Wie die Finnen zum Finnischen fanden

Büste von Agricola Bild: Wikipedia

Heute, am 9. April, ist in Finnland wieder Flaggtag. Geehrt wird die finnische Sprache und der Reformator und Bischof Mikael Agricola (1509-1557), der als Vater der finnischen Schriftsprache gilt. Denn im Gegensatz zum Deutschen ist das geschriebene Finnisch noch sehr jung und wurde erst im 16. Jahrhundert von ebenjenem Agricola entwickelt.

Wir nutzen den Flaggtag und geben euch einen knappen Überblick über die Entwicklung der finnischen Schriftsprache – ein öder Titel, hinter dem sich eine spannende Geschichte versteckt.

Finnland hat letztes Jahr seinen 100. Geburtstag gefeiert, ist also seit 100 Jahren unabhängig. Vom 12. Jahrhundert an bis 1809 gehörte es zu Schweden, ab 1809 zu Russland. Vor allem unter schwedischer Herrschaft wurde die schwedische Sprache in Finnland gefördert. Schwedisch galt als die Sprache der Bildung, der Kultur und der Öffentlichkeit – Finnisch hingegen war die Sprache der armen, ungebildeten Bauern und geschriebenes Finnisch gab es nicht.

Erste Seite der Fibel Bild: Wikipedia

Tatsächlich begünstigte die Reformation im 16. Jahrhundert die Entwicklung der finnischen Schriftsprache. Durch den schwedischen König kam der lutherische Glaube nach Finnland. Diesem zufolge sollte die Sprache, die in den Kirchen gesprochen wurde, die Sprache des Volkes sein. Auch die Bibel sollte in der Sprache des Volkes geschrieben sein, damit jeder einzelne die Texte verstehen und lesen könne. In Finnland also auf Finnisch.

Mikael Agricola studierte von 1536 bis 1539 in Wittenberg und war Schüler von Martin Luther. Er war der erste, der basierend auf dem Turkuer Dialekt eine finnische Schriftsprache entwickelte und das Neue Testament und einen großen Teil des Alten Testamentes ins Finnische übersetzte. Als erstes gedrucktes Buch in finnischer Sprache erschien 1543 das ABC-kirja, eine Fibel von Agricola.

Doch Agricolas Bemühungen waren vorerst umsonst und die finnische Schriftsprache konnte sich nicht etablieren. Viele Finnen konnten weder schreiben noch lesen, geschweige denn sich Bücher leisten.

Erst Anfang des 19. Jahrhunderts veränderte sich die Situation. Finnland war nun nicht mehr unter schwedischer Herrschaft, sondern ab 1809 Großfürstentum von Russland und hatte mehr Autonomie als zuvor. Der schwedische Einfluss wurde geringer und in Finnland entwickelte sich ein finnisches Nationalbewusstsein: Die Finnen fingen an, sich als ein gemeinsames, finnisches Volk mit einer gemeinsamen, finnischen Identität und Kultur zu sehen.

Einer der Fennomanen war der finnische Philosoph und Journalist Johan Vilhelm Snellman (1806-1881), der einen enormen Anteil an der Entwicklung eines finnischen Nationalbewusstseins und der Durchsetzung des Finnischen als Kultursprache hatte. Bild: finland.fi

Die sogenannten Fennomanen machten es sich zur Aufgabe, die „vergessene“ finnische Sprache als Kultur- und Bildungssprache zu etablieren. Die finnische Literaturgesellschaft Suomalaisen Kirjallisuuden Seura wurde 1831 gegründet und setzte sich für eine stärkere Entwicklung finnischer Literatur ein. Als das von Elias Lönnrot gesammelte und niedergeschriebene Nationalepos Kalevala 1835 veröffentlicht wurde, bestärkte das das neue Nationalbewusstsein noch mehr und machte Finnland auch im Ausland bekannter. Das Finnische war quasi eine frischgeborene Sprache und die Angst war groß, dass sie durch die Aufnahme von Lehnwörtern gleich wieder ersticken würde. Daher gab es im 19. Jahrhundert große Bemühungen, die finnische Sprache weiterzuentwickeln und zu fördern.

Agricola hatte zwar die Schriftsprache entwickelt, allerdings hatte diese keine einheitlichen Orthografieregeln und die Satzstruktur war durch die Übersetzung verfremdet worden (Agricola orientierte sich an der griechischen, lateinischen, deutschen und schwedischen Bibelübersetzung). Agricola hatte religiöse Texte übersetzt, daher bestand der Wortschatz aus religiösen Wörtern. Deshalb arbeitete man in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts an einer Modernisierung des Finnischen.

Durch Kompositabildung, Ableitungen und Anpassung von Lehnwörtern an die finnische Rechtschreibung wurde die finnische Sprache erweitert. Eifrige Wortschmiede, zu denen auch Elias Lönnrot gehörte, schöpften unzählige neue, finnische Wörter. Es gab sogar Wortschöpfungswettstreite, die zum Beispiel von Zeitungen ausgeschrieben wurden.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war Finnisch (endlich) zur Alltags- und Bildungssprache geworden. In Schulen unterrichtete man nun auf Finnisch. Das Schwedische ging mehr und mehr zurück, blieb aber als offizielle Sprache bis heute weiterhin bestehen.

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Julia

Julia

Fühlt sich in den finnischen Wäldern am wohlsten und träumt von einer eigenen Sauna im Garten. Hier in Greifswald, wo sie sich mit Skandinavistik und Fennistik beschäftigt, kann sie ihr Fernweh mit anderen teilen und ihre Liebe für Regen entdecken. Sonst immer auf der Suche nach nordischer Inspiration und abenteuerlichen Geschichten.