„The Raven and the Seagull“/„Lykkelænder“ – Grönland und Dänemark im filmischen Dialog

Euer Balitic Cultures Adventskalender – Türchen 14

Eine Filmrezension zu den 60. Nordischen Filmtagen in Lübeck

Die kleinen roten, grünen und blauen Holzhäuschen schmiegen sich wie verstreute Bauklötze an die steile Felswand, die vor dem spiegelblanken Fjord aufragt; auf dem Wasser treiben langsam ein paar Eisberge vorbei. Diese kleine grönländische Kleinstadt sieht aus wie ein bewegtes Gemälde. Auf den Straßen sind keine Menschen unterwegs, doch dann hört man Kinderstimmen. Langsam kommen die Kinder ins Bild – an einem langen Tau ziehen sie ein großes, ausgestopftes Schwein auf einem Rollbrett hinter sich her.

Dieses filmische Tableau ist nur eines von vielen Bildern, mit denen Regisseur Lasse Lau in seiner Dokumentation „The Raven and the Seagull“ (oder „Lykkelænder“) die lange Kolonialgeschichte Grönlands und das heutige, nach wie vor von Spannungen und Vorurteilen geprägte Verhältnis zu Dänemark illustriert.

© Danish Film Institute

Dabei ist dem Film schnell anzumerken, dass Lau ebenso bildender Künstler wie Filmemacher ist; die statischen Einstellungen dieser Tableaus geben dem Zuschauer Zeit, die Situation auf sich wirken zu lassen, in denen grönländische und dänische Kulturformen, Mythen und Narrative bewusst kontrastiert werden. Um auf das Schwein auf dem Rollbrett zurückzukommen: Die sprichwörtliche „Sau“, die hier „durchs Dorf getrieben wird“, ist nichts anderes als ein Symbolbild für Dänemark, das eben nicht nur für „hygge“ und rote Grütze, sondern auch für die riesige Produktion von Wurst und anderen Fleischwaren bekannt ist. Dänemark und rote Würstchen gehören genauso zusammen wie Deutschland und die Weißwurst – ein Klischee eben. Im Laufe des Films taucht das Schwein immer mal wieder auf, wie ein kleiner „running gag“. Gleichzeitig ist es aber auch eine Erinnerung an den Zuschauer, die „Gemälde“ des Films als das zu betrachten, was sie sind: Eine Darstellung von Vorurteilen und Klischees, die sich im Laufe der Zeit in den Köpfen verfestigt haben. Darin liegt die große Stärke des Films. Das (manchmal mehr, manchmal weniger subtile) Spiel mit den Symbolen und Bedeutungen in jeder Einstellung regt den Zuschauer zum Nachdenken an. Doch das hat auch einen großen Nachteil, denn es wird beim Zuschauer bereits ein gewisses Vorwissen vorausgesetzt und nur wer mit der dänischen und grönländischen Geschichte bereits ein bisschen vertraut ist, wird bei der Suche nach versteckten Andeutungen auch wirklich voll auf seine Kosten kommen.

Der Film ist aus diesem Grund weniger an ein internationales Publikum adressiert, sondern eher an das heimische Publikum in Dänemark und Grönland. Der Regisseur, der beim Screening bei den Nordischen Filmtagen ebenfalls anwesend war, erklärt: „The film has the aim to stop the awkward silence towards Greenland in Denmark“. Es geht in allererster Linie um postkoloniale Fragestellungen, um die Darstellung von Machtverhältnissen, die auch in der heutigen Zeit immer noch nicht richtig thematisiert werden. Bei der Reflexion von Vorurteilen im Film treten beide Kulturen nun in Dialog; manchmal ernst, doch manchmal auch auf sehr komische Weise. Dabei entstehen dann recht eigentümliche Szenen: dänische Touristen in himmelblauen Funktionsjacken, die vor der gewaltigen Kulisse der Eisberge ein bisschen verloren aussehen und sich schnell wieder auf ihr Luxusschiff flüchten; eine grönländische Schamanin tanzt eine Trommel spielend durch sterile Bürogänge; das Schwein fährt nun auf der Ladefläche eines Pick-Ups spazieren; eine Frau (die grönländische Schauspielerin Nukâka Coster-Waldau) schreit auf dem Vorplatz zum dänischen Parlament auf Grönländisch „Ihr seid nicht besser als wir!“, später sieht man sie wieder im Völkerkundemuseum in Kopenhagen, in dem grönländische Trachten und Artefakte ausgestellt sind wie gruselige Relikte aus der kolonialen Vergangenheit, die noch auf ihre Aufarbeitung wartet.

Lykkelænder – Trailer von Det Danske Filminstitut auf Vimeo.

Lasse Lau suchte sich bei diesem Vorhaben Unterstützung bei der grönländischen Schauspielerin Vivi Nielsen, die sich bereits in zahlreichen Projekten zum dänisch-grönländischen Kulturaustausch engagiert hat und Produktionsmanagerin des Films ist. In einem Interview mit dem dänischen Fernsehsender DR sagt sie: „Als Lasse mir seine Idee vorstellte, fand ich es toll, dass so jemand wie er, der von Grönland im Grunde keine Ahnung hat, sich in so ein Projekt stürzen wollte.“ Dem Regisseur ist seine eigene Position also durchaus bewusst und er hinterfragt sich selbst immer wieder kritisch, während der Zuschauer mit ihm zusammen das komplizierte Verhältnis zwischen Grönland und Dänemark erkundet.

Dabei nimmt sich der Film nicht allzu ernst und ist auch keine „typische“ Dokumentation. Der Film spielt vielmehr mit den Grenzen von Dokumentation und Fiktion, in dem er zum Beispiel den Schauspieler Angunnguaq Larsen aus der bekannten Serie „Borgen“ seinen Text nochmal aufsagen lässt, während er in ein Kajak steigt und dann scheinbar Richtung Christiansborg davonpaddelt. Im nächsten Moment bricht er diese Szene jedoch wieder ironisch, wenn Larsen mit Vivi Nielsen zusammen in einem Kino sitzt und über die Lächerlichkeit dieser Inszenierung lacht. Und vielleicht ist dieser humorvolle, aber behutsame Umgang mit einem so schwierigen Thema tatsächlich ein Weg, die gemeinsame Vergangenheit aufzuarbeiten.

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Katharina

Katharina

Hat Skandinavien und besonders die Insel Bornholm in ihr Herz geschlossen. Liebt Literatur, Kunst(-handwerk) und Design aus Skandinavien und ist immer offen für Neues. Kann das Forschen auch nach dem Masterstudium nicht lassen und promoviert jetzt zu skandinavischer Literatur.