Sjón. Der Junge, den es nicht gab.

IMG_9944„Bei seinen Hausbesuchen sammelt Doktor Garibaldi Árnason verschiedenes Material, um der „Spanischen Krankheit“ und ihrem Verhalten auf die Spur zu kommen, indem er unter anderem die Kranken danach befragt, wo und wie sie glauben, sich angesteckt zu haben. Viele nehmen an, es müsse „im Kino“ gewesen sein.“

Máni Steinn liebt das Kino und finanziert sich als 16-jähriger mit sexuellen Dienstleistungen jede Stummfilmvorstellung, die es nach Reykjavík schafft. Im Gamla Bíó und im Nýja Bíó. Die grauenvollen Zustände durch die Seuche und die zu Krankenzimmern und Leichenschauhäusern umfunktionierten Klassenzimmer lassen ihn seltsam unberührt. Er weiß nicht, was er anfangen soll, wenn die Filmvorstellungen aus Angst und zur Sicherheit vor Ansteckungsgefahr ausbleiben. Máni Steinn ist ein Schulabbrecher, ein Einzelgänger, einer von denen, die wenig sprechen, ihr Innenleben nicht preisgeben, einer, der nur noch seine Tante hat, weil die Mutter früh an Lepra verstarb. Er ist ein Träumer, und so weiß man nicht recht, ob die schöne Sóla vielleicht nur eine Gestalt seiner Fantasie ist, ob sie ihn wirklich auf ihrem Motorrad herumfährt und mitreißt mit ihrem Lebenswillen…

Als Mánis Homosexualität am Tag der Unabhängigkeit Islands entlarvt wird und man ihn mit einem dänischen Matrosen beim Geschlechtsverkehr ertappt, wird er nach kurzer Gefangenschaft nach London geschickt, wo sich ein isländischer Theatermann seiner annehmen soll.

Die großen historischen Weltereignisse, das Ende des Ersten Weltkriegs, Islands Unabhängigkeit von Dänemark, der Ausbruch des Vulkans Katla und die Anlandung der Spanischen Grippe im Jahr 1918, vermischen sich mit der fantastischen Geschichte von Máni Steinn, der einige Jahre später zur Insel zurückkehren wird, mit Visionen der Befreiung der konservativen, veralteten Gesellschaft durch das Kino und auch, wenn es ihn nie gab, wird er doch auf diejenigen verweisen, die der Autor in Hinblick auf seine Geschichte im Sinn hatte.

Ein neues, tolles Buch von Sjón, das sich lohnt zu lesen!

         

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Wiebke

Wiebke

Planscht mit den Zehen im kalten Ostseewasser – von Nord, Süd, Ost oder West. Taucht ab in nordischen Wäldern und Weiten, in Literatur, Musik und skandinavischer Filmkunst.