Wenn Polen und Deutsche in Warschau Finnisch sprechen – Fennistische Herbstschule 2016, Teil I

(in Zusammenarbeit mit Svenja)

Vom 5.-8.10.2016 fand in Warschau die erste fennistische Herbstschule für Fennist*innen aus Greifswald und Warschau statt. Auch wir von Baltic Cultures waren dabei und berichten euch gerne davon, was wir bei Vorträgen zur finnischen Sprache, Kultur und Literatur, bei Gesprächen mit polnischen Fennist*innen und bei Spaziergängen durch Warschau erlebt haben. Ein zweiter Teil und eine Bildergalerie folgen in Kürze.

Ein Blick auf die Karte. Im Nordosten Deutschlands: Greifswald, ungefähr 51.000 Einwohner, an der Ostsee gelegen, vielleicht ein bisschen windig, mit einer schönen Altstadt. Ungefähr 700 km südöstlich davon: Warschau, Hauptstadt Polens, 1,7 Millionen Einwohner, mitten in Polen, vielleicht ein bisschen regnerisch (im Herbst), mit einer schönen Altstadt. Beide Städte haben auf den ersten Blick  nicht viel mehr gemeinsam als sehenswerte Altstädte und gelegentliche Wetterkapriolen. Könnte man meinen.

 

Das Unigebäude

Einen genaueren Blick lohnt aber die Universität Warschau: ein modernes Gebäude mit viel Glas, im zweiten Stock ein Seminarraum mit zwei Türen, eine orange und die andere hellgrün. In dem Raum sitzen an die 25 Fennist*innen der Universitäten Greifswald und Warschau. Das verbindende Element scheint also gefunden: die Fennistik.
Genauer gesagt treffen sich die Student*innen in Warschau im Rahmen der ersten Herbstschulen (von hoffentlich vielen) unter dem Motto Ulkomainen Fennistiikka tänään. Übersetzt bedeutet das „(Die) Fennistik im Ausland heute“. Der Artikel steht einerseits in Klammern, weil es im Finnischen keine Artikel gibt, und andererseits beschäftigten wir uns im Laufe der Herbstschule mit der Frage, ob es wirklich DIE Fennistik oder nicht vielmehr verschiedene Auffassungen und Herangehensweisen für die Forschung zu Finnland gibt.
Die Idee für die Herbstschule hatten Marko Pantermöller, Professor für Fennistik an der Universität Greifswald, und Mika Hallila, Professor für Fennistik an der Universität Warschau, schon im vergangenen Herbst und sie konnte Dank finanzieller Unterstützung von u.a. ERASMUS+ nun tatsächlich realisiert werden. Vor allem die Fennistik außerhalb der finnischen Landesgrenzen beschäftigt sich neben den sprachlichen Phänomenen des Finnischen auch mit sehr unterschiedlichen Themen zu Geschichte, Kultur und Politik. Nun, welcher Ort wäre besser, um über die Vielseitigkeit der fennistischen Forschung zu erfahren, als eine internationale Herbstschule für Masterstudierende und Promovierende der Fennistik? Zum Inhalt später mehr. Zunächst müssen die Fennist*innen aus Greifswald erst einmal ins weit entferte Warschau kommen. Ein Flugzeug wäre natürlich schnell, aber da Greifswald keinen Flughafen hat…

Auf der Fahrt durch Warschau

Die Fahrt nach Warschau mit dem Bus der Uni Greifswald dauert fast neun Stunden. Während die polnischen Autobahnen weitgehend leer sind, ist es die polnische Hauptstadt umso weniger. Nach sieben Stunden Fahrt an Berlin vorbei und einmal fast durch ganz Polen tauchen um uns herum kurz vor Warschau immer mehr Autos auf. In der Stadt befinden wir uns plötzlich mitten im Feierabendverkehr – mit Hupen, spontan ausgefallenen Blinkern und unvorhergesehen Spurwechseln.

Pierogi

Nach den ersten Schrecksekunden ist das aber kein Problem mehr: wir passen uns einfach an. Schließlich ist unser Bus groß und könnte eventuelle Duelle auch gewinnen. Trotzdem machen wir uns am Abend lieber zu Fuß auf den Weg in die Stadt. Sicher ist sicher. Wir sind begeistert von den beleuchteten Fassaden der Häuser in der Altstadt, dem Blick auf das Stadion und vor allem von unserem ersten polnischen Abendessen in einem gemütlichen Restaurant zwischen Bücherregalen und Bilderrahmen an den Wänden. Wie es sich gehört, entscheiden sich alle für Pierogi in unterschiedlichen Variationen. Mit Pilzen oder Hackfleisch, Petersilie oder Kohl, Crème fraîche oder Soße. Oder mit allem. Als wir wieder im Hotel sind, haben wir mehr als 10 Kilometer hinter uns gebracht (was sich bei den folgenden Regentagen als klug erweisen sollte).

 

Der erste Tag.

Łukasz Sommer, Mika Hallila und Marko Pantermöller

Im Seminarraum stehen Marko Pantermöller und Mika Hallila nun am ersten Tag der Herbstschule nebeneinander und heißen die teilnehmenden Fennist*innen herzlich willkommen. Marko beginnt gleich mit einleitenden Worten zur Fennistik im Allgemeinen und zur Fennistik im Ausland im Besonderen. Schon vor über 400 Jahren beschäftigten sich beispielsweise sprachbegeisterte Dänen wie Erik Pontoppidan mit der finnischen Sprache. Über die Jahrhunderte entwickelte sich die Fennistik immer weiter, von hermetischer Sprachbetrachtung hin zur Erforschung der Sprache selbst zusammen mit Lehnwortforschung und Literaturwissenschaft. Marko stellt einige Themen vor, die Studierende der Fennistik in den vergangenen Jahren für ihre Abschlussarbeiten oder Promotionsschriften gewählt haben – eine bunte Mischung aus Soziolinguistik, Literaturwissenschaft und (vergleichenden) sprachhistorischen Betrachtungen. Einen besseren Start für die folgenden Beiträge der Teilnehmer*innen in Warschau hätte man sich nicht vorstellen können, denn mindestens genauso bunt ist die Themenauswahl im Programm der Herbstschule. Die polnischen und deutschen Student*innen stellen in zwei Blöcken abwechselnd ihre Forschungsprojekte vor, während die Zuhörerschaft mitdenkt, mitschreibt und gedanklich zwischen Begeisterung und Staunen hin und her wechselt. Vor allem interessant sind die Themen der Doktoranden, von denen die Masterstudent*innen ansonsten nicht unbedingt viel erfahren würden.

Gleich im ersten Block der Projektvorstellungen berichtet eine polnische Fennistin von den Unterschieden und Gemeinsamkeiten, die sich zwischen der polnischen und der finnischen Rechtssprache finden lassen. Yvonne aus Greifswald erklärt uns gleich danach, mit welchen Methoden sie zu Meinungen und Einstellungen der finnischen Bevölkerung gegenüber dem schwedischsprachigen Teil Bevölkerung Finnlands forscht. Weniger politisch, dafür aber aus kultureller Sicht ebenso spannend, sind die Themen der Masterstudent*innen, die wir gleich im Anschluss hören.

Die Unibibliothek

Eine zugegebenermaßen sehr exotische Arbeit beschäftigt sich mit dem sprachlichem Ausdrücken von Höflichkeit im Vergleich zwischen Japan und Finnland – und das anhand eines animierten Films (es versteht sich natürlich von selbst, dass Marta aus Polen sowohl Finnisch als auch Japanisch so gut beherrscht, dass das Thema für sie kein Problem ist). Ihr Kommilitone erklärt uns die Eigenheiten der Namen finnischer Fußballvereine und die Gemeinsamkeiten mit den Fußballligen in seinem Heimatland. Besonders ausgefallene Vereinsnamen wie Grillattu mustekala (dt. Gegrillter Tintenfisch), den FC Santa Claus oder die Pohjoismaiden komeimmat pojat (dt. Bestaussehenden Jungs der Nordischen Länder) scheinen aber hauptsächlich kreative Einfälle der Finnen zu sein. Konkret sprachwissenschaftliche Themen kommen auch nicht zu kurz: Benjamin aus Greifswald illustriert Herausforderungen bei der Übersetzung wissenschaftlicher Texte und uns wird klar, dass es durchaus seinen Sinn hat, wenn Benjamin als Komponist UND Fennist Musikbücher übersetzt. Horn ist schließlich nicht gleich Horn, auch wenn da auf Finnisch einfach torvi steht.

Unsere Pause verbringen wir am ersten Tag im Studentenrestaurant der Universitätsbibliothek, das uns unsere Gastgeber empfehlen. Die Empfehlung beruht allerdings scheinbar nicht auf herausragenden Erfahrungen mit dem dortigen Essen, sondern eher auf der Tatsache, dass sich die Gerichte voneinander geschmacklich ungefähr so unterscheiden wie auch die in finnischen Mensen so manches Mal: nämlich kaum. Gesagt, getan. Zugegebenermaßen schmecken die Spaghetti Bolognese und der Apfelkuchen zum Nachtisch aber nicht anders als in Greifswald. Vielleicht sollten wir morgen doch mal die universitären Pierogi probieren?

Der zweite Tag.

Der Tag beginnt mit weiteren Vorstellungen von Abschlussarbeiten und Promotionsschriften. Ania aus Polen erklärt uns in aller Kürze die Besonderheiten von Quechua und wie sich Vergleiche zwischen der lateinamerikanischen Eingeborenensprache und dem Finnischen ziehen lassen – und natürlich: auch sie spricht beide Sprachen. Wir sind begeistert. Anschließend berichten uns vier Fennistinnen von ihren Promotionsarbeiten. Thekla aus Greifswald illustriert mit Bildern, was sie uns über Karelien in der finnischen und russischen Literatur zu berichten hat. Die anderen vier Doktorandinnen sprechen über ihre Forschung: zu Comics von Hanneriina Moisseinen, der Rolle von Frauen in der finnischen Bürgerkriegsdarstellung, den mythischen Mustern der estnischen Dystopien und dem sozialistischen Realismus in der finnischen, estnischen und polnischen Lyrik.

Mal sind die thematischen Sprünge zwischen den Themen größer, mal kleiner. Einen der größeren Sprünge macht aber Aneta, als sie uns davon berichtet, wie sie sich aus Interesse an der Musik und aufgrund ihres Auslandsjahres mit dem Bild von Helsinki in der finnischen Hip-Hop-Musik beschäftigt. Ein Auslandssemester in Joensuu bietet sich auch im Moment für eine andere polnische Masterstudentin an. Sie beschäftigt sich mit der wohl finnischsten aller Eigenschaften, sisu, und wie sie im finnischen Alltag heute auftaucht. Etwas ungewöhnlicher ist die Arbeit ihres Kommilitonen Wojciech. Er dringt in die zugegeben etwas eigensinnige und humoristische Welt der finnischen Amateur-Comics vor. Je nach Ansicht des Betrachters hat vielleicht auch Rebeccas Bachelorarbeitsthema, das sie uns vorstellt, etwas mit Humor zu tun. Sie hat sich mit den Dialekten im finnischen Kriegsroman Tuntematon sotilas (dt. Der unbekannte Soldat) von Väinö Linna beschäftigt. Zwischen den Abschlussarbeiten stellen wir natürlich auch „Baltic Cultures“ vor. Und wer weiß, vielleicht finden sich ja hier schon bald spannende Artikel von polnischen Fennist*innen über ihre Arbeiten?
Anstelle des Studentenrestaurants essen wir heute im veganen Restaurant zu Mittag und wir können das winzige Restaurant neben der Uni schon nach dem ersten Löffel Tomatensuppe (vegan und ohne Sahne – nicht ganz traditionell polnisch, aber fast) schon jetzt zu unserem Lieblingsort im Universitätsumkreis küren.

Kari Hiltula aus Greifswald

 

Der Nachmittag steht ganz im Zeichen der finnischen Sprache. Kari Hiltula von der Universität Greifswald gibt uns in seinem Vortrag Einblicke in den Aufbau der Sprache und ihre Eigenschaften.

Gruppenfoto mit der Botschafterin

Pünktlich zum Ende des Vortrags hat auch der Regen aufgehört und wir machen uns wieder auf den Weg durch den polnischen Feierabendverkehr – allerdings nicht zum Hotel, sondern in die Finnische Botschaft. Sie ist zwischen der norwegischen und der rumänischen Botschaft gelegen und wurde von einem finnischen Architekten entworfen, wie uns später erzählt wird. Wir werden höchstpersönlich von der Botschafterin, I.E. Hanna Lehtinen, empfangen, die sich sehr darüber freut, dass so viele junge Menschen aus Polen und Deutschland die finnische Sprache lernen. Sie begrüßt uns und unterstreicht, wie wichtig Polen und Deutschland als Partner für Finnland sind. Dabei stehen schräg hinter ihr drei kleine Flaggen. Die polnische, die finnische und die Europaflagge. Wie gut der europäische Gedanke doch auch zu unserer Herbstschule passt.

Es gibt Getränke und sehr vornehm aussehende (sehr, sehr leckere) Häppchen. Sogar finnische karjalanpiirakat (dt. Karelische Piroggen) sind dabei. Endlich haben wir auch einmal etwas mehr Zeit, uns mit den polnischen Teilnehmern der Herbstschule zu unterhalten. Von jedem Stehtisch und aus jeder Ecke sind angeregte Unterhaltungen und ab und zu ein Lachen zu hören. Die Residenz ist von den Blumenvasen bis hin zur Couch sehr finnisch eingerichtet und wahrscheinlich wäre es nicht gelogen, wenn wir sagen, dass der eine oder andere von uns den Blick schweifen ließ auf der Suche nach einer versteckten Sauna. Wir auch. Nichts. Für Sauna hätten wir aber auch gar keine Zeit gehabt, weil wir viel zu beschäftigt damit waren, nette Gespräche mit unseren neuen Bekannten zu führen.

About author View all posts

Mareen

Mareen

Fühlt sich an vielen Orten zu Hause: in Süddeutschland, Finnland, Greifswald und sowieso überall, wo es Kaffee, spannende Geschichten und schöne Landschaften gibt. Seit kurzem für die Fennistik in Greifswald und vor allem interessiert an den Geschichten und Sprachen des Nordens – mit gelegentlichen Abstechern an andere bunte Orte der Welt.