Tag - Film

„Keti lõpp“ oder „The End of the Chain“ (EST 2017)

9. Filmkritiken der 59. Nordischen Filmtage in Lübeck

von Marian Petsch

Priit Pääsuke © Alexandra Film

Die Nostalgie eines Fastfood-Restaurants eingefangen in dem 81-minütigen Film-Debut des Esten Priit Pääsuke. Neben der kurzen Beschreibung im Programm hatte ich im Vorfeld keine weiteren Informationen zu dem Film. Ohne Vorwissen haben wir uns dann entschieden, in die Vorstellung am Donnerstagmorgen zu gehen, sozusagen zum Frühstück und trotz des Fast Foods ist mir der Film nicht auf den Magen geschlagen, er hat mich vielmehr auf unterschiedlichste Weise angesprochen und deshalb würde ich ihn als meinen Lieblingsfilm unserer Exkursion zu den Filmtagen in Lübeck bezeichnen, obwohl es mir schwer fiel, mich festzulegen, da mir einige Filme gut gefallen haben.

Der Film basiert auf einem Theaterstück des aus Estland stammenden Regisseurs und Dichters Paavo Piit. Als Ort der Handlung dient fast ausschließlich das Gelände eines Fastfood-Restaurants einer nicht näher beschriebenen Burger-Kette, gelegen an einer Schnellstraße in Tallinn, in welchem der Zuschauer im Laufe eines Tages nacheinander die handelnden Personen und ihre Lebenskrisen serviert bekommt. Diese stellen die Hauptdarstellerin und Managerin des Restaurants als eine letzte Insel der Vernunft zunächst in den Hintergrund des Geschehens. Im Laufe des Films jedoch fällt es Ihr zunehmend schwer, die Maske einer demütigen Servicekraft zu wahren und ihre Gefühle zu unterdrücken. Bis zum Ende des Films entfaltet sich ihr Charakter zunehmend und ihre Rolle transformiert sich von einer passiv dienenden hin zu einer emotional agierenden Person.


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Die Kunst des Kritisierens

Ein Interview mit Filmkritikerin Sonja Hartl

 

Filmkritiken schreiben, das sei „unglaublich viel Arbeit, unglaublich viel beanspruchte Zeit und unglaublich viel Spaß“. Das meint zumindest Sonja Hartl, die wir von Baltic Cultures während der 59. Nordischen Filmtage in Lübeck getroffen haben.
Sonja Hartl studierte Deutsche Sprache und Literatur, Medienwissenschaft sowie Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Heute arbeitet sie als freie Literatur- und Filmkritikerin und schreibt unter anderem für www.kino-zeit.de. Um in der Branche Fuß zu fassen, seien unaufhörliches Schreiben, Festivalbesuche und soziale Medien unabdingbar. Gerade Twitter habe ihr geholfen, um Kontakte zu knüpfen, bekannter zu werden und schließlich Anfragen zu bekommen.
Ihr Fokus liegt auf skandinavischen Filmen, die sie für den deutschen Markt kritisiert. Die Vorliebe für Filme aus dem Norden rührt nicht nur von der Begeisterung für Krimis her, sondern Sonja Hartl fasziniert sich für „Skandinavien an sich“ und wird geprägt durch eine „ambivalente Beziehung zu Lars von Trier“.

Vom Schreiben könne man nur schlecht leben. „Filmkritik ist nicht tot, wohl aber die Stelle des gut bezahlten Filmkritikers“. Filmkritiken seien aber von gesellschaftlicher Relevanz, da wir sonst bloß zu Konsumenten werden würden.

 

Einen Film als bloße Unterhaltung und ohne Wertung und Interpretation könne sie nicht (mehr) sehen. Sonja Hartl schätzt sich selbst als grundsätzlich kritischen Menschen ein: „Ich bin relativ hart als Filmkritikerin. Das macht es nicht unbedingt leichter, aber ich denke mir ‚einer muss ja‘“. Gnadenlos sei sie gerade bei halbherzigen Umsetzungen, da die in der Regel auf Faulheit der Filmschaffenden zurück zu führen seien.

Um keine Beeinflussung von außerhalb zu haben, versucht sie selbst stets mit möglichst wenig Vorwissen einen Film zu betrachten und sich vorab keine Trailer oder Ähnliches anzusehen. Mal bildet sie sich ihr Urteil noch beim Abspann, mal über einige Tage hinweg. Kritiken zum gleichen Film liest sie sich erst nach der eigenen Veröffentlichung durch.

 

 

Eine Filmkritik könne auch rein positiv sein. Aber mittelmäßige und schlechte Filme seien wichtig, um gute Filme erkennen zu können. Mit dem Schreiben von Kritiken von mittelmäßigen Filmen hadere sie am meisten, meint Sonja Hartl, manchmal könne man einfach wenig sagen. Eine Filmkritik sei immer gleichbedeutend mit der subjektiven Meinung des Kritisierenden. Das Ziel dabei sei nicht, alle zufrieden zu stellen. Das sei sowieso nicht möglich. Vielmehr soll eine gelungene Kritik Eindruck über den Film vermitteln und eine Interpretation des Films darstellen.

 

Aber eine gelungene Kritik, was macht diese aus? Sonja Hartl rät uns vor allem einen Film zum Kritisieren auszuwählen, der etwas in einem selbst auslöst – sei es gut oder schlecht. Diese Gefühle kann man dann beim Schreiben abarbeiten und den Ursprung analysieren. Auch sei Wut ganz gut zum Schreiben, „weil der Film dann was mit dir gemacht hat“. Sie selber beginne Kritiken gerne mit Zitaten aus dem Film, wichtig sei aber, dass es bei Filmkritiken kein „richtig oder falsch“ oder eine vorgegebene Struktur gebe. Beim Schreibstil und Aufbau sich also nicht einreden lassen, dass Kritiken nur so und nicht anders sein dürften. Dafür sei die Faktenkontrolle nicht dehnbar. Inhalte wie etwa Namen von Schauspieler*innen müssen schlichtweg gut recherchiert sein und stimmen. Beim Schreiben könne man sich außerdem gut an Details festhalten. Dass etwas besonders aufgefallen ist (z. B. Musik, Kameraeinstellung, ein unerwarteter Plottwist) macht einen Film aus. Und das nachvollziehbare Begründen des „Wie“ und dem Analysieren des „Warum“ ergibt eine gute Filmkritik.

Und vielleicht macht das Schreiben dann ja vor allem „unglaublich viel Spaß“.

 

 

 

Exkursionsteilnehmer*innen der Universität Greifswald bei den 59. Nordischen Filmtagen in Lübeck werden Kritiken zu gesehenen Filmen verfassen, die in den nächsten Wochen hier auf dem Blog veröffentlicht werden.

Herzstein | Hjartasteinn

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Der Regisseur Guðmundur Arnar Guðmundsson hat schon viele Preise im Kurzfilmbereich gewonnen. Bei den diesjährigen Nordischen Filmtagen fand die Deutschlandpremiere seines Spielfilmdebüts Hjartasteinn (dt. Herzstein) statt. Der Film konnte nicht nur die Zuschauer überzeugen, sondern auch die Jury, sodass der NDR Filmpreis, der mit 12.500 Euro am höchsten dotierte Preis, dieses Jahr an Hjartasteinn und somit nach Island ging.

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Foto: heartstone-thefilm.com

Der Film spielt in einem kleinen und abgelegenen Fischerdorf in Ostisland und er beginnt so, wie man sich das Leben dort vorstellt. Die Möwen kreisen in der Luft und krähen lautstark, während vier sichtlich gelangweilte Jungen am Wasser in der Sonne liegen und nach einer Weile mit einer Schnur Fische fangen. Sie fangen sie aber nicht nur, sondern töten sie mit Schlägen und Tritten und nehmen sie mit bloßer Hand aus. Der Zuschauer darf das Spektakel mit wechselnden Nahaufnahmen der Gesichter, der Hände und der Fische mitverfolgen. Manche wenden bei dem blutigen Anblick ihr Gesicht von der Leinwand ab. Der Übergang von der stillen Idylle der ersten Sekunden hin zu dieser Brutalität kommt unerwartet, bereitet einen aber schon darauf vor, dass dies ein Film ist, der genau von solchen Kontrasten lebt: laut – leise, Sanftheit – Gewalt, enge Dorfgemeinschaft – weite Landschaft, Heterosexualität – Homosexualität… Die Liste ist lang.

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Der Tag wird kommen | Der kommer en dag

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Foto: dfi.dk

Wir befinden uns im Jahr 1967 und circa 60 km von Kopenhagen entfernt. John F. Kennedy verspricht an diesem Tag in einer Rede, dass man kurz davor sei, auf dem Mond zu landen. Zwei kleine Jungen sitzen auf der Rückbank eines Autos: Elmer (Harald Kaiser Hermann) und Erik (Albert Rudbeck Linhardt). Sie sind 10 und 13 Jahre alt und der Erzähler lässt die Zuschauer wissen, dass die Brüder auf dem Weg nach Gudbjerg sind, ein Waisenhaus, das auf dem realen Godhavn-Heim und dessen Skandalgeschichte (die erst 2011 aufgedeckt wurde und dessen juristisches Nachspiel bis heute anhält) beruht. Dort angekommen, müssen sie ihre Kleidung ablegen und bekommen jeder eine Nummer und einen Schlafanzug zugeteilt. Read More

Interning in Reykjavík: fun and free

Island hat nicht nur beeindruckende Landschaften und leidenschaftliche Fußballfans, sondern auch in Sachen Kultur einiges zu bieten. Anni aus Finnland entdeckte schon während ihres einjährigen Studienaufenthalts vor ein paar Jahren ihre Liebe zu Island. Jetzt ist sie für ein Praktikum nach Reykjavík zurückgekehrt und berichtet uns von ihrer Arbeit beim Reykjavík International Film Festival im Herbst, gibt Ratschläge darüber, wie Pläne für ein Praktikum auf Island am besten in die Tat umgesetzt werden können, und schwärmt ganz nebenbei von der sommerlichen Lebhaftigkeit, die wohl nicht erst seit der Fußball-EM um sich greift:

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