurückwarfen.

An der Treppe angekommen hob Kristian den Finger an die Lippen und sah jedem von ihnen eindringlich in die Augen. Die Touristen nickten angespannt. Keiner von ihnen hatte gezögert, ein Foto zu machen, als die Priesterin vor ihnen gelegen hatte. Alle hatten sich getraut, sie zu berühren.

Am unteren Ende der Stufen versperrte Kristian ihnen den Ausgang. Zeit zum Bezahlen, sagte sein Blick. Das Geld fand sich schnell, denn Hassan hatte ihnen geraten, die Scheine bereitzuhalten („zwanzig Pfund, er wird mehr verlangen, aber gebt ihm zwanzig Pfund“). Es war wichtig, Vertrauen zu erwecken. Das Gefühl, dass Hassan ihr Bestes wollte. So kamen sie zurück, brachten andere mit.

Kristian betrachtete das Geld. Elende, eingerissene Scheine. Doch aus ihnen erwuchs ein Strom, fruchtbar und furchterregend wie der Nil.

„Thank you, but please… more“, bettelte Kristian.

Es war nur ein Teil der Show, doch die Touristen wichen seinem Blick schuldbewusst aus, erklommen rasch die abgerundeten Stufen und gingen auf den verbeulten Peugeot zu, in dem Hassan und Said warteten. Kristian blieb am Eingang stehen. Er nickte Hassan zu, der die Hand ein winziges Stück hob und dann etwas zum Fahrer sagte.

Dasselbe wiederholte sich Tag für Tag. Die Wächter, die Kristian die Priesterin zuerst gezeigt hatten, hatten ihm auch beigebracht, sich um ihre Bedürfnisse zu kümmern. Dann hatten sie sich verabschiedet und waren zu einer Ausgrabung im Süden gewechselt, in der Nähe der Stadt Edfu.

Als das Auto inmitten einer gelblich-braunen Staubwolke auf sein nächstes Ziel zukurvte, sah Kristian ihm nach und schickte den Touristen einen Rat hinterher, nachdem sie nun die Priesterin berührt hatten.

Dient ihr, sagte er lautlos, oder sterbt zwei Tode.

Genau genommen war es kein Rat, sondern ein Ultimatum. Zugleich war es eine Segnung. Ein Versprechen, dass sie nach dem ersten Tod die Wahl hatten. Wenn sie in der Nacht in ihren Hotelzimmern zu Boden sanken, konnten sie die Lähmung noch überwinden. Wenn sie bereit waren zu dienen.

Oh, große Priesterin, die du wiederbelebt wurdest!

Sie konnten in der Leichenhalle aufwachen und sie auf ihren eigenen zwei Beinen verlassen, wie Kristian es getan hatte.

Die Schnüre des Seth, die deinen Mund verschlossen, sind geöffnet! Gepriesen sei Atum!

Sie würden die Lähmung überwinden und wieder gehen können. So wie es bald alle wieder könnten, die für Jahrtausende in den Museen der Monotheisten geschlafen hatten, in Glasvitrinen, unter schamlosen Blicken.

O Wächter der Glieder des Osiris, die ihr das Licht in ihre Körper strömen lasst, sodass sie nichts mehr davon abhält, auf der Erde zu wandeln!

Die Priesterin hatte Kristian alles erzählt. Den ganzen großen Plan. Er hatte ihre Stimme gehört und ihre Worte verstanden, obwohl die verschrumpelten Lippen und die im Mund vertrocknete Zunge sich nicht bewegt hatten.

Die Duat öffnet sich, hatte die Priesterin gesagt. Der unterirdische Nil beginnt zu strömen.

Die Wiederbeleber kehren zurück. Das ist tausendfach wahr.

Die rissigen Scheine aus dem Tal der Könige, aus den Tempeln und den Buden auf dem Basar vereinten sich zu einem brausenden Fluss. Sie quollen durch geheime Kanäle in den großen Strom, listig wie Schlangen. Jeder Diener des Amun, vom Beamten in der Behörde für vorgeschichtliche Funde bis zur geringsten Händlerin, die den in der Sonne versengten Monotheisten ein kleines Geld abknöpfte, wusste, dass ihre harte Arbeit den Tag vorbereitete, an dem Amun, Mut und Chons zurückkehrten. Die Widderallee wurde unter elenden Stadtwohnungen freigelegt. Bald würde sie abermals den Karnak-Tempel und die Kultstätten im Zentrum miteinander verbinden. Ihre Wände wurden restauriert und fertiggestellt. In den Kammern wurden die alten Zeichnungen ausgebreitet. In vor Ehrerbietung geweiteten Pupillen spiegelte sich vergessene Technologie, die Geheimnisse unterschätzter Energiequellen.

Die Strahlen des Re-Harachte würden die Kreuzfahrtschiffe auf dem Nil in Flammen aufgehen lassen. Der Damm von Assuan würde erobert werden. Das dösende Kairo würde untergehen, bevor es sich auch nur rühren konnte. Theben würde wieder aufblühen und den Blick über das Mittelmeer nach Norden wenden.

Kristian hatte den Worten der Priesterin wie erstarrt gelauscht, als einer von vielen. Einer von denen, die noch immer durchgefroren und verblüfft waren, aus der Lähmung zurückgekehrt zu sein.

Er hatte gelauscht und verstanden, dass er in einer Sache richtig gelegen hatte: Es war Betrug gewesen. Alles, von Anfang an. Der größte und am besten verheimlichte Betrug der Weltgeschichte. Und jetzt war er ein Teil davon.

Als Hassans Peugeot nur noch ein kleines Staubkorn am Rand der Wüste war, berührte Kristian die rissigen Scheine mit den Fingerspitzen und merkte, dass seine Gedanken wieder wanderten. Er überlegte, wie die kommende Flut die Menschen im fernen Norden behandeln, ob sie sie tragen oder ertränken würde. Würde sie die Frau verschonen, an deren Namen er sich nicht mehr erinnerte? Würde sie das Kind verschonen, dessen Namen er nie erfahren würde?

Woran denkst du?

Die Worte rissen Kristian aus seinem Dämmerzustand. Er wandte sich um und sah in die Ausgrabung hinab, doch seine Augen waren vom glühenden Sand geblendet.

Die Gestalt der Priesterin war nur eine Bewegung in den Schatten.

Kristian stieg die Stufen hinunter und tastete im Dunkeln herum, bis er die trockene, glatte Haut ihres Gesichts berührte. An seinen Fingerspitzen kitzelte das schwache Summen einer schlummernden Energie wie das flüchtige Aufleuchten eines weit entfernten Stroms.

„An dich, Hoheit“, versicherte er, obwohl er den Zweifel in ihrem augenlosen Blick spürte. Die Gestalt der Priesterin mochte zerbrechlich wie Papyrus oder eine Sandstatue wirken, doch zuweilen erwachte in ihr der Zorn der löwenköpfigen Göttin Sachmet. Sie hatte Fleisch von Knochen getrennt. Arme ausgerissen, Zungen, Geschlechtsorgane.

„Nur an dich.“

 

 

Aus dem Finnischen von Claudia Nierste