Tag - Adventskalender2015

Türchen Nr. 14

Viivi Luik : Seitsmes rahukevad / Der siebte Friedensfrühling

Ort: Estland. Zeit: Herbst 1950 bis Frühjahr 1951.
Die im Jahre 1920 erkämpfte Unabhängigkeit wurde Estland mit dem Ausbruch des zweiten Weltkrieges bereits wieder genommen. Das Land wurde zunächst von der Sowjetunion und später dem Deutschen Reich besetzt. Im Herbst 1944 gewann jedoch die Rote Armee den Kampf um Estland und Estland wurde für die folgenden Jahrzehnte die Estnische Sozialistische Sowjetrepublik. Der Frühling 1951 war somit der siebte Frühling in friedlicheren Zeiten.
In ihrem Debütroman lässt Viivi Luik ein sehr junges Mädchen, das etwa fünf bis sechs Jahre alt ist und mit ihrer Mutter und Oma zusammen auf einem Hof in einer ländlichen Gegend Südestlands wohnt, das Treiben in eben dieser Zeit aus ihrer Sicht erzählen. Luik, die selbst im Jahre 1946 geboren wurde und in einer ländlichen Region aufgewachsen ist, hat dabei autobiografische Ereignisse in den Roman einfließen lassen. Es ist eine Schilderung vom Aufwachsen zur Zeit des Stalinismus, aber er erzählt auch die Geschichte eines Landes. Letzteres passiert jedoch meist zwischen den Zeilen oder durch z.B. Radioberichte, da das junge Mädchen komplexe Themen wie Zwangskollektivierung und Massendeportationen noch nicht verstehen kann.

Viivi Luik wurde mit diesem Roman auch über die Grenzen Estlands hinaus bekannt. „Seitsmes rahukevad“ erschien 1985 in Tallinn, wurde unmittelbar in das Finnische, Russische, Schwedische und später auch in weitere Sprachen übersetzt. Bemerkenswert war damals ebenfalls, dass es als erstes kritisches Werk ohne Eingriffe seitens der Zensur veröffentlicht werden konnte.

Türchen Nr. 13

Māris Čaklais: Wiegenlied

Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts erfreut sich die Großstadtlyrik einer großen Beliebtheit. Schon Charles Baudelaire monierte in seinem Gedicht „Der Schwan“, dass das modernisierte Paris eine Ära unrühmlich beendet habe. Rainer Maria Rilke wiederum sah den Panther im Jardin des Plantes und stellte fest, dass sich „hinter tausend Stäben“ keine Welt befindet. Damit ging es der Großstadtlyrik immer sowohl um die Darstellung der Einsamkeit inmitten der Menschenmassen als auch um die Sehnsucht nach einem Ort der Stille im allseits gegenwärtigen Lärm.
Māris Čaklais (1940-2003) reiht sich mit seinem „Wiegenlied“ in diese Tradition ein. Die Stadt, die er anspricht, heißt Riga, und sie teilt ein Problem mit all den Metropolen dieser Welt: Das alltägliche Treiben zehrt an den Kräften aller, die ständige Bewegung soll endlich zum Stillstand gelangen, und deshalb spricht er Riga wie ein verängstigtes Kind an: „Schlaf!“ Der Rhythmus fließt, langsam, etwas einlullend, aber in gedämpftem Licht lassen sich noch Wahrzeichen Rigas ausmachen: der Pulverturm, die Altstadt. Das Wiegenlied ist durchaus nicht frei von didaktischer Zielsetzung, denn die Bewohner Rigas sollen frei und ausgeruht in den Tag starten: „der Morgen braucht Hirnzellen, / unverseucht von Tagesschlacke“. Von diesem nicht einzulösenden Ideal wird die Großstadtlyrik sicherlich noch lange singen.

 

Wiegenlied

Die Beine deiner Passanten, die Hände deiner Straßenbahnen gen Strom, gen
Himmel gereckt, deine Trottoirs, deine
laufenden, nirgends weglaufenden Gleise, haben den Schlaf verdient und
schlummern.

Schlaf, Riga, Kinder wachsen im Schlaf, und du bist keine Ausnahme.

Das Volkslied sagt – Sandhügel ringsum, Riga selbst im Wasser.
Wer weiss schon, dass du dort, wo heute der
Pulverturm, eins Bibermorast war, und Biber
die Düne sperrten. Neues Grün überdeckt Sand, gepflastert
die Wasser, doch noch immer steht das Grundwasser hoch.

Schlaf, Riga, keine Wolke, kein Nebelschwaden
über Türmen und Hinterhöfen, nur gemeinsam verdienter Schlaf.

Vom höchsten Turm bis um Pflaster, von der Wurzel bis zum Blatt –
Schlaf, Schlaf den Speichern und Gängen, den Wächtern
in den Nischen und den Masken, Schlaf den Türmen und Hinter-
höfen, Schlaf dem Eckes Konvent mitsamt seinen Witwen, Schlaf
der Archäologenschaufel und der Restauratorenkelle.

Schlaf im Namen des Morgens, der Morgen braucht Hirnzellen
verseucht von Tagesschlacke, braucht Spannung in Muskeln. In deiner Wiege,
Riga, liege still.

Schlaf, Riga. In Schlaf wiegt uns das Rauschen der Linden
und das einsame Auto um Mitternacht
auf dem regennassen Asphalt…

Schlaf, Riga – gute Nacht!

Čaklais, Māris (2000): Desmit mīlas dziesmas Rīgai. Pētergailis, Riga, S. 57-58.
Übersetzung von: Margita Gūtmane

Türchen Nr. 12

Espen Stueland: Gjennom kjøttet. Disseksjonen og kroppens kulturhistorie. Oktober, Oslo 2009.

Der zunächst makaber anmutende Titel dieses Sachbuchs über die Geschichte der Autopsie bestätigt sich auf den ersten Blick: Die zahlreichen Kapitel sind mit Bildern von Skeletten, mittelalterlichen bis modernen Darstellungen und anatomischen Fotos ausgestattet. Doch Stueland verwehrt sich ausdrücklich dagegen, die Beschäftigung mit dem Tod als angsteinflößend zu betrachten; ihm geht es darum, als interessierter Laie einen Blick auf das Thema zu werfen. Und so ist diese Zusammenstellung unterschiedlicher Texte nicht das Werk eines Universalgelehrten, sondern das eines Essayisten, der seine zahlreichen Fakten mit persönlichen Betrachtungen und manchmal einer Portion Humor unterfüttert: etwa dann, wenn er über das Video zu „Rock DJ“ schreibt, in dem sich Robbie Williams buchstäblich bis auf die Knochen auszieht, um seinen Fans zu gefallen. Wer vor einem 800-Seiten-Ziegelstein mit hunderten Fußnoten nicht zurückschreckt, ist bei diesem Buch richtig, zumal es mit seinen zahlreichen Querverweisen in Literatur-, Kunst- und Medizingeschichte mit gängigen Vorurteilen über die Autopsie aufräumt.

Auszug: „I første halvdel av videoen ses Williams dansende på en platting omgitt av en bande deilige babes, som overhodet ikke registrerer at han er der, og der for dem. Ansiktene deres er uttrykksløse. De gnikker seg uengasjert i en dans, som i et følelsesmessig vakuum. Williams’ ansikt lyser av frustrasjon. Han vil ha oppmerksomheten deres! Hva skal han gjøre?“ (S. 455)

 

Türchen Nr. 11

Eiríkur Örn Norðdahl:  „Illska“ –  „Böse“

„Böse“ ist die skurrile Geschichte der jüdischen, in Island aufgewachsenen Litauerin Agnes, dem antriebslosen Geisteswissenschaftler Ómar und dem selbstherrlichen Neonazi Arnór, eingebettet in die Geschichte des 20. Jahrhunderts. Der Autor zieht den Leser immer wieder ins Zwiegespräch über den Holocaust, über Populismus und die verschiedenen Spielarten des Rassismus. Eine überaus schwere Thematik, die der Autor mit bewundernswertem Geschick durchschreitet. Norðdahl stellt immer wieder Fragen an die Geschichte, provoziert und konfrontiert mit unbequemen Gedanken. Inspirierende Prosa, die aufwühlt!

böse

Türchen Nr. 10

Elke Heidenreich und Quint Buchholz: Nero Corleone

Elke Heidenreich erzählt eine wunderbar Geschichte von einem gerissenen italienischen Kater, der es durch seine Klugheit und manchmal auch durch Skrupellosigkeit schafft, immer das zu bekommen, was er möchte, denn den Namen Corleone trägt dieser schlaue Kater nicht umsonst. Amüsant und hinreisend geschrieben, eine Geschichte für Groß und Klein.

»Elke Heidenreich hat eine zauberhafte Geschichte geschrieben, in der einfach alles stimmt.« Neue Osnabrücker Zeitung

nero

Erschienen bei dtv ; ISBN: 978-3-423-62508-1