Tag - Baltistik

Ein Sprachexperiment zum Normenverständnis im Litauischen

Seit zwei Jahren gibt es an der Universität Greifswald den Studiengang M.A. Sprachliche Vielfalt/Language Diversity, der die Linguistik anglophoner, baltischer, finnischer, skandinavischer und slawischer Kulturen miteinander verbindet. Das Studium besteht aus insgesamt drei Säulen: Allgemeine Theorien und Methoden, Schwerpunktbereich und Profilierungsbereich. Der Schwerpunktbereich entspricht dabei der bereits im Bachelorstudium studierten Philologie und im Profilierungsbereich können wahlweise Kenntnisse einer zweiten bereits studierten Philologie vertieft oder eine neue Philologie von den Studenten gewählt werden.
Vor wenigen Tagen konnte der Masterstudiengang seine erste Absolventin hervorbringen. Greta Onusait hatte im Schwerpunktbereich Baltistik und im Profilierungsbereich Skandinavistik studiert. In ihrer Master-Arbeit beschäftigte sie sich mittels eines Sprachexperiments mit dem Normverständnis im Litauischen.

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Die Baltistik und das Baltikum – die kleinen Unbekannten Teil II

Ausrufezeichen Baltikum

Was interessiert dich am Baltikum?

Mich begeistert die Kultur, z.B. Volkslieder und -tänze, die Traditionen, z.B. Kūčios in Litauen (der litauische Heilige Abend mit seinen spezifischen Bräuchen), und wie sie in der Bevölkerung gewahrt und gelebt werden. Außerdem haben Lettland und Litauen wundervolle Landschaften zu bieten. Nicht zuletzt lerne ich auch gerne die Sprachen, Lettisch gefällt mir da besonders.
– Georg (22), Baltistikstudent, Greifswald

Nach dem Abitur bin ich eher zufällig für ein Jahr nach Estland gekommen und habe mich auf meinen Reisen durchs Baltikum in alle drei Staaten verliebt. Im Baltikum herrscht eine ganz andere Grundstimmung als in Deutschland. In Deutschland habe ich oft das Gefühl, dass alle Wege schon gegangen sind und alles irgendwie „gesetzt“ erscheint, wohingegen man im östlichen Europa und insbesondere im Baltikum eine sehr starke Aufbruchsstimmung spürt. Eine gute estnische Freundin hat mir dazu einmal gesagt: „Die Zukunft ist jetzt – und sie gehört uns, den jungen Leuten. Wir haben lange genug darauf gewartet, dass die Zukunft zu uns kommt, jetzt kommen wir zu ihr.“ Bars und Ateliers entstehen in alten Lagerhallen oder Werkstätten aus der Sowjetzeit, junge Leute experimentieren mit einer Mischung aus Folklore und Popmusik, und StartUps schießen überall aus dem Boden. Jedes Mal, wenn ich an mir eigentlich vertrauten Orten im Baltikum vorbeikomme kann ich noch etwas entdecken, was neu ist und darauf wartet, entdeckt zu werden.
– Marcel, Slawistik- und DaF-Student, Greifswald

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Die Baltistik und das Baltikum – die kleinen Unbekannten Teil I

Das Baltikum liegt auf der Bekanntheitsskala recht weit unten. Ebenso ist Baltistik nicht gerade das Fach, für das man sich planlos an der Universität einschreibt – oder doch? Wie bist du zur Baltistik gekommen?

Fragezeichen

Stimmt, um Baltistik zu studieren, sollte man zumindest schonmal davon gehört haben, und das ist nicht gerade oft der Fall. Und selbst dann, so glaube ich, braucht man immer noch einen gewissen persönlichen Bezug zu den baltischen Staaten.
Meine Gesamtschule in Jena hat eine Partnerschule in Litauen. Damals durfte ich die Anfänge dieser Partnerschaft miterleben und auch tatkräftig mitgestalten. Mein Engagement war damals sehr groß und schnell ergab sich der Bezug zu Land, Leuten, Kultur und Sprache. Als ich später nicht recht wusste, was ich denn schlussendlich studieren sollte, suchte ich im Internet nach einer Möglichkeit, etwas mit Litauen zu machen. Erster Treffer – Baltistik in Greifswald.
Georg (22), Baltistikstudent, Greifswald

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Plädoyer für den Erhalt der Baltistik

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Der litauische Katechismus von Martynas Mažvydas

Sveiki! Es esmu baltu filoloģijas studente. Un man patīk, ka es protu runāt latviešu valodā.
Das ist Lettisch. Eine Sprache, die nicht sehr viel gesprochen wird. Und wenn eine Sprache nicht viel gesprochen wird, wird sie aussterben. Und damit geht Wissen verloren, wichtiges Wissen. Im Lettischen, und erst recht im Litauischen, sind archaische Formen erhalten, die dem Sanskrit noch sehr ähnlich sind und folglich wichtige Hinweise beinhalten, die uns den indoeuropäischen Sprachstamm verstehen lassen können.
Davon abgesehen ist es einfach nur wunderbar, eine Sprache zu beherrschen, die viele nicht können, von der sich viele nicht vorstellen können, wie sie eigentlich klingt, und von der viele nicht wissen, dass es sie überhaupt gibt. Was unbedingt geändert werden muss.
Beispielsweise hat ein Freund mich am Anfang meines Studiums gefragt, ob ich denn nicht auch ein neues Alphabet lernen müsse. Er meinte Kyrillisch. Denn er war in Lettland und hat dort fast nur kyrillische Buchstaben gesehen. Nein, muss ich nicht. Es gibt ein paar Sonderzeichen, aber geschrieben wird Lettisch in lateinischen Buchstaben. Die kyrillischen können die lettischen Laute nicht exakt ausdrücken.
Die des Litauischen natürlich auch nicht. Im 19. Jahrhundert waren die lateinischen Buchstaben vom russischen Zarenreich verboten gewesen und die Litauer sollten ihre Sprache tatsächlich in Kyrilliza schreiben.
Heimlich wurde den Kindern das lateinische Alphabet beigebracht. Illegal hat man Bücher in lateinischen Buchstaben ins Land geschmuggelt. Litauen und Lettland, und auch Estland, waren stark. Doch keiner hier weiß davon.
Riga wurde 1201 vom deutschen Bischof Albert I im Zuge der Christianisierung gegründet. Der Schwertbrüderorden wütete in Livland, während der Deutsche Ritterorden versuchte, Litauen unter seine Fuchtel zu bekommen. Folge war, dass die Deutschen, die Deutschbalten, jahrelang die reichen Kaufmänner und Gutsbesitzer im Baltikum waren. Die Letten und Litauer, ein Bauernvolk bis dato mit ihrer eigenen Religion und naturverbunden, wurden Leibeigene und bestenfalls Angestellte. Ihre Religion haben sie jedoch lange noch beibehalten. Wiederum heimlich. Sie haben ihre Feste gefeiert. Das wichtigste davon ist Jāņi – der lettische Mittsommer. Bis heute sind die Volkslieder bekannt und die alten Rezepte, um den traditionellen Kümmelkäse zuzubereiten. Doch keiner hier weiß das.
Und dabei ist diese historische Verbindung mit Lettland bedeutend. Wir waren eine lange Zeit im Baltikum. Warum sollten wir das missachten und schließlich vergessen? Und obwohl wir sie unterdrückt haben, lieben sie uns. Die Letten lieben uns. Ich war da. Ich hab es gesehen. Wahrscheinlich ist es genau diese Tatsache, dass wir die reichen Kaufleute waren, die Deutschland als ein Land der Träume darstellt. Deshalb sollten wir, anstatt das Baltikum zu ignorieren, lieber gut machen, was wir falsch gemacht haben, und ihnen mit offenen Armen entgegengehen. Ihnen helfen, von der Welt bemerkt zu werden. Es sind kleine Länder, für die sich fälschlicherweise niemand interessiert. Doch auch kleine Länder stecken voller überraschendem Potential. Allein, weil sie eine andere Sichtweise auf manche Dinge haben.
Das Schrifttum kam erst im 16. Jahrhundert mit Katechismen und Bibelübersetzungen ins Baltikum. Ist das nicht schwer vorstellbar? Die ersten lettischen und litauischen Schriften entstehen dann, wenn bei uns bereits der Barock vorherrscht. Eine späte Entwicklung. Wie kam es dazu? Was waren die Auswirkungen? Haben wir ein Recht, diese Fragen zu ignorieren?
Welche lettischen und litauischen Autoren kennen Sie überhaupt? Wieso wird Rainis als der lettische Goethe bezeichnet? Hat er das verdient? Welche Rolle spielte Aspazija in der lettischen Frauenbewegung? Was ist an Žemaitė so interessant und wichtig? Welche Bedeutung haben die „Jahreszeiten“ von Donelaitis?
Und was ist mit den modernen Autoren? Denn ja, die gibt es. Warum haben wir in Deutschland nicht die Chance, lettische und litauische Autoren zu lesen? Es liegt sicher nicht daran, dass sie nicht gut schreiben würden. Die baltische Literatur ist hochwertig. Es gibt nur fast keine Übersetzungen. Warum? Weil es nur noch eine Baltistik in Deutschland gibt.
Denn wo sonst sollte man Litauisch und Lettisch lernen können mit all ihren wichtigen Hintergründen, wenn nicht an einem Institut für Baltistik?
Und jetzt stehen wir kurz vor der Schließung des allerletzten noch existenten Instituts, das sich mit diesen interessanten Ländern auseinandersetzt. Danach wird das Baltikum immer mehr in Vergessen geraten, es werden weniger Bücher ins Deutsche übersetzt werden und die Freundschaft, die Deutschland und das Baltikum verbindet, wird gebrochen werden.
Natürlich. Es ist schwierig, ein Institut zu halten, das so wenige Studenten hat. Haben Sie sich mal die Gründe dafür überlegt? Die meisten wissen nicht, dass es so etwas wie Baltistik überhaupt gibt. Und wie soll man sich für einen Studiengang einschreiben, von dem man nicht weiß, dass er existiert? Die Lösung des Problems heißt also: Werbung machen. Das macht man neben Forschungsergebnissen am besten mit Studenten und Alumni, die ihr Wissen in die Welt tragen, und indem man in ganz Deutschland von der Baltistik berichtet. Doch wird es keine Studenten und Alumni mehr geben, wenn es keine Baltistik mehr gibt, für die man Werbung machen möchte.
Keine Kultur, kein Land und kein Mensch hat es verdient, vergessen zu werden. Aber jeder Mensch, jedes Land und jede Kultur hat es verdient, studiert zu werden.

Verfasserin: Berit Cram

Geburtstagslied für Lettland

Riga

„Mama Milda, wie war das, als ich geboren wurde?“
„Das erzähle ich dir ein anderes Mal.“
„Das sagst du immer! Ich bin jetzt fünfundneunzig Jahre alt, ich bin groß genug dafür!“
„Vielleicht bist du fünfundneunzig Jahre alt, aber denk nur daran, wie viele dieser Jahre du geschlafen hast. Erst seit zweiundzwanzig Jahren bist du wieder wach, damit bist du fast noch ein Baby.“
„Mama, bitte!“

„Also gut. Irgendwann musst du es ja erfahren. Dein Vater hätte dich lieber nicht gehabt. Und erst recht wollte er nicht, dass du wieder erwachst… aber er hat nicht aufgepasst. Er hat versucht, es zu verhindern, dich wieder in den Schlaf zurück zu drängen als du erwachtest, und dich in Rīga verletzt. Aber du wolltest aufwachen, und gegen deinen Gesang war dein Vater machtlos.“
„Darum sagen die anderen, dass ich so gut singen kann?“
„Ja, Glasnost und Perestroika ließen deinen Tiefschlaf leichter werden, doch du wachtest auf durch Gesang.“

„Mama, sind Estland, Litauen und ich Drillinge?“
„Natürlich nicht, wer sagt denn so etwas?“
„Die anderen. Sogar die aus unserer Klasse. Wenn wir zusammen in Brüssel sind. Ich glaube, manchmal wissen sie nicht, wer von uns wer ist.“
„Ihr habt Vieles gemeinsam, das ist wahr. Und die Geschichte lässt euch zusammenhalten. Denk nur an die baltische Kette, die an jenem Tag unvergleichlich machtvoll eure Hauptstädte verband.
Aber trotzdem seid ihr auch verschieden, und jeder, der euch besucht, kann das sehen. Denk nur an Tallinn mit seinen mittelalterlichen Festungsgemäuern, an Vilnius, die barocke Schönheit, und Rīga, mit all seinem Jugendstil, den alle Besucher bewundern.“

„Mama, bin ich eigentlich schön?“
„Warum stellst du denn solche Fragen, mein Kind?“
„Na, die Leute möchten doch immer schöne Länder sehen. Und mich schauen nur wenige Leute genauer an…“
„Die Leute wissen nichts. – Schau, wie sich die Lichter Rigas in der Daugava spiegeln. Sieh von der Burg Turaida auf Livland herab. Schwimme in Semgallen in einem der Flüsse, die die Landschaft aus fruchtbaren Feldern durchziehen. Streife durch die Wälder in Letgallen, und laufe an den Stränden Kurlands entlang, wo man Bernstein findet und wo die letzten Liven leben. Dann wirst du keinen Zweifel mehr daran haben, wie schön du bist.
Und wenn du durch die Städte und Dörfer streifst, dann sieh die Menschen an, die dort leben. Deine Menschen, die für dich einstanden und immer für dich einstehen werden.“

„Mama, warum fährt der Mann aus dem großen Haus nebenan immer mit seinem großen Auto die Straße auf und ab, und warum hält er immer vor unserem Haus an und schaut so komisch in unseren Garten?“
„Das ist eine törichte Frage, mein Kind. Ich kann sie dir nicht beantworten, du würdest die Antwort nicht verstehen.“
„Aber Mama, das macht mir Angst.“
„Ich weiß, aber es ist nun einmal so.“
„Aber…“
„Schluss jetzt. Das waren genug Fragen für dieses Jahr.“

„Aber eine einzige Frage hab ich noch, Mama.“
„Na gut. Welche denn?“
„Warum hab ich eigentlich sechs Zehen?“

(geschrieben zum lettischen Unabhängigkeitstag 2013)