Tag - Literatur

Mustat paperit. Ein moderner Briefroman aus Finnland.

Im Rahmen des Nordischen Klanges fand am 11. Mai 2016 in der Stadtbibliothek eine Autorenlesung statt, bei der der Fennistikstudent und Komponist Benjamin Schweitzer mit der Autorin Maija Muinonen via Skype über ihren Briefroman Mustat paperit (dt. Die schwarzen Papiere) sprach. Der Roman kann ab sofort auch in der Bereichsbibliothek entliehen werden.

http://www.teos.fi/assets/gallery/104/rezcrop/r4300_684.jpg„Lieber Luc, diesen Brief schrieb ich dir, als du noch nicht lesen konntest“, so beginnt der erste einer Serie von Briefen, die Ann Miel in Maija Muinonens Roman Mustat paperit an ihren kleinen Sohn schreibt. Diese Anfangszeile steht programmatisch für die Idee des Buches: ein Briefroman – aber einer, der das Genre in besonderer Weise neu beleuchtet. Denn es sind Briefe einer Mutter, die weiß, dass sie in Kürze sterben wird, und sie richten sich in die Zukunft. Ann Miel malt sich das Leben ihres Sohnes aus und driftet dabei immer mehr vom Be-schreiben ins Vor-schreiben ab. Der Adressat der Briefe bleibt stumm, und dennoch lernen wir auch ihn in dieser Fiktion seines Lebens kennen.

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Türchen Nr. 24

Hinter dem heutigen Türchen hat sich eine lyrische Perle aus dem Baltikum versteckt. Es handelt sich hierbei um das Gedichte „Es un Tu“ („Ich und Du“) aus der Gedichtsammlung „Izplesti spārni” („Die ausgeweiteten Flügel“) von der der lettischen Dichterin Aspazija. Die Gedichte dieses im Jahre 1920 veröffentlichten Bandes sind im schweizerischen Exil entstanden, denn die Dichterin und ihr Mann mussten 1905 aus politischen Gründen ihr Land verlassen und konnten erst nach der Unabhängigkeit Lettlands 1920 wieder in ihre Heimat zurückkehren. Das hier angeführte Gedicht veranschaulicht sowohl die Sehnsucht nach der Heimat und der zurückgebliebenen Familie, als auch den Glaube an ein positives Ende und die Wiedervereinigung.

Es un Tu

Krīt upe no kalnu augšienes,
Un bezdibens gaida: “Te esmu es!”
Augstums ar dziļumu:
Es un tu.

Melns, graujošs pērkons pārgāja,
Un pakaļ nāk spoža varvīksna,
Spēks skaistumu līdzi nes:
Tu un es.

Ap marmorstabu vijas vīns
Kā patiesībai apkārt brīns,
Laiks apkampj mūžību:
Es un tu.

Salts, noliedzošs un nelokāms “nē”
Un ticības pilna dvēsele,
Divas šķirtas pasaules:
Tu un es.

Bet tuksnesis mūžam pēc jūras slāps,
Un jūra mūžam pret krastu kāps,
Ilgas bez izredzes:
Tu un es.

Kad tumša nakts kļūs saules lēkts,
Būs būtības gredzens kopā slēgts,
Gūs pretības vienību:
Es un tu.

Kad sarkanais vakars ir piepildīts,
Pār mūžības kalniem aust bāli zaļš rīts
Gals tiekas ar sākumu:
Es un tu.

Ich und Du

Der Fluss fällt von den Bergen hinab
Und der Abgrund wartet: „Hier bin ich!“
Die Höhe und die Tiefe:
Ich und Du.

Das schwarze, erschütternde Gewitter verging
Und darauf folgt ein glanzvoller Regenbogen,
Die Kraft bringt die Schönheit mit sich:
Du und Ich.

Um die Marmorstange windet sich die Weinrebe
Wie das Erstaunen um die Wahrheit,
Die Zeit umarmt die Ewigkeit:
Ich und Du.

Ein kaltes, abweisendes und unbeugsames „Nein“
Und des Glaubens volle Seele,
Zwei verschiedene Welten:
Du und Ich.

Aber die Wüste wird ewig nach dem Meere dürsten
Und das Meer wird ewig gegen das Ufer steigen,
Eine Sehnsucht ohne Aussicht:
Du und Ich.

Wenn die dunkle Nacht zum Sonnenaufgang wird,
Schließt sich der wesentliche Ring,
Die Gegensätze vereinen sich:
Ich und Du.

Wenn der rote Abend erfüllt ist,
Bricht über den Bergen der Ewigkeit blass der grüne Morgen an
Das Ende trifft den Anfang:
Ich und Du.

(Übersetzung von Greta Onusait)

Türchen Nr. 23

Peter Høeg: „Effekten af Susan“ – „Der Susan Effekt“

Peter Høeg ist international vor allem für seinen Roman „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ bekannt. Mit „Der Susan-Effekt“ könnte er jetzt vor allem bei Fans von Gender-Theorien gut ankommen: Eine starke Frau als Hauptfigur, die mit der besonderen Gabe ausgestattet ist, jedem ihrer Gesprächspartner mühelos Geheimnisse zu entlocken. „Die Experimentalphysikerin Susan Svendsen ist ein veritables Superweib, eine Intelligenzbestie mit Sex-Appeal und Muskelkraft, die aus jeder Lage einen Ausweg findet und ihn sich notfalls mit Stemmeisen und Brechstange verschafft.“ (13. August 2015, 21:16 Uhr, „Intelligenzbestie mit Sex-Appeal“ in: Süddeutsche Zeitung) Der Roman ist anspruchsvoll, wenn man Susans Weg, politische Verwicklungen aufzudecken und ihrem wissenschaftlichen Denken und ihrer Sprache, folgen will. Außerdem sollte man den Text nicht zu ernst nehmen, ist er doch überwiegend fantasievoll.

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Türchen Nr. 22

Agnar Mykle: Lasso rundt fru Luna. Gyldendal, Oslo 1966.

«Jeg er verdens største forfatter!», rief er schon zu Lebzeiten («Ich bin der beste Autor der Welt!»). Agnar Mykles Äußerung mag nach einem Blick auf seine Bücher wenig Bestand haben, zumal sie ihre provokative Kraft heute etwas eingebüßt haben, aber lohnend ist die Lektüre von „Lasso rundt fru Luna“ dennoch. Der Roman beschreibt das äußerst schmerzhafte Heranwachsen von Ask Burlefot, der in einem kleinen norwegischen Ort als Hilfslehrer an einer Handelsschule zu arbeiten beginnt und später zu deren Rektor wird. Dabei lernt er Gunnhild kennen, mit der er eine stürmische Beziehung beginnt, und, als diese Geschichte beendet ist, Siv, mit der die gleiche Chose von vorne anfängt. Es gibt wenige Bücher, die sich mit ihren Liebesszenen so viel Zeit lassen wie dieses; so kann der Leser etwa Asks wortwörtliche Ohnmacht Gunnhild gegenüber hautnah miterleben oder Zeuge seiner moralischen Verfehlungen werden, denn der junge Mann macht sich beiden gegenüber schuldig. Auch wenn Mykles Blick auf Geschlechterrollen heute hoffnungslos veraltet ist, bietet dieser Roman einen tiefen Einblick in die Gefühlswelt seiner Charaktere. Dabei sind es vor allem die Extreme: Scham und Angst, aber auch Glück und Verzückung.
Auszug: „Kursen for et menneskes liv synes å bli staket ut et bestemt øyeblikk i ungdommen, et sted mellom dets 18. og 21. år. Det er det øyeblikk hvor det unge menneske forlater hjemmet og hjemstedet for å søke seg en jobb, reise til et fremmed sted, begynne på en høyere skole, eller hvor det rømmer fra gaten, bakgården, skjenselen.“ (S. 23)

Türchen Nr. 21

Patrick Rothfuss: Der Name des Windes

rothfuss

Patrick Rothfuss gilt bei den Kritikern als der neue Tolkien und das nicht umsonst. Der Name des Windes ist der Auftakt der Königsmörder-Chronik-Trilogie. Der Protagonist Kvothe ist Magier, leidenschaftlicher Musiker und hoffnungsloser Romantiker, aber auch ein Kämpfer.
Unglaublich erzählt und mit wunderbaren Charakteren besetzt, ist dieses Buch ein Muss für Fantasy-Fans und für alle, die es noch werden wollen.

»Für mich ist „Der Name des Windes“ die überzeugendste Fantasy seit Tolkiens „Der Herr der Ringe“ …« Denis Scheck

»In »Der Name des Windes« erzählt Patrick Rothfuss die Geschichte von Kvothe, dem berühmtesten Zauberer seiner Zeit. Damit ist ihm ein Roman von so viel Einfallsreichtum und solch sprachlicher Kraft und Authentizität gelungen, dass er die gesamte Fantasyszene aufhorchen lässt.« Deutscher Fantastik Preis