Sprachwissenschaftlerin Laura Zieseler

18.  Die Mitarbeitenden des Instituts für Fennistik und Skandinavistik stellen sich vor

Laura Zieseler, Foto: Dr. Mikko Bentlin

In unserem 18. Türchen verrät uns Laura Zieseler vom Lehrstuhl für Skandinavistische Sprachwissenschaft, wie sie zur Skandinavistik gekommen ist, was sie an Norwegen so liebt und woran sie gerade forscht.

Baltic Cultures: Was ist Ihre Rolle im Institut? Welche Aufgaben haben Sie normalerweise?

Laura Zieseler: Seit 2013 bin ich wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Skandinavistische Sprachwissenschaft – bis dahin war ich Studentin an diesem Institut, habe also quasi nur die Seiten gewechselt. Neben Forschung und Lehre gehören, wie bei meinen Kolleg*inn*en auch, noch zig andere, v.a. administrative Aufgaben zu meinem Tagesgeschäft. Am wichtigsten zu nennen ist da vllt. die Unterrichts- und Raumplanung. Jedes Semester erstelle ich den Studienführer des Instituts und achte darauf, dass die Lehre zu möglichst optimalen Zeiten an optimalen Orten stattfinden kann. Das ist mitunter eine ziemlich knifflige Angelegenheit. Ich vergleiche das immer gerne mit einer Mischung aus Tetris, Sudoku, Schiffeversenken und Minesweeper :). Auch für den integrierten Masterstudiengang Sprachliche Vielfalt stelle ich jedes Semester die Lehrangebotsübersicht zusammen.

Wenn ich nicht gerade Sprachwissenschaft betreibe (was ich eigentlich unentwegt tue) bzw. Modulzuordnungen und Zeiträume jongliere, leite ich gemeinsam mit Rebekka Fricke den Institutschor (mehr dazu hier: https://ifs.uni-greifswald.de/zieseler/chor/). Dass das zu meinem Aufgabenbereich gehört, ist für mich wirklich ein Glücksfall, denn hier kann ich meine beiden großen Leidenschaften, Sprache und Musik, gewinnbringend vereinen. Angewandte Phonetik meets Nordische Klänge gewissermaßen. Dieser Chor ist saisonal, d.h. wir bereiten jedes Jahr zwei Programme zu zwei traditionellen skandinavischen Festen vor: Eines zu Midsommar Ende Juni, und eines zu Lucia Mitte Dezember (wie auch gerade vor drei Tagen). Es ist jedes Mal eine große Freude, nordeuropäisches Liedgut zu erarbeiten. Dafür bin ich sehr dankbar. Es gibt für mich kaum etwas Schöneres, als gemeinsames Musizieren mit netten, begeisterungsfähigen Gleichgesinnten.

Baltic Cultures: Warum sind Sie Skandinavist*in geworden? oder Was lieben Sie besonders an Skandinavien?

Laura Zieseler: Meine „Skandinavistenkarriere“ begann tatsächlich klassisch (um nicht zu sagen: stereotyp): Mitte der Neunziger habe ich mir auf Familienurlauben in Norwegen, Schweden und Dänemark das „Nordvirus“ eingefangen. V.a. Norwegen mit seiner atemberaubenden Natur hatte es mir angetan, die schroffe Schönheit, die (aus deutscher Sicht ungemein wohltuende) weitgehende Unberührtheit, der scharfe Kontrast zwischen Bergen und Küste. Außerdem hatte ich schon immer großes Interesse für Sprachen – sowohl Muttersprache als auch fremde – und schon als Elfjährige faszinierte mich die Satzmelodie des Norwegischen und des Schwedischen – oder wie ich später lernen sollte, die durch den musikalischen Akzent so auffallend geprägte Prosodie dieser Sprachen. Sie klangen (und klingen) einfach schön und liegen angenehm auf Zunge und Gaumen. Ich weiß noch, wie ich 1997 meinen Eltern in Åhus keine Ruhe ließ, bis wir ein Schwedisch-Deutsches Wörterbuch gekauft hatten. Und das Dänische mit seinen vielen Diph- bzw. Triphthongen und dem Stoßton hat natürlich auch seinen Reiz. Auch kulturell war mir Skandinavien schon in Kindheit und Jugend ein Begriff – Pippi, Ronja und Emil gehörten früh dazu. Neben Astrid Lindgren und H.C. Andersen entdeckte ich dann nach und nach andere große Autor*innen wie Ibsen, Strindberg etc. Und als dann noch Griegs Musik, die ich auch selber in unterschiedlichen Arrangements und Ensembles auf der Flöte spielte, hinzukam, wusste ich, dass ich meine „Traumregion“ gefunden hatte. So naiv ist mein Enthusiasmus heute natürlich nicht mehr, aber seine Wurzeln waren es. Nach dem Abitur verschlug es mich dann erst einmal für ein Jahr zum Psychologiestudium nach Hamburg. Dort merkte ich schnell, dass ich doch Philologin war bzw. werden wollte, und so entschied ich mich aus Liebe zur Sprache für ein Studium der Skandinavistik und Anglistik und anschließend des M.A. Intercultural Linguistics hier in Greifswald. Und das war genau die richtige Wahl. Auch in der Wissenschaft sollte man nicht nur seinem Kopf, sondern ebenso seinem Herzen folgen.

Baltic Cultures: Woran forschen Sie gerade?

Laura Zieseler: Im Rahmen meiner Doktorarbeit untersuche ich die orthographische und morphologische Integration nicht-nativer Nomina im Färöischen. (Eine weitere großartige skandinavische Sprache! Noch mehr Diphthonge! Und nicht zuletzt ein wunderschönes Land mit einer sehr netten (wenngleich überschaubaren) Sprachgemeinschaft!) Dabei sehe ich mir u.a. an, wie die Färinger*innen Substantive mit bestimmten wortfinalen Strukturen wie z.B. pizza, burka, akvarium, teori, kakao etc. an die färöische Rechtschreibung und/oder Grammatik anpassen. Denn das ist aufgrund der orthographischen Tiefe und der reichen Flexionsmorphologie dieser inselnordischen Sprache alles andere als trivial und mitunter eine richtige Herausforderung. Dass die Sprachnutzer*innen dabei alle mindestens zweisprachig (Dänisch als L2) bzw. zunehmend dreisprachig (Englisch als Weltsprache) sind, macht das Ganze noch komplexer und spannender. Irgendwo zwischen isländischem Purismus auf der einem und dänischem Pragmatismus auf der anderen Seite verhandeln sie „bottom-up“ ihre eigenen Problemlösungsstrategien und damit letztlich Normen im alltäglichen Sprachgebrauch, und das auf sehr kreative und viel systematischere Weise, als ich anfangs vermutet hatte. V.a. die computervermittelte Kommunikation bietet hier aufschlussreiche Einblicke in diese (wie auch viele andere) aktuelle sprachliche Entwicklung – Sprachwandel live, wenn man so möchte.

Baltic Cultures: Ein Lese- oder Filmtipp für Weihnachten?

Laura Zieseler: Als Linguistin erlaube ich es mir einfach mal, rekursiv zu werden und im Rahmen dieses Adventskalenders einen weiteren, literarischen Adventskalender zu empfehlen: Jostein Gaarders Julemysteriet (dt. Das Weihnachtsgeheimnis) ist eine detektivische Zeitreise in 24 Teilen bzw. Türchen – und zwar rück- und südostwärts, von Oslo Anfang der 1990er nach Bethlehem zur Stunde Jesu Geburt und zurück. Es gibt viele verschiedene Ausgaben, wobei jene des norwegischen Aschehoug-Verlags mit den wunderbaren Illustrationen von Stella East zu meinen persönlichen Favoriten zählt. Eine schöne Lektüre, ob man nun Christ ist, oder nicht, Kind oder erwachsen. Und thematisch auch hochaktuell. Ein Zitat:

„[Papa] erzählte, dass viele Menschen in den Dörfern um Bethlehem aus ihrem Land fliehen mussten, da Krieg ausgebrochen war. Einige verloren alles, was sie besaßen, und gerieten in so große Not, dass sie in Flüchtlingslagern wohnen mussten. – ‚Da hätte ein barmherziger Samariter kommen und ihnen helfen sollen‘, sagte Joachim. – ‚Denn Jesus wollte die Menschen lehren, einander zu helfen, wenn jemand in Not gerät. Und dann wäre Frieden eingekehrt. Denn um Frieden geht es doch in der Weihnachtsbotschaft.‘“

Als Anglistin verweise ich auch immer wieder gerne auf Terry Pratchetts Hogfather (ins Dt. unglücklich als Schweinsgalopp übertragen). Der Weihnachtsmann der Scheibenwelt gerät in Not, und Gevatter Tod muss gemeinsam mit seiner Enkelin als Vertretung und Rettung einspringen. Wie immer bei Pratchett verbirgt sich hinter geballtem (und oftmals unübersetzbarem) Wortwitz und einfallsreicher (Genre-)Parodie viel Tiefsinn. Es geht um nicht weniger als Leben und Tod, Glaube, Moral und die schöpferische Macht des kindlichen Geistes, die den Menschen erst zum Menschen werden lässt (egal, ob nun auf einer runden oder einer Scheibenwelt). Auch die gleichnamige Verfilmung (2006) in zwei Teilen finde ich gelungen. Hier liegt der Fokus natürlich mehr auf Action denn auf Tiefsinn, aber als Familienunterhaltung passt sie perfekt in die Adventszeit.

Und wer seinen Augen bei den doch eher schlechten Lichtverhältnissen der dunklen Jahreszeit mal ein wenig Auszeit und stattdessen seinen Ohren etwas Schönes gönnen möchte, dem empfehle ich als Musikerin die Weihnachtsalben zweier skandinavischer Chöre. Zum einen Julens stjärna des schwedischen Stella kammarkör:

Zum anderen Julens hjerte von Det Norske Jentekor (auf YouTube leider nur unvollständig, aber vllt. hat man z.B. auf Spotify o.Ä. mehr Glück:

Gleðilig jól og gott nýggjár!

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Katharina

Katharina

Hat Skandinavien und besonders die Insel Bornholm in ihr Herz geschlossen. Liebt Literatur, Kunst(-handwerk) und Design aus Skandinavien und ist immer offen für Neues. Kann das Forschen auch nach dem Masterstudium nicht lassen und promoviert jetzt zu skandinavischer Literatur.