Tag - Literatur

Türchen Nr. 18

Thure Erik Lund: Grøftetildragelsesmysteriet. Aschehoug, Oslo 2000.

Es gibt wohl selten Bücher mit einem ähnlich langen und unübersetzbaren Titel wie Thure Erik Lunds Grøftetildragelsesmysteriet. Versuche, diese Wortschlange auf Deutsch wiederzugeben, erweisen sich schnell als unbeholfen: „Das Geheimnis der Anziehungskraft der Schlucht“? Das „Schluchtanziehungskraftmysterium“? Einen ähnlichen Sog wie der Titel entwickelt der Roman selbst, in dem es um einen verschrobenen Theoretiker namens Thomas Olsen Myrbråten geht. Dessen Initialen, „tom“ („leer“), stehen programmatisch für seinen Konflikt, der so zusammengefasst werden kann: Thomas verzweifelt an der Sinnlosigkeit der Welt, in der er lebt, bekommt aber mehr oder minder zufällig den Auftrag, eine Abhandlung über die Kulturdenkmäler Norwegens zu schreiben. Das geht gründlich schief, denn von PR versteht er herzlich wenig. Nach seiner missglückten Präsentation im Kultusministerium zieht Thomas als Outcast in den Wald und beginnt, an seiner eigenen Welttheorie zu schreiben. All das wäre furchtbar pessimistisch, hätte Lund nicht die Gabe, seine Geschichte in einem burlesk-satirischen Tonfall zu erzählen, sodass ein wüstes Konglomerat aus scheinbar wissenschaftlichen Textpassagen und cholerischen Tiraden entsteht, das zudem noch, und das nicht zu seinem Nachteil, die Hypo- der Parataxe vorzieht. Eine Rezension des Literaturkritikers Øystein Rottem zu diesem Roman trägt übrigens passenderweise den Titel „Får Solstad til å blekne“. Und ja, Lund lässt den alten norwegischen Haudegen wirklich wie einen blassen Chorknaben mit Sturmfrisur aussehen.
Auszug: „Om far min var en knortete rot som hadde trengt seg inn i fjellets sprekker og i det øyeblikk hans helse begynte å skrante dermed var dømt til å bli krystet av de krefter i fjellet han før hadde maktet å fortrenge, så var mor nettopp dette kantete, sprukne fjellet, som bare på lang avstand kunne virke jevnt og udramatisk, men som i nærsyn viste seg å være fullt av rasfarlige steinblokker og skjulte sprekker, det var som om revningene hennes sto i forbindelse med merkverdige kilder, for var folk så usjenerte at de åpent studerte henne, fikk de henne til å være et oppfarende og nærtakende menneske, mens hun derimot kunne være et sant oppkomme av fortellinger, skrøner og risper fra gamle dager, bare det var hun selv som kom på at det skulle fortelles, det var alltid hun som måtte gi av seg selv, hun mislikte all form for omtale, forventning og kunstferdig agering, og mest av alt mislikte hun å snakke med fremmede, da satt hun bare stille og så på dem, med et fiendtlig uttrykk ingen våget å spørre noe om.“ (S. 145)

Türchen Nr. 17

Mauri Kunnas: Koirien Kalevala

kalevala

Die Bücher von Mauri Kunnas dürfen in keinem finnischen Kinderzimmer fehlen. In „Koirien Kalevala“ (engl. Ausgabe: „The Canine Kalevala“) hat der beliebte Autor und Illustrator das finnische Nationalepos Kalevala 1992 auf eine ganz neue Art und Weise aufbereitet. Die verfeindeten Gruppen treten hier als Hunde (im südlich gelegenen Kalevala) und Wölfe (im nördlichen Pohjola) auf, die sich um die Herrschaft des Waldes streiten. Außerdem mischt bei diesen Auseinandersetzungen oft auch noch eine kleine Katzengruppe mit, die zwischen den beiden Gruppen wohnt.
Mit sehr viel Liebe zum Detail wird der bekannte finnische Mythos in einer kindgerechten Version nacherzählt und illustriert. Neben der Erzählung hat Kunnas nämlich ebenso berühmte vom Kalevala inspirierte Gemälde von Aleksi Gallen-Kallela, wie zum Beispiel „Die Verteidigung des Sampo“ und „Lemminkäinens Mutter“ abgebildet. Diese Buch ist etwas für Jung und Alt, für diejenigen, die mit dem Kalevala vertraut sind oder noch nicht davon gehört haben.

Eine deutsche Ausgabe von „Koirien Kalevala“ gibt es bisher leider noch nicht. Auf die Gesamtkunstwerke von Mauri Kunnas muss man im deutschsprachigen Raum dennoch nicht verzichten, denn viele seiner weiteren Kinderbücher, besonders die Bücher über den Weihnachtsmann, sind ins Deutsche übersetzt worden.

Eine finnische Leseprobe gibt es hier!

Gallen-Kallela, Akseli: Lemminkäisen äiti.1897

Gallen-Kallela, Akseli: Lemminkäisen äiti.1897

Illustrationen von Mauri Kunnas

Illustrationen von Mauri Kunnas

Türchen Nr. 16

Thomas Mann: Der Tod in Venedig

Die 1913 veröffentlichte Novelle gehört zu den Hauptwerken Thomas Manns. Der Schriftsteller Gustav von Aschenbach wird vom Fernweh geplagt und entschließt sich zu verreisen, nach kurzfristiger Änderung des Urlaubsortes zieht es ihn nach Venedig. Das letzte Mal als er hier war, wurde er krank und musste übereilt abreisen; der erneute Besuch dieser Stadt mit ihrem, für Aschenbach, ungesunden schwül-warmen Klima hält für ihn eine Entdeckung bereit, mit der er so nicht gerechnet hat…

Der Tod in Venedig ist ein so überragender Text Manns, dass man ihn einfach gelesen haben muss. Bei jedem weiteren Lesen stechen mehr Details hervor. Diese Novelle zieht jeden in ihren Bann, der sich die Mühe macht und unter die Oberfläche des scheinbar Sichtbaren sieht.

Eine außergewöhnliche Novelle von einem außergewöhnlichen Autor.

venedig

Erschienen im Fischer Verlag; ISBN: 978-3-596-11266-1

Türchen Nr. 15

Helbjörd María Björnsson: Eine Frau bei 1000°

eine frau bei 1000grad

 

Helbjörd María Björnsson surft mit ihren 80 Jahren in einer Garage durch das Internet, nebenbei macht sie einen Termin für ihre Einäscherung und erzählt auf skurrilste Art von ihrem Leben.

»Ich lebe hier allein in einer Garage, zusammen mit einem Laptop und einer alten Handgranate. Es ist wahnsinnig gemütlich.«

Hallgrímur Helgason beschreibt nicht nur das bewegte Leben einer Frau, er durchläuft im Eiltempo die Geschichte des 20. Jahrhunderts. Ein humorvolle aber auch berührende Lebensgeschichte einer Isländerin.

 

Türchen Nr. 14

Viivi Luik : Seitsmes rahukevad / Der siebte Friedensfrühling

Ort: Estland. Zeit: Herbst 1950 bis Frühjahr 1951.
Die im Jahre 1920 erkämpfte Unabhängigkeit wurde Estland mit dem Ausbruch des zweiten Weltkrieges bereits wieder genommen. Das Land wurde zunächst von der Sowjetunion und später dem Deutschen Reich besetzt. Im Herbst 1944 gewann jedoch die Rote Armee den Kampf um Estland und Estland wurde für die folgenden Jahrzehnte die Estnische Sozialistische Sowjetrepublik. Der Frühling 1951 war somit der siebte Frühling in friedlicheren Zeiten.
In ihrem Debütroman lässt Viivi Luik ein sehr junges Mädchen, das etwa fünf bis sechs Jahre alt ist und mit ihrer Mutter und Oma zusammen auf einem Hof in einer ländlichen Gegend Südestlands wohnt, das Treiben in eben dieser Zeit aus ihrer Sicht erzählen. Luik, die selbst im Jahre 1946 geboren wurde und in einer ländlichen Region aufgewachsen ist, hat dabei autobiografische Ereignisse in den Roman einfließen lassen. Es ist eine Schilderung vom Aufwachsen zur Zeit des Stalinismus, aber er erzählt auch die Geschichte eines Landes. Letzteres passiert jedoch meist zwischen den Zeilen oder durch z.B. Radioberichte, da das junge Mädchen komplexe Themen wie Zwangskollektivierung und Massendeportationen noch nicht verstehen kann.

Viivi Luik wurde mit diesem Roman auch über die Grenzen Estlands hinaus bekannt. „Seitsmes rahukevad“ erschien 1985 in Tallinn, wurde unmittelbar in das Finnische, Russische, Schwedische und später auch in weitere Sprachen übersetzt. Bemerkenswert war damals ebenfalls, dass es als erstes kritisches Werk ohne Eingriffe seitens der Zensur veröffentlicht werden konnte.