Für die Skandinavistik von Changhua nach Greifswald

Die Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald (EMAU)  ist  für ihre lange skandinavistische und fennistische Tradition bekannt. Dass dieser Ruf auch internationale Studenten anlockt, zeigt das Beispiel von Yang-Leng aus Taiwan. Im folgenden Gespräch erzählt sie davon, welche Unterschiede es zwischen den Universitäten in Deutschland und Taiwan gibt, welches Bild man in Taiwan von Skandinavien hat und wie ihr Weg sie von Changhua nach Greifswald geführt hat.

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Yang-Leng auf dem Mt. Esja in Reykjavík

 

Hallo Yang-Leng, vielleicht könntest du dich den Lesern zuerst kurz vorstellen.

Hallo Svenja, ich heiße Yang-Leng Liu, bin 23 Jahre alt und komme aus Changhua in Taiwan. Momentan bin ich im zweiten Semester meines Bachlorstudiums in den Fächern Skandinavistik und Philosophie an der EMAU.

Wie hat dich dein Weg von Changhua nach Greifswald geführt? Konntest du vorher schon Deutsch sprechen?

Von 2010-11 bin ich ein Jahr als Austauschschülerin in Deutschland gewesen und zwar in Hamburg. Während des Jahres habe ich damit angefangen, Deutsch zu lernen. Danach war ich für zwei Jahre wieder in Taiwan, bis ich im September 2013 zurück nach Deutschland gekommen bin. Bereits in Hamburg hatte ich mich nämlich schon dazu entschlossen, dass ich in Deutschland studieren möchte. Viele große Philosophen stammen aus Deutschland und es ist somit der ideale Ort für ein Philosophiestudium. Mein Kindheitstraum war es eigentlich, in England zu studieren, weil ich ein riesiger Fan von Harry Potter gewesen bin. Die hohen Studiengebühren dort sind allerdings auch ein ausschlaggebender Faktor dafür gewesen, dass ich nicht dorthin gegangen und letzten Endes in Deutschland gelandet bin.
Schon in der 8. Klasse wusste ich, dass ich außer Englisch, das bei uns meist das einzige Fremdsprachenangebot in der Schule ist, noch viele weitere Sprachen in meinem Leben lernen möchte. Damals hatte ich mir sogar eine Liste mit mehr als 30 Sprachen angefertigt, auf der alle Sprachen standen, die mir einfielen und die mich interessierten. Bestimmte Auswahlkriterien hatte ich dabei nicht und es waren Sprachen aller Kontinente, jeder Sprachfamilie und verschieden hoher Sprecherzahlen dabei. Jede Sprache hat für mich irgendwie seine Reize. Außerdem liebe ich das Reisen und es gehört für mich dazu, dass ich mich dabei mit den Einheimischen zumindest in einem kleinen Rahmen auf ihrer Sprache verständigen kann.
Die Wahl ist erst relativ spät auf Greifswald als Studienort gefallen. Ich habe in Hamburg meine Liebe zu Norddeutschland, v.a. dem Meer, entdeckt und gleichzeitig wurde mir aber klar, dass ich nicht in einer Großstadt studieren wollte, obwohl mir das Leben in Hamburg gut gefallen hat. Nachdem ich mich für das Skandinavistikstudium entschieden hatte, stand damit auch gleichzeitig Greifswald als Studienort fest. Die EMAU hat eine lange skandinavistische Tradition und auch die Nähe zu Skandinavien ist hier gegeben.
Ein großer Vorteil ist auch, dass hier im Gegensatz zu anderen deutschen Universitätsstädten kaum Taiwanesen wohnen, sodass ich gar nicht erst in Versuchung gerate, im Alltag meine Muttersprache zu verwenden und nur unter meinesgleichen zu sein. Ich bin quasi gezwungen, meine Deutschkenntnisse stets zu verbessern.

Welche Erwartungen hattest du, bevor du nach Deutschland gekommen bist?

Ich erwarte von dem Studium, dass ich hier das in Taiwan vorherrschende Auswendiglernen ein wenig hinter mir lassen kann und die Studenten hier mehr zum eigenständigen Denken angeregt werden. Außerhalb des Studiums wünsche ich mir, dass ich genug Zeit haben werde, Skandinavien und Deutschland ausgiebig zu bereisen, meinen Horizont durch Begegnungen mit fremden Kulturen und Menschen verschiedenster Nationen zu erweitern, und meine Sprachkenntnisse vor Ort zu verbessern.
Was meine Deutschkenntnisse betrifft, so hoffe ich, dass ich durch mein Philosophiestudium eines Tages so ein hohes Niveau erreicht haben werde, dass selbst die Deutschen mir nicht immer folgen können… so wie Immanuel Kant. (lacht)

Skandinavistik ist auch in Deutschland kein Massenfach. Wie kam dein Interesse an Skandinavien zustande? Welche Vorstellungen und vielleicht auch Vorurteile hat man in Taiwan bezüglich der skandinavischen Länder?

Wie vorhin bereits gesagt, hatte ich schon relativ früh den Entschluss gefasst, dass ich sehr viele Fremdsprachen lernen möchte. Romanistik kam für mich jedoch nicht in Frage, da man dafür in Französisch und/oder Spanisch schon vor Studienbeginn ein gewisses Sprachniveau erreicht haben muss. Die beiden Sprachen werden in Deutschland zwar in den Schulen unterrichtet, bei uns in Taiwan sind das aber keine Schulfächer. Eigentlich wollte ich dann neben Philosophie noch Slawistik wählen, weil mich die kyrillische Schrift gereizt hat. Von Skandinavistik hatte ich vorher noch nie etwas gehört, weil es das Fach in Taiwan nicht gibt. Erst ein Skype-Gespräch mit einem norwegischen Freund im Dezember 2012, in dem ich erwähnte, dass ich vielleicht Slawistik nehmen wollte, und er mich scherzhaft fragte, warum ich denn nicht Skandinavistik nehmen würde, hat mich auf die Idee gebracht, dieses Fach zu studieren. Es war also eher ein Zufall, auch wenn ich vorher schon Interesse am Norden hatte. Darüber hinaus sind hier natürlich meine Deutschkenntnisse  von Vorteil, da die skandinavischen Sprachen mit dem Deutschen eng verwandt sind.
Das Skandinavienbild, das in Taiwan vorherrscht, ist überwiegend positiv: das viel gelobte Bildungssystem, die mystische Mythologie, niedrige Arbeitslosenquoten, eine hohe Lebensqualität, einige gute Filme und Bücher… und natürlich dürfen auch IKEA und hübsche Wikinger mit blauen Augen und blonder Mähne hier nicht fehlen. (lacht) Der einzige negative Punkt, der mir einfällt, sind die hohen Kosten für alles. Wenn man etwas weniger Schönes über Skandinavien hört, dann hängt das immer mit aktuellen Ereignissen zusammen, wie z.B. dem Attentat auf Utøya.

Ich kann mir vorstellen, dass das Leben und Lernen von Studenten sich in Deutschland und Taiwan sehr unterscheidet.

Auf jeden Fall. Das ist natürlich nur meine subjektive Meinung und die muss nicht unbedingt stimmen oder auf alle zutreffen, aber ich habe das Gefühl, dass man hier in Deutschland überwiegend das studiert, was einem Spaß macht und woran man Interesse hat, sodass es auch viele kleinere Fächer gibt. In Taiwan, wo der Utilitarismus sehr in den Köpfen verankert ist, spielen die Jobchancen und die Erwartungen der Eltern oder auch der Gesellschaft eine viel größere Rolle bei der Studienwahl. Philosophie gibt es beispielsweise in Taiwan nicht als Schulfach und ich habe es erst während meines Austausches in Deutschland kennengelernt. An vielen Unis in Taiwan kann man es zwar studieren, aber es ist in den Augen der Gesellschaft kein hoch angesehenes Fach und es werden immer wieder Stimmen laut, die für eine Abschaffung dieser „nutzlosen“ Studienfächer sind.
In Taiwan besteht das Lernen unabhängig von der Art der Institutionen hauptsächlich aus Auswendiglernen. Einen großen Unterschied gibt es zwischen der Schule und Universität in dieser Hinsicht nicht. Hier in Deutschland wird viel mehr Wert auf die Selbstständigkeit der Studenten gelegt und man erwartet von ihnen, dass sie mitdenken und eigenständig Lösungen erarbeiten. Die Struktur der Studiengänge ist ebenfalls ganz anders. In Taiwan sind Sport, Mandarin und Englisch Pflichtfächer, die alle im Rahmen des Bachelorstudiums unabhängig von ihrem Studienfach belegen müssen. Mir gefällt es, dass ich hier flexibel in der Gestaltung meines Stundenplans bin und die Kurse teilweise nach meinem eigenen Interesse wählen kann.
Ein anderer Unterschied ist, dass es in Taiwan zwei Prüfungsphasen pro Semester gibt. Auch wenn die zweiten Prüfungen mehr Gewicht haben, so muss man natürlich trotzdem gut für die erste Prüfungsphase im Semester lernen. Ich habe hier in Deutschland viel mehr Zeit, Aktivitäten außerhalb der Universität nachzugehen und zu reisen. Meinen Freunden in Taiwan geht es da anders. Allerdings gibt es an deren Unis auch zahlreiche Veranstaltungen und studentische Vereine.

Wo du gerade von deinen Freunden sprichst: Wie häufig fliegst du in deine Heimat und bekommst du Heimweh? Haben dich deine Eltern oder Freunde in Deutschland oder sogar Greifswald besucht oder haben sie es vor?

Ich wohne nun fast drei Jahre in Deutschland, etwa zweieinhalb davon in Greifswald, und ich bin in dieser Zeit erst einmal nach Taiwan geflogen. Man muss bedenken, dass die Flüge sehr lange dauern und nicht günstig sind. Für meine letzten Flüge habe ich fast 700€ bezahlt und war jeweils über 24 Stunden unterwegs. Da ist es zeitlich und auch aus Kostengründen nicht immer möglich, in jeden Semesterferien nach Hause zu fliegen. Heimweh habe ich aber trotzdem nur selten, denn durch Skype und Facebook habe ich weiterhin täglich Kontakt zu meinen Freunden und meiner Familie. Wenn ich etwas vermisse, dann ist das vor allen Dingen unser günstiges und leckeres Essen, für das ich in Deutschland noch keinen Ersatz gefunden habe.
Ein paar Freunde von mir haben mich vor ein paar Monaten in Greifswald besucht. Für eine von ihnen war es sogar die erste Auslandsreise und sie ist ganz aufgeregt gewesen. Sie waren vorher schon interessiert an Deutschland, aber auch von Greifswald und insbesondere unserem Institut und dem Audimax waren sie sehr begeistert. Meine Cousine begleitet gerade ihren Freund, der auf Geschäftsreise in Dresden ist. Wenn es klappt, dann wird sie auch für zwei Tage nach Greifswald kommen. Sie wäre dann das erste meiner Familienmitglieder, das mich hier in Deutschland besuchen kommt.

Was sagen deine Familie und Freunde denn dazu, dass du in Deutschland studierst und dann auch noch ein weniger bekanntes Fach?

Ich habe das Glück, dass meine Familie mir in dieser Hinsicht meinen Freiraum lässt… vor allem meine Mutter. Mein Vater war zwar erst sehr dagegen, dass ich im Ausland studieren wollte, aber er hat irgendwann aufgegeben und es einfach hingenommen. Er hat zwar einen Dickkopf, aber meiner ist größer. (lacht)
Andere Familienmitglieder waren da weniger gelassen, was meine Fächerwahl betrifft. Nachdem die ältere Schwester meines Vaters mitbekommen hatte, was ich studieren wollte, hat sie ihn angerufen und gefragt, ob er mir wirklich erlauben würde, Philosophie zu studieren. Sie ist eine von den Menschen, die Philosophie für ein nutzloses Fach halten. Seine Antwort darauf war einfach, dass es meine Entscheidung sei, was ich studieren werde.
Meine Freunde hingegen finden es alle cool und mutig, dass ich so weit entfernt von Zuhause studiere. Die meisten von ihnen haben aber wahrscheinlich keine Ahnung, was Skandinavistik ist und denken zum Beispiel, dass man in Skandinavien Englisch spricht. Außerdem wissen sie oft nur, dass ich in Deutschland bin, aber sie haben vermutlich keine Ahnung, wo ich genau bin und wo Greifswald überhaupt liegt.

Was gefällt dir an deinem Studium, dem Institut und der Universität ganz besonders?

Ich finde es großartig, in Greifswald und besonders am Institut für Fennistik und Skandinavistik zu studieren! Die Kursgrößen sind sehr angenehm und unter den Studierenden herrscht fast eine Art familiärer Zusammenhalt, da es verhältnismäßig wenig von uns gibt und man die meisten kennt. Aber auch zu den Dozenten gibt es einen engen Kontakt und die Betreuung ist wunderbar.
Im Gegensatz zu größeren Städten kann hier alles zu Fuß oder mit dem Fahrrad erledigt werden, weil die Wege so kurz sind. Trotzdem ist es hier keinesfalls langweilig, denn Greifswald ist eine Studentenstadt und es ist immer was los. Außerdem liegt Greifwald an der Ostsee und die Nähe zu dem Meer und den skandinavischen Ländern ist ein großes Plus.

Hast du die Nähe zu den nordischen Ländern denn schon ausgenutzt?

Absolut, ich bin bereits in Dänemark (Insel Rømø und Kopenhagen), Schweden (Malmö) und auf Island (von Reykjavík bis nach Vík) gewesen. Als Erstes ist mir aufgefallen, dass es überall sehr sauber auf den Straßen gewesen ist und alle sehr gut Englisch sprechen konnten, obwohl ich natürlich auch meine skandinavischen Sprachkenntnisse teilweise nutzen wollte. Und die Preise… Klar, ich wusste schon vorher, dass die Preise dort höher sein werden als in Deutschland, aber ich war im ersten Moment trotzdem oft geschockt. Die freundlichen Menschen und die atemberaubende Natur haben einen den Schock dann aber schnell wieder vergessen lassen. In Erinnerung geblieben ist mir auch das sehr wechselhafte Wetter auf Island. Das war nicht immer angenehm, aber man konnte immerhin mehrmals am Tag einen Regenbogen bewundern.

Das ist ja schon eine ganze Menge. Zieht es dich sonst noch irgendwohin?

Auf meiner Liste stehen momentan noch Norwegen, die Färöer, Spitzbergen und Grönland. Außerdem möchte ich gerne auch noch Finnisch lernen und dann nach Finnland fliegen.

Welche Sprachen sprichst du schon? Wo siehst du die größten Unterschiede zwischen deinen Muttersprachen und den festlandskandinavischen Sprachen oder auch dem Deutschen?

Meine Muttersprachen sind taiwanisches Mandarin und Taiwanesisch. In meiner Heimat habe ich in der Schule natürlich auch Englisch gelernt und in Hamburg dann Deutsch. In meinem Studium habe ich zunächst mit Schwedisch und Norwegisch angefangen und etwas später noch mit Isländisch, wobei ich auf Norwegisch und Schwedisch schon einigermaßen kommunizieren kann, auf Isländisch aber noch nicht. Wenn man Deutsch kann, dann fallen einem Norwegisch und Schwedisch recht leicht, Isländisch kommt mir aber mindestens zehnmal so schwierig wie Deutsch vor.
Der offensichtlichste und größte Unterschied zwischen meinen Muttersprachen und den restlichen Sprachen ist das Schriftsystem. Es gibt aber auch noch viele weitere Unterschiede. Im Taiwanesischen und Mandarin gibt es jeweils eine Hand voll verschiedener Töne, die ein Zeichen haben kann. Diese Töne spielen eine große Rolle für die Bedeutung. Es kann leicht zu Missverständnissen oder unsinnigen Sätzen kommen, wenn die Töne nicht richtig klingen oder z.B. aus einem fallenden ein steigender Ton gemacht wird. Ein Beispiel:

媽(ma-) (Mama)

馬(maˇ) (Pferd)

罵(maˋ) (schimpfen, pöbeln)

Dafür gibt es aber dann keine Deklinationen, Genera oder Kasus. Das Deutsche und Isländische waren in dieser Hinsicht etwas schwieriger für mich als Norwegisch und Schwedisch, die sich sehr ähneln und die ich von der Schwierigkeit der Grammatik her zwischen meinen Muttersprachen und Deutsch bzw. Isländisch ansiedeln würde.

Wie lernst du Sprachen?

Eigentlich habe ich keine besonderen Lerntipps. Ein wichtiger Teil des Lernens sind für mich natürlich die mehrmals in der Woche stattfindenden Sprachkurse an der Uni. In meiner Freizeit versuche ich meine Sprachkenntnisse auf ganz unterschiedliche Weisen zu verbessern: ich höre skandinavisches Radio und Musik, gucke mir skandinavische Serien und Filme mit Untertiteln in der jeweiligen Sprache an, lese Bücher auf den jeweiligen Sprachen und führe auch das ein oder andere Selbstgespräch, wenn ich alleine bin, um meine Aussprache und das freie Sprechen zu verbessern.

Wie geht es weiter? Was sind deine nächsten Pläne?

Im August werde ich im Rahmen des Erasmus+ Programms für ein Jahr nach Bergen in Norwegen gehen und dort die Universität besuchen. Ich freue mich darauf, dass ich meine Sprachkenntnisse jenseits der Uni anwenden und hoffentlich auch ausbauen kann. Außerdem bin ich gespannt darauf, zu sehen, wie skandinavistische Seminare in einem skandinavischen Land gestaltet sind und ob es Unterschiede zu Greifswald gibt.
Ich werde die Zeit sicherlich auch nutzen, um norwegische Freunde zu besuchen, das wunderschöne Land zu erkunden, und eventuell von dort aus die Färöer und Spitzbergen zu besuchen.

Vielen Dank für das Gespräch und ein schönes Jahr in Norwegen!

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Svenja

Svenja

Interessiert sich grundsätzlich für alles Nordische von Island bis Finnland, von Singer/Songwritern bis Metal und von Mumins bis Krimis. Vereint die Leidenschaft für das Reisen und das studentische Budget liebend gerne im Couchsurfen.