Um die Ostsee!

Lasst euch nun von Antje, reich bebildert, von einer Reise um die Ostsee erzählen:

„Mit unserer Ostseeumrundung haben wir uns für eine lange und zehrende Prüfungszeit belohnt. Zeit, zum Pläneschmieden blieb uns keine, nur der Wunsch endlich loszufahren, zu sehen und zu entdecken wuchs. Wir wollten draußen sein – am Meer, im Wald, nicht länger hinter Bücher geklemmt in sonnenlosen Bibliotheken sitzen.

Bei Ystad

Am Tag meiner letzten Prüfung schmissen wir alles Mögliche in Koffer und Kisten, packten Zelt und Campinggerümpel ins Auto. Fuhren los. Bis Haitabu. Am ersten Tag unserer Reise hätten wir nicht daran geglaubt, sechs Wochen in diesem kleinen Lübzerzelt zu übernachten. Der beständige Ostwind stemmte die Ostseewellen in die Fördenküste. Alles war überschwemmt. Der versteckte Seeweg der Wikinger in die Tiefe der geschützten Bucht verbreitert und längst kein Geheimnis mehr.
An einem Tag durch Dänemark. Im schläfrigen Odense hatten die dänischen Schüler an ihrem Abschlusstag den Hans-Christian-Andersen-Park auf magische Weise in eine Müllhalde verwandelt. Statt stattlicher Schwäne schwammen geleerte Ciderdosen zwischen den Seerosen, am Grunde des kleinen Wasserlaufes glänzte und lockte noch eine gefüllte. In Kopenhagen wurden wir umzingelt von Deutschen und Schweden als menschliche Erinnerung, woher wir kamen und wohin wir fahren würden, durch die Gassen geschoben. Und flüchteten uns schnell vor den Menschenmassen über die Öresundbrücke bis kurz vor Ystad.
Das Jedermannsrecht in Schweden schonte unsere schmale Reisekasse. Nur auf Gotland und in Burträsk zelteten wir auf zivilisiert. Sonst wählten wir unsere Zeltplätze wild: direkt an der Ostsee auf grünen Hügeln bei Ystad, am Waldsaum bei Kalmar, im Dunst eines Blitzsees hinter Uppsala, neben einer Zelluslosefabrik bei Piteå, an der Rollbahn Flugplatzes in Luleå. Auf einer Rundreise lernt man viele Orte kennen, einige zu denen man zurückkehren möchte und an die man mit Wehmut denkt, denn da hätte es noch so viel zu entdecken gegeben. Und die anderen, von denen man sich viel erhofft hat, und die einen enttäuschten.

Mein liebster Wehmutsort der Reise ist Gotland. Wer auf dieser Insel großgeworden ist, muss einfach ein ästhetisches Empfinden entwickeln. Die bleichende Sonne, der weißschimmernde Kalkstein, die wenigen starken Farben der orangegelben Flechten und der mattgrünen Krüppelkiefern, auf dem Weg von den skurrilgeformten Rauka durch den Küstenwald weiße Orchideenwiesen, der flammendrote Sonnenuntergang. Meine Gotlanderinnerungen verschwimmen zu Farbfluten. Auf Umeå hatten wir uns im Voraus gefreut – am Nationaltag in der europäischen Kulturhauptstadt waren wir gespannt auf ein überraschendes Programm, um diesen Tag gemeinsam mit den Schweden zu feiern. Überrascht waren wir tatsächlich – darüber, dass niemand feierte und alle den Tag zum Einkaufen nutzten. Wir spazierten durch die Stadt und entdeckten, dass wir mit der Reise gen Norden unseren Frühling um einige Wochen verlängerten. Tulpen und Narzissen blühten noch, die Flüsse führten eisiges Wasser und versetzen uns, die Abkühlung bei sommerlichen 26 Grad suchten, in Kältestarre.
Wir überfuhren die Grenze nach Finnland zwischen Haparanda und Tornio mehrfach und zufällig auf der Suche nach einem Zeltplatz. Ob der Beobachter all der aufgezeichneten Grenzüberfahrten über unsere Orientierungslosigkeit vor seinem Bildschirm gelacht hat? Ob er uns suspekt fand? Ob irgendjemand sich all diese Mitschnitte jemals ansah? Wir jedenfalls fühlten uns beobachtet von den unzähligen Kameras in den finnischen Städten.
Kuriose Finnen ließen uns an ihren verwegenen Plänen und ihren wirren Tourismustheorien teilhaben. Ein beinahe-Rentner erklärte uns auf hervorragendem Schuldeutsch, dass er innerhalb von vier Tagen von Helsinki in seine Heimatstadt und wieder zurück (600 km!) radeln wolle, ehe er erschöpft in sein Einmannzelt kroch. Auf dem gleichen Campingplatz war ein freundlicher Angestellter sichtlich schockiert über die Wahl unserer Reisezeit. Zu solch einem wichtigen Ereignis wie der Fußballweltmeisterschaft als deutscher Staatsbürger nicht mit hundertprozentiger Gewissheit die deutsche Nationalmannschaft hinter dem Bildschirm unterstützen zu können überstieg seine Vorstellungskraft. In Turku legte ein finnischer Radfahrer vor unseren Augen bei einer Gefahrenbremsung fast einen Überschlag hin. Und während wir uns noch wunderten, wo der Grund dafür lag, schleuderte er uns die kurze Frage: „Deutsch?“, entgegen. Nachdem wir vor lauter Verblüffung nur stumm nickten, erklärte er uns, warum alles in Deutschland viel besser war, mittlerweile gab es in Turku immerhin einen Lidl mit beinahe deutschem Preisniveau, zu dem er gerade unterwegs gewesen war, ehe er uns bemerkt habe, anschließend verglich er das Ufer des Aurajoki im Sommer mit dem der spanischen Mittelmeerküste, schimpfte über die Touristenschwärme zu dieser Zeit, sprang aufs Rad, trat in die Pedalen und war so schnell verschwunden wie ein Sommergewitter.

In Estland zogen wir uns in die Natur zurück. Wir bauten unser kleines Zelt einsam auf einem riesigen Zeltplatz in Kuressaare auf der Insel Saaremaa auf. Zur Hochsaison, so versicherte uns ein ausgewanderter deutscher Senfproduzent, würden mit der kleinen Autofähre hundertausende Besucher übersetzen. Den riesigen Kaali-Meteoritenkrater und die stürmische Steilküste Panga pank erkundeten wir ganz unter uns: Die von Gotland bekannten Orchideen begegneten uns erneut, denn ihre geologische Entstehung verband die beiden Inselgeschichten. Der Sooma Nationalpark auf dem Festland veränderte unsere Fahrweise – zugegeben jedes Land hatte bisher verkehrstechnische Eigenheiten: in Schweden die langen einspurigen, eingezäunten Bundesstraßen, in Finnland Schneckentempo bei einer zweispurig ausgebauten Autobahn – doch im Sooma Nationalpark bestand die Straße aus gigantischen Schlaglöchern durchzogen von roten Schotterinseln. Wir rollten gemütlich von Schlagloch zu Schlagloch, bis wir angespornt von den vorbeisausenden Einheimischen schließlich doch aufs Gas drückten und herausfanden, dass sich ab Tempo 80 jede Huckelpiste wie eine normale Straße anfühlt. Der miserable Straßenzustand war dem jährlichen Frühjahrshochwasser geschuldet, wie wir im Nationalparkzentrum erfuhren. Nachdem wir einen Tag lang den idyllischen Wanderwegen entlang mäandrierender Flüsse gefolgt waren und die öden Moorflächen passiert hatten, übernachteten wir am Nationalparkzentrum, wo uns bereits gehacktes Feuerholz, eine Waschstelle und W-Lan mitten in der Wildnis kostenlos zur Verfügung standen.

In Lettland wurden wir überall von Blumen begrüßt, denn die Letten bereiteten sich auf das Johannesfest vor. Riga wirkte unglaublich lebendig. Hier mischten sich die Stadtbewohner mit den Touristenströmen. Sie feierten ihren Titel als Kulturhauptstadt als Ort der Begegnungen mit einem quer durch die Stadt gespannten Videonetz und einem riesigen transparenten Jugendpavillon. Am Abend schauten wir in einem irischen Pub das Spiel Deutschland gegen Ghana. Unsere Aufwärmphase bestand darin, einer Horde englischer Fußballfans bei einer blutigen Schlägerei direkt vor dem Pub zuzuschauen. Während des Spiels bekundeten die britischen Fans dann immer wieder ihre Sympathien für die deutschen Spieler, vor allem für Lukas Podolski, auch wenn der gar nicht spielte. Die Russen wiederum fieberten für die Ghanaer, wobei der russische Fernsehkommentator sowohl die deutschen Fernsehkommentatoren als auch seine Landsleute in der Kneipe an Leidenschaft und Lautstärke noch übertraf. Auf dem Weg zum Badeort Jurmala war der Strandstreifen der Autobahn gesäumt von Blumenhändlern, die die letzten Feldblumen und Eichenzweige vor dem Johannistag verkaufen wollten. Da die Letten sich auf den kommenden Feiertag wohl gern vorbereiten, indem sie schon das ein oder andere Mal darauf anstießen ehe sie sich zum Verwandtschaftsbesuch aufmachten, kontrollierte die Polizei den Atemalkohol aller Fahrer in einem Großeinsatz und mit sichtbarem Erfolg. Am Abend fand im Kurpark ein riesiges Fest mit buntgekleideten Tanzgruppen, Chören und einem riesigen Orchester statt, das bei einem gemütlichen Feuer am Strand ausklang.

Mein Freund hatte Klaipeda vor einiger Zeit bereist und war überrascht wie stark sich die Stadt in der Zwischenzeit verwandelt hatte. Der Besuch des Simon Dach-Brunnens zerstörte einen Mythos meiner Kindheit, ich hatte bis zu diesem Tag geglaubt, dass in dem berühmten Volkslied das „Entchen von Tharau“ besungen wurde, doch dieses „Entchen“ entpuppte sich auf der Spitze des Brunnens stehend als graziles „Ännchen“. Mit der Fähre übergesetzt schlenderten wir über die Kurische Nehrung und sammelten an diesem stürmischen Tag einige Bernsteine als Erinnerungsstücke. Da wir uns kein Visum für Königsberg besorgt hatten, umrundeten wir die kleine Enklave durch Litauen und die Masuren.

Egal wo wir in der Woiwodschaft Ermland-Masuren hinkamen, Kopernikus war vor uns dagewesen, das verrieten uns seine Bronzestatuen in Olsztyn, Elblag und Frombork. In Polen verstauten wir unsere Regenjacken wieder und kramten die Badesachen hervor. Ins Wasser waren wir das letzte Mal zum Abkühlen nach der finnischen Sauna bei Dauerregen gesprungen, ein Bad in den warmen masurischen Seen ließ uns hoffen, dass der Sommer Einzug halten würde. Angekommen an der polnischen Ostseeküste wurden lagen am Ende unserer Reise in der Sonne. Um uns herum reihten sich polnische Ferienlagergruppen mit blauen Basecaps, roten Halstüchern oder gelben Wimpeln lärmend im Gänsemarsch zu einer Strandwanderung ein. Später entdeckten wir die unüberschaubare Kinderschar auf dem Rummel, der hinter der Strandpromenade aufgebaut war. Dort reihte sich in erster Reihe ein Verkaufstand an den nächsten, in zweiter Reihe waren Autoscooter, Hüpfburgen und Geisterbahnen aufgebaut. In den frühen Abendstunden strömten die polnischen Badegäste vom Strand in dieses Vergnügungsdorf und fanden erst in der Nacht wieder heraus. Von der Steilküste in Miedzyzdroje blickten wir schließlich nach Usedom und auf das Land, das wir vor anderthalb Monaten gen Dänemark verlassen hatten und das uns nun fremd vorkam, genauso fremd wie die Vorstellung in einem Bett zu schlafen und nicht jeden Tag weiterziehen zu können.“

(Verfasserin: Antje Kropf)

Um die Ostsee

               

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Wiebke

Wiebke

Planscht mit den Zehen im kalten Ostseewasser – von Nord, Süd, Ost oder West. Taucht ab in nordischen Wäldern und Weiten, in Literatur, Musik und skandinavischer Filmkunst.