Tag - Adventskalender2015

Türchen Nr. 4

Ville Tietäväinen: Näkymättömät kädet / Unsichtbare Hände

9789510379288_frontcover_final_mediumWenn man allgemein an Finnland oder auch ganz speziell an finnische Literatur denkt, dann sind Graphic Novels vermutlich nicht das Erste und wahrscheinlich auch nicht das Zweite oder Dritte, das einem in den Sinn kommt. Umso überraschender mag deswegen das Buch hinter dem heutigen Kalendertürchen für einige sein. Fünf Jahre lang feilte Ville Tietäväinen an dieser Geschichte und verbrachte einen Teil dieser Zeit in Marokko und Südspanien, um dort Recherche zu betreiben und das Gespräch zu Menschen zu suchen, die ein ähnliches Schicksal wie die Hauptfigur erlitten haben. „In Marokko und Südspanien?“, werden sich nun vielleicht einige wundern. Ja, in Marokko und Südspanien, denn diese Regionen dienen in der 2011 erschienenen Graphic Novel „Näkymattömät kädet“ als Schauplatz.
In seinem dritten Werk hat Tietäväinen sich einem sehr aktuellen Thema gewidmet, denn er erzählt von dem Schicksal des Familienvaters Rashid, der sich getrieben von der Hoffnung auf eine bessere Zukunft und ein besseres Leben für seine Familie nach dem Verlust seiner Arbeitsstelle von Marokko aus auf den Weg nach Europa macht. Seine Familie muss er zunächst in der alten Heimat zurücklassen, als er sich in die Hände einer Schlepperbande begibt. Nach der grausamen Fahrt über das Mittelmeer, die – wie ein Großteil des ganzen Comics – in düsteren Farben gezeichnet ist, erwartet ihn in dem Spanien, einem Teil des einst gelobten Europas, jedoch alles andere als das verheißungsvolle Land aus seinen Träumen. Als illegaler Einwanderer ist er gezwungen unter unmenschlichen Bedingungen auf Plantagen zu arbeiten, um den Schleusern das Geld für seine Überfahrt zurück zu zahlen. Wer wissen möchte, was Rashid nach seiner Ankunft in Südspanien alles widerfährt, und ob er seine Familie wiedersehen wird, der kann dies seit dem letzten Jahr ebenfalls in der deutschen Ausgabe mit dem Namen „Unsichtbare Hände“ nachlesen.

Tietäväinen löste durch kurz vor der Veröffentlichung von „Näkymättömät kädet“ in dem Helsingin Sanomat, der größten finnischen Tageszeitung, erschienenen Zeitungsartikeln eine Debatte über Schlepperbanden und den Umgang mit Flüchtlingen im Mittelmeerraum aus, die mit dem Erscheinen des Werkes noch größere Kreise zog. Das Werk ist in kürzester Zeit zu einem Bestseller geworden und Tietäväinen erhielt noch im selben Jahr den Finnish Cultural Foundation Award. Der Graphic Novel Finlandia Preis folgte im Jahr darauf.

Hier gibt es eine deutsche Leseprobe!

Hier geht es zum Trailer!

Türchen Nr. 3

Jörg Maurer: Föhnlage

In einem ruhigen Kurort in den Alpen stürzt während eines Konzerts ein Mann von der Decke. Verwirrte Augenzeugen, ein falscher Trachtler, ein Bestattungsunternehmerpaar, das langsam nervös wird, und der Fön machen Kommissar Jennerwein zu schaffen. Der erste Krimi aus Jörg Mauers Jennerwein-Reihe; mit schwarzem Humor und Spannung geht bei diesem Buch jedem Krimi-Fan das Herz auf.

alpenkrimi

 

Türchen Nr. 2

Gudmund Mjøvik Gudmundsæter: Polyptoton. Det Norske Samlaget, Oslo 2001.

Den 1951 in Stormannsdalen geborenen Autor Gudmund Mjøvik Gudmundsæter hat der Literaturkritiker Øystein Rottem als „Lukrez des Nordens“ bezeichnet, wohl deshalb, weil er, wie der stoische Philosophendichter, im Laufe seines Lebens melancholisch geworden und durchgedreht ist, vielleicht aber auch, weil sein Werk mit einer Art phänomenologischer Gelehrsamkeit zu seinen Lesern spricht. Kurzum:

Ein Roman wie Polyptoton (2001), der mit seinen 1450 Seiten zu den wohl umfangreichsten in norwegischer Sprache zählt, bietet schon aufgrund seiner Länge ein gewisses Hindernis. Hinzu kommt, dass Gudmundsæter nicht nur extensive Kenntnisse der Philosophiegeschichte und der antiken Rhetorik voraussetzt, er verlangt von seinen Lesern auch noch, die komplex verschachtelte Handlung in einem norwegischen Fischerdorf im Auge zu behalten und die über mehrere Generationen hinweg erzählte Handlung zu entwirren. Zwar beginnt der Roman mit der Erzählung über einen Ex-Häftling namens Gudmund, der in sein Heimatdorf zurückkehrt, aber spätestens im zweiten Kapitel bedient sich der Autor eines undurchsichtigen heteroglossia-Verfahrens, das nicht nur unterschiedliche Gattungen und Strömungen wie den magischen Realismus, den Expressionismus und die Zitatcollage, sondern auch dutzende Fremdsprachen von Altgriechisch über Deutsch bis Italienisch in die Handlung integriert, was zu einem faszinierendem Panoptikum aus Aphorismen, Episodengeschichten, Figurgedichten und Palindromen beiträgt.

Gudmundsæter schreibt also in einer bisweilen unverständlichen Kunst- und Hochkultursprache, besonders im berüchtigten Vegen framover-Kapitel, das den Albtraum eines nicht näher bezeichneten Ich-Erzählers beschreibt und fast ausschließlich aus zusammengesetzten Neologismen besteht. Assoziationen zu Joyces Finnegans Wake sind aber trotz der omnipräsenten Wassermotivik unangebracht; was Gudmundsæter vorlegt, ist vielmehr eine Reflexion über das Handlungspotenzial poetischer Sprache. Deren Grundlagen hat er in der Essaysammlung Prosa i famling (1995) erläutert, die ein kunstvoll verschraubtes rhetorisches Kunstwerk ist: Seine Methode beruht auf einer Engführung literarischer Wirkungsmittel, die sich in einer konzentrischen Bewegung der Handlung und wiederkehrenden sprachlichen Elementen äußert.

Seine Beschäftigung mit der Postmoderne hat Gudmundsæter viel Kritik eingebracht; er sei altbacken, wisse nicht, wie er die Gespenster der europäischen und amerikanischen Tradition abschütteln solle. Sein Verdienst besteht jedoch darin, die Postmoderne mit den Mitteln des Realismus, der Kunstsprache und dem Blick auf die Philosophiegeschichte aktualisiert zu haben: Der Stil des Polyptoton ist so ansteckend, dass nicht nur Literaturstudierende und –wissenschaftler schon dabei beobachtet worden sind, wie sie ihn in ihren Gesprächen miteinander zu adaptieren versuchen. Eine solche Art zu reden bezeichnete Øystein Rottem als „gudmundsætersk“. Diese Wortschöpfung hat auch Eingang in den Alltag gefunden: Wer „gudmundsætersk“ spricht, versucht, komplizierte Diskurse in einer Kunst- und Hochkultursprache wiederzugeben, eine Bezeichnung, die durchaus nicht schmeichelhaft gemeint ist. (Die Internetzeitung Helt Normalt titelte am 20.11.2014: „Studentene kom til forelesningen. Da professoren begynte å snakke, forsto de ikke hva han sa“ und zeigte dazu ein von einem Studenten aufgenommenes Video, auf dem viele Neologismen und Gelächter zu hören waren.)

Auszug: „Han returnerte til heimbygda som ein framand, ein lærling, ein traurig mann, som nesten hadde gløymt stedet han hadde budd i i meir enn tjue år. Og her, over i-lydets doble oppattak, stussa han, Gudmund, ein framand, ein lærling, ein traurig mann som var returnert til heimbygda etter meir enn tjue år.“ (S. 7)

Türchen Nr. 1

Per J. Andersson „Vom Inder, der auf dem Fahrrad bis nach Schweden fuhr um dort seine große Liebe wiederzufinden“ – ”Den osannolika berättelsen om indiern som cyklade till Sverige för kärlekens skull“

Per J Andersson

Die Stationen des Hippie Trails aus Richtung Indien sind Kabul, Kandahar, Teheran, Istanbul und dann? – Borås, Schweden! Fünf Monate und viele verschlissene Fahrräder braucht es, bis der Inder Pikay seinen Zielort erreicht und Lotta, eine Schwedin und seine Geliebte, wieder in die Arme schließen kann. Der Titel des Romans klingt nach Bollywood-Märchen und kitschiger Romanze, aber erzählt eine unglaubliche und auf wahren Begebenheiten beruhende Geschichte, die vom Leben und Lieben zweier Menschen aus völlig verschiedenen Welten berichtet. Lotta und Pikay sind heute seit über 35 Jahren verheiratet und wohnen mit ihren zwei Kindern auf einem Bauernhof in der Nähe von Borås. Die aufgeschriebene Geschichte von Per J. Andersson, einem schwedischen Journalisten und Schriftsteller mit dem Schwerpunkt Indien, ist eine herzergreifende Geschichte der Extreme, die außerdem eine Menge über Indiens Gesellschaft verrät.