Tag - Baltikum

Singend durch Jahrhunderte: Sängerfeste in Estland

Sängerfeste haben im Baltikum eine sehr lange Tradition, denn die Musik und das gemeinsame Singen verbinden die Esten schon seit Jahrhunderten und schaffen ein Gefühl der kulturellen Zusammengehörigkeit. Das estnische Sängerfest findet heutzutage alle fünf Jahre in Tallinn statt. Entstanden sind die Sängerfeste in einer Zeit, in der das nationale Bewusstsein erwachte und der politische Hintergrund sollte später noch einmal verstärkt wiederkehren: vor allem während der sowjetischen Zeit hatten die Sängerfeste einen patriotischen Hintergrund.

Marika Peekmann studiert Germanistik in Tartu und war Estnisch-Lektorin in Greifswald im Wintersemester 2015/2016. Sie war selbst schon bei Sängerfesten und berichtet hier über die Tradition aus ihrer Heimat und das besondere Gefühl, dieses Fest mitzuerleben. Read More

„Gehen Sie nicht über Los…“ – Das Thema Menschenrechte greifbar gemacht

Ungefähr im April 2015 flatterte eine E-Mail in mein Postfach. Absender: Die Domus-Dorpatensis-Stiftung in Tartu, in deren Mailingliste ich mich irgendwann mal eingetragen hatte. Betreff: Für einen internationalen Jugendaustausch wurden Teilnehmer gesucht. An dem Seminar mit dem Titel „The Spirit of Democracy“ sollten sieben Deutsche, sieben Esten und sieben Letten zwischen 18 und 30 Jahren teilnehmen, organisiert wurde das Seminar von der Deutschbaltischen Studienstiftung, und finanziert von der EU beziehungsweise Erasmus+, so dass auf die Teilnehmer kaum Kosten zukommen würden. Seminarorte: Liepāja und Rīga in Lettland. Abgesehen davon, dass ich für den Zeitraum des Seminars noch keine anderen Pläne hatte und eine kostenlose Reise nach Lettland ganz attraktiv fand, hatte ich schon lange immer wieder von Seminaren der Deutschbaltischen Studienstiftung gehört und Interesse daran gehabt, daran einmal teilzunehmen. Ich schickte meine Bewerbung ab, und bekam einige Wochen später die Nachricht, dass ich teilnehmen durfte. Read More

Die Baltistik und das Baltikum – die kleinen Unbekannten Teil II

Ausrufezeichen Baltikum

Was interessiert dich am Baltikum?

Mich begeistert die Kultur, z.B. Volkslieder und -tänze, die Traditionen, z.B. Kūčios in Litauen (der litauische Heilige Abend mit seinen spezifischen Bräuchen), und wie sie in der Bevölkerung gewahrt und gelebt werden. Außerdem haben Lettland und Litauen wundervolle Landschaften zu bieten. Nicht zuletzt lerne ich auch gerne die Sprachen, Lettisch gefällt mir da besonders.
– Georg (22), Baltistikstudent, Greifswald

Nach dem Abitur bin ich eher zufällig für ein Jahr nach Estland gekommen und habe mich auf meinen Reisen durchs Baltikum in alle drei Staaten verliebt. Im Baltikum herrscht eine ganz andere Grundstimmung als in Deutschland. In Deutschland habe ich oft das Gefühl, dass alle Wege schon gegangen sind und alles irgendwie „gesetzt“ erscheint, wohingegen man im östlichen Europa und insbesondere im Baltikum eine sehr starke Aufbruchsstimmung spürt. Eine gute estnische Freundin hat mir dazu einmal gesagt: „Die Zukunft ist jetzt – und sie gehört uns, den jungen Leuten. Wir haben lange genug darauf gewartet, dass die Zukunft zu uns kommt, jetzt kommen wir zu ihr.“ Bars und Ateliers entstehen in alten Lagerhallen oder Werkstätten aus der Sowjetzeit, junge Leute experimentieren mit einer Mischung aus Folklore und Popmusik, und StartUps schießen überall aus dem Boden. Jedes Mal, wenn ich an mir eigentlich vertrauten Orten im Baltikum vorbeikomme kann ich noch etwas entdecken, was neu ist und darauf wartet, entdeckt zu werden.
– Marcel, Slawistik- und DaF-Student, Greifswald

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Die Baltistik und das Baltikum – die kleinen Unbekannten Teil I

Das Baltikum liegt auf der Bekanntheitsskala recht weit unten. Ebenso ist Baltistik nicht gerade das Fach, für das man sich planlos an der Universität einschreibt – oder doch? Wie bist du zur Baltistik gekommen?

Fragezeichen

Stimmt, um Baltistik zu studieren, sollte man zumindest schonmal davon gehört haben, und das ist nicht gerade oft der Fall. Und selbst dann, so glaube ich, braucht man immer noch einen gewissen persönlichen Bezug zu den baltischen Staaten.
Meine Gesamtschule in Jena hat eine Partnerschule in Litauen. Damals durfte ich die Anfänge dieser Partnerschaft miterleben und auch tatkräftig mitgestalten. Mein Engagement war damals sehr groß und schnell ergab sich der Bezug zu Land, Leuten, Kultur und Sprache. Als ich später nicht recht wusste, was ich denn schlussendlich studieren sollte, suchte ich im Internet nach einer Möglichkeit, etwas mit Litauen zu machen. Erster Treffer – Baltistik in Greifswald.
Georg (22), Baltistikstudent, Greifswald

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Plädoyer für den Erhalt der Baltistik

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Der litauische Katechismus von Martynas Mažvydas

Sveiki! Es esmu baltu filoloģijas studente. Un man patīk, ka es protu runāt latviešu valodā.
Das ist Lettisch. Eine Sprache, die nicht sehr viel gesprochen wird. Und wenn eine Sprache nicht viel gesprochen wird, wird sie aussterben. Und damit geht Wissen verloren, wichtiges Wissen. Im Lettischen, und erst recht im Litauischen, sind archaische Formen erhalten, die dem Sanskrit noch sehr ähnlich sind und folglich wichtige Hinweise beinhalten, die uns den indoeuropäischen Sprachstamm verstehen lassen können.
Davon abgesehen ist es einfach nur wunderbar, eine Sprache zu beherrschen, die viele nicht können, von der sich viele nicht vorstellen können, wie sie eigentlich klingt, und von der viele nicht wissen, dass es sie überhaupt gibt. Was unbedingt geändert werden muss.
Beispielsweise hat ein Freund mich am Anfang meines Studiums gefragt, ob ich denn nicht auch ein neues Alphabet lernen müsse. Er meinte Kyrillisch. Denn er war in Lettland und hat dort fast nur kyrillische Buchstaben gesehen. Nein, muss ich nicht. Es gibt ein paar Sonderzeichen, aber geschrieben wird Lettisch in lateinischen Buchstaben. Die kyrillischen können die lettischen Laute nicht exakt ausdrücken.
Die des Litauischen natürlich auch nicht. Im 19. Jahrhundert waren die lateinischen Buchstaben vom russischen Zarenreich verboten gewesen und die Litauer sollten ihre Sprache tatsächlich in Kyrilliza schreiben.
Heimlich wurde den Kindern das lateinische Alphabet beigebracht. Illegal hat man Bücher in lateinischen Buchstaben ins Land geschmuggelt. Litauen und Lettland, und auch Estland, waren stark. Doch keiner hier weiß davon.
Riga wurde 1201 vom deutschen Bischof Albert I im Zuge der Christianisierung gegründet. Der Schwertbrüderorden wütete in Livland, während der Deutsche Ritterorden versuchte, Litauen unter seine Fuchtel zu bekommen. Folge war, dass die Deutschen, die Deutschbalten, jahrelang die reichen Kaufmänner und Gutsbesitzer im Baltikum waren. Die Letten und Litauer, ein Bauernvolk bis dato mit ihrer eigenen Religion und naturverbunden, wurden Leibeigene und bestenfalls Angestellte. Ihre Religion haben sie jedoch lange noch beibehalten. Wiederum heimlich. Sie haben ihre Feste gefeiert. Das wichtigste davon ist Jāņi – der lettische Mittsommer. Bis heute sind die Volkslieder bekannt und die alten Rezepte, um den traditionellen Kümmelkäse zuzubereiten. Doch keiner hier weiß das.
Und dabei ist diese historische Verbindung mit Lettland bedeutend. Wir waren eine lange Zeit im Baltikum. Warum sollten wir das missachten und schließlich vergessen? Und obwohl wir sie unterdrückt haben, lieben sie uns. Die Letten lieben uns. Ich war da. Ich hab es gesehen. Wahrscheinlich ist es genau diese Tatsache, dass wir die reichen Kaufleute waren, die Deutschland als ein Land der Träume darstellt. Deshalb sollten wir, anstatt das Baltikum zu ignorieren, lieber gut machen, was wir falsch gemacht haben, und ihnen mit offenen Armen entgegengehen. Ihnen helfen, von der Welt bemerkt zu werden. Es sind kleine Länder, für die sich fälschlicherweise niemand interessiert. Doch auch kleine Länder stecken voller überraschendem Potential. Allein, weil sie eine andere Sichtweise auf manche Dinge haben.
Das Schrifttum kam erst im 16. Jahrhundert mit Katechismen und Bibelübersetzungen ins Baltikum. Ist das nicht schwer vorstellbar? Die ersten lettischen und litauischen Schriften entstehen dann, wenn bei uns bereits der Barock vorherrscht. Eine späte Entwicklung. Wie kam es dazu? Was waren die Auswirkungen? Haben wir ein Recht, diese Fragen zu ignorieren?
Welche lettischen und litauischen Autoren kennen Sie überhaupt? Wieso wird Rainis als der lettische Goethe bezeichnet? Hat er das verdient? Welche Rolle spielte Aspazija in der lettischen Frauenbewegung? Was ist an Žemaitė so interessant und wichtig? Welche Bedeutung haben die „Jahreszeiten“ von Donelaitis?
Und was ist mit den modernen Autoren? Denn ja, die gibt es. Warum haben wir in Deutschland nicht die Chance, lettische und litauische Autoren zu lesen? Es liegt sicher nicht daran, dass sie nicht gut schreiben würden. Die baltische Literatur ist hochwertig. Es gibt nur fast keine Übersetzungen. Warum? Weil es nur noch eine Baltistik in Deutschland gibt.
Denn wo sonst sollte man Litauisch und Lettisch lernen können mit all ihren wichtigen Hintergründen, wenn nicht an einem Institut für Baltistik?
Und jetzt stehen wir kurz vor der Schließung des allerletzten noch existenten Instituts, das sich mit diesen interessanten Ländern auseinandersetzt. Danach wird das Baltikum immer mehr in Vergessen geraten, es werden weniger Bücher ins Deutsche übersetzt werden und die Freundschaft, die Deutschland und das Baltikum verbindet, wird gebrochen werden.
Natürlich. Es ist schwierig, ein Institut zu halten, das so wenige Studenten hat. Haben Sie sich mal die Gründe dafür überlegt? Die meisten wissen nicht, dass es so etwas wie Baltistik überhaupt gibt. Und wie soll man sich für einen Studiengang einschreiben, von dem man nicht weiß, dass er existiert? Die Lösung des Problems heißt also: Werbung machen. Das macht man neben Forschungsergebnissen am besten mit Studenten und Alumni, die ihr Wissen in die Welt tragen, und indem man in ganz Deutschland von der Baltistik berichtet. Doch wird es keine Studenten und Alumni mehr geben, wenn es keine Baltistik mehr gibt, für die man Werbung machen möchte.
Keine Kultur, kein Land und kein Mensch hat es verdient, vergessen zu werden. Aber jeder Mensch, jedes Land und jede Kultur hat es verdient, studiert zu werden.

Verfasserin: Berit Cram