Verzaubernde Klänge aus Sápmi

Joiken ist kein Erzählen, ist auch kein Gesang. Es ist beides zusammen, und es ist dadurch viel mehr. Es ist die Sprache der Seele. Weißt du, was ich glaube? Es wird nicht nur in Lappland gejoikt. Jeder Poet joikt auf seine Weise, und jedes Kind, das noch nicht zerstört worden ist von den Erwachsenen. Hast du mal kleine Kinder singen hören, die sich unbeobachtet fühlen? Sie singen nicht schön. Es ist eher eine Art Lallen. Sie joiken, Henrik. Ihr Joiken ist eine geheime Botschaft ihrer Seele, die wir Älteren nicht mehr verstehen.” – aus dem Roman „Joiken“ von Henning Boëtius

Eine der ältesten Gesangsformen, die wir in Europa finden können, ist der Joik. Das Wesen des Joiks und den Vorgang des Joikens mit Worten zu beschreiben, ist gar nicht so einfach. Der traditionelle Oberton-Gesang der Samen wird besonders in deutschen Texten häufig mit dem verwandten Jodeln verglichen, was ein in vielerlei Hinsicht hinkender Vergleich ist, der sich allenfalls auf die Ähnlichkeit bezüglich des Klanges, nicht aber auf die Funktionen beziehen lässt.
Ein Joik wird nicht komponiert, sondern er existiert einfach und kommt bzw. offenbart sich dann, wenn er will. Oftmals wird dies so gedeutet, dass die Joiks aus einer Improvisation heraus entstehen. Außerdem haben sie keinen oder kaum Text und erzählen von der Heimat der Samen, Personen, Tieren, der Natur, Gefühlen und Gedanken. Man joikt dabei aber nicht über diese Dinge, sondern man joikt die Dinge selbst. So kann man etwa seine Verwandten, Rentiere oder Flüsse joiken und sie dadurch sowohl in seine Nähe holen als auch gleichzeitig die Verbundenheit zu ihnen ausdrücken.
So wie man in unserer Gesellschaft mit der Geburt einen Namen kriegt, so bekommt der samische Nachwuchs von seinen Eltern zusätzlich einen Joik, der das Wesen des Kindes spiegeln und der akustische Fingerabdruck dessen Seele sein soll. Auch über den Tod hinaus bleiben eine Person und ihr Joik verbunden. Wenn man einen Verstorbenen joikt, dann ruft man die Vorstellung von ihm hervor und lässt ihn dadurch wieder lebendig werden.
Musikalisch untermalt wurden die Joiks ursprünglich nicht. Lediglich in schamanischen Riten wurden sie von Trommeln begleitet, die aber weniger als ein Musikinstrument angesehen wurden, sondern vielmehr als ein Hilfsmittel zur Erreichung des Trancezustandes und zur Kommunikation mit dem Göttlichen und anderen Welten. Mit der Kolonisierung und Missionierung kam ebenso das Joik-Verbot nach Sápmi, wie die Samen ihr Kultur- und Siedlungsgebiet nennen. Für die christlichen Priester galt der Joik als Teufelszeug und Hexerei. Im Jahre 1609 ließ Christan IV., König von Dänemark und Norwegen, das Joiken offiziell verbieten und nahm den Samen somit einen wichtigen Stützpfeiler ihrer kulturellen Identität. Ein Verstoß gegen dieses Verbot wurde in vielen Fällen mit dem Tode bestraft.
Dieses Verbot blieb über mehrere Jahrhunderte bestehen und man durfte bis vor wenigen Jahrzehnten weder in der Kirche noch in der Schule joiken. Ein Auslöschen der Joiktradition gelang jedoch nicht, da sie trotzdem weiterhin Bestandteil des Alltags der Rentiersamen geblieben war. Erst gegen Ende der 1970er Jahre konnte die Joiktradition durch die samischen Musiker im großen Stil wiederbelebt werden. Ein wichtiger Meilenstein waren die Olympischen Spiele 1994 in Lillehammer, als Nils-Aslak Valkeapää dazu eingeladen wurde, mit einem Joik an der Eröffnungsfeier teilzunehmen. Seit 1990 gibt es außerdem den Sámi Grand Prix, in dem samische Künstler jedes Jahr gegeneinander antreten. In dem Wettbewerb müssen jene nicht nur ihr allgemeines Gesangstalent, sondern auch ihre Joikkünste unter Beweis stellen. Die neue Generation der Joiker erhielt diese Tradition aber nicht nur aufrecht, sondern überführte sie darüber hinaus durch die Vermischung mit anderen Musikrichtungen in ein neues Zeitalter.

Eine der bekanntesten samischen Sängerinnen der heutigen Zeit ist die in Schweden lebende Sofia Jannok. Ihr Markenzeichen ist es, den Joik mit Elementen verschiedenster Musikrichtungen von Jazz über Pop bis zu Electro zu verbinden und dabei einzigartige Kunstwerke entstehen zu lassen, die zusätzlich mit samischen, schwedischen oder englischen Texten versehen werden. Aus dem besagten Sámi Grand Prix konnte sie 2003 als Siegerin hervorgehen.

Ihre Lieder erzählen hauptsächlich von ihrer Heimat und der samischen Lebensweise, sodass man in ihren Texten häufig Rentieren und Flüssen oder Wäldern begegnet. Außerhalb ihrer Karriere als Musikerin ist sie ebenfalls für ihr politisches und soziales Engagement bekannt, das sich auch in ihren Liedern widerspiegelt. Für ihr neuestes Lied „We Are Still Here“ hat Jannok einen Teil einer gerichtlichen Auseinandersetzung zwischen einer Gruppe von samischen Rentierhaltern und dem schwedischen Staat als Intro benutzt, in der eine Diskriminierung der Samen durch den Staat geleugnet wird. Der daran anschließende Text des Liedes beginnt mit den Worten „Kill the bison, dig out the reindeer’s land Gold and iron, blood on greedy hands, Drown the lávvu, burn the tipi down / We raise new ones, survivors we are now.  / We are still here.“ Dies ist nur ein Beispiel von vielen, in denen sie die Bedrohung der samischen Lebensweise und die Ausbeutung und Diskriminierung der indigenen Völker in Skandinavien und der ganzen Welt thematisiert.
Sie schafft den Spagat zwischen alter Tradition und moderner Welt und baut dabei eine Brücke zwischen den Samen und der restlichen Welt.

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Svenja

Svenja

Interessiert sich grundsätzlich für alles Nordische von Island bis Finnland, von Singer/Songwritern bis Metal und von Mumins bis Krimis. Vereint die Leidenschaft für das Reisen und das studentische Budget liebend gerne im Couchsurfen.