Tag - Estland

(K)eine nadelige Angelegenheit

20. Kultur

Die estnische Kleinstadt Rakvere ist in der Region vor Allem für seine mittelalterliche Ordensburg, die örtlichen Fleischkombinate und diversen Spa-Anlagen bekannt. Seit 2013 schaffte das 15.000-Einwohner-Städtchen jedoch den unverhofften Sprung in die weltweiten Medien. Die FAZ, die Huffington Post und sogar die New York Times berichteten nun über den kleinen, verschlafen wirkenden Ort im Nordosten Estlands.

Im Stadtrat Rakveres brodelt es seitdem. Stein des Anstoßes sind jedoch weder die langwierigen Haushaltsdebatten noch das Festheart-Filmfestival, das konservative Abgeordnete zu verhindern versuchten. Das Politikum: der Weihnachtsbaum auf dem Hauptplatz der Kleinstadt.

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Schnee, Schnee, Schnee

17. Kunst und Klänge: 9 Oden an und über Schnee

„… auf allen zentralen Straßen der Hauptstadt des Nordens. Und jetzt zum Wetter: Morgen, am 31. Dezember erwarten wir +4 Grad in Sankt Petersburg, Niederschlag wird nicht erwartet.“
Eine Neujahrsfeier ohne Schnee? In Petersburg? Unmöglich! Dem russischen Kalender nach gilt der Jahreswechsel traditionell als wichtigstes Familienfest. Groß und Klein kommt zusammen, ein Festessen wird bereitet, Väterchen Frost verteilt die Geschenke und läutet das neue Jahr ein. Umso verständlicher scheint es, dass ein schneeloser Silvesterabend sich im Venedig des Nordens nicht allzu großer Beliebtheit erfreut. So muss es Dimitri, Frontmann der VIA Proletarskoje Tango, demnach selbst in die Hand nehmen und all seine Kumpanen zusammentrommeln um den Schnee für die Neujahrsnacht zu besingen.

VIA Proletarskoje Tango ist ein junges Musikprojekt aus Sankt Petersburg. Der Name der Band lässt sich als „VIA Proletarischer Tango“ übersetzen. Die Abkürzung VIA steht für „Vokal-Instrumentales Ensemble“, eine gängige Bezeichnung für die in der Sowjetunion anerkannten Popgruppen. Die Band selbst beschreibt ihren Musikstil auf ihrer Internetseite ausgesprochen humorvoll: „VIA Proletarskoje Tango ist ein positives und sonniges Retro-Orchester voller Lackaffen, das leichte Coverversionen der sowjetischer Hits in Begleitung von Bläsern und Balalaika aufführt“ Read More

„Keti lõpp“ oder „The End of the Chain“ (EST 2017)

9. Filmkritiken der 59. Nordischen Filmtage in Lübeck

von Marian Petsch

Priit Pääsuke © Alexandra Film

Die Nostalgie eines Fastfood-Restaurants eingefangen in dem 81-minütigen Film-Debut des Esten Priit Pääsuke. Neben der kurzen Beschreibung im Programm hatte ich im Vorfeld keine weiteren Informationen zu dem Film. Ohne Vorwissen haben wir uns dann entschieden, in die Vorstellung am Donnerstagmorgen zu gehen, sozusagen zum Frühstück und trotz des Fast Foods ist mir der Film nicht auf den Magen geschlagen, er hat mich vielmehr auf unterschiedlichste Weise angesprochen und deshalb würde ich ihn als meinen Lieblingsfilm unserer Exkursion zu den Filmtagen in Lübeck bezeichnen, obwohl es mir schwer fiel, mich festzulegen, da mir einige Filme gut gefallen haben.

Der Film basiert auf einem Theaterstück des aus Estland stammenden Regisseurs und Dichters Paavo Piit. Als Ort der Handlung dient fast ausschließlich das Gelände eines Fastfood-Restaurants einer nicht näher beschriebenen Burger-Kette, gelegen an einer Schnellstraße in Tallinn, in welchem der Zuschauer im Laufe eines Tages nacheinander die handelnden Personen und ihre Lebenskrisen serviert bekommt. Diese stellen die Hauptdarstellerin und Managerin des Restaurants als eine letzte Insel der Vernunft zunächst in den Hintergrund des Geschehens. Im Laufe des Films jedoch fällt es Ihr zunehmend schwer, die Maske einer demütigen Servicekraft zu wahren und ihre Gefühle zu unterdrücken. Bis zum Ende des Films entfaltet sich ihr Charakter zunehmend und ihre Rolle transformiert sich von einer passiv dienenden hin zu einer emotional agierenden Person.


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„November“ (EST, NL 2016)

2. Filmkritiken der 59. Nordischen Filmtage in Lübeck

Unter die hohen Gewölbe der St.-Katharinen-Kirche in Lübeck ist eine große Kino-Leinwand gespannt worden. Davor, in den Kirchenbänken, sitzen viele Zuschauer, in Decken gemummelt gegen den ersten winterlichen Frost in der Kirche. Schon bevor der Film beginnt, ist klar, dass dieser Abend ein ganz besonders atmosphärisches Erlebnis wird.

Dann beginnt der Film. Ein seltsames, metallisches Geräusch füllt den Kirchenraum. Aufblende: eine karge Landschaft, dann ein großes Herrenhaus. Das Geräusch wird lauter und es kommt ein seltsames, dreibeiniges Gebilde ins Blickfeld – es scheint ein Wesen zu sein, das aus allerlei Werkzeug sowie großen Sensen besteht, die es zur Fortbewegung benutzt. Dieses mechanische, aber scheinbar doch beseelte Wesen stiehlt ein Pferd aus dem Stall des Anwesens und bringt es zu den Bauern, die in der Nähe des Anwesens in einem Wald in einfachsten Hütten hausen. Es herrscht bitterste Armut und das Pferd wird freudig empfangen. Diese erste groteske Szene ist bereits bezeichnend für den gesamten Film, zeigt sie doch in komprimierter Form die Probleme und Thematiken, die der Film anspricht: die Gegensätze zwischen Arm und Reich, die Überschreitung von Grenzen zwischen Mensch, Tier und Maschine und vor allem eine gute Portion Magie aus alten Mythen und Volkssagen.

Rainer Sarnet: Trailer „November“

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Tallinn im Februar – Sonne, Schnee und Stadtgeschichten

Pink, grün, blau, gelb, grün, rot, gelb, blau, grün – die bunten Häuser der Altstadt tragen rote Dächer und im Hintergrund blitzen auf der dunkelblauen Ostsee die weißen Schiffe im Sonnenlicht. Mitten im Blickfeld steht eine der Kirchen der estnischen Hauptstadt Tallinn, deren Weiß das Meer noch ein bisschen blauer erscheinen lässt. Der Ausblick vom Turm ist wirklich schön und man sieht sehr weit, fast bis nach Finnland, möchte man meinen. Dabei kommt der plattdeutsche Name des Turms – Kiek in de kök (schau in die Küche) eigentlich daher, dass die Turmwächter der Legende nach in den (vergleichsweise seltenen) eher friedlichen Zeiten, die die Stadt erlebt hat, eher die näheren Aussichten genossen. Anstelle eines ankommenden Feindes beobachteten sie lieber, was sich hinter den Fenstern der Altstadthäuser abspielte – eine mittelalterliche Reality-Soap sozusagen. Das alles erfahre ich bei einer Free Walking Tour, die jeden Tag stattfindet.

Sehr viel dunkler, aber genauso interessant, sind die unterirdischen Gänge, in die man gleich nach dem Turmbesuch hinabsteigen kann. Die Bastionsgänge wurden zur Zeit der schwedischen Besatzung angelegt, waren aber, wie ich bei der Besichtigung lerne, über die Jahrzehnte hinweg auch vielen anderen Menschen nützlich: unter anderem als Unterschlupf für Obdachlose, als Bunker für die Stadtbewohner während des 2. Weltkrieges und als Treffpunkt für Punks während der Sowjetzeit. Die unterirdische Reise durch die Zeit ist ebenso düster wie lehrreich und am Ende bin ich ein wenig froh, wieder das Tageslicht zu sehen. Der Ausgang aus den unterirdischen Gängen ist auf dem vabaduse väljak, dem Platz der Freiheit, der dem estnischen Unabhängigkeitskrieg 1918-1920 gewidmet ist. Ein riesiges Kreuz aus Glas und Stahl steht ein wenig erhöht auf der großen Freifläche. Schönheit liegt ja bekanntlich im Auge des Betrachters und zumindest funktional scheint es zu sein: angeblich würden sowohl Glas als auch Stahl einer Atombombe standhalten. Wie gut, dass solch eine architektonische Perle im Fall der Fälle auch noch auf dem Platz der Freiheit stehen könnte, wenn kein einziger Mensch mehr in Tallinn wäre, um sie zu bewundern. Jedenfalls leuchtet das Denkmal nachts. Manchmal.

Der Februar in Tallinn ist oft kalt und beim Blick in den Himmel fühle ich mich an die Gespräche erinnert, die in Deutschland vor allem im April beliebt sind: „Dieses Wetter macht aber auch wirklich, was es will… Am Morgen Schnee, nachmittags Regen und dazwischen Sonnenschein.“ Nicht überraschend, dass ich manchmal ganz optimistisch morgens die Sneakers anziehe und bei beinahe frühlinghaftem Sonnenschein zur Arbeit spaziere. Wenn ich dann am Abend durch einen Schneesturm nach Hause gehe wünsche ich mir sehnlichst Moonboots oder Vergleichbares an die langsam taub werdenden Füße. Aber auch für schlechtes Wetter gibt es eine Lösung: Tallinn hat viele Museen und Cafés, die von Schneesturm, Regen und grauem Himmel immer ablenken, wenn nötig.

Auf dem Weg vom vabaduse väljak durch die Altstadt drücken mir zwei junge Frauen in roten Kapuzenumhängen Flyer für ein mittelalterliches Schauspiel in die Hände und vor mir in der Fußgängerzone umarmt ein schwarz gekleideter Mann mit der Maske eines Pestarztes ein paar Touristinnen. Das sieht ein bisschen merkwürdig aus. Vielleicht war er in seinem letzten Job ein Freizeitpark-Maskottchen und hat bei der Einarbeitung für den neuen Promotion-Auftrag nicht so richtig aufgepasst? Ich mache einen kleinen Bogen um die Gruppe und tappe gleich in die nächste Falle, wenn auch eine deutlich angenehmere: der Duft von frischgebrannten Mandeln steigt mir in die Nase. Überall in der Stadt lauern solche Versuchungen: Kuchen in Vitrinen, Karamellduft in den Gassen und Schaufenster, durch die gemütliche Sessel und dampfende Kaffeetassen zu sehen sind. Bestimmt könnte man in Tallinn mehrere Wochen lang jeden Tag ein neues Café oder ein neues Restaurant ausprobieren. Ausprobiert habe ich meine (möglicherweise gewagte) Behauptung allerdings noch nicht – dafür habe ich schon zu schnell meine persönlichen Lieblinge entdeckt. Da wäre zum Beispiel kleine Laden, in dem ein Schwede mit Vollbart vegane Schokoladenköstlichkeiten herstellt und verkauft. Mit Chili, Rum, Kokos, Knoblauch, Erdnüssen oder allem zusammen. Wenn man Zeit hat, bekommt man sogar noch kostenlos Tee und ein nettes Gespräch im „Wohnzimmer“ nebenan dazu. Oder die kleine Kaffeebar mit genau drei Stühlen und ein paar Kissen auf der Fensterbank, deren Besitzerin höchstpersönlich die Namen der Kunden auf die Stempelkarten schreibt und immer sehr geduldig ist, wenn beim Bestellen auf Estnisch entweder die Wörter fehlen oder aufgrund der Komplexität der Bestellung („zwei Café Latte, einen laktosefrei, einen Cappuccino, zwei zahle ich zusammen, den anderen extra und dann bräuchte ich bitte noch einen Papphalter zum Tragen“) die Wörtersuche noch länger dauert und grammatische Anpassungen in der neuen Fremdsprache nicht ganz so eindeutig ausfallen.

Natürlich wird man auch auf Englisch bestens verstanden, vielleicht sogar zu gut. Und das Finden von Ausreden, anstelle von Estnisch Englisch zu sprechen, fällt einfach viel zu leicht. Zu viele Hintergrundgeräusche, da verstehe ich die Antwort sowieso nicht? Na dann auf Englisch. Wie war noch gleich dieses Wort für Studentenrabatt? Ach, die Dame an der Museumskasse spricht bestimmt Englisch. Scheinbar sind die Esten es gewohnt, mit Fremden nicht in ihrer Muttersprache zu kommunizieren. Schließlich sind die Chancen nicht gerade hoch, dass jemand gern eine Sprache lernen möchte, die nur ungefähr eine Million Menschen als Muttersprache sprechen.

Von den 1,3 Millionen Einwohnern Estlands leben nur ca. 450000 in der Region Tallinn. Und natürlich leben die wenigsten davon in der romantischen, historischen Altstadt. Ich bin gespannt, was ich in den kommenden Wochen noch vor den Toren der Altstadt von Tallinn entdecken kann. Die Universitätsstadt Tartu im Süden beispielsweise. Oder Narva an der Grenze zu Russland. Bestimmt sind auch die berühmten Inseln im Westen und der große Peipussee ganz im Osten auch im Winter sehenswert. Mal sehen.