Tag - Kultur

„Achtung, die Türen schließen!“

7. Dezember – Unter der Erde. Eine Ode an die Russische Metroromantik.

Eine Menschenmasse formiert sich am Gleis: mollige Mamas in Kopftüchern und Pelzmänteln schieben sich mit ihren Einkaufstüten zwischen rastlos wirkenden Geschäftsmännern in Anzügen und blutjungen Hisptern mit Schlauchschals und überdimensionalen Kopfhörern hindurch. Zugluft strömt über das Gleis und zerzaust die Haare einiger Wartender. In der Ferne nähern sich ein metallisches Rattern und das schrille Pfeifen der Gleise. Die Geräusche werden immer lauter.

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Nach Venezuela!

3. Kunst und Klänge: Eine musikalische Schlechtwettertherapie aus Litauen

Quelle: Pixabay

Ein vergilbtes Plakat im Busbahnhof, ein emphatischer Werbespot im Fernsehen oder der an einer Imbissbude vorbeiziehende Geruch fremder Gewürze – für akutes Fernweh bedarf es oft nicht vieler Anstrengungen.
Wenn die Temperaturen in den Keller fallen und der Himmel in sein 50-Shades-Of-Gray-Cosplay schlüpft, werden sie begehrter als alles andere auf der Welt – die warmen Orte, an denen man den ganzen Tag mit einem guten Buch auf der Veranda sitzen kann und sich vom Sonnenschein die Haut streicheln lässt. Das Schmuddelwetter, das uns Anfang Dezember zu triezen wollen scheint, ist bekanntermaßen keine rein norddeutsche Spezialität, auch rund um die Ostsee hat man sich gegen Nässe und Dunkelheit zu wappnen.

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„November“ (EST, NL 2016)

2. Filmkritiken der 59. Nordischen Filmtage in Lübeck

Unter die hohen Gewölbe der St.-Katharinen-Kirche in Lübeck ist eine große Kino-Leinwand gespannt worden. Davor, in den Kirchenbänken, sitzen viele Zuschauer, in Decken gemummelt gegen den ersten winterlichen Frost in der Kirche. Schon bevor der Film beginnt, ist klar, dass dieser Abend ein ganz besonders atmosphärisches Erlebnis wird.

Dann beginnt der Film. Ein seltsames, metallisches Geräusch füllt den Kirchenraum. Aufblende: eine karge Landschaft, dann ein großes Herrenhaus. Das Geräusch wird lauter und es kommt ein seltsames, dreibeiniges Gebilde ins Blickfeld – es scheint ein Wesen zu sein, das aus allerlei Werkzeug sowie großen Sensen besteht, die es zur Fortbewegung benutzt. Dieses mechanische, aber scheinbar doch beseelte Wesen stiehlt ein Pferd aus dem Stall des Anwesens und bringt es zu den Bauern, die in der Nähe des Anwesens in einem Wald in einfachsten Hütten hausen. Es herrscht bitterste Armut und das Pferd wird freudig empfangen. Diese erste groteske Szene ist bereits bezeichnend für den gesamten Film, zeigt sie doch in komprimierter Form die Probleme und Thematiken, die der Film anspricht: die Gegensätze zwischen Arm und Reich, die Überschreitung von Grenzen zwischen Mensch, Tier und Maschine und vor allem eine gute Portion Magie aus alten Mythen und Volkssagen.

Rainer Sarnet: Trailer „November“

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Unterwegs mit Liebe

1. Herzlich Willkommen zum Adventskalender von Baltic Cultures

Es tut sich etwas. Langsam, vielleicht nicht immer unmittelbar sichtbar, aber dennoch in Bewegung. Das Bekannte und Gewohnte zurücklassen, unterwegs, auf der Suche. Es ist der Dezembermonat, der schon immer etwas ganz Besonderes war, der diese Poetik und Sehnsucht in Menschen auslöst. Dezember, der uns auf die Suche nach Freuden für unsere Liebsten schickt. Die Vorweihnachtszeit, deren Lichter die Dunkelheit übertönen. Advent, der uns still werden lässt. Manchmal zumindest jenseits der Weihnachtshektik. Als überzeugte Verfechter dieser romantischen Weihnachtsidylle mit Glögg und Geschenken, Lichtern und Liebe, Schnee und „Stille Nacht“ haben auch wir uns auf den Weg gemacht, um jeden Tag bis Heiligabend einen Ort zum Stillwerden, Vorfreuen und Eintauchen in die wunderbare Weihnachtswelt des Ostseeraums zu schaffen.

Diese ganz besondere Dezemberstimmung möchten auch wir nutzen, um uns vorzustellen und den Baltic Cultures-Blog wieder zum festen Bestandteils des Alltags eines jeden Studierenden der Institute für Baltistik, Fennistik und Skandinavistik werden zu lassen. Es tut sich nämlich etwas. Langsam, vielleicht nicht immer unmittelbar sichtbar, aber dennoch in Bewegung. In letzter Zeit haben viele fleißige Hände und kreative Köpfe über das Baltic Cultures-Projekt nachgedacht, es entwickelt, ausgebessert und wiederbelebt. Wir sind eine Gruppe Philologie-Studierender der Universität Greifswald mit einer gemeinsamen großen Liebe, die uns motiviert und inspiriert. Mindestens die kommenden 23 Tage lang.

Denn Weihnachten ist das Fest der Liebe. Und Weihnachten feiert man gemeinsam mit den Menschen, die man liebt. Aber die Vorweihnachtszeit dieses Jahres wollen wir uns mit dem versüßen, was wir lieben: die Länder und Kulturen des Ostseeraums.

Gemeinsam möchten wir uns auf den Weg machen. Das Bekannte und Gewohnte zurücklassen, unterwegs, auf der Suche. Mal ganz tief in den Norden, mal in unserer ganz vertrauten und unmittelbaren Umgebung. Wir möchten Neues lernen, Nostalgie wecken und uns dabei jeden Tag ein bisschen an Weihnachten annähern. Schließlich ist der Dezembermonat etwas ganz Besonderes. Und das wollen wir mit allen Sinnen selbst (er)leben.

Freut euch jeden Tag bis Heiligabend auf je einen neuen Beitrag zu Kulturellem in Form von Rezepten, Rezensionen und Reportagen über Menschen, Bräuche und – selvfølgelig – Weihnachten.
Und wir freuen uns auf euch!

 

Karen

Für die Redaktion von Baltic Cultures

Über das Leben von einem Brokkoli

Ein Interview mit Svavar Knútur

 

Svavar Knútur kündigt ganz zu Anfang ein „emotionales Trampolin“ an.

Am 12. September war der isländische Singer und Songwriter, der sich selbst auch gerne als „jungen Troubadour“ bezeichnet, zu Gast im gut gefüllten Greifswalder Boddenhus. Mitgebracht hatte er nicht nur seine Gitarre und Ukulele, sondern auch sein jüngstes Album „Goodbye my Lovely“, eine Ansammlung seiner Lieblingslieder.

Vor, während und nach jedem Lied begeistert Svavar Knútur mit persönlichen Anmerkungen und Anekdoten, Selbstironie und Spott (am liebsten über die Dänen), Witz und Weisheiten. So lehrt er das Publikum im einem Moment die Relevanz von Trennungen – immerhin „wachsen wir an ihnen und werden durch sie stärker“ –, im nächsten stellt er sich selbst als Brokkoli unter den Gemüsesorten dar: „vielleicht nicht unbedingt das sexieste aller Gemüse, aber immerhin voller Vitamin C.“

 

 

Svavar Knútur stammt aus den isländischen Westfjorden, wollte als Kind am liebsten Astronaut oder Wissenschaftler werden, wurde dann aber erst Journalist, arbeitete bei der Regierung, im Bereich Umwelt und als Fischermann, ehe er sich entschloss, Musiker zu werden. „Ich wollte eigentlich kein Musiker werden“, erzählt er uns von Baltic Cultures. „Aber ich habe es geliebt, Musik zu machen. Langsam, wenn man es magt, Musik zu machen, möchte man es auch vor Menschen singen. Und dann realisierst du: ‚Oh, das ist etwas, wo ich gut drin bin und wo mein Talent liegt.“ Eine Erkenntnis, zu der er erst relativ spät in seiner Karriere kam: Mit 32 Jahren, als er sich letztendlich sagte: „Na los, werde Musiker.“

 

Svavar Knúturs Lieder sind zur Hälfte auf Englisch und zur anderen Hälfte auf Isländisch. „Ich glaube, der größte Einfluss, den Island auf mich hat, ist das Sehnen, in die Welt hinauszuziehen. Weil wir auf einer Insel leben. Wir möchten entdecken und die Insel verlassen und die Welt sehen. So sind isländische Künstler*innen gefüllt mit Neugierde und dem Drang, hinauszugehen, andere Menschen kennenzulernen und neue Märkte sich zu erschließen.“

Auch er selbst bildet da keine Ausnahme; nicht weiter verwunderlich also, dass der junge Troubadour gerne auf Tour ist. Regelmäßig ist er in Nordamerika, Europa und Australien unterwegs und gibt Konzerte. Das Beste am Unterwegssein sei das Momentum. „Immer unterwegs. Immer ein neuer Ort. Immer eine neue Destination. Und immer sich langsam irgendwohin Neues bewegen. Ich mag es nicht, schnell zu reisen. Ich mag es nicht zu fliegen. Ich sitze lieber in einem Zug und beobachte die Welt vorbeiziehen. Ich würde gerne ein Zeppelin besitzen. Das wäre so cool!“

Wenn er es sich aussuchen könnte, würde er am liebsten nach Tasmanien gehen. „Ich war einige Male dort und habe gute Freunde da. Das Essen ist ganz ausgezeichnet und die Menschen sind großartig. Es ist wie ein wärmeres Island.“

 

 

Das Fernweh zeigt sich auch in seinen Liedern, die häufig Wanderlust, das Gefühl vom Verloren-sein und davon, den Weg nach Hause zu finden, thematisieren. Vielleicht sind Svavar Knúturs Lieder deshalb so fesselnd und ergreifend, weil sie authentisch sind. „Ich fühle mich verloren, seit ich geboren wurde.“, sagt er selber.

Ob er den „place of refuge“, einem Zufluchtsort, von dem er singt, auch für sich selbst gefunden hat? „Ich finde Zuflucht in bestimmten Situationen, in bestimmten Menschen, in bestimmten Ritualen im Leben. Kaffee mit einem gutem Freund, mit den Kindern zusammen sein und nichts tun, durch die isländische Landschaft fahren, in einen Zug steigen und einfach irgendwohin fahren.

 

„Wir müssen reisen und unterwegs sein“, lehrt der junge Troubadour uns während zwei seiner Songs. „Um mehr Wege zum Leiden zu finden. Wenn man immer an demselben Ort ist, leidet man auch immer auf dieselbe Weise. Aber reisend finden wir mehr Gründe. um traurig zu sein. Oder glücklich.“

„Glück bedeutet nicht, immer zu lächeln oder zu lachen. Das isländische Wort ist ‚hamingja‘. Es ist nicht mit unserem ‚Glück‘ gleichzusetzen. Es bedeutet, eine dicke Haut zu haben. Also ist ‚hamingja‘ Widerstand gegen die Schwierigkeiten und Schmerzen des Lebens. Wenn man eine dicke Haut hat, dann ist man immer gewappnet gegen die Teufel der Welt.“

Das ist auch das zentrale Thema in Svavar Knúturs Liedern: durch schwierige Zeiten gehen und dabei Gelassenheit bewahren, in der Lage zu sein zu sagen „ja, das fühlt sich schlecht an, aber ich habe immer noch Hoffnung und bin immer noch glücklich auf meinem eigenen Weg.“

 

https://onsizzle.com/i/tell-me-your-deepest-desires-i-want-to-y-s-8254458

Zuletzt bleibt noch die Frage übrig, was ein Musiker, der bereits mehrere Songs und Alben veröffentlicht hat, überall auf der Welt aufgetreten ist und Preise wie den Anna Pálina Árnadóttir memorial award gewonnen hat, sich für die Zukunft wünscht.

„Ich habe letztens ein wunderschönes Meme im Internet gelesen“, ist seine Antwort. „Da war eine tiefe, sexy Stimme, die am Telefon sagte: ‚Erzähl mir deine tiefsten Verlangen‘ – Der Mann antwortete: „Ich möchte … meine Familie unterstützen, während ich mache, was ich liebe, und einen positiven Einfluss auf die Welt haben.‘ – Das ist mein tiefstes Verlangen, der Traum, für den ich lebe.

Ich hoffe, das ist, was ich bereits jetzt mache. Aber ich möchte einfach noch mehr davon machen.“

Und so schafft der Isländer vom ersten Satz und Akkord an eine magische und familiäre Atmosphäre, die das Publikum bis zur zweiten Zugabe in Bann hält. Ein emotionales Trampolin – wie versprochen -, das noch lange in unserem Gehör und Gedächtnis und unseren Gefühlen nachklingt.

Vielen Dank an das CKKT und Svavar Knútur für das Interview!