Von alten Damen und Pilzsuppe

Euer Baltic Cultures Adventskalender – Türchen 20

Konversationsfibel Teil 3 – Tipps für die baltische Festtafel

Die Weihnachtszeit naht und der Duft von Glühwein und Plätzchen zieht bereits durch Wohnzimmer, Innenstädte und Einkaufspassagen zwischen Lissabon und Lappland. Gerade in den kalten Regionen rücken die Menschen in diesen Tagen etwas näher zusammen. Auch in Riga und Vilnius stehen bereits reich geschmückte Tannen und Weihnachtsmanndouble in den Fußgängerzonen. Weihnachtsszeit – das heißt auch, sich näherzukommen und zusammenzuwachsen. Doch Vorsicht – vor dem Glühweinstand und am Festtagstisch lauern so einige Fettnäpfchen in der Kommunikation. Wer nicht aufpasst, wird vom sprachlichen Nachbar nicht nur nicht verstanden, sondern macht sich vielleicht sogar lächerlich. In Teil 1 und Teil 2 unserer Kolummne haben wir euch in estnisch-finnische und polnisch-russische „False Friends“ eingeweiht. Heute haben wir für euch einige lettisch-litauische Fettnäpfchen gesammelt, damit ihr diese gekonnt umschiffen könnt.

Dass man sich in Skandinavien des Öfteren auch in seiner eigenen Sprache mit Vertretern des Nachbarlandes unterhalten kann, ist weithin bekannt. Auch in anderen verwandten Sprachen findet man einige Gemeinsamkeiten. Lettisch und Litauisch sind da keine Ausnahme. Doch Vorsicht! Die beiden Nachbarsprachen unterscheiden sich mehr, als man es von außen meinen könnte. Gerade durch die puristische Sprachpolitik Litauens und den engen Kontakt des Lettischen zum Russischen und Deutschen haben sich viele Unterschiede im Vokabular gebildet. Auch vermeintlich ähnliche Wörter können für böse Überraschungen sorgen. Um das zu verdeutlichen, begleiten wir heute die beiden fiktiven Freunde Miglė aus Kaunas, Litauen, und Elmārs aus Ventspils, Lettland. Die beiden kennen sich schon seit ihrer Kindheit und beherrschen die Sprache des Anderen, doch oft verlassen sie sich leider viel zu sehr auf ihren Sprachinstinkt. Was das heißt, soll hier verdeutlicht werden:

Miglė und Elmārs bereiten sich auf die Weihnachtsfeiertage vor und wollen gemeinsam kochen. Alles ist eingekauft: Gemüse, Fisch und Kartoffeln stehen ebenso bereit wie die Zutaten für einen schmackhaften Kuchen. Besonders auf die Pilzsuppe freuen sich die beiden und fangen auch gleich an, munter Champignons zu schnippeln. Pilze haben in der Küche beider Länder einen hohen Stellenwert. „Es gribu sēnes!“ sagt Elmārs, als er sich ein Stück Pilz zum Rohverzehr vom Teller krallt. „Ich liebe Pilze!“ Allerdings lauert hier auch schon die erste Falle. So weit, so gut: Pilze, das konnte Miglė schon verstehen, jedoch nur durch einen glücklichen Zufall. Während der Pilz im Lettischen den baltisch-ostseefinnischen Namen sēne trägt (Vgl. Finnisch sieni, Estnisch seen), stammt die litauische Bezeichnung grybas dafür aus dem Slawischen (Vgl. Russisch грыб/gryb, Polnisch grzyb). Miglė hat also das lettische Wort gribu (let. ich will) als grybų (lit. Pilz – Gen. Pl.) interpretiert. Das eigentliche Wort sēne erinnert sie eher an das litauische Wort senelės (Großmütter). Pilzgroßmütter? Seltsam.

Naja, was soll’s. Jetzt erstmal weiterkochen! Die zerkleinerten Pilze müssen auf jeden Fall erstmal in einen Topf. Doch als Miglė Elmārs darum bittet, bricht dieser in Gelächter aus. Dahinter steckt eine ähnliche Verwechslung wie im Deutschen. Zwar bezeichnen sowohl das litauische puodas als auch das lettische pods einen Pott, also einen Topf, jedoch dreht es sich jeweils um eine komplett unterschiedlichen Schüssel. Während puodas den Kochtopf bezeichnet, bezieht sich pods auf die Toilette. Die Pilze ins Klo kippen? Keine gute Idee!

Bis zum Ende des Kochmarathons hat sich Elmārs jedoch wieder beruhigt und auch Miglė musste über ihr Fettnäpfchen schmunzeln. Doch schon beim Tischdecken kommt es zur nächsten Panne. Diesmal wurde sie von Elmārs gebeten, das Geschirr auf den Tisch zu stellen. Doch Miglė ging anstatt dessen mit der Tischdecke davon. Was war passiert? Trauki, Lettisch für Geschirr/ Gefäß, sollten auf den Tisch gestellt werden. Trauki entspricht jedoch auch der zweiten Personenform des litauischen Verbes traukti (ziehen) und heißt somit „du ziehst“. Da sie nicht wusste, woran sie ziehen sollte, heimste sich die von Elmārs verwunderte Miglė die Tischdecke ein.

Den Irrtum konnten beide schnell auflösen und so werden Tisch und Festmahl noch rechtzeitig fertig. Als sie am Abend mit ihren anderen lettisch-litauischen Freunden zusammensaßen, erzählten sie von ihren Missgeschicken des Tages und sammelten weitere falsche Wortpaarungen ihrer Sprachen. Am Ende des Abends steht ein Lieblingsfettnäpfchen der Freunde fest. Während man im Lettischen so einfach sagen kann, dass man dejot (tanzen) geht, sollte man in Litauen mit diesem Wort lieber sparsam umgehen, wenn man nicht geheime Einblicke in sein Sexualleben geben möchte. Dejuoti heißt auf Litauisch nämlich stöhnen.

About author View all posts

Avatar

Marcel

Hat einen Narren am östlichen Ostseeraum gefressen und träumt ständig vom Reisen. Beschäftigt sich in der Universität in erster Linie mit dem Deutschen und dem Russischen, unterhält aber nebenher eine intensive Liebesbeziehung zum Baltikum, insbesondere Estland. Brennt für fremde Sprachen und gesellschaftliche Themen, Funken sprühen aber auch in Sachen Kultur und Literatur.