Tag - Baltikum

Tallinn im Februar – Sonne, Schnee und Stadtgeschichten

Pink, grün, blau, gelb, grün, rot, gelb, blau, grün – die bunten Häuser der Altstadt tragen rote Dächer und im Hintergrund blitzen auf der dunkelblauen Ostsee die weißen Schiffe im Sonnenlicht. Mitten im Blickfeld steht eine der Kirchen der estnischen Hauptstadt Tallinn, deren Weiß das Meer noch ein bisschen blauer erscheinen lässt. Der Ausblick vom Turm ist wirklich schön und man sieht sehr weit, fast bis nach Finnland, möchte man meinen. Dabei kommt der plattdeutsche Name des Turms – Kiek in de kök (schau in die Küche) eigentlich daher, dass die Turmwächter der Legende nach in den (vergleichsweise seltenen) eher friedlichen Zeiten, die die Stadt erlebt hat, eher die näheren Aussichten genossen. Anstelle eines ankommenden Feindes beobachteten sie lieber, was sich hinter den Fenstern der Altstadthäuser abspielte – eine mittelalterliche Reality-Soap sozusagen. Das alles erfahre ich bei einer Free Walking Tour, die jeden Tag stattfindet.

Sehr viel dunkler, aber genauso interessant, sind die unterirdischen Gänge, in die man gleich nach dem Turmbesuch hinabsteigen kann. Die Bastionsgänge wurden zur Zeit der schwedischen Besatzung angelegt, waren aber, wie ich bei der Besichtigung lerne, über die Jahrzehnte hinweg auch vielen anderen Menschen nützlich: unter anderem als Unterschlupf für Obdachlose, als Bunker für die Stadtbewohner während des 2. Weltkrieges und als Treffpunkt für Punks während der Sowjetzeit. Die unterirdische Reise durch die Zeit ist ebenso düster wie lehrreich und am Ende bin ich ein wenig froh, wieder das Tageslicht zu sehen. Der Ausgang aus den unterirdischen Gängen ist auf dem vabaduse väljak, dem Platz der Freiheit, der dem estnischen Unabhängigkeitskrieg 1918-1920 gewidmet ist. Ein riesiges Kreuz aus Glas und Stahl steht ein wenig erhöht auf der großen Freifläche. Schönheit liegt ja bekanntlich im Auge des Betrachters und zumindest funktional scheint es zu sein: angeblich würden sowohl Glas als auch Stahl einer Atombombe standhalten. Wie gut, dass solch eine architektonische Perle im Fall der Fälle auch noch auf dem Platz der Freiheit stehen könnte, wenn kein einziger Mensch mehr in Tallinn wäre, um sie zu bewundern. Jedenfalls leuchtet das Denkmal nachts. Manchmal.

Der Februar in Tallinn ist oft kalt und beim Blick in den Himmel fühle ich mich an die Gespräche erinnert, die in Deutschland vor allem im April beliebt sind: „Dieses Wetter macht aber auch wirklich, was es will… Am Morgen Schnee, nachmittags Regen und dazwischen Sonnenschein.“ Nicht überraschend, dass ich manchmal ganz optimistisch morgens die Sneakers anziehe und bei beinahe frühlinghaftem Sonnenschein zur Arbeit spaziere. Wenn ich dann am Abend durch einen Schneesturm nach Hause gehe wünsche ich mir sehnlichst Moonboots oder Vergleichbares an die langsam taub werdenden Füße. Aber auch für schlechtes Wetter gibt es eine Lösung: Tallinn hat viele Museen und Cafés, die von Schneesturm, Regen und grauem Himmel immer ablenken, wenn nötig.

Auf dem Weg vom vabaduse väljak durch die Altstadt drücken mir zwei junge Frauen in roten Kapuzenumhängen Flyer für ein mittelalterliches Schauspiel in die Hände und vor mir in der Fußgängerzone umarmt ein schwarz gekleideter Mann mit der Maske eines Pestarztes ein paar Touristinnen. Das sieht ein bisschen merkwürdig aus. Vielleicht war er in seinem letzten Job ein Freizeitpark-Maskottchen und hat bei der Einarbeitung für den neuen Promotion-Auftrag nicht so richtig aufgepasst? Ich mache einen kleinen Bogen um die Gruppe und tappe gleich in die nächste Falle, wenn auch eine deutlich angenehmere: der Duft von frischgebrannten Mandeln steigt mir in die Nase. Überall in der Stadt lauern solche Versuchungen: Kuchen in Vitrinen, Karamellduft in den Gassen und Schaufenster, durch die gemütliche Sessel und dampfende Kaffeetassen zu sehen sind. Bestimmt könnte man in Tallinn mehrere Wochen lang jeden Tag ein neues Café oder ein neues Restaurant ausprobieren. Ausprobiert habe ich meine (möglicherweise gewagte) Behauptung allerdings noch nicht – dafür habe ich schon zu schnell meine persönlichen Lieblinge entdeckt. Da wäre zum Beispiel kleine Laden, in dem ein Schwede mit Vollbart vegane Schokoladenköstlichkeiten herstellt und verkauft. Mit Chili, Rum, Kokos, Knoblauch, Erdnüssen oder allem zusammen. Wenn man Zeit hat, bekommt man sogar noch kostenlos Tee und ein nettes Gespräch im „Wohnzimmer“ nebenan dazu. Oder die kleine Kaffeebar mit genau drei Stühlen und ein paar Kissen auf der Fensterbank, deren Besitzerin höchstpersönlich die Namen der Kunden auf die Stempelkarten schreibt und immer sehr geduldig ist, wenn beim Bestellen auf Estnisch entweder die Wörter fehlen oder aufgrund der Komplexität der Bestellung („zwei Café Latte, einen laktosefrei, einen Cappuccino, zwei zahle ich zusammen, den anderen extra und dann bräuchte ich bitte noch einen Papphalter zum Tragen“) die Wörtersuche noch länger dauert und grammatische Anpassungen in der neuen Fremdsprache nicht ganz so eindeutig ausfallen.

Natürlich wird man auch auf Englisch bestens verstanden, vielleicht sogar zu gut. Und das Finden von Ausreden, anstelle von Estnisch Englisch zu sprechen, fällt einfach viel zu leicht. Zu viele Hintergrundgeräusche, da verstehe ich die Antwort sowieso nicht? Na dann auf Englisch. Wie war noch gleich dieses Wort für Studentenrabatt? Ach, die Dame an der Museumskasse spricht bestimmt Englisch. Scheinbar sind die Esten es gewohnt, mit Fremden nicht in ihrer Muttersprache zu kommunizieren. Schließlich sind die Chancen nicht gerade hoch, dass jemand gern eine Sprache lernen möchte, die nur ungefähr eine Million Menschen als Muttersprache sprechen.

Von den 1,3 Millionen Einwohnern Estlands leben nur ca. 450000 in der Region Tallinn. Und natürlich leben die wenigsten davon in der romantischen, historischen Altstadt. Ich bin gespannt, was ich in den kommenden Wochen noch vor den Toren der Altstadt von Tallinn entdecken kann. Die Universitätsstadt Tartu im Süden beispielsweise. Oder Narva an der Grenze zu Russland. Bestimmt sind auch die berühmten Inseln im Westen und der große Peipussee ganz im Osten auch im Winter sehenswert. Mal sehen.

Singend durch Jahrhunderte: Sängerfeste in Estland

Sängerfeste haben im Baltikum eine sehr lange Tradition, denn die Musik und das gemeinsame Singen verbinden die Esten schon seit Jahrhunderten und schaffen ein Gefühl der kulturellen Zusammengehörigkeit. Das estnische Sängerfest findet heutzutage alle fünf Jahre in Tallinn statt. Entstanden sind die Sängerfeste in einer Zeit, in der das nationale Bewusstsein erwachte und der politische Hintergrund sollte später noch einmal verstärkt wiederkehren: vor allem während der sowjetischen Zeit hatten die Sängerfeste einen patriotischen Hintergrund.

Marika Peekmann studiert Germanistik in Tartu und war Estnisch-Lektorin in Greifswald im Wintersemester 2015/2016. Sie war selbst schon bei Sängerfesten und berichtet hier über die Tradition aus ihrer Heimat und das besondere Gefühl, dieses Fest mitzuerleben. Read More

„Gehen Sie nicht über Los…“ – Das Thema Menschenrechte greifbar gemacht

Ungefähr im April 2015 flatterte eine E-Mail in mein Postfach. Absender: Die Domus-Dorpatensis-Stiftung in Tartu, in deren Mailingliste ich mich irgendwann mal eingetragen hatte. Betreff: Für einen internationalen Jugendaustausch wurden Teilnehmer gesucht. An dem Seminar mit dem Titel „The Spirit of Democracy“ sollten sieben Deutsche, sieben Esten und sieben Letten zwischen 18 und 30 Jahren teilnehmen, organisiert wurde das Seminar von der Deutschbaltischen Studienstiftung, und finanziert von der EU beziehungsweise Erasmus+, so dass auf die Teilnehmer kaum Kosten zukommen würden. Seminarorte: Liepāja und Rīga in Lettland. Abgesehen davon, dass ich für den Zeitraum des Seminars noch keine anderen Pläne hatte und eine kostenlose Reise nach Lettland ganz attraktiv fand, hatte ich schon lange immer wieder von Seminaren der Deutschbaltischen Studienstiftung gehört und Interesse daran gehabt, daran einmal teilzunehmen. Ich schickte meine Bewerbung ab, und bekam einige Wochen später die Nachricht, dass ich teilnehmen durfte. Read More

Die Baltistik und das Baltikum – die kleinen Unbekannten Teil II

Ausrufezeichen Baltikum

Was interessiert dich am Baltikum?

Mich begeistert die Kultur, z.B. Volkslieder und -tänze, die Traditionen, z.B. Kūčios in Litauen (der litauische Heilige Abend mit seinen spezifischen Bräuchen), und wie sie in der Bevölkerung gewahrt und gelebt werden. Außerdem haben Lettland und Litauen wundervolle Landschaften zu bieten. Nicht zuletzt lerne ich auch gerne die Sprachen, Lettisch gefällt mir da besonders.
– Georg (22), Baltistikstudent, Greifswald

Nach dem Abitur bin ich eher zufällig für ein Jahr nach Estland gekommen und habe mich auf meinen Reisen durchs Baltikum in alle drei Staaten verliebt. Im Baltikum herrscht eine ganz andere Grundstimmung als in Deutschland. In Deutschland habe ich oft das Gefühl, dass alle Wege schon gegangen sind und alles irgendwie „gesetzt“ erscheint, wohingegen man im östlichen Europa und insbesondere im Baltikum eine sehr starke Aufbruchsstimmung spürt. Eine gute estnische Freundin hat mir dazu einmal gesagt: „Die Zukunft ist jetzt – und sie gehört uns, den jungen Leuten. Wir haben lange genug darauf gewartet, dass die Zukunft zu uns kommt, jetzt kommen wir zu ihr.“ Bars und Ateliers entstehen in alten Lagerhallen oder Werkstätten aus der Sowjetzeit, junge Leute experimentieren mit einer Mischung aus Folklore und Popmusik, und StartUps schießen überall aus dem Boden. Jedes Mal, wenn ich an mir eigentlich vertrauten Orten im Baltikum vorbeikomme kann ich noch etwas entdecken, was neu ist und darauf wartet, entdeckt zu werden.
– Marcel, Slawistik- und DaF-Student, Greifswald

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Die Baltistik und das Baltikum – die kleinen Unbekannten Teil I

Das Baltikum liegt auf der Bekanntheitsskala recht weit unten. Ebenso ist Baltistik nicht gerade das Fach, für das man sich planlos an der Universität einschreibt – oder doch? Wie bist du zur Baltistik gekommen?

Fragezeichen

Stimmt, um Baltistik zu studieren, sollte man zumindest schonmal davon gehört haben, und das ist nicht gerade oft der Fall. Und selbst dann, so glaube ich, braucht man immer noch einen gewissen persönlichen Bezug zu den baltischen Staaten.
Meine Gesamtschule in Jena hat eine Partnerschule in Litauen. Damals durfte ich die Anfänge dieser Partnerschaft miterleben und auch tatkräftig mitgestalten. Mein Engagement war damals sehr groß und schnell ergab sich der Bezug zu Land, Leuten, Kultur und Sprache. Als ich später nicht recht wusste, was ich denn schlussendlich studieren sollte, suchte ich im Internet nach einer Möglichkeit, etwas mit Litauen zu machen. Erster Treffer – Baltistik in Greifswald.
Georg (22), Baltistikstudent, Greifswald

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