Weird Girls

“There is a wonderful characteristic in the Icelandic mentality – fearlessness, with an addiction to risk-taking to the point of being foolhardy. I’m not sure the stock market is the right place for these characteristics. In music making, storytelling and creative thought, this risk-taking is a great thing.“ – Björk

Schrille Farben, Glitzer, ausgefallenes Makeup, ungewöhnlich geschnittene Kostüme, Perücken und vor allen Dingen eines: jede Menge Spandex. Ich werfe meinen Blick in die Runde und bemerke die amüsierten, interessierten und zum Teil auch sichtlich überraschten Gesichtsausdrücke der anderen Zuschauer. Schnitt. Nach den einleitenden Sekunden, die eine Art Best Of der bisherigen Episoden des Weird Girl Projects sind, befinden wir sind nun auf hoher See. Nach wenigen Augenblicken löst sich die Kamera von der wunderschönen isländischen Landschaft, die man in der Ferne sieht, und schwenkt zu einer Frau, die an der Reling eines Bootes steht und ihren Blick in dieselbige Ferne schweifen lässt. Dass der Dokumentarfilm „I want to be Weird“ (isl. „Ég vil vera skrítin“) von starken Kontrasten lebt und mit ihnen spielt, wird bereits nach den ersten Szenen sehr deutlich.
Dreh- und Angelpunkt der Dokumentation ist das Leben und Wirken der Frau, die auf der Leinwand mittlerweile nicht mehr an einer Reling steht, sondern in ihrem Zuhause auf einem Sofa sitzt und von der Produzentin interviewt wird: die britische Künstlerin Kitty Von-Sometime. Das Hauptaugenmerk des Filmes liegt auf dem von ihr kreierten The Weird Girls Project und so erzählt die Schöpferin nach der Einleitung zunächst von der Entstehung des Projektes. Ursprünglich war Kitty nach Island gekommen, weil sie Artikel über das größte Musikfestivals Islands verfassen sollte. Lachend erzählt sie, dass das Projekt dort in einer feuchtfröhlichen Nacht aus einer Laune heraus entstanden war. Die erste Episode, „Neon Fame And The Last Supper“, ist ihrer Meinung nach auch keine eigentliche Episode, sondern eher eine Party mit Freunden gewesen. Das Vorhaben, daraus eine ganze Serie entstehen zu lassen, gab es zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
Die Frage, wo man das Projekt künstlerisch einordnen oder wie man es beschreiben könnte, kann sie selber auch nur mit „I call it an on-going art experiment or art project. I don’t really know where to put it and I don’t know if anyone else does, either.“ beantworten. Dass dieses Projekt mit Konventionen bricht und sich nicht in eine Schublade stecken lässt, ist aber genau das, was es so interessant und faszinierend macht. Wie aber sieht nun das Weird Girls Projekt aus? Der Film erlaubt den Zuschauern einen Einblick in die Hintergründe, die Planung und auch die Entstehung der einzelnen Episoden. Der eigentliche Hintergedanke und Grund, warum Kitty die Serie ins Leben gerufen hat, ist der mediale Umgang mit dem weiblichen Körper und die daraus resultierenden Konsequenzen für jede einzelne Frau. Man muss nur einmal die Zeitung aufschlagen, Werbung ansehen oder im Internet stöbern. Überall wird einem vorgeschrieben, wie ein weiblicher Körper auszusehen hat und wie Frau ihn gegebenenfalls erreichen kann, um auch „schön“ oder zumindest „normal“ zu sein. Kittys Episoden sollen zeigen, dass dieses Konzept eines „normalen“ Körpers in der Realität nicht angebracht ist.
Aus diesem Grund arbeitet die Künstlerin ausschließlich mit Frauen und lässt diese in hautengen Kostümen oder gar ganz ohne Kleidung und nur in Farbe und Glitzer vor die Kamera treten. Bei jeder neuen Episode werden Plätze für ein bis zwei neue Weird Girls reserviert, wobei die Warteliste mittlerweile so lang ist, dass man durchaus damit rechnen muss, mehrere Jahre auf seinen Einsatz warten zu müssen. Anfragen von Interessierten bekommt Kitty aus aller Welt. Die Frauen wissen vor der Ankunft an dem jeweiligen Drehkulisse nie, was sie vor Ort erwartet. Sie bekommen lediglich eine E-Mail mit dem Datum, einem Treffpunkt und einer Liste von Dingen, die sie für den Dreh mitbringen müssen. Mehr erfahren sie nicht, denn das würde dem Projekt laut Kitty das wichtige Element der Überraschung, Spontanität und Improvisation nehmen.
Die Motivation der mitwirkenden Frauen ist ganz unterschiedlicher Natur, zwei Gründe werden jedoch besonders häufig genannt. Zum einen erlaube ihnen die Mitarbeit an dem Projekt, dass sie sich künstlerisch betätigen und ausdrücken könnten, ohne dabei jedoch die volle Verantwortung zu tragen, und zum anderen wollen sie ihre persönlichen Hemmschwellen überwinden und ihre Körperwahrnehmung und ihr Selbstbewusstsein verbessern.
In gestalterischer Hinsicht hat Kitty sich bewusst an Musikvideos orientiert. Auf diese Weise meint sie die unterschiedlichen Formen der Körper am besten verdeutlichen und präsentieren zu können. Des Weiteren ergeben sich daraus noch andere Vorteile für sie und ihre Arbeit. Die Musikkünstler, mit denen sie an einer Episode zusammenarbeitet, helfen ihr bei der Finanzierung des Videos und dürfen es im Gegenzug dann als offizielles Musikvideo verwenden, was wiederum das Weird Girls Project bekannter macht. Auch im Ausland ist man im Laufe der Zeit auf Kitty und ihre Arbeit aufmerksam geworden. Im Jahre 2010 durfte sie zum Beispiel eine besondere Episode in Mexiko drehen und Converse lud sie nach China ein, wo sie nach dem gleichen Konzept wie bei den anderen Episoden in verschiedenen Landesteilen eine Videoreihe namens  „The Weird Tour of China“für deren Herbstkollektion 2012 drehte. Obwohl sie auch in Island sehr bekannt und angesehen ist, scheint es einen großen Unterschieden finanzieller Natur zwischen ihre Arbeiten in Island und im Ausland zu geben. Während sie im Ausland ein großes Budget und eine angemessene Gage bekommt, trägt sie in Island die Kosten für die Episoden selbst, wenn man von den in Zusammenarbeit mit Musikkünstlern entstandenen Videos absieht. Diesen Kontrast fasst sie selbst am treffendsten zusammen:„Abroad I am treated like a rockstar. When I’m back in Iceland, I have to go back on unemployment.“
Die Dokumentation ist eine gelungene Kombination aus Behind-the-Scenes-Material von Kitty selbst, Ausschnitten der fertigen Kunstwerke und Aufnahmen der Regisseurin Brynja Dögg Friðriksdóttir. In der an die Vorführung bei den Nordischen Filmtagen angeschlossenen Gesprächsrunde mit der Regisseurin gewann man einen Einblick in die Arbeitsweise, die diesem Film zu Grunde liegt, und auch in das Verhältnis zwischen der Künstlerin und Friðriksdóttir. So hat Kitty sie beispielsweise von sich aus angerufen, als sie für eine Weile im Schwimmbad arbeiten musste, und gefragt, ob sie nicht kommen und auch diese Seite ihres Lebens und Künstlerdaseins filmen möchte. Zwischen den schrillen und exzentrischen Momenten sieht man Kitty in alltäglichen Situationen, wie zum Beispiel bei dem Wischen der Fliesen in ebenjenem Schwimmbad. Der Regisseurin war es wichtig, dass der Film authentisch ist. Auf eine Crew und Regieanweisungen für Kitty hat sie deswegen verzichtet. In diesen intimen Interviews und den anderen von Friðriksdóttir gefilmten Sequenzen, die über die ganze Länge des Filmes in das andere Material eingestreut wurden, bekommt man nicht nur einen Eindruck von ihrer Kunst und ihrer Arbeitsweise, sondern auch von dem, was jenseits des Künstlerimages verborgen liegt. Man erlebt Kitty Von-Sometime nicht nur als Künstlerin, sondern auch als Mutter, Partnerin, Tochter, Freundin.

Ein besonderes Highlight für eine Skandinavistik-Studentin aus Greifswald war natürlich, als es plötzlich nur allzu bekannte Orte und Gesichter auf der Leinwand erschienen. Anlässlich der isländischen Schirmherrschaft des Nordischen Klanges 2013 hatte man Kitty nämlich damit beauftragt, nach Greifswald zu kommen und dort mit Freiwilligen aus der Region eine Episode  zu drehen. Diese wurde anschließend auf der Eröffnungsfeier des Festivals vorgestellt.

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Svenja

Svenja

Interessiert sich grundsätzlich für alles Nordische von Island bis Finnland, von Singer/Songwritern bis Metal und von Mumins bis Krimis. Vereint die Leidenschaft für das Reisen und das studentische Budget liebend gerne im Couchsurfen.