Zu Lebzeiten Nólsoyar Pálls. Vom färöischen Nationalhelden und Austernfischer im Fuglakvæði!

„Ingen Færing har bedre end Poul Nolsø kendt og forstaaet sit Lands Fugleverden, og ingen har bedre end han forstaaet at udnytte denne sin Kendskab.“ Jakobsen, 1891

In Verbindung mit dichterischem Geschick und Interesse für das gesellschaftliche Leben seiner Zeit ist der Färinger Nólsoyar Páll einer der wichtigsten färöischen Persönlichkeiten und Literaten. Seine Ballade Fuglakvæði, das Vogellied, ist eines seiner bedeutendsten Werke. Es ist wider Erwartung nicht nur eine Aneinanderreihung von Vogelnamen aller Art, sondern eine metaphorische Verbindung der Vogellandschaft des Landes mit seinerseits gesellschaftlich zu kritisierenden Verhältnissen.
Die Ballade entstammt der älteren färöischen Literatur, in der es einen ungewöhnlich reichhaltigen Schatz an sogenannter Volksliteratur, unter der die Volksballaden, die kvæði, einen herausragenden Platz einnehmen, gibt. Eine besondere Art der Ballade sind die tættir, zu denen auch das Fuglakvæði gehört. Ein táttur, ein Spottgedicht, ist eine satirische Ballade, die entweder über eine bestimmte politische Situation oder über etwas Persönliches verfasst wird In persönlichen Belangen konnten diese Gedichte recht verletzend sein. Es ist überliefert, dass Männer, bei unrechtmäßigem Verhalten, einen tátt erhielten, die Ballade bei einem traditionellen Ringtanz laut vorgesungen und die „Opfer“ ihrem Spott ausgeliefert wurden, was dem Publikum eine Menge Unterhaltung bot. Infolge der politischen und wirtschaftlichen Abhängigkeit der Färöer von Dänemark entstanden satirische Balladen insbesondere im 18. und 19. Jahrhundert. „ […] when the question of national identity and the relation between Denmark and Faroe Islands has been to the fore, the composition of satirical ballads has flourished. This type of ballad has been eminently suited to the general debate on this sensitive matter.” (Blak 1996: 39)


Der dänische Einfluss auf die Färöer bestand schon früh. Mit der Personalunion Dänemarks mit Norwegen ab 1380 gehörten die Färöer als norwegische Provinz zur dänisch-norwegischen Krone. Die dänische Sprache hatte fortan viel Einfluss, da dänische Verwalter und Gemeindepfarrer mit ihren Familien auf die Insel kamen und Dänisch sich als Amts-, Verwaltungs-, Schul- und Kirchensprache durchsetzte. Der färöische Sprachenstreit ereignete sich später zu Beginn des 20. Jahrhunderts und stellte eine Auseinandersetzung der färöischen Gesellschaft mit ihrer Geschichte, Unabhängigkeit und Sprache dar.
Das Ende der dänisch-norwegischen Personalunion im Jahre 1814 hatte zur Folge, dass Grönland, Island und auch die Färöer Dänemark blieben. Die Färöer standen weiterhin unter der zentralistischen Kontrolle Kopenhagens, was auch den färöischen Handel betraf. Im Mittelalter hatten sie ihren Warenhandel stets selbst reguliert und Waren wie Schafwolle, Federn von Seevögeln oder getrockneten Fisch exportiert und Gerste, Salz, Bier und Haferflocken importiert. Ab 1524 wurden Lehnsherren im Dienste Dänemarks beauftragt, ein färöisches Handelsmonopol zu errichten. Es gab aber bis 1709 immer wieder Phasen des Freihandels. Die Färinger waren ihren Lehnsherren ausgeliefert und lebten in bescheidenen Verhältnissen. In der Zeit von 1709 bis 1856 war die dänische Schatzkammer ganz für den färöischen Handel verantwortlich geworden und regelte die Ein- und Ausfuhr der Waren. Der erste Färinger, der das Handelsrecht in Tórshavn ausübte, war Magnus Heinason.
Im Jahre 1767 errichtete der Kaufmann Niels Ryberg ein Transitdepot auf den Färöern in Tórshavn. Die Stadt war schon seit frühester Zeit der zentralste Handelsplatz der Färöer. Rybergs Transitdepot bewirkte, dass Kaufleute aus Großbritannien auf die Färöer aufmerksam wurden und mit ihren Schiffen anlegten, um Waren auszutauschen. Das Depot füllte sich mit Waren aus Großbritannien, Dänisch-Westindien, Norwegen und Amerika. Die Waren wurden dann nach Schottland und Irland weiterverschifft und verkauft. Manchmal legten auf den Färöern zehn bis fünfzehn Schiffe zur selben Zeit an. In diesen Jahren kam die Bevölkerung auf der Insel mit einer Vielzahl von Ausländern in Kontakt. Dies äußerte sich nach einiger Zeit auch sprachlich. Die vielen englischsprachigen Ausländer kamen mit den Einheimischen in Kontakt, sodass Englisch bald von vielen in Tórshavn verstanden, und sogar gesprochen wurde. Der färöische Literat Johan Henrik Schrøter erinnerte sich an seine Kindheit in der Hauptstadt, die zum sprachlichen Schmelztiegel geworden war. Hier wurde eine Sprache aus Englisch, Dänisch und Färöisch gesprochen. Das Transitdepot, das die Inseln so bereichert hatte, musste im Jahre 1788, aufgrund politischer Auseinandersetzungen zwischen Großbritannien und Dänemark, schließen. Im frühen 19. Jahrhundert wurde Dänemark durch die napoleonischen Kriege, das britische Bombardement auf Kopenhagen und britische Blockaden auf Norwegen und das eigene Land, geschwächt. Die Färinger, die sich auf dem Weg von einer Agrargesellschaft zu einer modernen Gesellschaft befanden hatten, erlebten fortan schlechtere Zeiten. Einer positiven Entwicklung in Richtung Moderne stand das königliche dänische Handelsmonopol im Weg. Das Handelsmonopol wurde bei der verarmten Bevölkerung sehr unbeliebt und drängte in vielen Köpfen auf eine Beseitigung.
Mit dem Kieler Friedensvertrag vom 14. Januar 1814 wurde der Krieg zwischen Großbritannien und Dänemark beendet. Dänemark verlor Norwegen, behielt aber weiterhin die Inseln im Nordatlantik. Die Macht des färöischen Parlaments wurde auf Dänemark übertragen. Das färöische løgting fiel unter dänisches Recht. Es wurden offiziell dänische Beamte eingesetzt, die überall auf der Insel stationiert wurden, aber besonders in Tórshavn residierten. Im Jahre 1850 kamen die Färöer als ein dänischer Verwaltungsbezirk unter die dänische Verfassung. Wie sich die Zeit unter dänischer Herrschaft in Bezug auf den färöischen Handel äußerte und die Beziehung der Färöer zu Dänemark bestimmte, geht aus Jakob Jakobsens Schilderungen hervor, jener aufschlussreiche Informationen über die färöische Zeit vom Ende des 18. Jahrhunderts bis ins frühe 19. Jahrhundert zu politischen und wirtschaftlichen Gegebenheiten der Insel, liefert.
Der Monopolhandel hatte sowohl positive als auch negative Auswirkungen auf die Färöer. Den Bauern wurden feste Abnahmepreise garantiert, wobei das Land auf der anderen Seite keine eigenen Handelsflotten hatte und kaum mit anderen Händlern in Kontakt geriet. Eine eigene Industrie konnten die Färöer erst aufbauen, als die Monopolstellung der Dänen aufgehoben wurde. Der dänische Monopolhandel löste sich jedoch erst am 1. Januar 1856 auf und hatte bis dahin lange gewährt. In Erinnerung blieben Inselbewohner, die sich gegen das strenge Handelsmonopol und die korrupte Herrschaft der Dänen zu wehren versucht hatten. Welche Rolle spielte daher Nólsoyar Páll?

Nólsoyar Páll

Nólsoyar Páll

Poul Poulsen Nolsø, bekannt unter dem färöischen Namen Nólsoyar Páll, wurde 1766 als Sohn Poul Poulsens auf der Insel Nolsø geboren. Obwohl es in Tórshavn zu jener Zeit eine Lateinschule gab, erhielt Páll seine Unterrichteinheiten vor allem von seinem Großvater Joen Poulsen. Die färöischen Kinder bekamen zu dieser Zeit, ausgenommen von der religiösen Erziehung, die den Priestern überlassen war, Unterricht von ihren Eltern und Verwandten, die ihnen u.a. alte färöische Lieder vorsangen und Sagas erzählten. Pálls Großvater dichtete selbst und könnte den Grundstein für Pálls Interesse für die Dichtkunst und das Schreiben gelegt haben. Der größte Wunsch des Heranwachsenden Pálls war, in die Welt hinaus zu ziehen. Dies ließ sich allerdings erst nach dem Tod des Vaters erfüllen, da dieser zu Lebzeiten nichts von den Vorhaben des Jungen hören wollte. Zunächst heuerte er als einfacher Matrose auf einem Schiff der Handelsfirma Rosenmeyer und Floors an. Diese Zeit ist durch das Transitdepot durch Ryberg von 1768 bis 1788 gekennzeichnet, in der ein Zwischenhandel zwischen Amerika und Großbritannien bestand. Später ging Páll als Steuermann auf eines der Schiffe des königlichen Handels über. Er wechselte das Schiff erneut, bis er schließlich in englischem Dienst im Englisch-Indischen Krieg eingesetzt wird. Dort blieb er nicht lange stationiert, da er krank und in ein Krankenhaus in London gebracht wurde. Um dem englischen Kriegsdienst zu entkommen, flüchtete Páll nach Amerika und segelte als Kapitän, bis er nach langer Zeit auf die Färöer zurückkehrte. Viele seiner Landsleute hatten ihn bereits für tot gehalten. Auf der Insel bemerkte Páll bei seiner Ankunft eine große Not, die dem eingeschränkten Handel auf den Inseln geschuldet war. Im Jahre 1804 erkaufte er bei einer Auktion ein gestrandetes Schiff, das den Wert haben sollte, für die Bedürftigkeit seiner Landsleute bereit zu stehen und ihm für einige Handelsreisen dienen sollte. Er soll es als „Royndin Friða“, etwa „Schöner Versuch“ betitelt haben. „For de styrende i Landet, som fik Skræk i Blodet og saa den kongelige Enehandel truet, angav han som sit Hovedformaal med dette Skib: Ophjælpning af det færøske Fiskeri og Færingernes Indøvelse i Søfart, at de kunde modnes til friere Tider.“ (Jakobsen 1891: 542) Páll sah die färöische Fischereiindustrie und wirtschaftliche Selbstbestimmung gefährdet und nutzte sein erbautes Schiff symbolisch, als Aufforderung zum Freihandel. Er war nach Magnus Heinason der zweite färöische Schiffseigner.
Um die wirtschaftliche Lage der Färöer war es zum Ende des 18. Jahrhunderts schlecht bestellt. Alle Waren mussten genauestens von der Handelsverwaltung inspiziert werden, die entschied, ob die Waren ins Ausland weiter versandt oder einbehalten wurden. Es herrschte eine große Warenknappheit und Verzögerung des Vertriebs durch stetige Kontrollen. „Skal man tro Traditionen, hørte det ikke til Sjældenhederne, at Breve og Pakker, som skulde ud af Landet, først bleve brudte op, og at saa, naar noget farligt eller mistænkeligt indeholdtes, vedkommende Brev eller Pakke blev holdt tilbage.“ (Jakobsen 1891: 542)
Überliefert sind einige Notizen der Handelsverwaltung von 1785 bis 1806, die die Klagen der Färinger über den Mangel und die schlechte Qualität der Waren festhalten. Es fehle an Getreide, Weizenmehl, Salz, Tabak und vielem mehr, wobei vermehrt um eine Preissenkung für das schlechte Korn gebeten wurde. Aufgrund der Misswirtschaft reiste Páll 1805 mit seinem eigenen Schiff nach Kopenhagen und transportierte färöische Steinkohle. Bekannt ist außerdem, dass er den Impfstoff gegen die Pocken auf die Färöer importierte. Páll richtete sich vermehrt an die Handelskommission in Kopenhagen und an den regierenden Kronprinzen Frederik den sechsten, die ihm allerdings wenig Beachtung entgegenbrachten, sodass er 1807 eine Petition zur Aufhebung des Handelsmonopols nach Kopenhagen bringt. Der englisch-dänische Krieg lässt sein Befangen jedoch scheitern. Im gleichen Jahr hatte sich Dänemark Frankreich angeschlossen und wurde in die Auseinandersetzungen Napoleons mit den europäischen Monarchien einbezogen. Englische Kriegsschiffe kamen auf die Färöer und konfiszierten dänisches Monopoleigentum. Die bis dahin getätigten Handel mit englischen Schiffen, konnten nur noch unter der Hand getätigt werden und es entwickelte sich ein guter Nährboden für Schmuggel auf den Färöern, an dem selbst höhere Beamte beteiligt waren. Páll wird 1806 des illegalen Handels angeklagt und nachdem noch zwei Jahre der Aufopferung für den färöischen Freihandel folgen, stirbt er 1808 im Alter von 42 Jahren bei einem Schiffsunfall.
Nach Pálls Tod bleibt die Vogelballade. Fuglakvæðið handelt von der Korruption dänischer Beamter auf den Färöern und den Konflikten der einfachen Färinger mit der Obrigkeit während der Zeit des Monopolhandels. Nólsoyar Páll thematisiert diese Zeit in seiner allegorischen Ballade. „[…]; han angriper endog selve den lokale øvrighed, idet han f. Eks. I sit »Fuglekvad» for at undgå retslig forfølgelse fremstiller de angrebne personer i skikkelse af fugle (rovfugle).“ (Jakobsen 1858: 25) In der Ballade tauchen verschiedene Vogelarten als Akteure auf, die wiederrum in Haupt- und Nebenakteure eingeteilt, und in ihren Beziehungen zueinander gegenüber gestellt werden können. Die Vogelmetaphern verraten indirekt etwas über das Alltagsleben der Färinger und lassen Schlussfolgerungen bezüglich der Gesellschaft auf den Färöern zu. Die Tiere, die einerseits ein Abbild ihres Selbst mit ihren typischen tierischen Eigenschaften sind, verkörpern Menschen, denen Páll diese Eigenschaften zuweist und die der Ballade Realitätsbezug und einen „komischen“ Charakter verleihen. Nólsoyar Páll wird in der Literatur zumeist als Gestalt des Austernfischers aufgefasst. Welche Motive liegen der Entstehung der Ballade zu Grunde?
Verschiedene Beweggründe können für die Entstehung des Vogelliedes ab 1806, unter Beachtung der damaligen historischen Gegebenheiten, herangezogen werden. Ein Motiv, das nach Jakobsen das wohl größte Gewicht für Pálls Ballade hatte, sei die elende materielle Armut der einfachen färöischen Bevölkerung gewesen, die aus dem strengen Handelsmonopol resultierte. Die immer wieder aufkommenden Klagen über fehlende Waren des Volkes bei der Rentenkammer, konnten keine verbesserten Bedingungen schaffen. Zweitens stieß die, von Páll selbst unternommene, Hilfeleistung in Form von der Beschaffung von Waren, bei der Regierung auf Widerstand. Die Regierungsmitglieder stellten sich ihm in den Weg und bezichtigten ihn des illegalen Handels und des Verstoßes gegen das königliche Gesetz, wobei einige Beamte des Schmuggels selbst zur Rechenschaft hätten gezogen werden können. Die Motive für eine Ballade wie diese, fußen auf dem fremdbestimmten Handel, der über die Wirtschaft auf den Färöern zugunsten des dänischen Königreiches entschied, Kapitalabschöpfungen durch dänische Handelsgesellschaften, die die Entwicklung einer färöischen autonomen Gesellschaft behinderten und eine korrupte Regierung, die selbst den Grundstein für illegalen Handel gelegt hatte. Das dänisch-färöische Verhältnis während der Zeit des Monopolhandels schuf eine große Abhängigkeit der Färinger von Importen, deren Preise durch dänische Kaufmänner reguliert und festgesetzt wurden. Durch hohe Abgaben und Preise verschuldete sich die in armen Verhältnissen lebende färöische Bevölkerung. Außerdem war die Inselgruppe durch das Verbot des Handels mit anderen Nationen und Kriegsbündnissen Dänemarks weitgehend isoliert. Die Färöer befanden sich jahrhundertelang in einer sehr isolierten Lage.
Vom Balladeninhalt ausgehend, kann die Beziehung der Färöer zu Dänemark als eine Abhängigkeitsbeziehung bezeichnet werden. Das Handelsmonopol belastete die färöische Gesellschaft und Wirtschaft. Die Fremdbestimmung durch die dänische Königsmacht, schlug bei manchen Inselbewohnern in Widerstand um. Die Ballade Fuglakvæði von Páll, die die Absicht gehabt haben könnte, gerade diesen Widerstand zu leisten, macht aus seiner Sichtweise auf den umkämpften Freihandel der Färinger aufmerksam und verbindet Literatur mit einem wesentlichen Zeitabschnitt färöischer Geschichte. Es ist die satirische und überhöhte Darstellung eines Widerstandskämpfers in Gestalt eines Austernfischers, dessen Schutz über die „kleineren Vögel“ von existenzieller Notwendigkeit ist. Die gefährliche Obrigkeit wird demaskiert und an der Nase herumgeführt. Der Status des Helden, den der Austernfischer in der Ballade innehat, wird bis heute Nólsoyar Páll zugeschrieben, indem man ihn zum färöischen Nationalhelden und den Austernfischer zum unter Naturschutz stehenden Nationalvogel kürte. Seit 1943 wird die jährliche Ankunft der Austernfischer auf den Färöern am 12. März gefeiert und markiert den Frühlingsbeginn. Dann verheißt der Austernfischer (tjaldur) wieder blühendes Leben gerade so, wie es der Refrain umschreibt.

„Fuglin í fjøruni
Við sínum nevi reyða,
Mangt eitt dýr og høviskan fugl
Hevur hann greitt frá deyða.
Fuglin í fjøruni.“

[„Der Vogel von der Küste
Mit seinem roten Schnabel,
Manches Tier und edlen Vogel
Hat er vorm Tod bewahrt.
Der Vogel von der Küste.“]

Austernfischer

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Wiebke

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Planscht mit den Zehen im kalten Ostseewasser – von Nord, Süd, Ost oder West. Taucht ab in nordischen Wäldern und Weiten, in Literatur, Musik und skandinavischer Filmkunst.