Tag - Nordische Filmtage Lübeck

9. Türchen

Midnight Sun | Midnattssol | Midnight Sun

Der folgende Beitrag stammt von der Masterstudentin Sabrina Scholz.

Nahaufnahme eines mittelalten Mannes. Seine Augen sind geschlossen, sein Bart weist bereits etliche weiße Haare auf. Entfernt man sich ein wenig von seinem Gesicht, ist zu erkennen, dass er an einem grauen, schmalen Brett lehnt. Mühsam öffnet er die Augen, dreht den Kopf leicht nach rechts und links. Schon an seinen Bewegungen ist zu sehen, dass er nicht aufrecht steht, er liegt. Liegt auf einem Brett, das viel zu schmal ist, als dass er schlafend seinen Körper darauf ausbalancieren könnte. Er ist gefesselt. Unter ihm erstreckt sich Leere. Je weiter man sich von der Szenerie entfernt und in die Vogelperspektive übergeht, desto klarer zeichnet sich das Bild eines Helikopters ab. Das Brett ist ein Rotorblatt. Kaum, dass sich der Mann seiner Situation bewusst wird, startet der Motor.

So beginnt die neue schwedische Serie Midnattssol – Midnight Sun von Regisseur Måns Mårlind und Björn Stein. Ermittler Rutger Burlin (Peter Stormare) und Staatsanwalt Anders Harnesk (Gustaf Hammarsten) machen sich in Kiruna, Nordschweden, daran, den brutalen Mord aufzuklären. Der getötete war Franzose, so dass bald Unterstützung aus Paris in Person von Kahina Zadi (Leila Bekhti) eintrifft.

In einem weiten Tal hockt ein Mann splitterfasernackt. Ketten halten ihn fest in seiner Lage. Blut rinnt aus mehreren Wunden seines Körpers. Unweit entfernt pirschen Wölfe heran. Mit letzten Kräften schreit der Mann um Hilfe. Dann fallen die Wölfe über ihn her. Ein weiterer Mord, der das Ermittlerteam vor einige Rätsel stellt. Die Brutalität gleicht dem ersten Fall, doch scheint nun durch die vollständige Entkleidung des Opfers ein weiterer Aspekt hinzugekommen zu sein. Liegen persönliche Motive zugrunde oder handelt es sich gar um Ritualmorde? Und wie passt der plötzliche Tod von Kommissar Burlin ins Bild?

Midnight Sun verstrickt gekonnt mehrere komplexe Handlungsstränge miteinander. Zentral bleibt die Fahndung nach dem skrupellosen Mörder, der sich ein Katz und Maus Spiel mit den Ermittlern liefert, ihnen Hinweise hinterlässt sowie seine Todesliste. Mindestens ebenso bedeutsam scheint die Nebenhandlung um die Sami in Nordschweden. Dem Zuschauer eröffnen sich durch die abgeschieden lebend dargestellten Sami und ihre traditionelle Kultur des Joikens und Schamenentums Mysterien, durch welche die Fremd- und Andersartigkeit unterstrichen wird, die zwischen beiden Bevölkerungsgruppen besteht.
Brückenglied zu dieser Thematik innerhalb der Serie ist Harnesk, der einerseits Halbsami ist, auf der anderen Seite aber in seiner Funktion als Staatsanwalt die Schweden verkörpert. Besonders mit dem Fund einer dritten Leiche erhärtet sich der Verdacht, dass ein Zusammenhang zwischen der Mordserie und dem samischen Volk besteht. Um die Tragweite dieser Indizien besorgt, rät Harnesk an, entsprechende Informationen vor Presse und Kollegen geheim zu halten.
Eine weitere Ebene der Serie stellt der Schauplatz Kiruna dar. Die nördlichste Stadt Schwedens liegt einerseits innerhalb eines Samebys, eines geographischen Gebietes und ökologischen Verbandes samischer Rentierzüchter, und soll andererseits aufgrund des Eisenerzbergwerkes, um das sie entstand und über dem sie mittlerweile liegt, umgesiedelt werden. Die Gefahr eines Statik Verlustes und Einbrechens in die Grubenschächte ist zu hoch geworden. Nicht alle Bewohner Kirunas sind von diesem Vorhaben begeistert. Manche Häuser werden umgesiedelt, die meisten jedoch abgerissen – nicht ohne zuvor an LKAB (Luossavaara-Kiirunavaara Aktiebolag) verkauft zu werden, sodass die ehemaligen Eigentümer abhängig vom Versprechen der Firma sind, ihnen in der neuen Stadt eine angemessene und bezahlbare Wohnung zur Verfügung zu stellen. Ob das gelingt bleibt abzuwarten. Ähnliches ist auch in der Serienhandlung eingearbeitet, wobei LKAB hier zur fiktiven Firma KLMC umbenannt ist.
Darüber hinaus besitzt die Serie auch ihre Version des Esrange Space Centres, das hier Nordic Space Centre genannt wird. Dort werden in erster Linie Versuche dazu durchgeführt, wie sich Materialien oder Pflanzen in der Schwerelosigkeit verhalten. In der Serie jedoch scheinen die Versuche von größerer Tragweite zu sein und bilden möglicherweise einen Aspekt des rätselhaften Todes von Kommissar Rutger Burlin.
Für die Sami hat der Ort zudem eine besondere Bedeutung. Nicht nur geht Kiruna namentlich auf das nordsamische Wort für Schneehuhn giron zurück, das sich als Wappentier im Stadtwappen widerfindet, es tagt auch seit 1993 die parlamentarische Vertretung des Volkes der Sami, der Samething, in dieser Stadt.

Die Serie verbindet packende Thriller- und Drama Elemente mit der Rätselhaftigkeit einer komplexen Kriminalgeschichte und beeindruckenden Naturaufnahmen von Schwedisch-Lappland. Dabei behandelt sie mit Diskriminierung und Fremdenhass aktuelle europäische Themen. Der Realitätsbezug wird stark durch den Schauplatz hergestellt. Sämtliche gesellschaftliche Problematiken existieren auch im realen Kiruna. Sogar der Serientitel Midnight Sun passt in die Reihe der Wirklichkeitsanleihen: auf ihrer Website wirbt die Stadt Kiruna „Midnight Sun – See The Light! More time for adventure under the midnight sun“.

3. Türchen

Rosemari | Rosemari | Framing Mom

Der folgende Beitrag stammt von der Masterstudentin Sabrina Scholz.

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Foto: trondheimkino.no

Der schönste Tag in Unn Toves Leben steht bevor: sie wird heiraten. Allerdings den falschen Mann, wie sich herausstellt. Bereits vor ihrer Hochzeit hat sie eine Affäre mit Kristian, einem Künstlertyp, der sich eher schlecht als recht durchs Leben schlängelt. Auch auf ihrer Hochzeitsfeier taucht Kristian plötzlich auf und Unn Tove (Tuva Novotny) lässt sich zu einem Stelldichein hinreißen. Das bleibt jedoch nicht die einzige Überraschung des Tages: Im Reinigungsraum der Damentoilette findet Unn Tove ein Neugeborenes. Eine leicht skurrile Szene folgt, in der die Braut mit dem blutverschmierten Baby im Arm fragenden Blickes vor ihrem Ehemann und der versammelten Hochzeitsgesellschaft steht.

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Die Flüsterer | Hviskerne – Veasoejorksh

https://i.vimeocdn.com/video/594669918.jpg?mw=1920&mh=1080&q=70In Die Flüsterer (Originaltitel: Hviskerne – Veasoejorksh) begleitet der irische Regisseur David Kinsella, der seit 1991 in  Norwegen lebt, sieben Jahre lang die junge Saamin Ellen-Sara. Genauer gesagt ist sie eine Südsaamin, denn Sápmi, das Gebiet der Saami, erstreckt sich von Schweden und Norwegen über Nordfinnland bis nach Russland und die Saami lassen sich in 10 Untergruppen einteilen.

Zu Beginn des Films werden die Zuschauer in die Welt der Saami eingeführt, indem Ellen-Sara ihre Rentiere haltende Familie vorstellt, alte Fotos von ihren Großeltern in samischer Tracht zeigt oder per Voice-Over etwas über die Geschichte und die Traditionen der Saami erzählt, während man ihr und ihrer Familie beim Treiben der Rentiere zuschaut. Etwas komisch wirkt es schon, wenn sie etwas über das Joiken oder den Glauben der Saami erzählt und dabei in der weitläufigen, verschneiten Landschaft die Rentiere mit ihrem Smartphone filmt.

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Herzstein | Hjartasteinn

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Der Regisseur Guðmundur Arnar Guðmundsson hat schon viele Preise im Kurzfilmbereich gewonnen. Bei den diesjährigen Nordischen Filmtagen fand die Deutschlandpremiere seines Spielfilmdebüts Hjartasteinn (dt. Herzstein) statt. Der Film konnte nicht nur die Zuschauer überzeugen, sondern auch die Jury, sodass der NDR Filmpreis, der mit 12.500 Euro am höchsten dotierte Preis, dieses Jahr an Hjartasteinn und somit nach Island ging.

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Foto: heartstone-thefilm.com

Der Film spielt in einem kleinen und abgelegenen Fischerdorf in Ostisland und er beginnt so, wie man sich das Leben dort vorstellt. Die Möwen kreisen in der Luft und krähen lautstark, während vier sichtlich gelangweilte Jungen am Wasser in der Sonne liegen und nach einer Weile mit einer Schnur Fische fangen. Sie fangen sie aber nicht nur, sondern töten sie mit Schlägen und Tritten und nehmen sie mit bloßer Hand aus. Der Zuschauer darf das Spektakel mit wechselnden Nahaufnahmen der Gesichter, der Hände und der Fische mitverfolgen. Manche wenden bei dem blutigen Anblick ihr Gesicht von der Leinwand ab. Der Übergang von der stillen Idylle der ersten Sekunden hin zu dieser Brutalität kommt unerwartet, bereitet einen aber schon darauf vor, dass dies ein Film ist, der genau von solchen Kontrasten lebt: laut – leise, Sanftheit – Gewalt, enge Dorfgemeinschaft – weite Landschaft, Heterosexualität – Homosexualität… Die Liste ist lang.

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Der glücklichste Tag im Leben des Olli Mäki | Hymyilevä Mies

Der folgende Beitrag stammt von der Fennistikstudentin Sabrina Scholz.

 

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Foto: camino-film.com

Der diesjährige Preisträger des Baltischen Filmpreises bei den 58. Nordischen Filmtagen in Lübeck stammt aus Finnland. Mit dem Film über den glücklichsten Tag im Leben des Olli Mäki (Original Titel: Hymyilevä mies ‚Der lächelnde Mann‘) gelang Regisseur Juho Kuosmanen ein herausragender Spielfilm über eine wahre Begebenheit, den die Filmschaffenden der baltischen Republiken mit dem seit 1991 gestifteten Preis entsprechend auszeichneten. Bereits bei den 69. Filmfestspielen von Cannes in diesem Jahr erhielt der Film den ersten Preis in der Reihe Un Certain Regard. Bei der nächsten Oscarverleihung (2017) soll er in der Kategorie Bester fremdsprachiger Film zur Wahl stehen.

Der „lächelnde Mann“ Olli Mäki (*1936) hat die einmalige Chance, 1962 in Helsinki als erster Finne um die Weltmeisterschaft im Profi-Boxen in den Ring zu steigen. Um sich den Titel gegen Davey Moore – den amtierenden Weltmeister im Federgewicht – zu erkämpfen, muss Olli Mäki (Jarkko Lahti) zunächst jedoch dringend sein Kampfgewicht reduzieren. Über vier Kilo zu viel bringt er auf die Waage. Da hilft es keineswegs, dass ihn sein Trainer und Manager Elis Ask (Eero Milonoff) von Promo-Auftritt zu Promo-Auftritt schickt und zwischendrin Dinner mit potentiellen Sponsoren arrangiert. Der bald abwesende Gesichtsausdruck Mäkis ebenso wie seine Körperhaltung lassen keinen Zweifel daran, wie sehr ihn der Trubel um seine Person belastet. Beruf und Privatleben sind nicht mehr zu trennen. Selbst während einer Hochzeitszeremonie wird Mäki von allen Seiten mit Fragen zum bevorstehenden Kampf, seinem Gewicht und seinem Trainingsstand gelöchert. Gegenüber solcher Nachfragen wird Mäki zunehmend abgestumpfter. Kaum noch reagiert er verbal. Zumeist ersetzen ein leerer Blick und Schweigen das Antworten. Er zieht sich zurück, sucht die Ruhe des Alleinseins. Elis Ask jedoch wittert mit dem Gewinn des Weltmeistertitels das ganz große Geschäft. Ask, der 1951 selbst Europameister im Leichtgewicht wurde, verhält sich völlig konträr zu Mäki. Er lebt die Vision vom finnischen Titelgewinn im eigenen Land und pusht Mäki dazu, am Wettkampftag, dem Jahrestag seines eigenen Titelgewinns, Höchstleistungen zu bringen. Medienwirksam inszeniert er das Bild eines neuen Boxweltmeisters.
Wenige glückliche Momente erlebt Olli Mäki nur mit Raija, seiner großen Liebe. Sichtbar genießt er die gemeinsame Zeit, wirkt gelöster. Ihre Gegenwart und ihr Anblick entlocken ihm ein Lächeln – ein ehrliches Lächeln, kein gestelltes für die Kamera. Mit ihr gewinnt er Abstand zur Wettkampfvorbereitung. Selbstverständlich missfällt das Elis Ask zutiefst, der den Erfolg Mäkis gefährdet sieht und jedwede Ablenkung ablehnt.

Besonders macht den glücklichsten Tag im Leben des Olli Mäki neben der hervorragenden Darbietung Jarkko Lahtis die filmische Inszenierung. Bereits die Eingangsszene beinhaltet alle Stärken der Produktion: in Schwarz-Weiß nimmt der Regisseur den Zuschauer mit durch den Alltag von Olli Mäki und verzichtet dabei fast durchgängig auf eine musikalische Untermalung. Durch die Geräuschkulisse aus reinen Atmo-Aufnahmen und der durch die Kamera erzeugten Nähe zum Geschehen erlebt der Zuschauer die vermeintlich bedeutendste Karrierephase Mäkis wie ein persönlicher Begleiter. Die Schnittfolge unterstreicht die Geschwindigkeit im Tagesablauf, die Kürze der Vorbereitungszeit und die Dichte von Mäkis Terminkalender: verqualmte Pressekonferenz – Cut – Sparring – Cut – Fotoshooting, Dinner – Cut – wiegen vor dem Schlafen gehen.
Dank der Ausstrahlung in Schwarz-Weiß und einer unzeitgemäßen Bildqualität erreicht der Film ein hohes Maß an Authentizität. Es entsteht der Eindruck, einen Film aus der Zeit, die er zeigt, vor Augen zu haben, der beinahe dokumentarische Züge aufweist. Auch die Kameraführung beeindruckt. Das Spiel zwischen Nähe und Entfernung korreliert mit der Intensität der Situationen. So weist eine Szene des finalen Boxkampfes die größte Nähe von Kamera und Protagonist auf, wogegen die Auflösung einer Spannung – gipfelnd im Rückzug Mäkis vom Trainingsring in den Wald – durch die Entfernung des Protagonisten von der Kamera bebildert wird.

Die Hauptdarsteller des Films, Jarkko Lahti (Olli Mäki), Oona Airola (Raija) und Eero Milonoff (Elis Ask) stellten sich im Anschluss an die Film-Vorstellung am Samstag, den 5.11.2016 den Fragen und Kommentaren des Publikums. Zur Frage nach seinem Gewicht während und nach den Dreharbeiten verriet Jarkko Lahti, dass er für einen sichtbaren Unterschied im Laufe des Films zum Ende sogar nur noch 54 kg gewogen habe – drei Kilo weniger als Mäki tatsächlich wog. Zudem betonte er seine Erleichterung, Olli Mäki persönlich getroffen und somit essentielle Hilfe für die Darstellung seiner Rolle erhalten zu haben. Die Zusammenarbeit war so eng, dass Olli Mäki und seine Frau Raija am Ende des Films einen Cameo-Auftritt haben, der von ihren Film-Charakteren entsprechend kommentiert wird.

Am 5. Januar 2017 startet der Film auch in den deutschen Kinos.

Der glücklichste Tag im Leben des Olli Mäki – ab 5.1.2017 im Kino from Camino Filmverleih on Vimeo.