Türchen Nr. 24

Hinter dem heutigen Türchen hat sich eine lyrische Perle aus dem Baltikum versteckt. Es handelt sich hierbei um das Gedichte „Es un Tu“ („Ich und Du“) aus der Gedichtsammlung „Izplesti spārni” („Die ausgeweiteten Flügel“) von der der lettischen Dichterin Aspazija. Die Gedichte dieses im Jahre 1920 veröffentlichten Bandes sind im schweizerischen Exil entstanden, denn die Dichterin und ihr Mann mussten 1905 aus politischen Gründen ihr Land verlassen und konnten erst nach der Unabhängigkeit Lettlands 1920 wieder in ihre Heimat zurückkehren. Das hier angeführte Gedicht veranschaulicht sowohl die Sehnsucht nach der Heimat und der zurückgebliebenen Familie, als auch den Glaube an ein positives Ende und die Wiedervereinigung.

Es un Tu

Krīt upe no kalnu augšienes,
Un bezdibens gaida: “Te esmu es!”
Augstums ar dziļumu:
Es un tu.

Melns, graujošs pērkons pārgāja,
Un pakaļ nāk spoža varvīksna,
Spēks skaistumu līdzi nes:
Tu un es.

Ap marmorstabu vijas vīns
Kā patiesībai apkārt brīns,
Laiks apkampj mūžību:
Es un tu.

Salts, noliedzošs un nelokāms “nē”
Un ticības pilna dvēsele,
Divas šķirtas pasaules:
Tu un es.

Bet tuksnesis mūžam pēc jūras slāps,
Un jūra mūžam pret krastu kāps,
Ilgas bez izredzes:
Tu un es.

Kad tumša nakts kļūs saules lēkts,
Būs būtības gredzens kopā slēgts,
Gūs pretības vienību:
Es un tu.

Kad sarkanais vakars ir piepildīts,
Pār mūžības kalniem aust bāli zaļš rīts
Gals tiekas ar sākumu:
Es un tu.

Ich und Du

Der Fluss fällt von den Bergen hinab
Und der Abgrund wartet: „Hier bin ich!“
Die Höhe und die Tiefe:
Ich und Du.

Das schwarze, erschütternde Gewitter verging
Und darauf folgt ein glanzvoller Regenbogen,
Die Kraft bringt die Schönheit mit sich:
Du und Ich.

Um die Marmorstange windet sich die Weinrebe
Wie das Erstaunen um die Wahrheit,
Die Zeit umarmt die Ewigkeit:
Ich und Du.

Ein kaltes, abweisendes und unbeugsames „Nein“
Und des Glaubens volle Seele,
Zwei verschiedene Welten:
Du und Ich.

Aber die Wüste wird ewig nach dem Meere dürsten
Und das Meer wird ewig gegen das Ufer steigen,
Eine Sehnsucht ohne Aussicht:
Du und Ich.

Wenn die dunkle Nacht zum Sonnenaufgang wird,
Schließt sich der wesentliche Ring,
Die Gegensätze vereinen sich:
Ich und Du.

Wenn der rote Abend erfüllt ist,
Bricht über den Bergen der Ewigkeit blass der grüne Morgen an
Das Ende trifft den Anfang:
Ich und Du.

(Übersetzung von Greta Onusait)

About author View all posts

Svenja

Svenja

Interessiert sich grundsätzlich für alles Nordische von Island bis Finnland, von Singer/Songwritern bis Metal und von Mumins bis Krimis. Vereint die Leidenschaft für das Reisen und das studentische Budget liebend gerne im Couchsurfen.