Und alle singen im Chor

Woran denkt Ihr zuerst, wenn ihr an das Baltikum denkt? An die Ostsee und die Natur? An Sport? Immerhin sind die drei Länder recht erfolgreich in ihren Nationalsportarten Floorball (Estland), Eishockey (Lettland) und Basketball (Litauen). Oder denkt Ihr sogar an absolvierte Sprachkurse in der Baltistik oder Fennistik? Und wer von Euch denkt zuerst an Chöre und Singen?

Für das Nationalbewusstsein der baltischen Staaten ist das gemeinsame Singen von zentraler Bedeutung. Im Chor zu singen, ist ein beliebtes Hobby und in kaum einer Stadt vergeht eine Woche ohne einen Abend im Sinne eines Chorkonzertes. Auch für die Wiedererlangung ihrer Unabhängigkeit demonstrierten die Balten mit ihren Liedern. Von 1987 bis 1991 führten sie die „Singende Revolution“ gegen die Sowjetunion und hatten zuletzt Erfolg. Immer wieder trauten sich Einzelne zu dieser Zeit, sogar eine der zuhause versteckten, weil von den Sowjets verbotenen, Nationalflaggen mitzubringen, und mutig während des Singens zu schwenken.

Doch schon vor viel längerer Zeit kamen Chöre im Baltikum zum Singen zusammen. Zum ersten Mal fand 1869 in Tartu ein Liederfest statt, und diese Tradition ist heute so stark, dass die drei baltischen Liederfeste im Jahr 2003 von der UNESCO zum Meisterwerk des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit ernannt wurden. Alle 5 Jahre richten derzeit die drei Länder ihr eigenes Liederfest aus, in diesem Jahr, beim Liederfest in Tallinn, sang ein gemeinsamer Chor aus 22.000 Sängerinnen und Sängern vor einem Publikum aus 152.000 Menschen. Und das bei einer Gesamtbevölkerung von gerade einmal 1,3 Millionen! Viele der beliebten Lieder werden bereits seit vielen Jahrzehnten von den Chören gesungen, doch zu jedem Liederfest gehören auch neue Auftragswerke, die oft große Beliebtheit erreichen und in die Repertoires der Chöre des Landes aufgenommen werden.

Manchmal wird nicht nur miteinander, sondern auch gegeneinander gesungen. Bei Chorwettbewerben bewerten Jurys die sorgsam durchchoreographierten Auftritte von Chören aller Coleurs. In Riga fanden in diesem Jahr zu diesem Zweck auch die 8. World Choir Games mit 27.000 Sängern statt.

Auch in den allgegenwärtigen Castingshows im Fernsehen kann man Chöre bewundern. In der aus den USA adaptierten Show mit dem Originaltitel „Clash of the Choirs“, die auch in vielen anderen Ländern (zum Beispiel in den skandinavischen Ländern und in der Schweiz) übernommen wurde, werden Mitglieder für einen Chor zum Beispiel aus einer bestimmten Stadt oder einer bestimmten Berufsgruppe zusammengestellt und treten, von einem Promi „gecoacht“, über mehrere Wochen mit einen Auftritt in der Sendung gegeneinander an.

Doch die Liebe der Balten gilt immernoch dem selbst Singen, und den Liederfesten. Damit es zum Beispiel den Esten auch in den fünf Jahren bis zum nächsten Sängerfest nicht langweilig wird, gibt es ja zwischendrin schließlich noch das Popliederfest, das Kirchenliederfest, das Nachtliederfest, das Punkliederfest……………..

Damit Ihr euch selbst überzeugen könnt, kommen zum Schluss zwei Videos zum Staunen und Genießen: Der patriotische, estnische Liederfest-Klassiker „Ta lendab mesipuu poole“ („Sie fliegt zum Bienenstock“) und das lettische „Pūt, vējiņi“ („Wehe, Wind“). Und, habt Ihr 2019 schon etwas vor?

            

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Anna

Anna

Eine norddeutsche Deern, die die Finnougristik im Herzen trägt. Ist von vielen Sachen begeistert. Handtuchwedelnde Heinis, die in deutschen öffentlichen Saunen Aufgüsse machen, gehören nicht dazu.